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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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„Gottseidank nicht England“: Wie wir wurden, was wir sind

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„Man war Teil einer Bewegung – die vielleicht erstmal von außen gar nicht wahr genommen wurde – aber es war eine echte Bewegung und man war stolz wie sonst was. Klaus Maeck spricht im Film vom „Zusammenbruch“. Genau so habe ich das auch empfunden, als unser Ding von der Industrie überrannt wurde. Das war wie ein verlorener Krieg. Das war das Grauen. Viele – ich auch übrigens – waren dann die ganzen 80er hindurch komplett orientierungslos. Oder sind es teilweise immer noch. Das sind teilweise Dramen.

Nun bin ich, Anfang der 70er geboren, erstmals mit der deutschen Musik in faszinierende Berührung geraten, als die Neue Deutsche Welle aufkam. Ich habe Nena, Trio und Extrabreit nicht als kommerzielle Popstars angesehen, sondern als Heil bringende deutsche Revolutionäre. Überhaupt: Viele Angehörige meiner Generation sieht genau diese Musikbands der frühen 80er Jahre als eben das an, was die Punkpioniere der 70er für sich selbst in Anspruch nehmen und Bands wie Nena absprechen. Wie geht das zusammen?

Tja, das ist eben der Grund warum ich das Buch geschrieben habe. Weil es zwar für den Einzelnen so gewesen sein mag, dass solche Leute als Revolutionäre erschienen. Aber sie waren es halt ganz einfach nicht. Kein bißchen. Sie wurden nur so verkauft. Dass das nie erkannt oder einfach wieder vergessen wurde, lag aber natürlich nicht nur an den Medien und der Industrie. Das lag an besagter Depression, aber auch an diesem elitären Denken von Leuten wie Peter Hein, Gabi Delgado oder Blixa Bargeld.“

Puh. Stehe noch akut unter Existenzschock. Habe das Buch gerade mal wieder gelesen.

Gibt solche Erfahrungen, die einen immer wieder, immer wieder neu einholen, weil ihnen Paradigmatisches innewohnt. Weil sie ihre Aktualität nicht verlieren. Und dieser Epochenbruch in den späten 70ern, frühen 80ern ist einfach so eine Erfahrung, die sich auf Nostalgie nicht reduzieren läßt.

Es ist kein Zufall, daß gerade um die Jahrtausendwende, als kurz darauf auch diese so großartige „Verschwende Deine Jugend“ erschien, dieser Bruch bei so vielen wieder in’s Gedächtnis schwappte, und das ja nicht nur, allerdings auch wegen des Buches selbst.

Es war die Zeit, als Techno sich längst tot gelaufen hatte und Hip Hop auch nicht mehr so recht wußte, was er sein sollte oder wollte. Als man allmählich vom Schock neoliberaler Propaganda sich erholte und wieder Widerworte fand – was heißt „man“ , vielleicht ist dieser Teil wirklich reine Autobiographie, dieses Gefühl ohnmächtiger Wut fast 10 Jahre lang, das die richtigen Worte nicht mehr finden konnte. Das zwar Sätze produzierte wie „Clement ist Feind, klar“, aber darüber hinaus nicht anders sich zu helfen wußte, als zumindest teilweise einfach widerwillig mitzuspielen. Obwohl man doch wußte, daß es falsch ist, da auch noch für’s gute Gewissen anderer Leute zu sorgen. Hört ja gerade erst auf, diese biographische Phase.

Habe ungefähr zum Zeitpunkt, als Jürgen Teipel für sein Buch all die Gespräche führte, mit einem Teil der Protagonisten auch lange Interviews geführt – Gudrun Gut, Blixa Bargeld, Moritz R., die Toten Hosen. Mit Carmen Knoebel und Klaus Maeck führte ich teils lange und sehr beeindruckende Recherche-Vorgespräche.

Zeitgleich jedoch sprach ich auch mit den „Bösen“: Kai Hawaii, Anette Humpe, Wolfgang Niedecken, Klaus Hoffmann, Konstantin Wecker, Ina Deter. Das Interview mit Nena mußte jemand anders für mich übernehmen, die hatte schon mal eines mit mir abgebrochen, da bin ich bis heute stolz drauf. Die hatte ich schon damals in den frühen 80ern gehasst.

