shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for November 2008

Cluster: Von der Zurichtung des Menschen zum Funktionieren in der postfordistischen Gesellschaft und der Perspektive des Widerstands

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Ich gestehe, ich werde rückfällig. Ich gebe nicht, wie geplant, meine endgültige Rezension des Buchs von Detlef Hartmann und Gerald Geppert erst nach vollständiger Lektüre zum Besten, sondern mache da weiter, wo ich jetzt bin. Auch wenn jene Textpassage, die Momorulez so aufbrachte, anderes anzudeuten scheint, aber die Autoren sind keineswegs die Seher auf dem Elfenbeinturm, sondern durchaus Empiriker. Empiriker im Sinne der militanten Untersuchung.

http://www.labournet.de/diskussion/geschichte/birke.html

In diesem Fall bestand diese im Bezug auf die teilnehmende Beobachtung am Streik bei Gate Gourmet. Auch die Frage, was in der sehr viele Schlagworte unerklärt und in höchst dramatisierender Sprache vortragenden Einleitung mit sich selbst neu erfinden bzw. einem gesellschaftlichen Zwang dazu gemeint ist, wird noch viel klarer, sowohl bei neuen Eliten, die sich selbst neu erfinden und viel unhierarchischer und sympathischer wirken, in ihrem tatsächlichen Wirken aber nicht besser sind als die alten Mächtigen, als auch im Anpassungszwang bei den Unterworfenen, die in McKinsey-geschulten Programmen zur Verinnerlichung marktwirtschaftlichen Denkens, schlanker, von eigenverantwortlicher Arbeitsweise geprägter Betriebsstrukturen und Effizienzdenken bis in ihre Gefühlsökonomie hinein angehalten werden. Selbst das Burn-Out-Syndrom wird in therapeuthischen Modellen zur Arbeitseffiziensteigerung sozusagen nach vorne kuriert, um nur ja keine Ursachen außerhalb der Verarbeitungsweise der eigenen Persönlichkeit erkennbar werden zu lassen. Der Mobbing-Gegner hatte mit solchen Strukturen seine speziellen Erfahrungen gemacht.

http://che2001.blogger.de/stories/349727/

http://che2001.blogger.de/stories/716362/

Schließlich wird dennoch eine Perspektive auf Widerstand durch Behauptung des Eigen-Sinns erkennbar. Ich möchte jetzt eng an Textauszügen arbeiten, vielleicht wird damit auch verständlich, was bislang beim lesenden und kommentierenden Publikum eher für Ratlosigkeit gesorgt hat.

„Nicht eiserner Rationalisierungszugriff charakterisiert exemplarisch die Mitarbeiter der neuen Spitzenunternehmen im Silicon Valley, sondern der sogenannte Googleness-Faktor: spitzenabschluss einer Spitzenuniversität ja, Führungserfahrung ja, aber keine Grabenkämpfe, kein Machtgehabe. Die Google-Gründer möchten das Universitätsflair erhalten, das sie als Stanford-Zöglinge genossen haben: Die Unbeschwertheit, den Mut, Unerlaubtes zu denken, kindlich neugierig und schlecht angezogen zu sein. Die Spiegel-Berichterstatterin Michaela Schiessel jubelt in ihrem Artikel: „Vielleicht ist das ja das wahre Erfolgsgeheimnis der Firma Google: Alphamännchen müssen draußen bleichen.“

Verfrühter Jubel. In der Transformation der innovativen Technologien und ihres Unterwerfungsmanagements haben sich periodisch immer neue Gestalten des Alphamännches hervorgebracht. Der Google-Typus ist nicht der alte servant of power der tayloristischen Stab-Linienhierarchien – Leittypus auch einer neuen Bürgerlichkeit. Google, Yahoo und ihre Konkurrenten stellen derzeit die Upstarts der neuen „social networks“ wie Flickr, Facebook, MYSpace, You Tube in ihren Dienst, deren kreative Innovateure diesem neuen Sozialtypus neue Gestalten und Gesichter geben. Ihr Charkater ist keine Maske. Sie sind die kreativen Unternehmer neuer Initiativen kapitalistischer Bemächtigung im Sinne Schumpeters. Wie sehr es neben Reich- und Herrentum auch der Drang zur Selbstverwirklichung ist, der sie treibt, enthüllt auch ein Bericht über die Eliten von Silicon Valley von Gary Rivlin, den die New York Times kürzlich im Rahmen ihrer Serie über das „Age of Riches, die Junior Mogule“ abdruckte. Nach dem Erfolg machen junge Unternehmer immer weiter, sagt er und zitiert einen am unteren rand der Milliardengrenze angekommenen Jungunternehmer: „Ich wüsste nicht, was ich machen sollte, wenn ich nicht Unternehmen gründen würde. Vielleicht würde ich daran denken, mir die Pulsadern aufzuschneiden.“ Dieser Typus bildet den hegemonialen Kern der „ganz kreativen Klasse“, die Holm Friebe und Sascha Lobo als führendes Element der prekarisierten Intelligenz ausmachen“

