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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Free Pussy Riot – Jetzt erst recht! (2)

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„Die Panik der Machthaber – die sich in ihrer lächerlich exzessiven brutalen Reaktion zeigt – ist somit völlig gerechtfertigt. Pussy Riot werden, je brutaler jene agieren, ein immer wichtigeres Symbol werden.“

Slavoj Žižek

Langsam dämmert einigen auch hierzulande, daß die feministische Gruppe Pussy Riot nicht ganz so harmlos ist, wie man sich das wohl gewünscht hätte. Am 20. August hatte die Politikredaktion der FAZ wohl endgültig genug von der ausführlichen und ausgewogenen Berichterstattung Kerstin Holms im Feuilleton und plazierte auf der Titelseite einen Kommentar mit dem Titel Ein weiterer Sieg Putins ([4]). Der Autor, Michael Ludwig, vertrat darin die These, daß die Aktion von Pussy Riot die russische Opposition gespalten und damit Putins innenpolitische Macht gestärkt habe, trotz des Imageschadens im Ausland. Da ich kein Kenner der innenpolitischen Situation Russlands bin, kann ich das nicht wirklich beurteilen, würde aber, aus meiner Kenntnis der Dynamik sozialer Bewegungen eher darauf setzen, daß es sich um einen Pyrrhus-Sieg handelt. Doch man muß dem Autor zugute halten, daß seine Argumentation einigermaßen sachlich und rational nachvollziehbar war.

Offensichtlich war das aber nicht genug. Und so wurde ein gewisser Moritz Gathmann beauftragt, der Leserschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Augen zu öffnen, was Pussy Riot wirklich sind: Die russische Reinkarnation der RAF. Und für diesen ausgemachten Schwachsinn stellte ihm die Redaktion die kompletten Seiten 2 und 3 zur Verfügung ([2]). Einen Kommentar dazu erspare ich mir, Klaus Jarchow hat das in seinem Blog Stilstand bereits kompetent erledigt (dort findet sich auch der Verweis darauf, wo Gathmann den größten Teil seines Machwerkes abgeschrieben hat).

Die Gegner von Pussy Riot spüren allerdings instinktiv – und da sind sie wohl einem großen Teil der Sympathisantinnen einen Schritt voraus – daß es tatsächlich um mehr geht als einfach nur um Meinungs- und Kunstfreiheit, um „bürgerliche Werte“. Ich hatte letzte Woche bereits darauf hingewiesen, daß das herausragende Erkennungsmerkmal von Pussy Riot, ihre Strickmasken, auf eine feministische Symboltradition zurückverweisen, die in den künstlerischen Avantgardebewegungen zu Beginn des 20. Jahrhundert wurzelt. Musidora repräsentierte im Kostum von Irma Vep den Angriff auf die bürgerlichen Werte.

Bei Pussy Riot wird diese Symbolik zeitgenössisch verfremdet: An die Stelle der schwarzen Seidenmaskierung Musidoras als Irma Vep treten die quietschbunten Neonfarben des Pussy-Riot-Outfits. Die Verwendung von Strick- oder Häkelmützen verweisen ironisch auf die klassische weibliche Handarbeitstradition, während das brutale Hineinschneiden der Löcher für Augen und Mund diese Heim- und Herdidylle konterkarieren. Mit ihren Kleidern und Strumpfhosen distanzieren sie sich von einem puritanischen Feminismus, der sich von der eigenen Geschlechtlichkeit distanziert, und signalisieren stattdessen einen souveränen Umgang mit dem eigenen Frau-Sein.

Damit ist schon das äußere Erscheinungsbild von Pussy Riot ein Symbol, das einen antipatriarchalen Gestus vermittelt. Und dieses Symbol ist unabhängig von identifizierbaren Personen. Es kann von Frauen auf der ganzen Welt kopiert werden und damit zu einem universalen Träger neo-feministischer Utopien werden. Weil dieser visuelle Stil so einfach zu kopieren ist, sind auf der ganzen Welt Frauen im Pussy Riot-Outfit auf die Straße gegangen, um ihren Protest öffentlich zu machen. Und dabei ging es eben nicht nur um Solidarität, sondern auch um Selbstermächtigung, nicht nur um Aktionen für die inhaftierten Frauen, sondern auch um Aktionen für einen selbst, darum, aus der Zuschauerrolle auszubrechen und selbst Akteurin zu werden.

Es kommt aber noch eine andere symbolische Ebene hinzu. Das ganze Blasphemie-Getöse der orthodoxen Kirche versuchte ja nur davon abzulenken, daß die Aktion in der Christ-Erlöser-Kathedrale keineswegs glaubensfeindlich war. Die Aussagen der Angeklagten im Prozeß, sie hätten keineswegs beabsichtigt, die Gefühle von Gläubigen zu verletzen, sind durchaus glaubwürdig. Denn worum ging es? Um eine Fürbitte! Unter Umgehung patriarchaler Autorität wandten sich die Frauen direkt an die Gottesmutter Maria mit der Bitte, Russland von Putin zu erlösen. Es war eben kein satanistischer Akt, wie die orthodoxe Kirche kontrafaktisch behauptete; vielmehr wurde eines der wenigen weiblichen Symbole der Kirche gegen die patriarchale Autorität mobilisiert.

