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Südfront

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„Die Südfront entstand aus dem bekannten Motto der Studentenbewegung in der letzten Zeit: Raus aus der Uni!“

Südfront München

Ehrlich gesagt, mir geht die Auseinandersetzung mit Wolfgang Kraushaars Buch über die angeblichen „antisemitischen Wurzeln“ des deutschen Terrorismus, genau so auf den Zeiger, wie Ihnen, liebe Leserin oder lieber Leser. Eigentlich waren auch maximal zwei Beiträge geplant, daß sich das auf sechs Folgen ausweiten würde, war nicht vorgesehen. Dennoch: Ich halte es für wichtig zu zeigen, daß die von Kraushaar an den an den Haaren herbeigezogenen Zusammenhänge jeglicher Substanz entbehren.

Um noch einmal zusammenzufassen: Für einen wie auch immer gearteten Zusammenhang der von palästinensischen Kommandos im Januar 1970 durchgeführten Terrorakte zur linksradikalen Szene in München gibt es nicht den geringsten Beleg. Genausowenig ist ein Zusammenhang zwischen der Ende der 60er Jahre angekündigten Anti-Olympia-Kampagne der Münchner APO und dem palästinensischen Überfall auf israelische Sportler während der Olympiade 1972 zu erkennen. Zum dritten paßt der Brandanschlag auf das jüdische Altenheim überhaupt nicht in die Anschlagsserie der Tupamaros München 1970/71. Diese hatten primär Polizei und Justiz zum Ziel und ließen jeden internationalistischen Aspekt vermissen. Das ist entscheidend, denn der linke Antisemitismus – den es zweifellos gab, auch wenn er längst nicht so verbreitet war, wie heute behauptet wird – artikulierte sich im Kontext internationaler Solidaritätsbewegungen.

Wenn nun also der Anschlag auf das jüdische Altenheim nicht von den Tupamaros München verübt wurde, von wem dann? Und ist es denkbar, daß der Anschlag dennoch aus der linken Szene Münchens kam? Das ist sehr schwer zu beurteilen. Dagegen spricht, daß es keinerlei Bekennerschreiben zu dem Anschlag gab. Das unterscheidet dieses Attentat ganz grundsätzlich von dem versuchten Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin am 9. November 1969. Dieser war ohne jeden Zweifel das Werk der Tupamaros Berlin, die sich auch in einem Bekennerschreiben dazu bekannten:

„Am 31. Jahrestag der faschistischen Kristallnacht wurden in Westberlin mehrere jüddische Mahnmale mit »Schalom und Napalm« und »El Fatah« beschmiert. Im jüdischen Gemeindehaus wurde eine Brandbombe deponiert. Beide Aktionen sind nicht mehr als rechtsradikale Auswüchse zu diffamieren, sondern sie sind ein entscheidendes Bindeglied internationaler sozialistischer Solidarität.“ ([3])

Im Gegensatz dazu fehlte für den Münchner Anschlag jedes Bekennerschreiben. Und nicht nur, daß ein solches Schreiben fehlte. Die Tupamaros München äußerten sich ziemlich eindeutig zu dem Brandanschlag:

„man wird versuchen, uns auch den altersheimbrand in die schuhe zu schieben. laßt euch gesagt sein: Wir treffen keine Unschuldigen!“ (zit. nach [1], S. 164)

Natürlich ist die dahinter stehende Logik einer Differenzierung von „Unschuldigen“ und „Schuldigen“ reichlich makaber: Ein Staatsanwalt oder Richter, der zur Verurteilung eines Genossen beigetragen hat, wird so zum „Schuldigen“ erklärt, dessen Haus man anzünden darf. Dennoch: Diese Unterscheidung gehört zur seltsamen Moral linksterroristischer Gruppen und ist keineswegs bloße Rhetorik. Die wahllose Ermordung von Menschen, die sich nur zufällig an einem bestimmten Ort aufhalten, paßt, ebenso wie die Abwesenheit eines Bekennerschreibens, eher zur Taktik rechtsradikaler Gruppierungen. Es sei nur an den Bombenanschlag auf der Piazza Fontana in Mailand erinnert, bei dem im Dezember 1969 14 Menschen ums Leben kamen [Edit: siehe Kommentar unten].

