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6. Juni 1971: Wir haben abgetrieben!

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Der Kampf gegen den § 218 (17)

„Die jüngsten Umfragen bestätigen: Wenn heute unter den zwölf Millionen Frauen der Bundesrepublik im gebärfähigen Alter zwischen fünfzehn und fünfundvierzig Jahren ein Plebiszit über das Verbot der Schwangerschaftsunterbrechung stattfände, wenn es stattfinden könnte – das Verbot würde fallen.“

Hans Schueler, 1971

Was bisher geschah: Anfang Mai 1971 kam Alice Schwarzer aus Paris, um eine öffentliche Bekenntnisaktion zur Abtreibung nach französischem Vorbild auch in Deutschland zu initiieren. Bei Parteien und Gewerkschaften stieß sie auf wenig Unterstützung, fand aber erste Bündnispartnerinnen in der Frankfurter Frauenaktion 70, mit der zusammen sie den deutschen Aufruf verfaßte, der dann im Stern erscheinen sollte. Danach folgte eine Rundreise zu den studentischen Frauengruppen an den Universitäten Frankfurt, München und Berlin. Die Frankfurterinnen wollten sich aus dogmatischen Gründen nicht beteiligen, die Münchner Gruppe spaltete sich an dieser Frage, nur die Berlinerinnen unterstützten die Kampagne ohne Wenn und Aber.

Sinn des Ganzen war es natürlich, die Justiz unter Druck zu setzen. Denn auf das öffentliche Bekenntnis mußten eigentlich staatsanwaltschaftliche Ermittlungen erfolgen. Der Stern zitierte den Hamburger Oberstaatsanwalt Beck:

„Natürlich müssen wir die Strafverfolgung einleiten. Wir sind gezwungen, uns so lange an ein Gesetz zu halten, wie es gilt. Das ist ein Prinzip des Rechtsstaates. Wenn uns eine strafbare Handlung gegen den Paragraphen 218 bekannt wird und wir verfolgen sie nicht, begehen wir eine Begünstigung im Amt und können selbst bestraft werden. Wir können auch nicht so tun, als läsen wir den STERN nicht.“ ([3], S. 22)

Die Gefahr bestand also durchaus, daß die unterschreibenden Frauen Ärger mit der Justiz bekommen würden. Und immerhin stand auf Abtreibung damals noch bis zu 5 Jahren Haft – auch wenn dieses Strafmaß praktisch nie ausgesprochen wurde. In der Regel beließ man es bei Geldstrafen oder einer Haftstrafe von 3 Monaten auf Bewährung ([5]). Doch ein gewisses Risiko gingen die Unterzeichnerinnen durchaus ein. Die Französinnen hatten bei ihrer Aktion versucht, sich dagegen abzusichern, indem sie eine Reihe prominenter Frauen dazu brachten, sich dem Ganzen anzuschließen – was Dank des Adressbuches von Simone de Beauvoir kein großes Problem war. Ähnlich prominente Namen wie die auf der französischen Liste sollten auch in Deutschland zum Schutz der großen Masse der ganz normalen Frauen dienen.

Doch woher nehmen? Alice Schwarzer war – zumindest damals – keine Simone de Beauvoir, die sich einfach ans Telefon hängen und mit dem ganzen Gewicht ihrer Persönlichkeit Frauen im Rampenlicht der Öffentlichkeit davon überzeugen konnte, bei so einer Aktion mitzumachen. Wie also gelang es Schwarzer, an die Unterschrift einiger bekannter Schauspielerinnen zu kommen? Ganz klar ist das nicht. Offensichtlich war Romy Schneider die Türöffnerin:

„Die lebt zu der Zeit gerade in Deutschland mit Harry Meyen und ihrem Sohn, aber ist natürlich über die französische Aktion, bei der viele von ihr geschätzte Kolleginnen mitgemacht hatten, auf dem Laufenden. Wir telefonieren miteinander, und bereits am nächsten Tag trifft ihre Unterschrift ein, mit dem Satz am Rand des Blattes: »Da bin ich ganz und gar dafür!!!« Drei Ausrufezeichen.“ ([6], S. 240)

Und so finden sich dann auf der Liste der 376 Frauen (ja, es sind zwei mehr als immer angegeben – offensichtlich hat nie jemand richtig nachgezählt) 22 Schauspielerinnen, die bereit sind, mit einem solchen Bekenntnis möglicherweise ihre Karriere zu ruinieren.