Dabei spielt es keine Rolle, ob die Akteurinnen selbst an die Existenz einer Gottesmutter, die ihr Gebet erhören könnte, glauben oder nicht. Entscheidend ist, daß die orthodoxe Kirche daran glauben muß. Das Gebet konfrontiert den korrupten Patriarchen Kirill, den Unterstützer Putins mit der Reinheit und Unschuld Marias. Somit griff das Gebet von Pussy Riot das symbolische Universum der orthodoxen Kirche von innen an. Maria wurde in der Auseinandersetzung zum Gegensymbol, zum Stachel im Fleisch der orthodoxen Kirche.

Tatsächlich taucht die Mariensymbolik im Verlauf des Prozesses immer wieder auf. Zu Beginn der ganzen Affäre wurde immer wieder betont, daß zwei der Angeklagten Mütter mit kleinen Kindern seinen, was die Mariensymbolik zu ihren Gunsten mobilisierte. Inzwischen versuchen die Gegner, diese sehr effektive Symbolik anzugreifen, indem sie Nadjeschda Tolokonnikowa als üble Rabenmutter hinzustellen versuchen. Ich maße mir hier auf der rein faktischen Ebene gar kein Urteil an (im Gegensatz zu Moritz Gathmann, der deswegen Tolokonnikowa mit Ulrike Meinhof vergleicht ([2], S. 2)), sondern weise nur darauf hin, daß hier jenseits der Faktenebene vor allem ein Kampf um Symbole ausgetragen wird.

Ein Höhepunkt dieses Kampfes war sicherlich, als Madonna – die amerikanische Sängerin, nicht die Gottesmutter – sich während eines Konzertes in Moskau mit Pussy Riot solidarisch erklärte und sich für die Rechte von Schwulen und Lesben in Russland einsetzte (letzteres brachte ihr eine Anzeige wegen „homosexueller Propaganda“ ein, was seit diesem Jahr in Russland strafbar ist). Danach sang sie, den Schriftzug „Pussy Riot“ auf den nackten Rücke gemalt, Like a Virgin.

Doch die schönste Verbindung des Madonnen-Themas mit Pussy Riot gelang dem Nowosibirsker Künstler Artjom Loskutow, der in drei Reklame-Lichtboxen seine Pussy-Riot-Ikonen ausstellte. Unnötig zu erwähnen, daß diese von der Polizei beschlagnahmt wurden und ihn der Metropolit der russisch-orthodoxen Kirche wegen „Verletzung religiöser Gefühle“ anzeigte.

„Der Künstler erklärte mit Nachdruck, mit seinem Bild habe er niemand beleidigen wollen. Im Gegenteil, seine Pseudo-Ikonen hätten vielmehr den übergeordneten Wert von Mutter und Kind und zugleich das Zusammenkommen unterschiedlicher Gruppen vergegenwärtigen sollen, damit diese einander nicht bekriegen.“ ([1])

Man versteht also, warum Kirche und Staat in Rußland derart gegen Pussy Riot vorgehen. Es geht um viel mehr als nur um Meinungsfreiheit. Hier ist ein Kampf um die symbolische Ordnung in Gang. Dem autoritär-patriarchalen status quo, repräsentiert durch den Macho Putin und den Patriarchen Kirill setzt Pussy Riot die Symbolik einer antiautorität-feministischen Utopie entgegen. Die Zeit wird zeigen, ob es dieser gelingt, die Symbolik der Macht dauerhaft ins Wanken zu bringen.

Nächste Woche kehren wir aber wieder zurück in die 60er Jahre, wenn es um eine ganz anderes symbolisches Ensemble geht, um die symbolische Dimension von Proletariat, Räten und Revolution. Freuen Sie sich also erneut auf Henri Lefebvre, wenn dieser meint:

„Es reicht hinzuhören, um zu entdecken, was sich in den Köpfen fand unter der Herrschaft des esoterischen Schrifttums: das Beste und das Schlechteste, ein Haufen Fragen ohne Antworten, von tiefgreifenden und lächerlichen Argumenten, von scheinbarer und wirklicher Kühnheit, von gutem und schlechtem Gewissen. Im verbalen Delirium rollt ein großes Psychodrama ab, oder eher, geht ein umfassender Prozeß sozialer Therapeutik vor sich, eine ideologische Kur für Intellektuelle und Nicht-Intellektuelle, die endlich zusammenkommen.“ ([3], S. 107)

Nachweise

[1] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. August 2012: „Eine Ikone für „Pussy Riot““ (kho [Kerstin Holm]), S.32.

[2] Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26. August 2012: „Lady Suppenhuhn“ (Gathmann, M.), S.2 – 3.

[3] Lefebvre, H., Aufstand in Frankreich – Zur Theorie der Revolution in den hochindustrialisierten Ländern (VoltaireHandbuch 7), Frankfurt a.M. und Berlin 1969.

[4] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. August 2012: „Ein weiterer Sieg Putins“ (Ludwig, M.), S.1.

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31. August 2012 at 16:21

Veröffentlicht in Medien, Punk

Demonstrationen (3)

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Eine bestimmte Form von künstlerisch-aktivistischen Projekten, eine interventionistische Praxis bildet sich in der Ausstellung nur insofern ab, als sie nicht nur demonstrativ agiert, sondern sich auch direkt an das Bildmotiv des »Demonstrierens« koppeln läßt.“

Sabine Witt / Britta Peters / Fanti Baum (Kuratorinnen der „Demonstrationen“-Austellung)

Jetzt also doch noch die Kunst selbst. Nachdem ich vor zwei Wochen über Exzellenzcluster und das akademische Prekariat abgelästert und mich letzten Freitag über die grüne Entsorgung antiparlamentarischen Protestes empört habe, sieht sich jetzt zum Abschluß dieses Triptychons die Ausstellung als solche meinem gerechter Zorn ausgesetzt.