Tatsächlich gab es im Fall des Münchner Brandanschlags eine ernstzunehmende Spur, die zur NPD führte. Der Süddeutschen Zeitung und dem Münchner Polizeipräsidium wurden Kopien eines Schreibens an den Landesverband der NPD zugespielt. Einige Tage vor dem Anschlag hieß es in diesem Brief:

„Ich nehme an, daß Sie H. von der geplanten Aktion sofort unterrichteten und bin überzeugt, daß er die nötigen Schritte unternimmt. Auch der Bundesvorstand sollte unterreichtet werden. Eine solche Aktion unberechenbarer Wirrköpfe würde unserer Partei ungeheuren Schaden zufügen, und das vor den Landtagswahlen.
Ich bin, wie Sie wissen, ebenfalls kein Judenfreund, von solchen Vorhaben möchte ich mich auf das entschiedenste distanzieren, als Jurist und im Interesse der Partei. Überlegen Sie, wenn außer Sachschaden Menschen zu Schaden kämen, es handelt sich da immerhin um alte Leute.“ (zit nach [1], S. 137)

Die Polizei ging dieser Spur nach, aber natürlich erklärten Autor und Adressat des Briefes übereinstimmend, es handle sich um eine Fälschung mit dem Ziel, der NPD zu schaden. Dennoch wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Nichtanzeige geplanter Straftaten eingeleitet, das aber zwei Jahre später ergebnislos eingestellt wurde.

Doch man sollte es sich nicht zu bequem machen und das Attentat umstandslos dem Umfeld der NPD zuzuschreiben, denn dann würde man, wie Kraushaar, weniger den vorliegenden historischen Quellen folgen als vielmehr seinen eigenen Vorurteilen. Denn bereits in der vorletzten Folge hatte ich die Aussage des Ex-RAF-Terroristen Gerhard Müller zitiert, der sich an ein Gespräch zwischen Gudrun Ensslin und Irmgard Möller erinnerte, aus dem hervorging, daß Möller wußte, wer der Attentäter war. Diese Aussage kann nicht leicht ignoriert werden, denn es ist schwer einzusehen, warum Müller das erfunden haben sollte, denn offenkundig konnte er sich davon keinen Vorteil versprechen.

Insofern ist es nicht unbedingt von der Hand zu weisen, daß der von Kraushaar vorgeführte Hauptverdächtige möglicherweise tatsächlich der Attentäter war. Es handelte sich dabei um einen 18-jährigen Hilfsarbeiter. Dieser war über die Aktion Südfront zur Münchner APO gestoßen. Und in diesem Zusammenhang ist vielleicht ganz sinnvoll, kurz zu erläutern, was die Aktion Südfront war. Außerdem führt uns das etwas weg von Kraushaar und wieder etwas mehr in das Geschehen der späten 60er Jahre.

Die Aktion Südfront wurde 1969 im Rahmen der sogenannten Randgruppen-Strategie der außerparlamentarischen Opposition ins Leben gerufen. Diese Strategie ging mit Marcuse (um einmal kurz an das wegen Kraushaar unterbrochene aktuelle Thema dieses Blogs zu erinnern) davon aus, daß das Proletariat im modernen Kapitalismus integriert ist und damit als revolutionäres Subjekt ausfällt. Um die Massenbasis der Studentenbewegung zu verbreitern, mußten Menschen gefunden werden, deren Unzufriedenheit mit dem System sie zu potentiellen Verbündeten machten. Diese meinte man in gesellschaftlichen Randgruppen zu finden, also in Fürsorgezöglingen, Insassen der Psychiatrie, Obdachlosen, Prostituierten, Strichern etc. Die Münchner Aktion Südfront konzentrierte sich dabei auf Erziehungsheime in der Umgebung von München:

„Die Münchner Kommunengruppe »Südfront« hatte es seit Juni [1969] unternommen, »an die Stelle der Heimerziehung von Minderjährigen« – so die Formel der Staatsanwaltschaft – »das Modell eines sogenannten Erziehungskollektivs zu setzen«.
Erzogen wurden Jungen vorwiegend aus Fürsorgeheimen – nachdem sie dort ausgerissen waren. Die »Südfront« betrieb in den Anstalten Eigenwerbung, und etwa hundert Zöglinge fanden nach und nach den Weg zur Kommune. Allein aus dem Pius-Heim im oberbayrischen Glonn verschwanden in den letzten Wochen 24 schwererziehbare Jugendliche gen Schwabing.
»Südfront«-Sprecher Michael Braun, 23: »Wir strebten eine Resozialisierung der Zöglinge durch Gemeinschaftsleben und Arbeitstherapie an.«“ ([2], S. 112)

Tatsächlich war das Modell gar nicht so ineffektiv. Die Zeit berichtete:

„APO-Angehörigen, besonders Mitgliedern der Gruppe »Südfront« gelang es, in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Jugendamt, die milieugeschädigten Jugendlichen zu »legalisieren«. Der quasi Stromkreis Milieu – Heim – ausreißen – keine Papiere – kein Geld – Diebstahl – Jugendstrafe – Heim, wurde wirksam unterbrochen. Inzwischen waren zusammen mit dem Jugendamt Pläne für Lehrlingswohngemeinschaften ausgearbeitet worden, in denen Fürsorgezöglinge mit Sozialarbeitern leben und arbeiten sollten.“ ([5])

Nächste Woche geht es weiter. Seien Sie also gespannt darauf, inwieweit die Ziele der Südfront realistisch waren:

„Das Interesse der Südfront war, diese Jugendlichen zu politisieren und zu eigenem politischen Engagement zu bringen. Heim-Jugendliche waren für sie revolutionäres Potential. Die persönliche Hilfeleistung war sekundär – jedenfalls theoretisch – im Vordergrund stand der politische Anspruch.“ ([4], S. 9)

Nachweise

[1] Kraushaar, W., »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus, Reinbek 2013.

[2] Redaktioneller Beitrag, „An der Südfront“, in: Der Spiegel, Jg.23 (1969), Nr.40 (30. September 1969), S.112 – 114.

[3] Schwarze Ratten T[upamaros] W[estberlin], „Schalom + Napalm“, in: agit883, Jg.1 (1969), Nr.40 (13. November 1969), S.9.

[4] Südfront, „Arbeitsbericht Südfront (München)“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.2 (1970), Nr.54 (27. Februar 1970), S.8 – 10.

[5] von Uslar, T., „Bestandsaufnahme“, in: Die Zeit, Jg.22 (1969), Nr.40 (3. Oktober 1969), S.67.

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12. April 2013 at 16:36

Veröffentlicht in Terrorismus

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Die „Sprengung“ der Olympiade

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„Auf der Olympiade passiert was.“

Georg von Rauch, 1970

Letzten Montag hatte ich dargestellt, daß Wolfgang Kraushaar in seinem Buch über die angeblichen antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus versucht, sechs unterschiedliche terroristische Akte zwischen 1969 und 1972 in einen Zusammenhang zu bringen. Drei davon sind palästinenischen Gruppen zuzuschreiben: Versuchte Flugzeugentführungen die auf das Konto der AOLP gingen, Bombenanschläge auf Flugzeuge durch die PFLP und die Geiselnahme israelischer Sportler bei der Olympiade 1972 durch die Gruppe Schwarzer September. Nicht von palästinensischen Organisationen zu verantworten sind der Brandanschlag auf das Haus des Münchener Oberstaatsanwaltes Lossos, der von durchreisenden Berliner Linkradikalen verübt wurde, und die „Frühjahrsoffensive“ der Tupamaros München, eine Serie von Brand- und Bombenanschlägen die sich gegen Gebäude und Personen der Münchner Polizei und Justiz richteten. Und schließlich ist da noch der ungeklärte Brandanschlag auf das Altenheim der Israelitischen Gemeinde München.

