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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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„Es droht die Neorauchisierung! Das vorgeführte Könnertum.“

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Gut, ganz nüchtern waren wir ja alle nicht mehr. Gestern, ’ne Party nach Projektabschluss, und ehemalige Praktikanten und Volontaire schauten auch vorbei. Solche, die jetzt in Bachelor-Studiengängen leiden. Ganz schön spooky, deren Beschreibungen dessen, was an Universitäten so vor sich geht unter der Überschrift „Mehr Effizienz!“.

„Das ist reiner Faschismus“ – wenn eine bildhübsche Blondine mit Model-Qualitäten im schicken, schwarzen Kleid, die mit irgendwelchen linken Zirkeln nie irgendwas zu tuen hatte, derartiges entsetzt ausstößt, dann erschüttert das schon.

Weil’s keine Floskel war: Wenn irgendwelche Polit-Appartischiks die Sache in die Hand nehmen, noch glaubend, sie dienten damit dem Wirtschaftsleben, dann kommt offenkundig in Deutschland immer ein System von Befehl und Gehorsam hinten raus.

Wie in richtigen Konzernen auch regiert die Angst: Das meinte sie mit der Aussage. Alle würden nur noch von Furcht druchdrungen durch die Gänge schwirren, „Widerworte“ runterschlucken und schwer gestresst dafür bereit gemacht, im „Arbeitsmarkt“ dann bestens zu spuren. Wo ihnen dann trotzdem yuppieeske Youngster mitteilen werden, sie seien für diesen Job doch charakterlich gar nicht geeignet.

Wirtschafts- und Naturwissenschaften würden weiter ausgebaut, bekämen hübsche nue Wandanstriche, während die Geistes- und Sozialwissenschaftler durch weiter graue Flure schlurfen, wohlwissend, daß sie unerwünscht sind – ihr Studium mutierte so zur Drangsalierei, weil, wer selber denkt, ja nur als Masochist durch’s Leben kommt.  Na, ja, auch hier im Blog gibt’s ja Kommentatoren, die durch Ausfälle gegen Frau Butler und Herrn Wittgenstein derartige Technokratie verbal noch kräftig unterstützen.

Noch schlimmer die Berichte des ehemaligen Praktikanten, der nun in Berlin in einer Künstler-WG wohnt. Dem habe ich zum Philosophie-Studium geraten; unter den verschulten Bedingungen der Bachelor-Ära scheint das keine gute Idee gewesen zu sein. Die Möglichkeiten, sich ein solches Fach, in dem es um Selberdenken geht, wirklich anzueignen, werden wohl auch dort systematisch unterbunden mittels Lehrplan.

Doch während die Hamburger-Ex-Kollegin noch mit klassisch widerständigen Reflexen glänzte, fing der Berliner -liegt wohl auch an der städtebaulichen Umgebung dort – auf einmal an, von Nietzsche und Wagner zu schwärmen. Nix gegen Nietzsche , mit 22 gehört der einfach dazu, und manche Wagner-Oper liebe ich auch, als Denker war der aber nun mal Prä-Faschist.

Und dann noch diese Namensreihungen von Ernst Jünger bis Botho Strauss, die da mit Weihrauch versehen aus dem Munde drangen, da wurde mir eiskalt. Weil das eben auch ein typisch deutscher Reflex auf Technokratie ist, dieses Suche nach auratischer Tiefe und Gegenmoderne, und daß die Künstler-Wg-Kumpels diese Namen raunen, um sich zu finden, genau die Scheiße kommt dann eben dabei raus, wenn Sozialwissenschaften durch Wiwi und die falsche Literatur ersetzt sich finden und allseits Marktgängigkeit gefordert wird.

Und das schlimmste ist: Als Exportschlager kommen diese Fichten- und Eichenwälder des Denkens in Braun und Dunkelgrün eben bestens an, weil sie ihrer Landserhaftigkeit und ihrem Größenwahn das Äquvalent zu Lederhose und Neuschwanstein in Disneyworld bedeuten.

Dann fiel es mir wieder ein, dieses krass-krude Interveiw mit dem offenkundig tief in einer Identitätskrise steckenden Daniel Richter neulich in der Sueddeutschen. Da er eben kein Quartalsirrer ist wie der großartige Meese, habe ich mich richtig erschrocken, als ich es las, weil dieses Versatzstück-Sammelsurium eines hochintelligenten Künstlers auf der Suche nach dem Irgendwas vielleicht lieber nicht hätte veröffentlicht werden sollen.