Die Ausstellung selbst war ein Flop auf mehreren Ebenen. Zum einen, natürlich, fällt da die bereits letzte Woche thematisierte historische Lücke, die zwischen der Entstehung der parlamentarischen Demokratie im 19. Jahrhundert und den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts klafft, schmerzlich auf. Die Kunst, die von der Pariser Commune und bis zur antiautoritären Revolte selbst Teil gesellschaftlicher Umwälzungsprozesse war, lastet durch ihre völlige Abwesenheit wie ein Alp auf den tatsächlich ausgestellten Werken.

Das allein wäre schon schlimm genug. Schlimmer noch ist allerdings der verengte Kunstbegriff der Ausstellungsmacherinnen selbst, der sich im wesentlichen auf Repräsentation reduziert. Es wird nicht Kunst gezeigt, die selbst integraler Teil gesellschaftlicher Transformationsprozesse ist, sondern Kunst, die versucht, solche Transformationsprozesse abzubilden oder noch schlimmer: zu reflektieren.

Besonders düster sieht es in dieser Hinsicht für den historischen Teil aus: Da wird beispielsweise eine zeitgenössische Druckgraphik ausgestellt, die Jacques-Louis Davids pathetische Ölskizze vom Ballhausschwur reproduziert oder eine Lithographie der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche: Politisches Propagandamaterial, dessen künstlerischer Wert mehr als fragwürdig ist. Am interessantesten sind dabei noch die verschiedenen Varianten von Johann Peter Hasenclevers Arbeiter vor dem Stadtrat. Das ästhetische Problem dieser Art von Kunst erschließt sich jedoch sofort, wenn man sich ein zeitgenössisches Lob dieses Gemäldes ansieht:

„Diejenigen Ihrer Leser, die meine Artikel über die Revolution und Konterrevolution in Deutschland gelesen haben […] und die von ihr ein anschauliches Bild gewinnen möchten, werden gut daran tun, sich das Gemälde des Herrn Hasenclever anzusehen […]. Der hervorragende Maler hat das in seiner ganzen dramatischen Vitalität wiedergegeben, was der Schriftsteller nur analysieren konnte.“ ([1], S. 237)

Das Ereignis ist vergangen, die Kunst hat nurmehr die Aufgabe, diese Vergangenheit einem interessierten Publikum als „dramatisch vitale“ Unterhaltung nahezubringen. Heutzutage übernimmt diese Aufgabe Guido Knopp. Haben derartige Vergegenwärtigungen einen politischen Sinn? Ästhetischen Wert? Die Ausstellung stellt solche Fragen nicht.

Dies gilt weitgehend auch für den zeitgenössischen Teil der Ausstellung. Auch hier wird das Verhältnis der Kunst zum politischen Geschehen so verstanden, daß sie dieses zu repräsentieren habe. Die einzig bemerkenswerte Ausnahme: Aalam Wassef, der unter dem Pseudonym Ahmad Sherif mit seinen Videoproduktionen aktiv am Sturz Mubaraks beteiligt war und in Ägypten weiterhin politisch aktiv ist.

Ansonsten wird die Ausstellung dominiert von Repräsentationen und – das scheint irgendwie ein künstlerischer Trend zu sein, der wie so vieles an mir vorbeiging – Reenactments.

Was die Repräsentation angeht, ist der Koreanische Photograph NOH Suntag sicherlich das Paradebeispiel. Von ihm zeigt die Ausstellung eine Reihe großformatiger Abzüge, die Polizeiübergriffe auf Demonstranten dokumentieren. Ihr Ausdruck ist allerdings keineswegs dokumentarisch, vielmehr erinnern sie an perfekt stilisierte Modephotographien in Hochglanzmagazinen. Das ergibt zweifellos einen interessanten Verfremdungseffekt (der Katalog verweist auch explizit auf NOH Suntags Auseinandersetzung mit Brechts Thesen zum epischen Theater), doch der Sinn bleibt, im Gegensatz zu den präzise ausgeleuchteten Szenen, weitgehend dunkel. Zweifellos regt die Diskrepanz zwischen künstlerischer Form und dargestelltem schockierenden Inhalt zum Nachdenken an – doch zu welchem Zweck? Der propagandistische Nutzen ist zweifellos stark eingeschränkt, wenn die unmittelbare Identifikation mit den Malträtierten ausbleibt, doch wird dadurch eine tiefere Einsicht in das Geschehen gewonnen? Oder soll damit der Voyeurismus der Betrachter bloßgestellt werden? Geht es darum, die Nutzlosigkeit von Demonstrationsphotographie einzusehen?