Wenn Kraushaar recht hätte, dann hingen diese Terrorakte eng miteinander zusammen. Doch die einzige wirkliche Klammer, die Kraushaar anzubieten hat, ist ein gewisser örtlicher Zusammenhang – München. Wobei ich bereits gezeigt habe, daß die Angriffe der AOLP und der PFLP auf den Flugverkehr nur in einen sehr losen Zusammenhang mit der Stadt München und in keinem Zusammenhang mit der Münchener linksradikalen Szene standen. Mehr als eine zeitliche Koinzidenz mit den ersten Anschlägen der Tupamaros München und dem Brandanschlag auf das Altenheim kann selbst Kraushaar nicht behaupten.

Anders sieht es mit der Geiselnahme während der Olympiade aus; hier versucht er tatsächlich, einen realen Zusammenhang zwischen der Geiselnahme der israelischen Sportler und Aktivitäten der Münchener Szene herzustellen. Tatsächlich war die Münchener Olympiade ein Ereignis, das dort schon sehr frühzeitig thematisiert wurde.

Bereits während der Olympiade von 1968 in Mexico City wurde in München ein Komitee zur Verhinderung der Olympischen Spiele von 1972 gegründet. Unmittelbarer Anlaß war ein Massaker der mexikanischen Armee an friedlichen Demonstranten im Vorfeld der Spiele von 1968. Um ein Maximum an publizistischer Aufmerksamkeit für die Gründung dieses Komitees zu bekommen, wurde eine Sprengung des Olympia-Turms angekündigt ([3], S. 476ff). Die ca. 30 erschienen Aktivisten fuhren allerdings nur mit dem Fahrstuhl in das Restaurant des im Frühjahr eröffneten Turmes. Dort erklärten sie die Gründung ihres Komitees mit den Worten:

„Wir lassen es nicht zu, dass man Leistungsfanatiker und Sportidioten pauschal als die Jugend der Welt bezeichnet“ ([1])

Ein Poster, das Fritz Teufel in langer Unterhose und dekorativ antikisierenden Sandalen zeigt „geht weg wir warme Semmeln“ ([1]). Doch was jedem denkenden Menschen direkt ist Auge fällt, der ironisch-spielerische Gestus des Ganzen, wird von Kraushaar in Frage gestellt:

„Mit seinem antiautoritären Gestus kam Teufel jedenfalls bei vielen jungen Leuten an. Er schien sich – nach dem Motto provokativ, aber harmlos – ganz treu geblieben zu sein. Die Lacher hatte er schon immer auf seiner Seite.
Doch eines seiner Hauptanliegen dürfte bereits zu dieser Zeit darin bestanden haben, die in München bevorstehenden Olympischen Spiele umzufunktionieren oder gar in einem keineswegs nur übertragenen Sinne zu sprengen.“ ([3], S. 483f)

Um dieses ahnungsvolle Geraune zu begründen, beruft sich Kraushaar auf zwei Interviews, die Teufel Anfang 1970 gab, und zwar dem WDR und der Münchener Abendzeitung. Dort soll er Kraushaar zufolge erklärt haben, daß es seine Absicht sei, die Olympischen Spiele zu verhindern ([3], S. 339). Außerdem überraschte er den Interviewer des WDRs damit, daß er die Erwartung zum Ausdruck brachte, daß er wohl noch mehrere Jahre im Gefängnis verbringen werde. Dieser hakte nach:

„Aber warum glauben Sie, daß Sie noch mehrere Jahre im Gefängnis verbringen werden?
Wahrscheinlich nicht wegen der Sachen, die man mir bis jetzt anhängt, sondern wegen der Sachen, die in Zukunft laufen werden.
Zum Beispiel?
Darüber möchte ich jetzt wenig sagen.“ (Monitor, 16. Februar 1970)

Damit bezieht sich Teufel sicherlich nicht auf die Olympiade, sondern auf die geplanten Anschläge während der kurz bevorstehenden „Frühjahrsoffensive“ der Tupamaros München. Daß er mehr als zweieinhalb Jahre vor der Olympiade irgendwelche konkreten Planungen für militante Aktionen während des Sportereignisses gehabt hätte, erscheint recht unwahrscheinlich.

