shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

„Ratten und Schmeißfliegen“

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„“Ratten und Schmeißfliegen“ beschimpfte im Juli 1978 der CSU-Politiker Franz Josef Strauß die deutschen Intellektuellen, die es wagten, konservative Politiker öffentlich und lautstark zu kritisieren. Gemeint waren jene „Schmutzfinken“ und „Pinscher“, die schon Bundeskanzler Ludwig Erhard 1965 abgekanzelt hatte. Und im April 2005 polterte der SPD-Politiker Franz Müntefering in der BILD-Zeitung gegen die internationalen Finanzinvestoren, die wie „Heuschreckenschwärme“ über deutsche Unternehmen herfielen. Kein Wort fällt vom Himmel, sondern hat eine Geschichte. Und der Vergleich aus dem Tierreich, um den politischen Gegner zu treffen, hat in Deutschland Tradition. „Parasitäres Geschmeiß“ beschimpfte 1939 Goebbels die ihm verhassten Intellektuellen.“

Na, das mit dem „Parisitären“ ist dann ja rund die Hartz IV-Diskussionen auch noch mal hochgeschwappt  – Grund für’s Googlen dieser Zitate ist die dumpfe Erinnerung, von Herrn Franz-Josef Strauß, der in vielerlei Hinsicht für mich das bereits vorwegnahm, was ich heute als Neue Rechte bezeichnen würde, einst per TV als „Ratte“ und „Schmeißfliege“ beschimpft worden zu sein. Gab ja sogar Aufkleber damals, „Ich bin eine Ratte!“, und daß sie zu des Punkers Lieblingstier wurde, das ist auch kein Zufall.

Das Bonmot „Lieber ein Kalter Krieger als ein warmer Bruder“ hatte – wie vieles von FJS  – den Wortwitz auf seiner Seite, aber wegen solcher wie ihm hatten andere ja auch schon immer recht. Ist halt das übliche, patriarchale Säbelrasseln gegen „Appeaser“, die eben nur Schwuchteln oder Opfer sind, wird ja zumeist synonym verwendet von jenen, die dann den Islam als Machotum geißeln, dieser „warme Bruder“-Spruch.

Im Gegensatz zu Che fand ich das „Buback, Ponto, Schleyer, der nächste wird ein Bayer“ auch damals alles andere als witzig, erinnere mich, daß es mich 14-jährigen, der mit dem „Rock gegen rechts – Stoppt Strauß“-Sticker auf der Schultasche rumrannte, durchaus ernstlich empört hat.

Obwohl dieser Mann tatsächlich für mich politisch alles verkörperte, was mich bis heute schauern läßt. Allem anderen voran die Parole „Freiheit statt Sozialismus“, die zwar duchaus auch schon im Kohl-Wahlkampf ’76 Einsatz gefunden haben könnte – aber es sei daran erinnert, daß das eine Parole war, die gegen die Schmidt/Genscher-Regierung gerichtet wurde, und wenn deren Politik schon „Sozialismus“ war, gegen die dann die Freiheit jener, die lieber Kalte Krieger als warme Brüder sein wollten, sich in Stellung brachte, na, dann kann man sich ja auch heute noch bestens vorstellen, was die so mit „Freiheit“ meinten und mit Sozialisten vorhatten. Wobei, und dafür hat er sich ja später sehr geschämt: Es war Willy Brandt, der den „Radikalenerlaß“ durchließ.

Nun erstaunt nicht, daß der eventorientierte Jugendliche mit Grütze im Kopf und unsinniger Gewalt in Arm und Schenkel jüngst in Köln mit der SA vergleichende Zettel nunmehr vor Herrn Strauß retrospektiv eine Verbeugung macht. Anläßlich der veröffentlichung von Mordplänen der RAF gegen diesen macht er das, und, ehrlich, es ist mir jetzt zu blöd, auch noch zu betonen, daß ich diese Pläne, wenn sie denn wahr sind, scheußlich finde.