Noch weniger nachvollziehbar ist der Sinn der Reenactments. Albernstes Beispiel in der Ausstellung ist Irina Boteas Videoinstallation Auditions For A Revolution. Schlüsselszenen der rumänischen Revolution von 1989 werden von jungen amerikanischen Schauspielern, die kein rumänisch können, nachgestellt. Das ist irgendwie ganz amüsant, wenn auf zwei Videoschirmen Original und Reenactment parallel laufen und man sieht, wie die Schauspieler versuchen, in die ihnen unbekannte Sprache ein gewisses Pathos zu legen. Doch auch hier stellt sich die Frage, was dieser Verfremdungseffekt letztlich bewirken soll. Der Katalogtext meint, die Installation erzähle „eindrucksvoll von den Schwierigkeiten Geschichte wiederzubeleben und für Fremde und nachfolgende Generationen erfahrbar zu machen.“ ([2], S. 255) Ist das nicht ein bißchen wenig? Und zudem ziemlich erwartbar, wenn man Schauspieler nimmt, die die Sprache nicht beherrschen, in der sie agieren sollen?

Das soll nicht heißen, daß alles, was in der Ausstellung gezeigt wurde, per se schlecht wäre. Aus dem mißratenen Kontext einmal herausgelöst, haben mich drei Arbeiten tatsächlich beeindruckt. Zum einen war das die bereits im ersten Teil dieser kleinen Artikelfolge erwähnte Videoinstallation von Bani Abid, Reserved.

Zum zweiten Jana Gunstheimers Serie Methods of Destruction. Diese Reihe teils großformatiger Bleistiftzeichnungen kommt ganz im trockenen Gestus der Dokumentation daher. Dokumentiert wird die Zerstörung von Kunstwerken: Ein Akt von Boucher, die Lukrezia Borgia von Anselm Feuerbach, Goyas Der 3. Mai 1808 in Madrid. Gunstheimer dokumentiert nicht nur die Akte des Vandalismus, sondern verzeichnet auch Ort, Zeit, Täter, die genauen Schäden, den jetzigen Zustand nach Restaurationsbemühungen etc. Das wird mit ernster Miene und rabenschwarzem Humor vorgestellt, wie zum Beispiel die Behauptung, Goyas Erschießungsszene sei von Kugeln durchsiebt worden, als, anläßlich einer Geburtstagsfeier für Franco, ein spanischer General direkt vor dem Gemälde Regimegegner habe erschießen lassen. Die Einschußlöcher auf der Leinwand werden dann in liebevollen Detailzeichnungen noch einmal dokumentiert. Hier wird den Kunstwerken eine Zeugenschaft und historische Involviertheit zugeschrieben, die sich von derjenigen der Hasencleverschen Gemälde radikal unterscheidet.

Die zweifellos beste Arbeit der Ausstellung war aber Sarah Vanagts Film Little Figures. Richtig, ein Film, keine Videoinstallation mit Mehrfachprojektionen und Soundeffekten, sondern ein ganz ordinärer Kurzfilm, größtenteils in schwarz/weiß gedreht und einfach an die Wand projiziert. In den fünfzehn Minuten des Films liefert Vanagt eine kluge, differenzierte und ästhetisch bestechende Auseinandersetzung mit dem belgischen Nationalismus und Kolonialismus ab. Der Film ist an einem zentralen Punkt für die belgische Nationalgeschichte angesiedelt, auf dem Mont des Arts in Brüssel, wo sich die wichtigsten belgischen Museen befinden. Dort stehen drei Statuen, die des Kreuzritters Gottfried von Bouillon, von König Albert I und seiner Frau Elisabeth. Vanagt inszeniert einen Dialog der drei Statuen mit Originalzitaten, die aus dem Off kommen, während die Kamera die Statuen umkreist. Der eigentliche Witz ist, daß Vanagt die Stimmen der Statuen von drei belgischen Kindern sprechen läßt, die von den Philippinen, aus Marokko und Ruanda kommen. Auch eine Art Reenactment, in diesem Fall aber mit Sinn, Verstand und Poesie. In dieses Gespräch vergangener Potentaten mischen sich dann die Stimmen der Skater, die sich den Platz um die Denkmäler angeeignet haben; und Aufnahmen von den steinernen Gesichter werden gegengeschnitten mit historischen Filmaufnahmen aus der kolonialen Vergangenheit Belgiens. Das Ganze knüpft in nur einer Viertelstunde ein Netz von Querverweisen, Bezügen, Assoziationen, das die belgische Kolonialgeschichte und ihre weitreichenden Implikationen für die Gegenwart auf eine Weise zugänglich macht, die die oben zitierte Schwierigkeit „Geschichte wiederzubeleben und für Fremde und nachfolgende Generationen erfahrbar zu machen“ grandios widerlegt.

Und damit schließt diese kleine Serie zu einem gescheiterten Ausstellungsprojekt. Eigentlich sollte sich das Blog ab nächste Woche wieder den 60er Jahren zuwenden, doch aktuelle Ereignisse fordern ihren Tribut. Lesen Sie dennoch nächste Woche hier weiter, wenn Nadezhda Tolokonnikova die Frage stellt:

Wer hat Angst vor dem Gefängnis? Wir oder die, die befohlen haben uns hier rein­zu­stecken in dem Versuch uns zum Schweigen zu bringen?

Literaturverzeichnis

[1] Marx, K.: „Mißerfolg der Regierung – Mietdroschken – Irland – Russische Frage (New York Daily Tribune Nr.3844 vom 12.8.1853)“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 9, Berlin 1956ff.

[2] Frankfurter Kunstverein und Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hg.), Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen, Nürnberg 2012.