Ebenso unwahrscheinlich ist es, daß hinter einer noch älteren Bemerkung Georg von Rauchs konkrete Pläne zu vermuten sind. Dieser hatte während der Reise nach Jordanin im August 1969, also mehr als drei Jahre vor der Olympiade, geschrieben:

„unser spätester Rückkehr-Termin ist die Olympiade 72 in München“ (zit. nach [3], S. 486)

Daraus läßt sich bestenfalls ableiten, daß wahrscheinlich vage irgendwelche Aktionen zur Olympiade ins Auge gefaßt worden waren. Tatsächlich phantasierte sich von Rauch dann im Frühjahr 1970, während er in Untersuchungshaft saß, eine Aktion während der Olympiade zusammen und brachte diese zu Papier:

„Bei der Fahnenhissung fallen die ersten Schüsse. Wenn die Polizei schießt, schießen wir zurück. Wir haben alle Waffen. […] Nach dem Sturm auf das Olympiadorf herrscht Chaos in der Stadt. Überall werden neue Kommunen gebildet.“ (zit. nach [3], S. 488f)

Diese Knastphantasie belegt zweierlei: Zum einen, daß von Rauch mindestens so durchgeknallt war wie Kunzelmann. Und zum anderen, aufgrund des völlig phantastischen Szenarios (der Höhepunkt ist dann die Sprengung amerikanischer Kriegsschiffe in deutschen Häfen), daß es gerade keine konkreten Pläne für die Olympiade gab. Was Kraushaar aber nicht daran hindert, trotzdem eine Linie von Teufel über Georg von Rauch zu Kunzelmann zur PLO zu konstruieren:

„Denkbar ist überdies, dass Kunzelmann den Palästinensern überhaupt den Anstoß vermittelt hat, sich mit dem Großthema Olympia 1972 zu befassen.“ ([3], S. 488)

Klar, die PLO brauchte Kunzelmann, um auf die Idee zu kommen, israelische Sportler während der Olympischen Spiele als Geiseln zu nehmen. Selbst die wohlwollende Besprechung von Kraushaars Buch in der FAZ merkt an:

„Dass Dieter Kunzelmann den Palästinensern überhaupt erst den Gedanken eines Überfalls auf die Olympischen Spiele eingeflüstert haben könnte, wie Kraushaar es nahelegen will, überzeugt am Ende wenig. Jedenfalls dürften die PLO, al Fatah, die PFLP und wie ihre Ableger noch hießen, auf das Motiv der linksalternativen deutschen Olympia-Kritik »Ablehnung des Leistungsdrucks« – nur mit einem Lächeln reagiert haben.“ ([2])

In der realen Welt besorgten sich die palästinensischen Geiselnehmer dann Unterstützung aus einer ganz anderen Ecke – nicht bei Linksradikalen, sondern bei Neonazis ([4]). Und das ist im Gegensatz zu Kraushaars Konstruktionen keine Spekulation. Doch für Kraushaar ist dieses Detail noch nicht einmal der Erwähnung wert.

Damit sollte deutlich geworden sein, daß es Kraushaar trotz aller Bemühungen nicht gelingt, den dritten von ihm thematisierte Terrorakt der Palästinenser in einen wie auch immer gearteten Zusammenhang mit den Tupamaros München zu bringen. Um es auf den Punkt zu bringen: Er hat er überhaupt nichts in der Hand, was die Tupamaros München mit der mehr als dubiosen Palästina-„Solidarität“, wie sie etwa Kunzelmann in Berlin propagierte, in Verbindung brächte.

Und doch sollen, wenn man Kraushaar glauben will, die Tupamaros München ein jüdisches Altenheim angesteckt und den Tod von sieben Menschen verursacht haben. Schauen wir also nächste Woche zu, ob Kraushaar wirklich über Argumente und Quellen verfügt, mit denen er die folgende Behauptung stützen kann:

„Der Brandanschlag trägt jedenfalls die Handschrift der ersten in der Bundesrepublik gegründeten terroristischen Gruppierung.“ ([3], S. 16)

Nachweise

[1] Gerstenberg, G.: „Flusslandschaft 1968: Alternative Szene“, URL: http://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/357, abgerufen am 15. März 2013.