Wie üblich ist es das linke „Meinungsklima“ oder wie auch immer Naturwissenschaftler sowas begrifflich fassen, das die Legitimationserzählung für die Planung von Attentaten der RAF auf Herrn Strauß anleitete; erstaunlich ist ja, daß genau jene, die sonst mit „Eigenverantwortung“ noch jeden in den Hunger treiben wollen, in solchen Fällen dann zu Kollektivschuldthesen neigen und die Irren von RAF zu einer eine Art Effekt der Linken im allgemeinen stilisieren, als Vollstrecker dessen, was diese rotlackierten Faschisten eben WIRKLICH immer schon dachten und wollten:

Strauß galt als die Verkörperung schlechthin des „Schweinesystems“ und wurde von dem Karikaturisten Hachfeld (er zeichnete u.a. für den vom MfS finanzierten und von dessen Agenten redigierten „Berliner Extra-Dienst“) auch als ein kopulierendes Schwein dargestellt.

Wie weit die Dehumanisierung des politischen Gegners damals getrieben (und in der Linken weithin goutiert) wurde, belegen andere Karikaturen von Hachfeld im „Extra- Dienst“, die Strauß, grotesk verrenkt, in Gestalt eines Hakenkreuzes zeigen.

SA -Vergleiche bei „Autonomen“ in Köln hingegen sind jederzeit legitim. Ging ja da nur um Methoden, nicht um Personen.

„Solche Kampagnen, diese damals in der gesamten Linken verbreitete Herabwürdigung des politischen Gegners Strauß zum Monster waren es, die Strauß zu einem für die RAF interessanten potentiellen Opfer machten.“

Nun ist es natürlich Unsinn, im Falle von „Ratten“, „Schmeißfliegen“ oder „Pinschern“ von „Dehumanisierung“ oder „Herabwürdigung“ zu reden, und es stellt sich nur noch die Frage: Was könnte denn wohl der Herr Strauß bewirkt haben, als er seine politischen Gegner so treffend charakterisierte?

Habe dunkle Erinnerungen an die Erzählungen von der esrten großen Brokdorf-Demo damals, ungefähr zur selben Zeit  … und auch die SPIEGEL-Affäre gehörte zu den Highlights der Entfaltung der Meinungsfreiheit in der noch jungen Republik.

Und zu welchen Taten könnten Zettels SA-Vergleiche im Falle der Kölner „Autonomen“ denn inspirieren? Die Polizei zum Beispiel?

Käfighaltung und Freiheitsentzug für Demonstranten soll’s dort in Köln ja durchaus jüngst mal wieder  gegeben haben – eben das, was man mit Ratten so macht.

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8 Antworten

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  1. Ich habe mich am Wochenende nach dem ersten Jubel, dass da in Köln insgesamt 40.000 Menschen auf der Straße waren, auch ein wenig nachdenklich wieder gefunden, als die Polizei verlautbarte, dass sie die Auftritte der „Islamgegner“ deswegen „verboten“ hätten, weil sie für deren Sicherheit nicht garantieren könnten.

    Irgendwie doch schal das Gefühl, dass die nicht ihre „Meinung“ vortragen konnten, so dummerhaftig sie auch sein mag, denke ich dann.

    Erinnern tue ich mich dann an die Aufkleber auf dem Klo-Container am Millerntor „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“ und das allein imponiert mir schon, überzeugen tut mich dann der Absender „die Verfolgten des Naziregimes“, deren Mahnung wirklich schwer wiegt.

    Erik

    23. September 2008 at 22:22

  2. „Das Leben im Stadion ist bei sonnigem Wetter recht angenehm“ CDU-Generalsekretär Bruno Heck zum Folterlager im Zentralstadion von Santiago de Chile, in dem dem Liedermacher Victor Jara die Hände gebrochen wurden, damit er nicht mehr Gitarre spielen konnte, einige Tage, bevor er, wie viele andere, erschossen wurde. „“Im Augenblick der höchsten Gefahr konnten sich die Streitkräfte ihrer Verantwortung nicht mehr länger entziehen“ — Frankfurter Allgemeine Zeitung zum Pinochet-Putsch insgesamt, der Tausende das Leben kostete.

    „Pinochet und mich verbindet eine lange und tiefe Freundschaft“ Franz Josef Strauß

    „Ich bin ein Deutschnationaler und erwarte unbedingten Gehorsam“ Derselbe

    „Die Demokratie muss von Zeit zu Zeit in Blut gebadet werden“. Agusto Pinochet Ugarte

    Louise Maier, wohnhaft in der Goethestraße
    schreckt auf aus ihren Träumen früh um vier
    Mit Stiefeltritten brechen Männer durch die Tür
    Sie hört Geschrei und sieht, noch ohne zu begreifen
    wie Fremde ihren Sohn zu einem Auto schleifen
    Erst hat sie Angst – dann packt die Wut sie immer mehr
    Im Morgenmantel rennt sie raus, dem schwarzen Wagen hinterher
    doch das ist sinnlos – sie ist zu alt
    Die Polizei läßt dieser ganze Vorfall kalt
    Die aufgeregte Frau im Nachthemd amüsiert sie sehr
    So kriegt sie nicht mal eine Strafe für ihr Keifen.