– Ob prekarisiert oder tatsächlich mächtig, ob idealtypisches Muster neben anderen, teils ähnlichen, teils alternierenden Möglichkeiten, die Betrachtung typisiert eine Art von Unternehmertum einschließlich einer sich in ihrem ideologischen Schlepptau befindlichen Boheme, die für das digital-neoliberal-deregulierte Zeitalter so archetypisch erscheint wie liberale Bourgeoisie und klassische Boheme sowie keynesianische, teils industrielle, teils bürokratische Elite und in gesellschaftlichen Nischen sich einrichtende Alternativszene für das bürgerliche Zeitalter und die Nachkriegsgesellschaft des wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus. Diese tatsächlichen und vermeintlichen Eliten korrespondieren und wechselwirken mit einem veränderten Proletariat. Längst befasst sich eine Flut von Coaching-Literatur damit, wie Arbeitnehmer dazu gebracht werden können, sich zu „optimieren“ und, selbst angesichts persönlicher Lebenskrisen im Zusammenhang mit Überlastung das für den Job optimale Maximum aus sich herauszuholen, ja, Burnoutsyndrome als Herausforderungen zu betrachten. Das betrifft nicht etwa nur, wie in den Diskussionen zum Burnout in den Achtzigern Manager und Führungskräfte, sondern abhängig Beschäftigte bis zum HartzIV-Empfänger. „Die Komponente der geistigen Erschöpfung bezieht sich vor allem auf eine negative Einstellung im Hinblick auf das Selbst, die Arbeit und das Leben im Allgemeinen. Darunter fällt auch die Tendenz zur Dehumanisierung. Das Bild des idealen Arbeitnehmers mutierte vom angepassten Befehlsausführer hin zum unternehmerisch Mitdenkenden, Verantwortung übernehmenden Quasi-Unternehmer. … Orientiert an diesem Bericht aus der kapitalistischen Propagandaproduktion… bleibt es ein „Defekt“ der Seele unter den nur oberflächlich kritisierten Diktaten postmoderner Selbstoptimierungszwänge. Der Angriffscharakter wird ausgeblendet, der Antagonismus (der Klassenverhältnisse, Anm. d,. Verf) gerät nicht in den Blick und damit auch nicht der unergründliche Rückraum für die Herausbildung neuer Formen des widerständischen Selbst. Meditation, Qigong und Yoga, richtiges Atmen etc. gehören mit zur Rezeptur. Der Bezugsrahmen der wissensökonomischen Offensive leuchtet auch darin auf, dass der „Vertrag mit sich selbst analog einer persönlichen Zielvereinbarung nach dem Management-by-Objectives-Modell“ wie im Produktionsbereich und im HartzIV-Fallmanagement zu den Techniken therapeuthischer Selbsteinspeisungspraktiken gezählt werden. Neben und auch angeregt durch Microsoft haben eine reihe weiterer Unternehmen Work-Life-Balance-Coaching in ihre Personalmanagementprogramme aufgenommen…. Der innerbetriebliche Drucl, sich den Coachingprogrammen zu unterwerfen, erschließt dem Wissensmanagement neue Felder – Ressourcen und Labore in einem. hierin berühren und verweben sie sich mit den Strategien der Arbeitsressourcenerschließung im HartzIV-Fallmanagement. In dieser Zuspitzung inmitten der Krankheitssymptomatik der Selbstunterwerfungskrisewird gleichwohl deutlich, was die Geschichte der Klassenauseinandersetzungen – auch im Spiegel ihrer Arbeitspsychologie und Philosophie – imer wieder und nunmehr auf neuem historischen Niveau zeigt: Das Selbst ist nicht operationalisierbar, es sperrt sich in immer neuen Ausdrucksformen gegen die Strategien inwertsetzender Gewalt und Zugriffe.“