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6. April 2012 at 15:21

Veröffentlicht in Medien

Das Pudding-Attentat im Spiegel der Medien (3)

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Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.“

Matthias Walden, Links vom Geist, in: Die Welt, 7. Januar 1967

Wir hatten letzte Woche gesehen, daß die Medienberichterstattung über das Pudding-Attentat je nach Medium sehr unterschiedlich ausfiel. Während die Springer-Presse eindeutig Position gegen die „Attentäter“ und für die Polizei ergriff, schlugen sich Blätter wie Spiegel und Zeit auf die andere Seite. Zwischen diesen beiden Polen bewegten sich Publikationen, die von den Autoren der bereits letzte Woche zitierten Studie als vom „affirmativer Typus“ bezeichnet wurden.

Die Haltung dieses Typus beschrieben sie anhand des Berliner Tagesspiegels folgendermaßen:

„Der Tagesspiegel begrüßt am Anfang das politische Engagement der Studenten und ist sogar bereit, Wohlwollen für Diskussionen über die amerikanische Vietnam-Politik und Aufrufe zu Protestmärschen aufzubringen, doch hat die Reaktionsweise der Studenten nach Auffassung des Tagesspiegels die »Geduld der Öffentlichkeit und ihrer Professoren aufs äußerste strapaziert« (Tagesspiegel vom 18.2.1966), mithin das Maß überschritten.“ ([1], S. 506)

Während der Springer-Konzern ohne jede Scheu auf Teufel komm heraus eine autoritäre Haltung mit einem latenten Hang zur Gewalt vertrat und jede Kritik an dem, was er unter „Recht und Ordnung“ verstand, stigmatisierte, gaben sich Blätter wie der Tagespiegel oberflächlich liberal. Doch die scheinbar „ausgewogene“ Berichterstattung täuscht. Faktisch schlugen sich auch Blätter wie der Tagesspiegel unter dem Strich auf die Seite der Autoritäten. Das gilt bereits für die noch weitgehend auf die Universität begrenzten Auseinandersetzungen der Jahre 1965/1966:

„In den Kommentaren des affirmativen Typs, die sich – wie im Falle des Tagesspiegels – kritisch mit der Praxis der FU-Autoritäten auseinandersetzen, wird nicht so sehr strukturelle vermittelte autoritäre Praxis, sondern viel eher subjektive Ungeschicklichkeit bei formaler Rechtmäßigkeit beklagt. Reaktionen, Forderungen und Aussagen von Studenten, die nicht den rechten Abstand vom außenpolitischen Gegner halten, bestimmen den unentschuldbaren Kern studentischer Provokation.“ ([1], S. 507)

Als sich die Auseinandersetzungen zuspitzen und den universitären Rahmen verlassen, kippen die Kommentatoren dieses Typs um:

„Das geplante Pudding-Attentat auf Humphrey wird zum Anzeichen dafür, daß das nun ins Zentrum der Kommentierung tretende Phänomen studentischer Proteste und Opposition in die Dimension der »Gemeingefährlichkeit« gerückt werden muß. Ordnung überhaupt scheint bedroht. […] Die Anläße, an denen [der studentische Protest] sich entzündet, die Formen, in denen er sich artikuliert, erscheinen den Kommentatoren dieses Typs dann aber derart bedenklich, daß sie im Anschluß an konkrete Aktivitäten der Studenten häufig nur noch massive Verdammungsurteile und den Ruf nach dem »groben Keil« für angemessen halten.“ ([1], S. 526f)

Das heißt, es vollzieht sich eine zunehmende Polarisierung innerhalb der Medienlandschaft. Diejenigen Blätter, die eigentlich so etwas wie eine „bürgerliche Öffentlichkeit“ repräsentieren sollten, wechseln ins autoritäre Lager. Unterstützung erfahren die Bewegungen nur noch durch eine Handvoll links-liberaler Blätter und einer kleinen Riege von Autorinnen und Autoren, die diese eingeschränkte Plattform nutzen, um die Bewegungen publizistisch zu unterstützen.

Diese publizistische Unterstützung war meines Erachtens für die sich formierenden Bewegungen der 60er Jahre von außerordentlicher Bedeutung. Sie lieferten die Legitimation dafür, warum Rebellion gerechtfertigt war – weniger den Bewegten selbst, als vielmehr einer sich zaghaft konstituierenden nicht gegängelten Öffentlichkeit.

Ich will zum Abschluß dieser kleinen Serie über das Verhältnis von Bewegungen und Medien einige Vermutungen über diese Autorinnen und Autoren und über ihre Motivationen anstellen. Das ist etwas unausgegoren und müßte anhand von (auto-)biographischem Material überprüft werden. Doch da das hier schließlich ein Blog und keine wissenschaftliche Arbeit ist, sollen vorläufig einige Vermutungen genügen.

Die Autorinnen und Autoren, die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre die sich radikalisierenden Bewegungen publizistisch unterstützten, gehörten einer Zwischengeneration an. Sie waren zu jung, um zur eigentlichen Generation der Nazis zu gehören, waren aber Mitte der 60er Jahre bereits alt genug, um im Berufsleben zu stehen; und sie hatten einen Beruf gewählt, der zeigt, daß sie die Herstellung von Öffentlichkeit, publizistisches Wirken für ihre Berufung hielten. Der letzte Woche zitierte Otto Köhler ist Jahrgang 1935, bekannte Namen, die ebenfalls in diese Reihe gehören, sind etwa Hans Magnus Enzensberger (*1929), Alexander Kluge (*1932) oder auch Ulrike Meinhof (*1934). Diese Reihe ließe sich erweitern. Sie hatten alle den Nationalsozialismus noch als Kinder erlebt, die eigentliche Zeit ihrer schulischen und universitären Ausbildung fiel dann aber in die späten 40er und 50er Jahre.