[2] FAZ, 21. Februar 2013: „Doch wo sind die Brandstifter geblieben?“ (Jäger, L.).

[3] Kraushaar, W., »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus, Reinbek 2013.

[4] Redaktioneller Beitrag, „Olympia-Attentat 1972 – Palästinensische Terroristen kooperierten mit deutschen Neonazis“, in: Der Spiegel, Jg.66 (2012).

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15. März 2013 at 18:43

Antisemitische Wurzeln des deutschen Terrorismus?

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„Man übertreibt nicht, wenn man Kraushaars Buch epische Qualitäten zuspricht.“

Lorenz Jäger in der FAZ vom 21. Februar 2013

Es gibt einiges, wofür ich mich entschuldigen muß. Zum einen gibt es, aus aktuellem Anlaß, einen Themenwechsel hier im Blog – die Serie zur Ästhetischen Theorie Marcuses wird kurzfristig unterbrochen. Zum anderen muß ich mich dafür entschuldigen, daß ich drei Tage zu spät bin. Das eine hat allerdings mit dem anderen zu tun, denn der Grund für die Verspätung liegt am Gegenstand für den Themenwechsel. Dieser hat nämlich 875 Seiten, die erst einmal gelesen sein wollten. Es handelt sich dabei um Wolfgang Kraushaars eben erschienenes Buch, das ein Zitat von Dieter Kunzelmann als Titel trägt: »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?«. Und im Untertitel wird marktschreierisch angekündigt, worum es in dem Buch angeblich gehe, nämlich um „die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus“.

Um es gleich von vornherein zu sagen: Der Untertitel ist ein ziemlicher Etikettenschwindel. Von den rund 700 Textseiten (der Rest besteht aus Anmerkungen, Kurzbiographien, eine Chronologie und zwei Registern) beschäftigen sich noch nicht einmal ein Viertel mit den „Wurzeln des deutschen Terrorismus“. Über drei Viertel des Buches haben ausschließlich den palästinensischen Terror der frühen 70er Jahre zum Thema. Doch nicht nur das: Das klägliche knappe Viertel des Buches, das sich mit dem „deutschen Terrorismus“ abgibt, ist auch noch teilweise wortwörtlich aus Kraushaars Buch Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus von 2005 kopiert – nicht referiert, paraphrasiert, nein: einfach kopiert (vgl. etwa [2], S.332ff mit [1], 127ff). Allzu viel Neues über „die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus“ bekommt man also für seine 35€ nicht geboten.

Doch das ist nicht das einzige Manko dieses Wälzers. Hinzu kommen eklatante handwerkliche Mängel, die noch zu thematisieren sein werden. Der schwerste Vorwurf ist allerdings inhaltlicher Art. Kraushaar stellt nämlich die schwerwiegende These auf, daß deutsche Linksradikale, die Tupamaros München, am abscheulichsten antisemitischen Anschlag, den es je in der Geschichte der BRD gegeben hat, beteiligt gewesen seien. Auf ihr Konto gehe der Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim im Jahr 1970, bei dem sieben Überlebende der Shoah ums Leben gekommen sind. Die Belege, die Kraushaar dafür hat, sind allerdings mehr als dürftig, was er dadurch zu kaschieren versucht, daß er ein Feuerwerk von unendlich vielen Detailinformationen abbrennt, bis der Leser überhaupt nicht mehr weiß, wo ihm eigentlich der Kopf steht.