    Und auf dem Marktplatz stehen stumm
    ein paar verrückte Weiber rum
    Die kommen täglich – trotz Verbot der Polizei
    Sie haben Trauerkleidung an
    Die Zeitung meldet dann und wann
    daß diese Frau’n nicht bei Verstand sind
    und eine Schande für das Land sind
    und daß Moskau sie bezahlt
    für ihre dreiste Lügerei.

    Isolde Schmidt hatte mehr Glück als Verstand
    daß sie den Mann und ihre Söhne wiederfand
    Ihr Mann lag tot in einem Bushc am Straßenrand
    Und sie fand auch, nach einer Suche ohnegleichen
    in einem Keller, voll von halbverfaulten Leichen
    die beiden Söhne, von der Folter ganz entstellt
    Frau Kreuz fragt bei Behörden an, wo man den Sohn gefangen hält
    und stellt Gesuche allerseits
    sie schreibt auch lange Briefe an das Rote Kreuz
    Und abends sitzt sie in der Küche, tränenleer und ausgebrannt
    mit der Hand über ein kleines Photo streichen.

    Und auf dem Marktplatz stehen stumm
    ein paar verrückte Weiber rum
    Die kommen täglich – trotz Verbot der Polizei
    Sie haben Trauerkleidung an
    Die Zeitung meldet dann und wann
    daß diese Frau’n nicht bei Verstand sind
    und eine Schande für das Land sind
    und daß Moskau sie bezahlt
    für ihre dreiste Lügerei.

    Maria Schulze wurde Zeugin des Verhörs
    von ihrer Tochter, die ein Baby in sich trug
    Sie sah, wie man sie mit dem Gummiknüppel schlug
    und dann, als sie sich trotzdem weigerte zu reden
    begann, ihr mit den Stiefeln in den Bauch zu treten
    bis sie dann starb unter dem Kolben des Gewehrs
    Nun werden sicher viele sagen, die Geschichte sei pervers
    Solche Visionen gehn zu weit
    Doch alles dies ist leider bitt’re Wahrheit
    Verändert hab ich nur die Namen und die Orte Vers für Vers
    als hätt‘ das alles was zu tun mit unserm Leben.

    In Santiago stehen stumm
    ein paar verrückte Weiber rum
    Wen interessiert es? Südamerika ist weit –
    Die Zeitung schreibt was, dann und wann
    Wir denken: Was geht uns das an
    Für uns ist das nur halb so wichtig
    Und außerdem, womöglich richtig
    wenn man behauptet, diese Weiber
    sind im Kopf nicht ganz gescheit.

    Robert Long/Michael Kunze in einem Lied zum Thema

    chezweitausendeins

    23. September 2008 at 22:26

    • eines der seltenen starken lieder im deutschsprachigen raum !!!

      peter

      13. November 2014 at 14:59

  3. @“SA -Vergleiche bei “Autonomen” in Köln hingegen sind jederzeit legitim. Ging ja da nur um Methoden, nicht um Personen.“ — Genau, die SA war damals ja auch die einzige Kraft, die den Nazis auf der Straße entgegengetreten ist 😉

    chezweitausendeins

    23. September 2008 at 22:45

  4. http://www.gavagai.de/zitat/politik/HHC72.htm

    Ich hebe mal hervor:

    „Allerdings ist die im Leserbrief genannte Einschränkung: „zum Zwecke eines Angriffkrieges“ praktisch keine Einschränkung, da jeder Krieg ein Angriffskrieg ist.“

    Vielleicht ganz interessant angesichts dieser überraschenden Aufdeckung, die Sowjets hätten einen nuklearen Präventivkrieg geplant.

    „Der KGB veranlasst Hakenkreuzschmierereien auf jüdischen Friedhöfen bei uns.“

    Abgesehen davon, daß ich das auch dem KGB von einst jederzeit zugetraut hätte – genau das ist die Rhetorik, an der auch Zettel partizipiert.