Als klar war, daß Schwarzer die versprochenen Unterschriften zusammenbekommen würde, wurde auch der Stern aktiv und schickte sie mit dem profilierten Fotographen Robert Lebeck los, Bildmaterial für den Artikel zu erstellen. Und so zierten Frauen des Sozialistischen Frauenbundes West-Berlin in doppelseitiger Aufmachung Schwarzers Artikel und die Unterschriftenliste.

Als dann am 6. Juni 1971 die Nummer des Sterns mit dem legendären Cover erschien, kam es zu vehementen publizistischen Reaktionen – auch von Seiten, von denen man es nicht erwartet hätte:

„Nicht nur Bild versucht die Aktion 218 als »Prominentengag« runterzuschreiben, auch die Süddeutsche Zeitung spricht von »Exhibitionismus« (»schamlos«) und die Frankfurter Rundschau ortet gar »Konsumwahn« (»Pelzmantel statt Kind«) sowie eine »Vernichtung unwerten Lebens« – ganz im Sinne von Kardinal Jaeger, für den die Aktion 218 eine Art »neues Euthanasieprogramm« ist.“ ([6], S. 243)

Doch auf das unterste Niveau stieg Hans Habe in der Welt am Sonntag hinab:

„Er bezog sich auf die »Dame ohne Unterleib« und schrieb: »Nicht weniger krüppelhaft als die Schaustellung „keines“ Unterleibes ist die Schaustellung des Unterleibes.« Die Bekennerinnen, »samt und sonders Verfechterinnen des freien Sexus«, provozierten »ekelerregende Vorstellungen«. Er könne sich keinen Mann vorstellen, »der die Aufmerksamkeit auf den operierten Unterleib seiner Frau oder seiner Geliebten zu lenken wünscht«. Mit diesem Selbstbekenntnis machten sich Frauen unattraktiv, den »die Schamlosigkeit, mit der sie uns ihr Privatestes enthüllen, macht ihr Privatestes reizlos«. Übrig bleibe »eine abstoßende Reklame, ein Striptease, der sich nicht mehr mit der totalen Nacktheit begnügt, der nun – es mußte so kommen – auch die Gedärme entblößt«.“ ([2], S. 113)

Unterstützung kam eigentlich nur von der Zeit, und – mit Abstrichen – vom Spiegel. In der Zeit bündelte Hans Schueler sachlich alle Argumente, die für eine Abschaffung des § 218 sprachen und wies vor allem auf die Diskrepanz zwischen dem eigentlichen Ausmaßes der Abtreibung – geschätzte 400.000 bis eine Million Fälle pro Jahr – und der tatsächlichen Strafverfolgung – rund 1.000 Prozesse im Jahr hin. Dies mache die tatsächlich juristisch verfolgten Frauen praktisch zu Willküropfern. Deshalb sparte Schueler auch nicht mit Kritik an den Kirchen:

„Gegenüber einer solchen Wirklichkeit machen es sich die Kirchen doch wohl zu leicht, wenn sie den Staat unter Berufung auf ein vorgegebenes Sittengesetz schon prophylaktisch der moralischen Knochenerweichung zeihen, falls er sich herbeiließe, Wirklichkeit und Gesetz in annähernde Übereinstimmung zu bringen. Die Formel »Abtreibung ist Mord« und die Behauptung, ein Justizminister, der die Straflosigkeit der Abtreibung erwäge, wolle »den Mord freigeben« (so das »Passauer Bistumsblatt«), sagen mehr über die Anmaßung und Selbstgerechtigkeit ihrer Urheber aus als über die menschliche und sittliche Qualität von Millionen Frauen, über die sie den Stab brechen.“ ([5], S. 1)

Wie zu erwarten war, begannen die Staatsanwaltschaften zu ermitteln – allerdings mehr oder minder lustlos:

„Deutsche Staatsanwälte tun inzwischen, was sie nicht lassen dürfen – aber sie erledigen es ohne Eifer und Aufregung. Heinz Groh, stellvertretender Behördenleiter der Staatsanwaltschaft in Frankfurt: »Dicke Anklagen gibt es mit Sicherheit nicht. Wir spielen die Sache nicht hoch.« Auch Paul Klein, Oberstaatsanwalt in Köln, glaubt nicht, »daß viel dabei herauskommt«, das Bekenntnis allein »reicht auf keinen Fall« für eine Anklage aus.“ ([4], S. 44)