Extrabreit, Trio oder Ideal allerdings nicht, bis heute nicht. Also jene „kommerziellen Rocker“, die so wortreich in „Verschwende Deine Jugend“ an die Wand gestellt werden.  Kann auch Hoffmann oder Wecker bis heute nicht hassen, ganz im Gegenteil, ich liebe sie, und der Niedecken war einfach suppernett. Auch wenn ich es im Nachhinein nicht mehr nachvollziehen kann, damals bis nach Fallingbostel gefahren zu sein, um mir ein BAP-Konzert anzuschauen.

Dennoch: Hatte ja was von desorganisiertem Geschmacks-Stalinismus, dieser Indie-Purismus einst, der solche Leute schlachtete. Als seien die die Bösen gewesen. Nur daß er im Gegensatz zu Die Grünen nie den Hauch einer Chance hatte, an die Macht zu kommen – und das im Gegensatz zu denen schon programmatisch nie gewollt hätte.

Als ich die Interviews bearbeitete, flogen gerade Bomben auf den Kosovo; kurz zuvor war Lafontaine von allen SPD-Ämtern zurückgetreten. Es war grotesk, sich mit der Friedensbewegung zu beschäftigen, während ausgerechnet unter Joschka Fischer dann Deutschland in den Krieg zog.

Und liest man jetzt, wiederum, 10 Jahre später, in zwei Tagen es geradezu aufsaugend „Verschwende Deine Jugend“ wieder, die Agitation gegen die „Hippies“ erscheint ja fast prophetisch angesichts dieses Total-Desasters „Rotgrün“ und nummehr sogar „Schwarzgrün“ hier in Hamburg. Damals, als Bomben auf den Kosovo flogen, habe ich das noch als Verrat an mir persönlich erlebt, daß sie flogen, schäme mich ja bis heute nicht dafür, daß ich da einst mitmarschierte.

Und bin trotzdem bis heute ambivalent eingestellt in der Frage, ob wirklich „Mittagspause“ da die adäquate Antwort war. Und all diese großartigen Menschen, die ich befragte, die führten kruisoerweise zu was ganz anderem: Daß ich ich dann im Klaus Hoffmann Konzert saß, er „Der Boxer“ anstimmte, diese Zeile „Das geht mich immer noch an, was gewesen ist hält mich, zieht mich in Bann“ – und ich eher diese Wurzeln wieder annahm, das war ja viel schwieriger damals und ist bis heute, als von Östro 430 zu erzählen.

Daß vor meinem geistigen Aufge das hellbraun gestrichene Zimmer mit dem Ikea-Regal aufschien und ich heilfroh war, es gehabt zu haben. War ja irgendwann komplett uncool, und ich war auf einmal ganz stolz, so uncool gewesen zu sein.

Das ist der eingangs beschworene Existenzschock. Genau diese Ambivalenz. Den hatte ich damals nach Interview mit Blixa Bargeld auch. Da waren bestimmt 10 Leute im Raum um uns herum, und es war mucksmäuschenstill. Das hatte eine Intensität, von der ich mich Wochen nicht erholt habe, dabei galt er zu jenem Zeitpunkt schon als total ausgelaugt und durch. Von wegen. Er war ungewöhnlich sanft, obgleich alle ihn für einen Journalistenfresser hielten, melancholisch, man spürte Trauer und Erschöpfung, dennoch: Da drang eine Konsequenz und Kompromißlosigkeit auf mich ein, daß ich mir schon vorkam wie einer der Wirtschaftswunder-Väter mit ihrem Diktum „Keine Experimente, nur nicht auffallen, und wer’s tut, bekommt auf die Schnauze“, und das sogar völlig zu recht.