Dies wäre wahrscheinlich ein Satz für Momorulez und sozusagen Gegenpart zu der Kontextualisierung, mit der Hartmann weiter oben denBegriff des Sich neu Erfindens gebraucht hatte. Insofern bin ich auch nicht der Meinung, dass hier ein Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde. Am Beispiel des Streiks bei Gate Gourmet umreisst Hartmann dann,wie sich einerseits die McKinsey-induzierten Anpassungs- und Selbsterziehungzwänge anfühlen und wie gerade diese Zwänge zur Reibungsfläche wurden, an der der Widerstand etflammte: „Ob man das glaubt oder nicht: wir haben uns während des Streiks öfter darüber unterhalten: Ich kriege diesen Virus nicht raus. Wenn ich in meiner Küche einen Kaffee koche, dann überlege ich mir schon, welche Wege kann ich sparen, oder welche Sachen kann ich gleich mitnehmen, damit ich nicht dreimal laufe. Das Unterbewusstsein ist soweit festgenagelt, dass du dir jeden einzelnen weg überlegst: Was kannst du damit verbinden, wie kannst du noch optimaler deinen tag durchziehen und das im privaten Bereich – soweit sind wir!….Mit demStreik haben die Arbeiterinnen die Reißleine gezogen. Es ging auch , aber nicht allein um die Löhne. MENSCHENWÜRDE war ein Wort, das fast auf allen Transparenten stand. Im Laufe der Zeit wurden Beziehungen zu den Arbeiter/innen, die gegen Gate Gourmet auf dem Londoner Flughafen Heathrow streikten geknüpft, gegenseitige Besuche organisiert. es wurden Zugänge zu anderen Bereichen gesucht, in denen McKinsey ähnliche rationalisierungsstrategien verfolgt, wie zum Beispiel in Krankenhäusern. Es war der Streik selbst, in dem die Arbeter/innen ihre Menschenwürde zurückeroberten, ihre sozialen Zusammenhänge, ihr individuelles und kollektives Selbst wiederherstellten….Für kurze Zeit gewann das Gestalt, was Walter Benjamin in dem Satz ausdrückte: das Subjekt historischer Erkenntnis ist die kämpfende, unterdrückte Klasse selbst. Es wurde deutlich, dass es keine Wissenschaftlichkeit, kein Gegenstandswissen zu diesen Prozessen geben kann, sondern das die einzige Wissenschaftlichkeit das im Kampf entwickelteGegenwissen ist, das erst die Bedeutung der neuen sozialtechnischen Strategien als Strategien des sozialen Kriegs offenlegt. Es verweist die Wissenschaftlichkeit der Beratungsunternehmen, der Arbeitswissenschaften und -soziologie in den Bereich der Kriegswissenschaften. Es gibt keine idealtypik, keine Paradigmen, diese stellen nur die wechselnde Leitbegrifflichkeit an den beweglichen Fronten der auseinandersetzungen dar. WISSEN ist das asus den Auseinandersetzungen hiermit gewonnene GEGENWISSEN. Es ist das Wissen nicht des Getriebes, sondern des Sands.“

Und aufgrund dieser Schlussfolgerng bin ich er Auffassung, dass Sennett allerdings Hartmann und Geppert nicht ersetzen kann.

Neue Klarheit, neues Thema

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Ich komme ganz oft nicht mit, wenn hier über Politik geredet und gestritten wird. Bin einfach überfordert, wahrscheinlich auch ein wenig naiv. Ich mag aber klare Formate, in denen lässt sich gut denken. Ungestört.

Was meint ihr?

Written by ring2

26. November 2008 at 11:00

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Besuch der Tochter des Rabbiners

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Meine Mutter war in der Schulzeit mit der Tochter eines Rabbi befreundet gewesen. Sie hatte sie öfter in der Synagoge besucht, was damals nun nicht gerade als botmäßiges Verhalten angesehen wurde. Als Tochter eines Mannes, der 2 Jahre wegen „reichsfeindlicher Kontakte zu Juden“ im Knast gesessen hatte war sie allerdings in der öffentlichen Wahrnehmung wahrscheinlich ohnehin jenseits von Gut und Böse. Kurz vor der Reichspogromnacht bekam der Rabbi von der Polizei einen Tipp, er sollte doch mal eine Auslandsreise antreten und es besser so einrichten, dass er nicht zurückkäme. So verschwand die Familie im Oktober 1938. Jetzt, 70 Jahre später, war sie zu Besuch. Es war wunderschön zu sehen, wie die alten Leute da zusammernsaßen, in Fotoalben aus den 30er Jahren und alten Schulzeugnissen kramten und sich gegenseiti ihre Lebensgeschichten erzählten. Einmalig!

Neue Minen

Es gibt auf SR verminte Areale. Butler ist eins, Erkenntnistheorie war ein zweites. Jetzt haben wir ein drittes: „Sich selbst neu erfinden“.

