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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Gegen den Cock-Rock! Auch heute noch!

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„Gegen die rockistisch wertkonservative Auffassung von Kontinuität betont Reynolds den Bruch, den Neuanfang, den Remix als ästhetische Matrix im Augenblick seiner technischen Machbarkeit. Folglich sind eben nicht „White Riot“ und „God Save the Queen“ die wichtigsten Singles des Punkjahrs 1977, sondern „Trans Europe Express“ und „I Feel Love“. Der Electro-Pop von Kraftwerk und der für die Afroamerikanerin Donna Summer produzierte Synthesizer-Disco-Track des weißen Südtirolers (und Neffen von Luis Trenker) Giorgio Moroder öffnen Fenster – nach Europa und in die Zukunft, auch die amerikanische. „Trans Europe Express“ sollte Africa Bambaataa als Steinbruch für die Zukunft von Hip Hop und Elektro dienen. Postpunk erbringt den nachträglichen Beweis, daß Punk und Disco keine antagonistischen Strömungen waren, sondern – im Idealfall – Verbündete gegen die heteronormative Rockorthodoxie mit ihren Authentizitätsmythen.“

Klaus Walter, Delirum und Klarsicht, Vorwort zu: Simon reynolds, Rip it up an start again, Höfen 2007, S. 13

„Der Bass gab seine bislang unauffällige Unterstützerrolle auf und trat als führendes Instrument in den Vordergrund und erfüllte auch dann Melodiefunktionen, wenn er gleichzeitig den Groove vorantrieb. In dieser Hinsicht blieben die Basssisten des Postpunk den Innovationen von Sly Stone und James Brown dicht auf den Fersen und lernten vom damals aktuellen Roots Reggae und Dub. Punk, der es auf einem miltanten und aggressiv monolithischen Sound anlegte, hatte dem Rock das „Schwarze“ fast vollständig ausgetrieben, die Verbindung zum R & B gekappt und Disco gleichzeitig als realitätsfremd und banal zurückgewiesen. Ab 1978 machte in Postpunkkreisen jedoch das Konzept der gefährlichen Tanzmusik die Runde, was sich in Genrebezeichnungen wie „Perverted Disco“ und „Avant Funk“ niederschlug.“

Simon Reynolds, ebd. S. 25

Habe ich schon mal von meiner linken Buchhandlung auf dem Schulterblatt geschwärmt? Ist immer ein wenig, als spaziere man direkt zurück in der Zeit mitten in die dollsten Zeiten der Alternativszene 1981. Großartig in Look & Feel & Sortiment. Und dann steht da heute dieses Buch, das zitierte, das berühmte „Never mind the bollocks“-Cover visuell kopierend – und schon das Vorwort zur deutschen wie auch zur englischen Ausgabe: Eine Offenbarung in Zeiten, wo schwarz gegen schwul und jüdisch ausgespielt wird, zum Kotzen, und das Dylan-Paradigma des „Musikhörens als würde man Gedichte lesen“ als Ersatz für das bildungsbürgerliche Distinktionsgehabe von einst herhalten muß.

Was nur man immer noch spürte und ahnte, aber ja wußte, weil man da her kommt, wenn auch leider nicht aus England, sondern aus Niedersachsen, dieses Buch rekonstruiert es systematisch, denn: Es gibt gute Gründe, sich auch diesem Kampf in der Geschichtsschreibung immer wieder neu zu stellen. Weil die Musik von The Clash für mich doch wichtiger war als jedes Gedicht von Goethe … und weil Gang of Four echte Marxisten waren, worauf Ted Gaier in einem dem Vorwort vorangestellten Zitat deutlichst verweist.

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Written by momorulez

4. November 2008 at 17:05

Veröffentlicht in Disco, Pop

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„Eine öffentliche Meinung gibt es nur dort, wo Ideen fehlen“ (Oscar Wilde)

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Written by momorulez

30. August 2008 at 17:31

Whole Lotta Love: I’m a man

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Na, dann setze ich doch mal meinen Grundkurs in „den anderen Revolutionen“ für meinen autonomen Mitblogger fort 😉 :

„Die New Yorker Disco-DJs der ersten Stunde waren jung, schwul, langhaarig, und ihre Name endeten stets mit einem o. Sie legten fünfmal pro Woche nicht unter acht Stunden auf, jagten in der übrigen Zeit fieberhaft nach Platten und schliefen praktisch nie – auch dies eine (chemische) Wissenschaft, die sie zur Vollendung trieben, für die sie aber auch einen hohen Preis zahlten. Im Film begegnet man dem späten Steve D’Aquisto und Francis Grasso – Letzterer ein schlimmes Wrack, der um 69 in einem Club namens „The Sanctuary“ experimentelle Ideen und Zustände hatte wie: den Acapella-artigen Part von Led Zeppelins „Whole Lotta Love“ über das Percussionintro von Chicagos „I’m A Man“ zu mixen. In meiner Welt entspricht das ungefähr der Erfindung der Glühbirne.“

„Das freie Ausleben schwuler Sexualität wurde im Sanctuary gefeiert. Und diese hocherotische, hemmungslose Feier wurde zur Grundlange für Disco. Das sehnsüchtige Stöhnen der Donna Summer Jahre später war nur ein blasser Abklatsch der ungezügelten Sexualparktik in den ersten Disco-Clubs. Das Sanctuary funktionierte als erster Hort schwuler Militanz, denn bei den Tänzern in der Kriche hatte sich ein starkes Gefühl von Zusammengehörigkeit, gmeinsamer Stärke und Macht formiert. Als die Polizei immer öfter Razzien veranstaltete, schlug dieses Gefühl der Gemeinsamkeit um in Rebellion. Auf die Aufforderung Grossos, den Club für die Razzia zuverlassen, schrien die euphorisierten Massen: „Fuck you! Let the cops carry us out!“

Aber nicht wegen der vielen Drogen oder der blasphemischen Orgien wurde das Sanctuary schließlich geschlossen, sondern wegen Hunderten von Männern, die vor der Kirche warteten, miteinander flirteten, lachten, schrien oder – nach Angaben von Zeugen – in Hauseingängen Oralverkehr hatten. Im April 1972 ließ die Stadt das Santuary schließen.“

Ulf Poschardt, DJCulture, Reinbek bei Hamburg 1997, S. 112

Achtung, der Sound bei der zweiten Verlinkung ist äußerst grenzwertig, aber man bekommt eine Ahnung, wenn man in diese längst vergangenen Pionier-Zeiten hinein hört …

Written by momorulez

26. August 2008 at 20:31

Veröffentlicht in Pop, Von Sternen und Sternbildern

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