Um diese frühen Zeiten des Punk in Düsseldorf, Berlin und Hamburg miterlebt zu haben war ich einfach ein paar Jahre zu jung; und wahrscheinlich wäre ich auch so erst mal Öko geworden. Hatte trotzdem Sampler mit dem KFC und solchen, meine Östro 430- und Hans-A-Plast-Platten, die von Fehlfarben und D.A.F.natürlich auch, wie schon häufiger hier erwähnt; geht mir ja auch gar nicht um meine Plattensammlung von einst, sondern um diese seltsame Dreieck, das damals „Jugendkultur“ ausmachte und das mir immer noch so brandaktuell erscheint, so brandaktuell, daß ich manchmal das Gefühl habe, „die ’68er“ werden bis heute nur deshalb so intensiv immer weiter bearbeitet, weil dieser Bruch damals nie aufgearbeitet wurde: Da waren eben einerseits „die Bewegten“, Ökos und Friedenskämpfer, dann anderseits der ja fast ein Jahrzehnt immer weiter zusammenbrechende Punk- und Post-Punk-Indie-Underground, aber eben auch diese Möglichkeit des Pop, in den zumindest ich mich später flüchtete. Ja, flüchtete, der mir dennoch bis heute auch was Gutes zu enthalten scheint, und zumindest Ideal sind für mich da bis heute nicht minder paradigmatisch als dieses erste Fehlfarben-Album, auch wenn Herr Teipel mir dafür wahrscheinlich ’ne Bierdose an den Kopf schmeißen wollen würde oder ’nen  Bass über die Rübe ziehen.

Und all das stand Kohl und den Poppern, später Yuppies, den Börners und Dreggers und Lambsdorffs und Mode-Wavern gegenüber, die alle nur Seiten der gleichen Medaille waren. Und dann gab’s da, kurz darauf, noch sowas:

„Die 70er Jahre neigten sich dem Ende zu, in London rebellierten die Punks, in Hamburg die Popper. Das Jahrzehnt der Sozialdemokratie entartete in öffentlichen Gesamtschuleinrichtungen, Millionen Pädagogik-Studenten und -innen, J.J.-Cale-Musik, Schlaffheit. Jeder aufrechte Bürger wünschte den Sozialdemokraten den Tod, die das Land skandinavisiert hatten, verholländert, verdämmert. Der Schwung der frühen Jahre war dahin, geblieben war eine Haschisch-Mentalität: Alles nich‘ so verbissen sehn. Als ich eines Tages miterlebte, wie zwei Polizisten sich an einem Sit-In beteiligten, für irgendwas, gegen irgendwas, Größenordnung vierte Novellierung der Rentenansprüche im Zweiten Hochschulrahmengesetz, und sich dabei Strohhalme in die über den Uniformkragen wuchernden Haare steckten, trat ich spontan in die CDU ein. So resümiert es der Ich-Erzähler in Mai, Juni, Juli . Freilich trat dieser auch schnell wieder aus der CDU aus – oder war es Lottmann selbst?“

Puh. Auch darin besteht der Existenzschoc: Daß dieses zelebrierte Antihippietum zwar einerseits so heroisch, so großartig, so konsequent war. Daß es aber umgekehrt den Boden bereitet hat für Schröder, für liberale Blogs und all diesen ganzen Quatsch, der „gegen links“ sich generiert und allerlei Ästhtisierung dagegen setzte. Daß er unfreiwillig zur Tempo führte, zu Stuckrad Barre und Poschardt und Bushido und Mercedes Bunz. Und die Goldenen Zitronen letztlich als einsame Rufer in der Wüste zurück ließ … weil er Salonmarxologen zum Verstummen bringen wollte.

Na, aber wenigstens habe ich jetzt meine mittels Private Equity Fonds finanzierten Tage so gut wie hinter mir und fange einfach mal neu und noch mal richtig an. Man soll sich ja nicht aufgeben und selbst historisieren, nur weil man gerade „Verschwende Deine Jugend“ gelesen hat … aus der Zeit ist trotz Jute-Tasche und Strick-Pullover einst so viel in mir konserviert, daß ich gestern einen Heulkrampf bekam, als ich das hier hörte. Und dann ist ja noch alles gut.

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Written by momorulez

2. November 2008 at 12:13

St. Pauli Champs

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Mir fiel gerade wieder eine VHS-Kassette in die Hände, die mir einiges Wert ist. Ich habe 15 Jahre suchen müssen bis ich Ende der 90er in ihren Besitz gelangte. Und das kam so:

Dieser Post ist umgezogen … St. Pauli Champs – mit Video

Written by ring2

28. August 2007 at 20:57