Bis zum 14. Juni waren offensichtlich 145 Ermittlungsverfahren eingeleitet worden – doch das klingt dramatischer als es in Wirklichkeit war:

„Verweigern sie ihre Aussage (was sie dürfen, weil sich niemand zu belasten braucht), dann – so der Kölner Oberstaatsanwalt Klein »werde ich die Akten schließen«.“ ([4], S. 44)

Nur in Bayern liefen die Uhren naturgemäß wieder einmal etwas anders. Von den 145 Ermittlungsverfahren gingen rund die Hälfte auf das Konto der Staatsanwaltschaft München, die sich auch sonst nicht lumpen ließ:

„In München fand eine Razzia bei Mitgliedern der »Aktion 218« statt. Selbstbezichtigungen und Solidaritätsunterschriften von Frauen, sowie Adreßbücher, Notizblöcke, Flugblätter und Protokolle wurden von der Polizei beschlagnahmt.“ ([1], S. 32)

Doch auch diese Ermittlungen führten offensichtlich zu nichts – zumindest ist nichts darüber bekannt, daß irgendeine der Frauen wegen der Selbstbezichtigungsaktion belangt worden wäre.

Damit sind wir an dem Punkt angelangt, auf den die Arbeit verschiedenster Fraueninitiativen seit 1968 bewußt oder unbewußt hinauslief. Es ist ein Punkt des Umschlags, an dem etwas grundsätzlich Neues entsteht. Deshalb wird es nächste Woche erneut um ein Thema gehen, das hier im Blog immer wieder angerissen worden ist: Die Theorie des Ereignisses. Es würde mich deshalb überhaupt nicht wundern, wenn sich der Alte Bolschewik nächste Woche selbst zitiert:

„Das Ereignis ist willkürlich, kontingent, aber dennoch notwendig. Es stößt auf eine Bewußtseinsstruktur, der nur noch dieses traumatische Ereignis gefehlt hat, damit die alte symbolische Ordnung schlagartig zerfällt und einer neuen symbolischen Ordnung Platz macht, in der die bisherigen Fakten eine völlig anderen Sinn bekommen.“

Nachweise

[1] Krieger, V.: „»…rühmen sich öffentlich ihrer Verbrechen«“, in: von Soden, K. (Hg.), Der große Unterschied. Die neue Frauenbewegung und die siebziger Jahre, Berlin 1988, S. 31 – 38.

[2] Mika, B., Alice Schwarzer. Eine kritische Biographie, Reinbek bei Hamburg 1998.

[3] Redaktioneller Beitrag, „Von vorgestern“, in: Der Spiegel, Jg.25 (1971), Nr.25 (14. Juni 1971), S.44-45 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43231196.html).

[4] Redaktioneller Beitrag, „Was werden die Staatsanwälte tun?“, in: Stern, Jg.24 (1971), Nr.24 (6. Juni 1971), S.22.

[5] Schueler, H., „Frauen gegen einen Paragraphen“, in: Die Zeit, Jg.24 (1971), Nr.24 (11. Juni 1971), S.1 (http://www.zeit.de/1971/24/frauen-gegen-einen-paragraphen/komplettansicht).

[6] Schwarzer, A., Lebenslauf, Köln 2011.

Written by alterbolschewik

31. Oktober 2014 at 17:29

Alice Schwarzer und die Frauenaktion 70

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Der Kampf gegen den § 218 (16)

„Den Staatsanwaltschaften wird nichts anders übrigbleiben, als gegen alle Frauen, die sich öffentlich der Abtreibung beschuldigen, zu ermitteln.“

Alice Schwarzer

Was bisher geschah: Alice Schwarzer machte sich von Paris aus auf, um die französische Aktion, sich selbst öffentlichkeitswirksam der Abtreibung zu bezichtigen, auch nach Deutschland zu exportieren. Kontakte mit Parteien und Gewerkschaften blieben fruchtlos, doch Teile der Roten Frauen in München und der Sozialistische Frauenbund Westberlin unterstützten die Aktion und sammelten Unterschriften.