Und ich denke, daß sie zunächst einmal durchaus an den demokratischen Neuanfang glaubten, der in den Sonntagsreden der Zeit beschworen wurde. Doch die demokratische Fassade war äußerst bröckelig, das Gerede von der westlichen Freiheit im Gegensatz zur Unfreiheit im Osten kaschierte nur sehr notdürftig, daß es dabei weniger um Freiheit ging, als vielmehr um die Fortsetzung des nazistischen Antibolschewismus mit anderen Mitteln. Ihre publizistischen Tätigkeit begriffen diese Autorinnen und Autoren deshalb als Aufgabe. Für sie ging es darum, diese abstrakte leere Freiheit, die sich in der Ablehnung der Unfreiheit im Osten erschöpfte, zur konkreten Freiheit einer lebendigen demokratischen Öffentlichkeit zu transformieren.

Das konnte im Rahmen der Systemkonfrontation des Kalten Krieges nicht gelingen. Kritik wurde nicht als Stärkung des demokratischen Gemeinwesens begriffen, sondern als Parteinahme für den Gegner im Kalten Krieg. Jede Kritik an unhaltbaren Zuständen oder politischen Repräsentanten wurde stereotyp damit gekontert, daß immer nur auf Mängeln im Westen herumgeritten werde, während die viel schlimmeren Zustände im Osten überhaupt nicht erwähnt würden. Und damit wurde dann zur Tagesordnung übergegangen. Die Kritik an den restaurativen Tendenzen in der BRD blieb in der Praxis völlig folgenlos.

Dennoch blätterte die demokratische Tünche immer mehr ab. Einen Wendepunkt markierte 1958 der Ulmer Einsatzgruppenprozeß. Hier zeigte sich erstmals, daß sich hinter manch bürgerlicher Fassade die Fratze eines brutalen Nazi-Killers verbarg. Der Eichmann-Prozeß 1961 und die Auschwitz-Prozesse 1963 taten ein übriges. Es wurde langsam unabweisbar, daß man nicht mehr nur mit dem Finger auf den Osten zeigen konnte, sondern daß es dringend notwendig wurde, auch vor der eigenen Tür zu kehren. Und dabei ging es nicht nur um Vergangenes. Hinzu kam der eskalierende Krieg in Vietnam mit den Greueltaten, die von der angeblichen Schutzmacht der westlichen Freiheit begangen wurden.

Doch die Argumentationsfiguren der Mainstreampresse, egal welchen Typus, änderten sich nicht. So heißt es, nur zum Beispiel, in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 11. 3. 1966:

„Die Vorgänge zeigen, wohin oberflächliche Einäugigkeit führen kann, wie der Regierende Bürgermeister diese Haltung einmal nannte, die nur noch die Toten in Vietnam sieht und nicht mehr die Toten an der Berliner Mauer.“ (zit. nach [1], S. 517)

Das Gefühl der Frustration, das sich bei engagierten Autorinnen und Autoren aufstaute, muß enorm gewesen sein. Als dann Mitte der 60er Jahre auf einmal Bewegungen auftraten, die nicht mit emsiger Recherche, betonter Seriosität und sorgfältig gewählten Worten den status quo in Frage stellten, sondern sich über diesen einfach mit provokanten Aktionen hinwegsetzten, muß das wie eine Erlösung gewirkt haben. Kein Wunder also, daß man sich auf die Seite der Pudding-Attentäter schlug, denn diese hatten mit ihrer zugegebenermaßen eher infantilen Aktion, die noch nicht einmal zustande gekommen war, mehr erreicht als Dutzende kluger Artikel. Und die dadurch geschlagene Bresche konnte nun publizistisch erweitert werden.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn Roel van Duyn meint:

„PROVOkation – mit all ihren kleinen Nadelstichen – ist, angesichts der Umstände, unsere einzige Waffe geworden. Sie ist unsere letzte Chance, den Autoritäten in ihre lebenswichtigen Weichteile zu treten. Durch unsere Akte der Provokation zwingen wir die Autorität, ihre Maske abzureißen. […] So werden sie gezwungen, ihre wahre Natur zu zeigen; vorgerecktes Kinn, gerunzelte Augenbrauen, die Augen starr vor Wut, nach rechts und links Drohungen ausstoßend, befehlend, verbietend, verurteilend.“ (zit. nach [2], S. 60)

Literaturverzeichnis

[1] von Friedeburg, L.; Horlemann, J.; Hübner, P.; Kadritzke, U.; Ritsert, J. & Schumm, W., Freie Universität und politisches Potential der Studenten, Neuwied und Berlin 1968.

[2] Kempton, R., Provo. Amsterdam’s Anarchist Revolt, Brooklyn 2007.