    „“Ratten und Schmeißfliegen“ über Journalisten; strauss Edmund Stoiber, CSU, späterer Ministerpräsident von Bayern, verteidigte diese Straußsche Entgleisung. SZ, 14.1.2002, S.3
    „Gegen Ratten und Schmeißfliegen führt man keine Prozesse.“ Laut Dr. Wilhelm Knittel, Staatssekretär a.D., München-Grünwald, ist dies das korrekte Zitat und bezog sich auf den Schriftsteller Bernt Engelmann. SZ, 28.2.2002, S.11″

    Zum Thema Dehumansierung:

    „Diese Personen … benehmen sich wie Tiere, auf die die Anwendung der für Menschen gemachten Gesetze nicht möglich ist …“
    Strauß über Bamberger Demonstranten, Telegramm an Bayerns Ministerpräsident Goppel 1969″

    Schön auch:

    „Die Charakterlosigkeit der FDP verbunden mit ihrem Selbsterhaltungstrieb ist eine der zuverlässig berechenbaren Komponenten.“

    momorulez

    23. September 2008 at 23:29

  5. Wäre Strauß von der RAF umgebracht worden, so wäre ihm ein Jahrzehnt der Demütigungen und persönlichen Rückschläge wie z.B. die krachende Wahlniederlage 1980 oder die anhaltende Nichtberücksichtigung für einen Kabinettsposten in der Bonner Kohlrepublik erspart geblieben.

    Und das hätte er nun wirklich nicht verdient gehabt.

    jolly rogers

    24. September 2008 at 8:20

  6. @Jolly:

    Bei aller politischen Gegnerschaft: Der Mann war so dermaßen unterhaltsam, daß ich den ganz außerordentlich vermißt hätte … habe richtig getrauert, als es ihn dahinraffte, kein Witz.

    Na gut, bei Willy Brandt dann habe ich geweint – auch noch interessant als Ergänzung: Eben auf NDR 2 haben sie allerlei nicht ausgeführte Attentats- und Entführungspläne referiert, auf auf Schmidt, Brandt und Genscher. Was dann einem Zettel ja nicht der Schreibe wert ist oder zumindest bisher nicht war, ebenso wenig die Hetze gegen Leute wie Böll damals. Ist ja kein Zufall, daß kurz darauf die ersten Wehrsportgruppen sich formierten, um das Reich zu retten.

    @Erik:

    „Irgendwie doch schal das Gefühl, dass die nicht ihre “Meinung” vortragen konnten, so dummerhaftig sie auch sein mag, denke ich dann.“

    Na, es waren ja nicht die linken Gegendemonstranten, die diese Veranstaltung dann untersagt haben, und man fragt sich ja fast, wer da Interesse daran hatte, nun die Legende genährt zu haben, daß „die Linken“ mit allen Mitteln gegen Meinungsfreiheit votieren würden, so daß auch ja unter den Tisch fällt, daß es sich bei der überwiegenden Mehrheit der friedlichen Demonstranten ja nun mal auch um die Wahrnehmung des Demonstrationsrechtes sowie der Meinungsfreiheit handelte.

    Und das mit dem Faschismus als Verbrechen ist zweifelsohne richtig, nur genau das haben sich ja die ganzen Neuen Rechten auf die Fahne geschrieben: So als die einzigen Nicht-Faschisten auf weiter Flur agitieren sie ja nicht umsonst gegen „Islamofaschisten“, „Linksfaschisten“, „den Totalitarismus in all seinen Spielarten“. So kann man den Ausnahmezustand schön herbeischreiben … gäbe es keine gewaltberieten, „linken“ Gegendemonstranten, so müßte man sie erfinden, um sich mal so richtig gut fühlen zu können.

    momorulez

    24. September 2008 at 8:34

  7. @MR: Getrauert habe ich nicht, als er beim Schweinejagen tot umgefallen ist. Aber klar war: Es würde langweiliger werden ohne ihn.

    Was Herrn Zettel („Vernünftige Gedanken von Gott“ 🙂 ) betrifft: Der hätte sich wahrscheinlich, als 68er, der er gewesen sein will, schon auf die Seite Bölls geschlagen. Heute freilich tut er das nicht und Böll steht vielleicht in seinem Giftschrank.

    jolly rogers

    24. September 2008 at 8:59


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