Bevor Alice Schwarzer allerdings die eher universitären, sozialistischen Frauengruppen kontaktierte, wandte sie sich – was eigentlich nicht weiter verwunderlich ist, an die Frauenaktion 70. Denn diese hatte ja schon einige Zeit vor Alice Schwarzer die Debatte um den § 218 in die bundesrepublikanischen Öffentlichkeit getragen. Nicht nur lokale Medien, sondern auch überregionale Zeitungen und Zeitschriften hatten über die Teach-Ins, Unterschriftensammlungen, Demonstrationen und Kundgebungen der Frauenaktion 70 berichtet. Und diese waren keineswegs auf Frankfurt beschränkt gewesen, sondern auch in Dortmund, Düsseldorf, Essen und Köln wurde das Frankfurter Modell kopiert ([2], S. 83). Wenn also damals jemand Ansprechpartner für eine Kampagne gegen den § 218 war, dann ganz sicher die Frauenaktion 70.

Doch in den diversen Darstellungen Alice Schwarzers, in denen sie ihre eigene Rolle bei der Initiierung der Bekenntnisaktion herausstreicht, spielte die Frauenaktion 70 eine mehr als untergeordnete Rolle. Ende 1971, als sich Schwarzer erstmals als Initiatorin der Stern-Kampagne offenbarte, wird die Frauenaktion 70 nur als bedeutungslose, lokale Vorläuferin erwähnt, eine Beteiligung an der Aktion wird nicht erwähnt. 1981 erscheint sie auf einmal als eine der Gruppen, die die Unterschriften für den Stern beibrachten. 2008 schreibt sie dann in der Emma:

„Die einzigen, die die »Aktion 218« als Gruppe mittrugen, war die »Frauenaktion 70« in Frankfurt.“ ([6])

In ihrer Autobiographie von 2011 ist dann die Frauenaktion 70 wieder verschwunden. Warum dieses merkwürdige Herumgeeiere? Aufklärung gibt ein Blick in die berühmte Ausgabe des Stern, in der Alice Schwarzer die Anfänge der Aktion beschreibt:

„Um einen runden Couchtisch in Frankfurt-Eschersheim, Fritz-Reuter-Straße 5, saßen am 3. Mai dieses Jahres sieben Damen, knabberten Käsegebäck und formulierten einen Text, der der Bundesregierung noch zu schaffen machen wird.
Die Frankfurter Damenrunde setzt sich aus Mitgliedern der »Frauenaktion 70« zusammen, die seit vergangenem Jahr Sturm läuft gegen den Paragraphen 218, der Schwangerschaftsunterbrechung unter Strafe stellt. Rund 50 Frankfurterinnen gehören der »Frauenaktion 70« an. Lehrerinnen, Studentinnen, Journalistinnen und vor allem Hausfrauen. Ihr Motto: »Mein Bauch gehört mir.« Jede Frau, so fordern sie, müsse das Recht haben, eine ungewollte Schwangerschaft mit ärztlicher Hilfe zu unterprechen.
Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, griffen die am Abend des 3. Mai zusammensitzenden Frauen eine revolutionäre Idee aus Frankreich auf: Alle Frauen sollten aufgerufen werden, öffentlich zu bekennen: »Ich habe abgetrieben!« Damit käme auf die deutsche Justiz eine Prozeßlawine zu, vor der Richter und Gesetzgeber kapitulieren müßten. Endziel: Streichung des »Abtreibungs-Paragraphen«. […]
In klaren Sätzen formulierten die Frankfurter Frauen den auf Seite 17 abgedruckten Appell.“ ([4], S. 21)

Die Frauenaktion 70 war also nicht nur eine unter mehreren Gruppen, mit denen Schwarzer zusammenarbeitete, es war diese Gruppe, die den eigentlich Appell verfaßte. Daß Schwarzer selbst in diesem ersten Bericht über die Ursprünge der Kampagne überhaupt nicht auftaucht, heißt nicht, daß sie später ihre initiierende Funktion einfach erfunden hätte. Es ist durchaus glaubwürdig, wenn sie schreibt:

„Während ich weiter Unterschriften sammele, schreibe ich für den Stern den Bericht über die Aktion. Dabei verschleiere ich meine Rolle als Initiatorin bewusst. Warum? Nicht weil ich etwas zu verbergen hätte. Nein. Ich will ganz einfach den Eindruck vermeiden, dies sei die Aktion einer Einzelnen.“ ([7], S. 241)

Das hat sicherlich auch etwas mit dem Vorbild des französischen Mouvement de Libération des Femmes (MLF) zu tun. Persönlichkeitskult war in der französischen Bewegung schwer verpönt, Artikel wurden in der Regel anonym oder nur mit dem Vornamen der Verfasserin gezeichnet veröffentlicht. Und es verwundert nicht, daß die einer persönlichen Profilierung nicht gerade abgeneigte Alice Schwarzer dies später bedauerte:

„Es existierte ein eigenartiges Namensverbot: Die Aktivistinnen, die an die Öffentlichkeit gingen oder Texte schrieben, nannten jahrelang nur ihren Vornamen. Grund: Alles sollte Ausdruck eines Kollektivs der Frauen sein. Dadurch blieb der MLF lange gesichtslos.“ ([7], S. 201)

Schwarzer wollte aber nicht gesichtslos bleiben und bereits Ende 1971 offenbarte sie allen, die es wissen wollten, daß sie die Kampagne ins Rollen gebracht hatte ([5], S. 148). Dennoch ist die im Stern dargestellte zentrale Rolle der Frauenaktion 70 nicht erfunden. Der Text des Appells zeigt deutlich ihre Handschrift. Zweifellos hatte Schwarzer den Text des französischen Manifests mitgebracht, denn dessen ersten Sätze wurden in nur wenig modifizierter Form übernommen:

„Eine Million Frauen pro Jahr lassen in Frankreich eine Abtreibung vornehmen. Sie tun dies unter gefährlichen Umständen, da die Abtreibung gesetzlich verboten ist. Wenn diese Operation unter ärztlicher Kontrolle geschieht, ist sie denkbar einfach.“ (zit. nach [3], S. 107)

Der deutsche Text begann mit:

„Jährlich treiben in der Bundesrepublik rund 1 Million Frauen ab. Hunderte sterben, zehntausende bleiben krank und steril, weil der Eingriff von Laien vorgenommen wird. Von Fachärzten gemacht, ist die Schwangerschaftsunterbrechung ein einfacher Eingriff.“ ([4], S. 17)

Doch insgesamt war der deutsche Text deutlich länger als der französische und endete mit Parolen und Forderungen, die bereits ein Jahr zuvor bei den Aktionen der Frauenaktion 70 verwandt wurden, darunter etwa die Demonstrations-Parole „Nur noch Wunschkinder“ ([2], S. 77), die im Appell als „Ich bin gegen den Paragraphen 218 und für Wunschkinder“ auftauchte ([4], S. 17). Das gilt auch für die Forderungen nach umfassender sexueller Aufklärung und die nach einer Kostenübernahme der Krankenkassen für Abtreibungen – alles Forderungen, die im französischen Aufruf nicht zu finden sind, die aber schon ein Jahr zuvor von den Frankfurterinnen erhoben worden waren.

Die Frauenaktion 70 hatte also, schon bevor es losging, einen nicht unwesentlichen Einfluß auf die Kampagne. Und sie sammelten auch fleißig Unterschriften – mit 61 Signaturen lagen sie nur knapp vor den von Schwarzer immer so gelobten Münchnerinnen, die nur unwesentlich mehr zusammenbrachten.

Es ist außerdem nicht ganz unwahrscheinlich, daß die Unterschriften aus Düsseldorf und Köln ebenfalls auf das Netzwerk der Frankfurterinnen zurückgingen. Allerdings habe ich keinen Hinweis darauf gefunden, wer hinter den Kölner und Düsseldorfer Unterschriften steckte (ebensowenig wie für die 6 rätselhaften Unterschriften von der Insel Sylt). Man kann aber davon ausgehen, daß die vorausgegangenen Aktionen der Humanistischen Aktion (aus der die Frauenaktion 70 hervorgegangen war) in diesen beiden Städten eine Rolle gespielt haben dürften.

Wenn also die Frauenaktion 70 so wichtig dafür war, daß die Aktion zustande kam, warum wird das von Alice Schwarzer zumeist nicht gewürdigt? War es nur Schwarzers Eitelkeit, die den Führungsanspruch in dieser Sache nicht mit jemandem anderen teilen wollte? Das sicherlich auch, aber nicht ganz: Das Problem der Frankfurterinnen war, daß sie zumindest anfänglich Angst vor der Kriminialisierung hatten. Damit hatten die sozialistischen Frauengruppen in München und Berlin kein Problem. Aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte aus der 68er-Bewegung wußten sie, daß der Spielraum für Provokationen deutlich größer ist, als gemeinhin angenommen wird. Doch die Frankfurterinnen zögerten. In Schwarzers Darstellung liest sich deren Haltung so:

„Als das Papier nach zwei Stunden Redigierarbeit auf dem Couchtisch lag, fand sich niemand der Initiatorinnen bereit, die Selbstbezichtigung, abgetrieben zu haben, auch zu unterschreiben.
Kleinlaut gab Renate Scheunemann Lebenserfahrung zum besten: »Deutsche Frauen, die sich selbst bezichtigen? Niemals! Die machen das nie mit, die gehen höchstens artig im Ministerium fragen, ob man das Gesetz nicht ändern will.
Eine zweite Teilnehmerin räsonnierte: »Bei der Position meines Mannes kann ich mir eine Unterschrift gar nicht erlaube. Er ist im Staatsdienst.«
Die Frauen beschließen, die Sache erst einmal zu überschlafen, im übrigen aber auch mit Freundinnen in anderen Städten über den Appell zu sprechen.“ ([4], S. 21f)

Das heißt nicht, daß aus der Frauenaktion 70 keine Unterschriften kamen – von der Handvoll Frauen aus der Frauenaktion 70, deren Namen ich kenne, finden sich immerhin zwei auf der Liste im Stern. Doch diese anfängliche Zögerlichkeit scheint Schwarzer, der so etwas immer fremd war und die auch aus Frankreich anderes gewohnt war, gegen die Frauenaktion 70 eingenommen zu haben, weshalb sie deren Rolle in der Entstehungsphase der Aktion künftig herunterspielte.

Seien Sie gespannt, wie es weiter geht, und freuen Sie sich auf nächste Woche, wenn ein Generalstaatsanwalt erklärt:

„Also wissen Sie, wenn ich den STERN mit dieser Veröffentlichung im Café lese, dann blättere ich lieber schnell darüber hinweg. Aber wenn mir die Veröffentlichung als dienstlicher Vorgang auf den Tisch kommt, dann kann ich kein Auge zudrücken, dann muß ich ermitteln.“ ([1], S. 22)

Nachweise

[1] Redaktioneller Beitrag, „Was werden die Staatsanwälte tun?“, in: Stern, Jg.24 (1971), Nr.24 (6. Juni 1971), S.22.

[2] Scheunemann, R. & Scheunemann, K.: „Die Kampagne der ‚Frauenaktion 70‘ gegen den § 218“, in: Grossmann, H. (Hg.), Bürgerinitiativen. Schritte zur Veränderung?, Frankfurt a.M. 1973 (3. Aufl.), S. 68 – 84.

[3] Schulz, K., Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a.M. / New York 2002 (http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e6141/e8165/datei/datei/schulz_provokation_ger.pdf).

[4] Schwarzer, A., Frauen gegen den § 218. 18 Protokolle, Frankfurt a.M. 1971.

[5] Schwarzer, A., „374 Frauen bekennen vor der Öffentlichkeit: Wir haben abgetrieben“, in: Stern, Jg.24 (1971), Nr.24 (6. Juni 1971), S.16 – 24.

[6] Schwarzer, A., „Mein persönliches 68“, in: Emma, Jg.32 (2008) (http://www.emma.de/artikel/alice-schwarzer-mein-persoenliches-68-263763).

[7] Schwarzer, A., Lebenslauf, Köln 2011.

Written by alterbolschewik

24. Oktober 2014 at 16:48

Anruf bei Alice Schwarzer

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Der Kampf gegen den § 218 (14)

„Wo aber sind sie, die aufmüpfigen Frauen? Ich suche, doch ich kriege sie nicht zu fassen.“

Alice Schwarzer

Was bisher geschah: Angeregt durch den Journalisten Jean Moreau organisierte eine Gruppe von Frauen aus dem Mouvement de Libération des Femmes (MLF) um Anne Zelensky eine Bekenntnisaktion: 343 Frauen erklärten im Nouvel Observateur, daß sie gegen das Gesetz verstoßen und abgetrieben haben. Die Aktion machte Furore, nicht nur in Frankreich, sondern auch im Ausland.

Kurz nach der Veröffentlichung des Abtreibungs-Manifestes klingelte das Telefon beim Nouvel Observateur. Eine deutsche Zeitschrift namens Jasmin erkundigte sich nach dem Initiator und wurde an Jean Moreau durchgestellt. Jasmin hatte die Absicht, die Aktion in Deutschland zu wiederholen.