Written by alterbolschewik

17. Februar 2012 at 15:20

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen, Medien

Das Pudding-Attentat im Spiegel der Medien (2)

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Die Terrorisierung der Berliner Bevölkerung durch eine rote Minderheit nimmt immer stärkere Ausmaße an. […] Die pflaumenweichen Erklärungen, die Heinrich Albertz in dieser Sache bis jetzt von sich gab, lassen jedenfalls schwarzsehen. Es sei denn, es finden sich ein paar beherzte Berliner und machen es wie die Matrosen in Amsterdam. Diese ideologischen Gammler sind wahrscheinlich mit Argumenten nicht mehr zu überzeugen.“

Leserbrief von Gerd Schacht in der Berliner Morgenpost vom 11. April 1967

Für die Zeitungsausgaben am 7. April war die Freilassung der Verhafteten „Pudding-Attentäter“ zu spät gekommen – die Anhörung vor dem Untersuchungsrichter dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Während also die B.Z. noch mit dem Titel „Die Verschwörer schalten auf stur“ verkauft wurde, waren diese längst auf freien Fuß gesetzt worden. Der Tagesspiegel berichtete tags darauf sachlich und neutral:

„Der Richter hatte es abgelehnt, Haftbefehle zu erlassen, die von der Staatsanwaltschaft wegen Verdachts eines Sprengstoffverbrechens beantragt worden waren.
Bei der Vernehmung kam der Richter zu der Auffassung, es bestehe kein dringender Verdacht, daß andere Gegenstände als »Rauchentwickler« hergestellt werden sollten.“ ([2])

Was bislang nur eine Behauptung der Verhafteten und ihres Anwalts war, hatte nun das Gütesiegel einer höchstrichterliche Bestätigung erhalten: Der nach der Verhaftung der „Attentäter“ herausgegebene Polizeibericht zeugte zwar von reger Phantasie, hatte aber mit der Realität wenig gemein. Man sollte glauben, daß die Springer-Presse, die von der Berliner Polizei in eine peinliche Lage gebracht worden war, empört Rechenschaft darüber verlangt hätte, wie es zu diesem fehlerhaften Bericht hatte kommen können. Doch weit gefehlt. Statt das Naheliegende zu tun, nämlich die Frage zu stellen, was die Gründe für diese Panne waren, titelte die BILD-Zeitung unverdrossen: „Die Polizei hat sich ein Lob verdient“. Und eingebettet in diesen Artikel konnte man lesen:

„Der Vernehmungsrichter setzte gestern früh um vier Uhr die acht Mitglieder des SDS wieder auf freien Fuß, obwohl der Staatsanwalt bis auf eine Ausnahme Haftbefehl beantragt hatte. Begründung des Richters: Kein dringender Tatverdacht eines Sprengstoffanschlags gegen US-Vizepräsident Humphrey! Dagegen die Polizei: »Wir konnten bei der Prominenz der Besucher kein Risiko eingehen.«“ ([5])

Skandalös! Da erdreistet sich also ein Richter gegen die geballte Autorität von Polizei und Staatsanwaltschaft zu entscheiden, es bestehe kein dringender Tatverdacht! Ja, wo kommen wir denn da hin!

Dabei war dies noch die harmloseste Variante, wie mit der behördlichen und journalistischen Katastrophe umgegangen wurde; überhaupt, und das lohnt sich wirklich festzustellen, entpuppt sich bei näherem Hinsehen ausgerechnet die BILD-Zeitung als eines der eher gemäßigten Blätter des Springer-Konzerns. Deutlich heftiger sind die Kapriolen, wie sie die B.Z. schlägt, um nicht zugeben zu müssen, daß sie kritiklos und ohne Nachprüfung eine polizeilich Falschmeldung verbreitet hatte. Schon der Titel ihres Artikel gab die Marschrichtung für ihre Rechtfertigungsstrategie vor: „Waren die Bomben noch nicht fertig?“ Immerhin, eine gewisse Vorsicht ließ man nun walten. Angesichts des Artikel-Inhalts hätten sie durchaus auch „Die Bomben waren noch nicht fertig!“ schreiben können:

„Die Politische Polizei ist nach wie vor davon überzeugt, daß die Studenten Sprengkörper basteln wollten. Nicht verhältnismäßig harmlose Rauchbomben, wie sie behaupten. […] »Wir sind vielleicht eine Stunde zu früh gekommen.«, meinte gestern ein Beamter der Polizei.“ ([7])

Am dollsten aber trieb es wie immer die Berliner Morgenpost:

„[J]enen alles verstehenden und daher alles verzeihenden Träumern, die da meinen, unsere lieben kleinen Bombenschmeißer in West-Berlin wollten ja Herrn Humphrey nicht nach dem Leben trachten – sondern ihn nur erschrecken –, diesen Träumern sei gesagt: Einige der Verschwörer erkundigten sich vorher, wieviel Monate Knast der Umgang mit Sprengstoff hierzulande kostet – und stiegen aus.
Die anderen machten weiter mit, im festen Vertrauen auf unseren Rechtsstaat, in der Gewißheit, daß ein unabhängiger Richter sie selbstverständlich nach kurzer Zeit auf freien Fuß setzen würde und müßte, zumal die Kriminalpolizei nicht in der Lage war, zu dem geplanten (und gottlob verhinderten) Verbrechen auch noch den Gemordeten oder Blessierten mizuliefern.“ ([4])

Diese Eskalation von Seiten der Springer-Presse, die weit über einfaches journalistisches Versagen hinausgeht, läßt sich eigentlich nur auf eine einzige Weise deuten: Die Springer-Blätter verstanden sich nicht als Medium, nicht als neutraler Vermittler im Rahmen einer bürgerlich-demokratischen Öffentlichkeit, sondern selbst als Partei in einer Auseinandersetzung. Und ihre Position war eine durch und durch autoritäre: Wenn Polizei und Staatsanwaltschaft der Meinung sind, daß bestimmte Personen hinter Schloß und Riegel gehören, dann wiegt das schwerer als der eigentliche Sachverhalt, selbst wenn dessen verhältnismäßige Harmlosigkeit durch einen Richter höchst offiziell bestätigt wurde.