Das Buch handelt von einer Anschlagswelle palästinensischer Terroristen in der BRD im Jahr 1970, außerdem von einen ungeklärten Brandanschlag auf das Gebäude der Münchner Israelistischen Kultusgemeinde, bei dem sieben Menschen starben. Zudem geht es um eine Anschlagserie einer linksradikalen Gruppe, die sich Tupamaros München nennt. Und um die Geiselname einer palästinensischen Gruppe namens Schwarzer September während der Olympischen Spiele 1972 in München. Verwirrend? In der Tat, und Kraushaars Buch macht die Sache nicht weniger verwirrend. Ständig springt er von einem Thema zum anderen, hält keinerlei Chronologie ein, und erzeugt eine Konfusion, daß man am Ende überhaupt nicht mehr weiß, was denn wann überhaupt wo und wie passiert ist. Es empfiehlt sich deshalb, erst einmal die Handlungsstränge auseinanderzudividieren, die Kraushaar absichtsvoll ineinander verschlingt.

Kraushaars Geschichte beginnt im Sommer 1969. Zwischen dem 15. und dem 19. Juli fand im Ebrach, einem Städtchen zwischen Bamberg und Würzburg, ein „Knast-Camp“ statt. Anlaß dafür war, daß in der Justizvollzugsanstalt Ebrach der Münchner APO-Aktivist Reinhard Wetter einsaß, der wegen einiger lächerlichen Kleinigkeiten zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden war ([2], S. 320). Das Knastcamp, zu dem Leute aus München, Frankfurt, Hamburg und West-Berlin anreisten, erwies sich als ziemlicher Fehlschlag ([2], S. 330f). Eine Berliner Gruppe um Dieter Kunzelmann und Georg von Rauch fuhr in der Folge nach Jordanien, verübten vorher aber noch in München einen Molotow-Cocktail-Anschlag auf das Haus des Münchner Oberstaatsanwaltes Lossos. In Jordanien besuchten sie ein Camp der palästinenischen Guerillaorganisation Fatah, wo sie auch einmal ein bißchen mit Waffen herumspielen durften. Das ist der erste und spätestens aus Kraushaars Buch über die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus bekannte Handlungsstrang.

Beim zweiten Handlungsstrang handelt es sich um Kommandoaktionen einer palästinensischen Splittergruppe namens AOLP (Action Organisation for the Liberation of Palestine). Eine versuchte Flugzeugentführung auf dem Münchner Flughafen schlug am 10. Februar 1970 mit fatalen Folgen fehl, es waren ein Toter und mehrere Schwerverletzt zu beklagen ([2], S. 37ff); ein anderes Kommando der AOLP konnte eine Woche später auf dem Münchner Flughafen ohne Blutvergießen unschädlich gemacht werden ([2], S. 150ff).

Das dritte Ereignis fällt zwischen die beiden Kommandoaktion der AOLP. Am 13. Februar 1970 wurde auf das Gebäude der Israelitischen Kultusgemeinde München, das auch als Altenheim diente, ein Brandanschlag verübt ([2], S. 86ff). Der oder die Täter tränkten das gesamte Treppenhaus mit Benzin und zünden es an. Das Haus wurde zur Todesfalle für sieben Personen, die noch wenige Jahre zuvor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten entkommen waren.

Der vierten Block springt wieder zurück zu den Palästinensern. Es handelt sich um zwei Anschläge der PFLP-GC (Popular Front for the Liberation of Palestine – General Command) am 21. Februar 1970. Mittels Paketbomben, deren Zünder mit Höhenmessern gekoppelt waren, sollten wohl zwei Flugzeuge der israelischen Fluggesellschaft El-Al zum Absturz gebracht werden. Die Pakete wurden aber auf Maschinen von Austrian Airlines bzw. Swissair umgeladen; das erste, von Frankfurt startende Flugzeug konnte nach der Explosion notlanden, ohne daß jemand verletzt wurde ([2], S. 169ff), das zweite hingegen, das von Zürich aus startete, stürzte ab und riß 47 Menschen in den Tod ([2], S. 173ff).