Um die ganze Ironie dieser Geschichte zu vestehen, muß man wissen, daß Jasmin 1968 die Antwort des Springer-Verlags war, mit der dieser auf den sexuell liberaleren Zeitgeist reagierte. Das Blatt trug den Untertitel „Die Zeitschrift für das Leben zu zweit“ und drehte sich vor allem um Beziehungsgeschichten. Der Spiegel charakterisierte damals die erste Nummer folgendermaßen:

„Thematik: Wie reiche Männer ihre Frauen verwöhnen. Die geheimen Wünsche der verheirateten Männer. Der Versager mit den zarten Händen. […] Der größte Heuler innerhalb des »Jasmin«-Heftes ist ohne Frage »Das Lexikon der Erotik«. Natürlich unter wissenschaftlicher Beratung eines Professors. »Dieses Lexikon ist ein Beitrag für Erwachsene, nicht für Kinder und Jugendliche. Deshalb sind die Seiten geschlossen. Sie können herausgelöst und aufgeschnitten werden, ohne daß das übrige Heft beschädigt wird.« Keine Frage, daß sie aufgeschnitten werden. Es beginnt mit »Abartig«, geht über »Abortus«, »Abtreibung« zu »Adam und Eva«, »Alter Jungfer«, »Anal-Erotik« bis »Außerehelicher Geschlechtsverkehr«.“ ([2], S. 28)

Das Heft wurde mit gigantischem Werbeaufwand in den Markt gedrückt, startete mit einer Auflage von 900.000 Exemplaren und überschritt schon mit dem zweiten Heft die Millionengrenze. Aus kartellrechtlichen Gründen verscherbelte Springer das Blatt nach wenigen Monaten an Gruner + Jahr, inhaltlich blieb sich das Blatt zunächst treu. Doch die Zahl der Leserinnen und Leser fiel kontinuierlich. Und so hatten sich die Jasmin-Redakteure offentlich überlegt, mit einer deutschen Kopie des französischen Abtreibungs-Manifests die Auflage wieder in die Höhe zu treiben. Doch Jean Moreau, der das Ganze aus Überzeugung angeleiert hatte, war zurecht mißtrauisch, und so rief er bei Alice Schwarzer an:

„Alice, eben hat bei uns eine deutsche Zeitschrift namens Jasmin oder so ähnlich angerufen. Sie wollen unser Manifest auch in Deutschland machen. Aber ich habe das Gefühl, dass die das nicht wirklich politisch meinen, sondern auf die Sensationsmasche gehen. Kannst du nicht mal überlegen, mit welcher Zeitschrift man das in Deutschland machen könnte?“ (zit. nach [3], S. 235)

Nun liegt es heutzutage natürlich auf der Hand, bei so einem Thema Alice Schwarzer anzurufen. Doch wie kam Jean Moreau 1971, als praktisch niemand wußte, wer Alice Schwarzer war, auf diese Idee? Die Antwort ist einfach.

Bereits 1964 war Schwarzer als Au-pair-Mädchen nach Paris gegangen, gab das aber schnell auf und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, während sie die Sprache lernte. Ihr Traum aber war es, Journalistin zu werden. Noch von Paris aus bewarb sie sich an der Münchner Journalistenschule, fiel aber durch die Aufnahmeprüfung. Ende 1965 ergatterte sie ein Volontariat bei den Düsseldorfer Nachrichten und verließ Paris. Später landet sie bei Frau und Film und schließlich bei der Satirezeitschrift Pardon. Doch auch bei Pardon hielt es sie nicht lange – 1969 zog sie wieder zurück nach Paris, zu ihrem langjährigen Liebsten Bruno, schlug sich dort als freie Journalistin durch und studierte nebenbei, natürlich in Vincennes:

„Wir sind in Vincennes am Rand von Paris, wo ich seit Herbst 1969 studiere. Endlich. Soziologie und Psychologie. Das geht, weil die »rote Fakultät« kein Abitur verlangt. Doch es geht nur mit Teilzeit, weil ich einen Beruf habe, der mich stark in Anspruch nimmt. Also nehme ich das Studium locker, aber das tun wir alle in dieser Zeit.“ ([3], S. 197)

Die erste Frauendemo in Vincennes verpaßt sie, weil sie an diesem Tag auf Deutschlandreise ist. Dann liest sie, wie auch Anne Zelensky, den Artikel der Geschwister Wittig in L’Idiot international. Auch sie versucht über die Zeitschrift Kontakt mit den Frauen aufzunehmen, erhält aber ebenfalls keine Antwort. Auch während der Kranzniederlegung für die „Unbekannte Frau des unbekannten Soldaten“ ist sie nicht in Paris – da ist sie mit Bruno in Italien im Urlaub.