Die durch keine Besinnung mehr gebremsten Invektive gegen Che, die ihn aussehen lassen wie einen reaktionären Arsch, der auf der anderen Seite der Barrikade steht, sind intolerabel. Das muß aufhören. Auf der Stelle.

Momorulez kritische Zuckungen an den von Che begeistert zitierten Stellen sind auch meine. Die mehrfach von M. ablehnend zitierten Geppert-Passagen halte ich ebenfalls für problematisch, gelinde gesagt. Wie ein kritischer Geist wie Che den Geppert mit der „Dialektik der Aufklärung“ zu vergleichen vermag, aber bitte sehr, mein Herr; das kann doch wohl nicht wahr sein, denn zwischen Planeten, Staubkörnern und Galaxien möchte wir doch noch unterscheiden können.

Kommen wir nun zu „Sich selbst neu erfinden“. Das ist ein Topos, und als solcher ist er zu würdigen. Netbitch feiert, im Anschluß an Momorulez Lehre der Neuerfindung, den Topos als die schlechthinnige Essenz des Linksseins ab, was mir abermals einpaukt, warum ich kein Linker bin. Man ist ja geneigt, das für Koketterie meinerseits zu halten, sollte da aber nicht sich täuschen.

G-W-G‘ ist die Formel des Kapitals, worin es sich stets neu erfindet in der Produktion des akkumulierbaren relativen Mehrwerts, included der Treiber der materialen Innovation der auf Technik und Wissenschaft beruhenden Produktivkräfte, welche die Kapitalformel ihrerseits treiben. Es sollte darum dem Gedanken Raum gegeben werden, ob nicht die Sprache des sich selbst neu Erfindens nur ein blinder Reflex jener Formel selber ist.

Empirisch spricht dafür der von Che notierte Umstand der Verwendung des Selbsterfindungstopos durch institutionelle Stützkorsette des Bestehenden.

Wenn nun, wie gezeigt, logisch wie empirisch der Topos des sich selbst neu Erfindens aufgeht im Affirmativen, dann kann „Sich selbst neu erfinden“ nicht länger Gegenstand ernsthafter Erwägung einer Website sein, die sich „Shifting Reality“ nennt, es sei denn, die Shifts wiesen in den Abgrund, vorsätzlich.

Written by Noergler

24. November 2008 at 4:49

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Wie man das auch beschreiben kann, ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten …

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Written by momorulez

23. November 2008 at 13:31

Mal ’ne Lebensbeichte: Gibt ja so Sätze …

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… die so wichtig für mich sind, daß sie mein ganzes Leben prägen. Und paradoxerweise dann in der Kritik von Identitäts-Modellen sowas wie eine Identität generieren. Das ist hier sind solche für mich:

„Zur Zeit braucht die Schwulenbewegung eine Kunst des Lebens viel dringender als eine Wissenschaft oder ein wissenschaftliches Wissen (oder pseudo-wissenschaftliches Wissen) von Sexualität. Sexualität ist Teil unseres Verhaltens. Sie ist Teil unserer Freiheit. Sexualität ist etwas, was wir selbst schaffen – sie ist unsere eigene Kreation und viel mehr als das Aufdecken einer geheimen Seite unseres Begehrens. Wir müssen verstehen, daß in und durch unsere Begehren hindurch neue Formen von Beziehungen verlaufen, neue Formen der Gestaltung. Sex ist kein Schicksal; es ist eine Möglichkeit das Leben zu gestalten.

Darauf läuft es hinaus, wenn Du davon sprichst, daß wir versuchen sollten, schwul zu werden – und uns nicht nur als schwul zu bestätigen.

Ja, genau. Wir müssen nicht entdecken, daß wir Homosexuelle sind.

Oder was die Bedeutung davon ist?

Genau. Eher müssen wir ein schwules Leben entwerfen. Werden. […]

Wenn man sich anschaut, wie verschiedene Leute ihre sexuellen Freiheiten gelebt haben – wie sie ihre Kunstwerke geschaffen haben – müsste man sagen, daß Sexualität, so wie wir sie kennen, zu einer der kreativsten Quellen unserer Gesellschaft und unseres Seins geworden ist. Meiner Meinung nach sollte man es umgekehrt sehen: Im allgemeinen wird Sexualität als das Geheimnis des schöpferischen kulturellen Lebens angesehen; sie ist aber viel eher ein Prozeß, in dem wir ein neues kulturelles Leben entwerfen, das tiefer geht als sexuelle Wahlmöglichkeiten zu haben.