Zwei Tage darauf begann die „Frühjahrsoffensive“ der linksradikalen Terrorgruppe „Tupamaros München“. Am 23. Februar 1970 wurde mit Molotow-Cocktails ein Anschlag auf das Haus des Münchner Amtsgerichtsrates Weitl verübt, nachdem bereits am 31. Januar zwei Scheiben eingeworfen worden waren ([2], S. 166f). Gut zwei Wochen später wurden dann im Amtsgericht München zwei Brandsätze gefunden, deren Zünder sich jedoch als nicht funktionstüchtig herausstellten ([2], S. 167). Am 25. Mai wurden zwei Molotowcocktails gegen das Gebäude des Bayerischen Landeskriminalamtes geschleudert ([2], S. 368), was dann dem untergetauchten Fritz Teufel angelastet wurde, als dieser am 12. Juni verhaftet wurde ([2], S. 368). In der Folge kam es zu diversen Anschlägen, die als „Unterstützung“ für Fritz Teufel gedacht waren. Diese Anschlagsserie zog sich bis weit in das Jahr 1971 hinein.

Schließlich, und das ist er letzte Block terroristischer Aktivitäten, nahm ein palästinensisches Kommando, das sich Schwarzer September nannte und wohl der Fatah zuzuordnen war, während der olympischen Spiele 1972 israelische Sportler als Geiseln. Zwei der Israelis wurden sofort erschossen, als sie sich zur Wehr setzten, die restlichen Geiseln kamen bei einer dilettantischen Befreiungsaktion der Bayerischen Polizei ums Leben.

Soweit also diese kurze Zusammenstellung der terroristischen Aktivitäten, die Kraushaar in seinem Buch thematisiert: Ein Brandanschlag deutscher Linksradikaler im Zusammenhang einer Justizkampagne im Sommer 1969, zwei versuchte Flugzeugentführungen der AOLP, ein Brandanschlag unbekannter Täter auf ein jüdisches Altenheim, zwei Bombenanschläge der PFLP-GC auf Flugzeuge mit dem Ziel Israel, eine Serie von vor allem gegen die Justiz gerichteten Brand- und Bombenanschlägen der Tupamaros München und schließlich eine Geiselnahme während der Olympischen Spiele 1972.

Die spannende Frage ist nun: Was haben diese Terrorakte miteinander zu tun? Wenn man Kraushaars Suggestionen folgen will, dann hängt alles mit allem zusammen. Sucht man allerdings nach tatsächlichen Verbindungen, dann wird es außerordentlich dünn. Die Bombenanschläge der PFLP-GC kann man gleich streichen: Der Zusammenhang mit München ist fadenscheinig, die eigentliche Basis der Attentäter ist Frankfurt. Auch die Entführungsversuche der AOLP haben mit München nur so viel zu tun, daß sie im Transit auf dem Münchner Flughafen stattfanden. Irgendwelche Zusammenhänge mit der linksradikalen Szene in München behauptet noch nicht einmal Kraushaar. Diese beiden Themenkomplexe können also getrost vernachlässigt werden – und damit mindestens die Hälfte des Buches.

Bleibt also zunächst die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen der Geiselnahme des Schwarzen Septembers während der Olympiade und den Aktivitäten der Tupamaros München gibt, was Kraushaar suggeriert. Und dann stellt sich noch die andere, schwerwiegendere Frage: Ist der Brandanschlag auf das jüdische Altenheim Teil der von den Tupamaros München verübten Brand- und Bombenanschläge zwischen 1969 und 1971? Denn genau das ist die verwegene Behauptung Wolfgang Kraushaars. Schauen wir also am nächsten Freitag genauer zu, was von folgender Behauptung zu halten ist:

„Es spricht vieles dafür, dass das gruppeninterne Wissen der Münchner Tupamaros nicht nach außen weitergegeben worden ist. Das dürfte bis auf den heutigen Tag immer noch zu gefährlich sein. Das Risiko, wegen Mitwisser- oder Mittäterschaft in einem Mordfall mit siebenfacher Todesfolge angeklagt zu werden, war und ist zu hoch. Vermutlich ist es das größte Geheimnis, das sie für sich bewahrt haben.“ ([2], S. 689)

Nachweise

[1] Kraushaar, W., Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus, Hamburg 2005.

[2] Kraushaar, W., »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus, Reinbek 2013.

Written by alterbolschewik

11. März 2013 at 17:01