„Ein paar Wochen später legt Bruno mir zufrieden lächelnd partisans auf den Tisch, eine Art französisches Kursbuch. Er hatte die Ausgabe in der linken Buchhandlung Maspero entdeckt. Auf dem Cover prangt das Frauenzeichen – der von den Amerikanerinnen eingeführte Venusspiegel –, darüber steht »Libération des femmes« und darunter »Année zero« (Das Jahr null). Ich bin elektrisiert.“ ([3]; S. 198)

Wieder versucht sie, über den Verlag an die Herausgeberinnen heranzukommen, wieder erhält sie keine Antwort. Dann kommt ihr der Zufall zu Hilfe:

„Es ist meine Freundin Sonja, die Malerin, die eines schönen Septembertages zu mir sagt: »Alice, ich glaube, ich habe die Frauen getroffen, die du suchst. Ich war gestern mit so einer Bande beim Bretonen. Sie haben den ganzen Abend nur über den klitoralen Orgasmus geredet.« Beim Bretonen im alten Montparnasse-Viertel, der mit seiner köstlichen Fischsuppe und den riesigen Taschenkrebsen unser aller Stammlokal war. Ich bin erfreut, doch irritiert zugleich. Über den klitoralen Orgasmus hatte ich doch noch nie gesprochen, oder?“ ([3], S. 199)

Die Vermutung erwies sich als richtig. Von da an war Schwarzer immer mit dabei:

„Dieser Herbst, Winter, Frühling 1970/71 ist wie ein Rausch. Treffen in der »kleinen Gruppe« mit Anne [Zelensky], Monique [Wittig] und Christine [Delphy]; Vollversammlungen, Feste, Bouffes (im Restaurant oder wir kochen zusammen). Erst sind wir ein, zwei Dutzend; dann ein-, zwei-, dreihundert und bald ist das ganze Land infiziert.“ ([3], S. 200)

Die erste Aktion, an der sich Schwarzer beteiligte, ist der Eklat, den das MLF bei der Eröffnung der »Etats généraux de la Femme« der Zeitschrift Elle im November 1970 provozierte. Und vor allem gehörte sie zu der kleinen Gruppe von Frauen, die mit Hilfe von Simone de Beauvoir die Unterschriftenliste unter das Abtreibungsmanifest organisierten. Sie unterschreibt allerdings nicht selbst:

„Ich habe die Aktion zwar mit organisiert, kann mir jedoch nicht erlauben zu unterzeichnen. Denn als Ausländerin mit befristeter Aufenthaltsgenehmigung kann ich bei Gesetzesverstoß ausgewiesen werden.“ ([3], S. 209)

Aber Jean Moreau kannte natürlich Alice Schwarzer, die Deutsche im MLF, denn dort war sie durchaus eine auffällige Figur:

„Alice Schwarzer ist im MLF bald für ihre Redefreudigkeit bekannt. »Sie redete viel, und jedesmal machte es „bumm“ wie bei einem Donnerschlag«, spöttelt eine frühere MLF-Frau. Alice sei als »eher deutsch« wahrgenommen worden. Außerdem habe sie eine »große Schnauze gehabt«, ergänzt eine andere Ehemalige.“ ([1], S. 79)

Insofern war es natürlich logisch, daß Schwarzer für Moreau die erste Adresse war, als sich die Jasmin bei ihm meldete, um die Aktion in Deutschland zu kopieren. Und von da an nahm Alice Schwarzer das Heft in die Hand.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche (wahrscheinlich erst am Samstag), wenn Alice Schwarzer meint:

„Ich überlegte nur kurz. Dann griff ich zum Telefon und rief Winfried Maaß an, Ressortleiter beim Stern. Mit ihm hatte ich ab und an beruflich zu tun, und die politische Illustrierte schien mir das passende Forum für diese Aktion.“ ([3], S. 235)

Nachweise

[1] Mika, B., Alice Schwarzer. Eine kritische Biographie, Reinbek bei Hamburg 1998.

[2] Redaktioneller Beitrag, „Elefant mit fünf Beinen“, in: Der Spiegel, Jg.22 (1968), Nr.12 (18. März 1968), S.28 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46106695.html).

[3] Schwarzer, A., Lebenslauf, Köln 2011.

Written by alterbolschewik

10. Oktober 2014 at 18:14