(…) wenn Identität zur Frage sexueller Existenz wird, und wenn Leute glauben, daß sie ihre „eigene Identität aufdecken“ müssen und daß diese zum Gesetz werden muß, zum Prinzip, zum Code ihrer Existenz; wenn sie beständig die Frage stellen „Entspricht das meiner Identität?“, dann kehren sie zurück zu einer Ethik, die der der alten heterosexuellen Männlichkeit sehr nahe ist. Wenn wir zur Frage der Identität Stellung nehmen müssen, dann sollte es um eine Identität zu unserem eigenen Selbst gehen. Aber die Beziehungen zu uns selbst, sind keine identitären; viel eher sind sie Beziehungen von Differenzierung, Kreierung und Erfindung. Stets dasselbe zu sein ist wirklich langweilig.“

Michel Foucault

Diese späten Interviews mit Foucault haben einst tatsächlich mein Leben verändert, meine Haltung, meine Praxis, mein Denken. Sehr weit über das Thema „Sexualität“ bzw. „schwul“ hinaus: Das betrifft auch den Umgang mit allen „Wurzeln“, seien es „kulturelle“ oder „familiäre“, seien es Szene- und Schicht-Zugehörigkeiten oder Berufs-„Identitäten“. Für mich war das der Abschied, ja, die Befreiung vom Freudomarxismus, von der vulgärpsychoanalytischen Hermeneutik des vorgängigen Selbst, von allen Entfremdungsmodellen, die Formen der „Eigentlichkeit“ (Heidegger) in sich selbst aufspüren wollen, um handeln und sein zu können.

„Ästhetik der Existenz“ wurde dann ja Schlagwort mit fataler Wirkungsgeschichte, nichtsdestotrotz: Meiner Ansicht nach kann man Foucaults Kritik der Macht nicht lesen, ohne sich zu fragen, was ihn zu diesem dubiosen, aber großartigen Spätwerk trieb.

Wer diesen und ähnlichen in den späten Interviews geäußerten Gedanken Foucaults nicht folgen will, kann ja gerne „authentisch“ bleiben … klar ist: Eine Kritik der politischen Ökonomie konnten sie nie ersetzen, und auch nicht eine Kritik der „entfremdeten Arbeit“. Aber wollten sie auch nie. Auch wenn Herr Welsch das gerne so gehabt hätte …


Written by momorulez

22. November 2008 at 11:05

Sperma ist ekelhaft!

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Na, da kann man ja mal wieder verfolgen, wie heutzutage Bevölkerungsbestandteile sortiert werden: Plötzlich ist die Konfession wieder Trumpf.  Keine Angabe dazu, um was für Schulformen es sich handelt, oder zur Schichtzugehörigkeit, zu politischen Präferenzen, Lieblingspopstar, Berufsgruppen der Eltern oder sonst irgendeinem relevanten Merkmal – nö, die Welt besteht jetzt aus der Kreuztabelle: Mann/Frau und evangelisch/katholisch/muslimisch/atheistisch.

„Mittel zum Erkenntnisgewinn war eine Meinungsumfrage unter 968 Schülern des Schulzentrums und der benachbarten Gesamtschule Ost. Dabei zeigte sich, dass 40 Prozent der muslimischen, 23 Prozent der katholischen und zwölf Prozent der evangelischen Jugendlichen Homosexualität immer noch für eine Krankheit halten. Bei den Nichtgläubigen waren es knapp elf Prozent.

Zumindest unmoralisch ist Homosexualität für 62 Prozent der befragten Muslime, 39 Prozent der Katholiken, 26 Prozent der Protestanten und immerhin 20 Prozent der Nichtgläubigen.

Noch höher stieg der Wert bei der Frage, ob Homo-Küsse in der Öffentlichkeit „ekelhaft“ seien. „Ja“, fanden 85 Prozent der Muslime und immer noch 46 Prozent der Nichtgläubigen. (…) Auffällig ist, dass Jungen und Migranten etwa doppelt so homofeindlich sind wie Mädchen beziehungsweise „Ur-Deutsche“.

Was sich dann aus dem „Migrationshintergrund“ offenkundig kausal ergibt, und wieso der bei Mädchen nicht die gleiche Rolle spielt wie bei Jungs, das erfährt keine weitere Kommentierung – dafür werden zum Schluß wieder die „schwulen Pinguine“ gezückt.

Dabei gibt’s bestimmt auch schwule Vogelspinnen. Und sich achtbeinig umarmen, wie sich das wohl anfühlt? Na, auf jeden Fall pelzig.  Und intensiv. Aber die könnte man ja eklig finden. Pinguine kommen da irgendwie „schwuler“ rüber … schon wie die trippeln, hähähä. Ach, Damon, rette mich!

Written by momorulez

20. November 2008 at 20:46

Veröffentlicht in Disco

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