Aber der eine Satz, der aus der Überschrift zu diesem Eintrag, der ist mir dennoch hängen gelieben, weil er zusammenfaßt, was beide Ex-Praktikanten so berichten: Neo Rauch ist tatsächlich jener Maler, der es völlig unkritisch in’s Bild setzt mit nur scheinbarem Humor als Effektsauce über dem, was beeindrucken soll. Ist einer, der sich auf Jünger und Strauss beruft und doch als  Kunstmarktstar belegt, daß ja egal ist, was sich verkauft, Hautptsache, es verkauft sich.

Diese Mischung aus Comic- und Werbe-Ästhetik, wilhelminisch-realsozialistischen Versatzstücken, surrealer Verrätselung zum Selbstzweck und langen Zeichenkursen,  in die all das eindringt, was an Deutschland immer schon widerlich war und was als Chrakteristikum des Universitätenumbaus auch zu lesen ist –  das ist die Kulturkritik, die sich nach Tiefe sehnt und dann eben nicht bei Adorno, sondern bei Heideggers „Gestell“ landet, nee, bitte, laßt es so nicht enden!

Hier aber noch mal das ganze Richter-Zitat:

Es droht die Neorauchisierung! Das vorgeführte Könnertum. Nein, was ich bei Neo wirklich faszinierend finde, ist, dass sein Werk eigentlich Ernst-Jünger-artig anfängt: Der fragmentierte Offizier, der Handwerker auf der Suche nach Beschäftigung inmitten einer konservativ-surrealen Welt. In dieser Phase konnte man Neo Rauch einen konservativen Modernen nennen, dessen Werk etwas über die Gesellschaft aussagt, über den Verlust des Manuellen zum Beispiel. Er beschreitet nun aber den Weg dieses Könnertums immer weiter. Das ist auch logisch und erfreulich, aber sein Werk ergeht sich jetzt in Einfällen: Frauenaugen verwandeln sich in Spiegeleier, die Bücher lesen, welche in gotischen Lettern gefasst sind, die wiederum von Triangeln gefasst werden, während sich von oben links interessant und faszinierend gemalte Monster nähern – und im Hintergund entfalten sich vielfarbige Horizonte.

SZ: Effekte um der Effekte willen?

Richter: Er ist tatsächlich der Meister der irren Effekte, der faszinierenden Einfälle, aber ideologisch gesehen ist diese Malerei Elfenbein: ein verrückter Surrealismus.

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Adorno an Thomas Mann – Santa Monica 1. 12. 1952

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„Die Grenze, die Sie zwischen sich selbst und Wagner setzen, scheint mir keine bloß individuelle, sondern eine geschichtsphilsoophische. Wollte man Begriffe in den Mund nehmen, wie sie einem von Literatur- und Kulturhistorikern verdorben sind, so müßte man wohl sagen, daß bei Wagner, wie etwa auch bei Baudelaire, der romantische Ästhetizismus, also der ungebrochene Glaube an das Kunstwerk als ein in sich Ruhendes, sinnvoll-Reales, noch naiv lebt, in Ihnen aber, und übrigens ähnlich in Gide, zum Selbstbewußtsein gefunden und dadurch von innen her, nicht etwa von außen aufgepropfte Weltanschauung sich transzendiert hat. Die Schwelle bezeichnet wohl Nietzsche, der auf der einen Seite an der Wagnerschen Setzung des Kunstwerks Zeit seines Lebens festgehalten hat (neulich las ich bei ihm eine Formulierung: eine anti-metaphysische Weltanschauung, ja, aber eine artistische) und von dem andererseits eben die Formulierung stammt, das Kunstwerk dürfe nicht geschaffen erscheinen; eine Formulierung, die sich wörtlich fast ebenso bei Valèry findet. Zuweilen habe ich den Verdacht, als sei das wie sehr auch gewandelte Erbe des Ästhetizismus, als Lossage von dem Reich der Zwecke, das allein wirksame Gegengift gegen die sich ausbreitende Barbarei, und wenn die Ursprünge des Unheils tatsächlich nicht nur auf die Entwicklungstendenz der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch auf die Komplexion ihrer Kritiker zurückdatiert, so ist daran wohl vorab zu denken. Vielleicht ist es die unscheinbare, aber in ihrer Tragweite gar nicht abzuschätzende Schwäche von Marx gewesen, daß er nicht wirklich substantiell die Kultur in sich verkörperte, gegen die er sich kehrte; seine Sprache, vor allem in der reiferen Zeit, läßt sehr darauf schließen, und wenn er die Spannung zwischem dem utopischen und dem positivistischen Element im Sinn des letzteren auflöste und damit vorbereitete, daß der Sozialismus selbst zu einem Stück der Produktiionsmaschinerie wurde, so hängt das wohl mit seiner eigentümlichen Frabenblindheit gegen den Schein zusammen, ohne den es keine Warheit gibt.“

Theodor W. Adorno/ Thomas Mann, Briefwechsel 1943 – 1955, Frankfurt/M.  2003, S.  126-127