Die Reaktionen der Springer-Presse machen deutlich, daß das eigentliche Verbrechen der „Verschwörer“ nicht darin bestand, den amerikanischen Vizepräsidenten in die Luft sprengen zu wollen – was definitiv und selbst für Angestellte des Springer-Konzerns erkennbar nicht der Fall war –, sondern daß sie die Legitimität der bestehende Ordnung grundsätzlich in Frage stellten. Und in dieser autoritären Logik unterscheidet sich ein Tortenwurf qualitativ nicht von einem Bombenanschlag.

Bereits im Jahr 1968 stellt eine Studie fest, daß Presseorgane wie die zitierten Blätter der Springer-presse

„die amtlicherseits verbreitete Version der Vorgänge übernommen haben, weil sie in Übereinstimmung mit den Repräsentanten der Institutionen die gleichen politischen Maximen als unantastbare voraussetzen. Die wenig explizierte Kategorie »Westliche Freiheit« bezeichnet eine Attitüde, einen Kanon von Urteilen und Standards, die nicht mehr zur Kritik gestellt sind. Proteste gegen einen ihrer Repräsentanten erscheinen zwangsläufig als Angriff auf die Existenz der »westlichen Welt«. […] Verstöße gegen den allseits gepflegten Konsensus […] werden nicht mit Argumenten, sondern mit Verdammungsurteilen belegt, die nicht nur im Falle der Springer-Zeitungen unzweideutig die Gewaltanwendung nahelegen.“ ([3], S.544)

Diese auf die Autoritäten und den Status Quo fixierte Haltung ist allerdings nur eine von insgesamt drei typischen Reaktionsweisen, die die Autoren der Studie identifizieren. Das eben beschrieben Reaktionsmuster wird dem sogenannten „restriktiven Typus“ zugeschrieben, zu dem, neben den Blättern des Springer-Konzerns, auch die Deutsche National- und Soldatenzeitung oder die Frankfurter Allgemeine zu zählen sind.

Am anderen Ende des Spektrums befinden sich die Blätter, die von den Autoren der Studie als „progressiver Typus“ bezeichnet werden. Hierzu zählen sie die Frankfurter Rundschau, die Süddeutsche Zeitung, die Zeit und den Spiegel. Mit unterschwelliger Arroganz konstatieren die Autoren der Studie:

„Es sind also Publikationsorgane, bei denen man nicht von einer Massenauflage reden kann und die sich weitgehend an ein Publikum mit besonderer Bildung und besonderen Interessen wenn.“ ([3], S. 487)

Auch diese Blätter agierten keineswegs neutral, sondern parteiisch, nur in die andere Richtung. Ihr Ziel war es, autoritäre Strukturen aufzubrechen und eine wirkliche, nicht nur formale Demokratisierung der Bundesrepublik zu befördern. Die Schlappe der Berliner Polizei und der Springer-Presse kam hierzu wie gerufen.

Im Spiegel kommentierte Otto Köhler den Polizeibericht über die Verhaftung der „Verschwörer“ wie folgt:

„Das war die Beschuldigung einer Behörde, die sich schon oft durch ihre frei gestaltende Phantasie im Umgang mit demonstrierenden Studenten hervorgetan hatte. Jeder Redakteur hatte somit gewiß Anlaß, sich der wiederholten Mahnungen des Deutschen Presserates an die Konvention zum Schutze der Menschenrechte zu erinnern, die vorschreibt, daß bis zur rechtskräftigen Verurteilung die Schuldlosigkeit eines Beschuldigten zu vermuten ist. Doch diese Mahnungen lagen – bestenfalls – im Archiv, der Polizeibericht aber lag auf dem Schreibtisch. Und das hatte Folgen.“ ([6])

Die Zeit ging noch einen Schritt weiter. Sie druckte eine satirische Glosse von Wolfgang Ebert ab, die angeblich das Überwachungsprotokoll aus der Zentrale des Berliner Polizeipräsidiums zitierte:

Zentrale an Dora 3: Feststellen, ob die Verschwörer in dem Laden auch Milchpulver gekauft habe. Wichtig!
Zentrale an Labor: Feststellen, was die Verschwörer mit Milch, Eier, Mehl und Puddingpulver machen können.
Labor an Zentrale: Pudding.
Zentrale an Waffenexperten: Ermitteln, wozu die Verschwörer den ganzen Joghurt brauchen könnten.
Gustav 4 an Zentrale: Die Verschwörer haben im Supermarkt Zucker und Zimt besorgt. Erbitten weitere Anweisungen.
Zentrale an Gustav 4: Feststellen, ob auch Grieß.
Dora 3 an Zentrale: Die Verschwörer haben soeben in der Molkerei vier Liter Schlagsahne gekauft.
Zentrale an Dora 3: Schlagsahne gab es in Amsterdam nicht. Offenbar eine neue Waffe. Bleiben Sie weiter am Ball!
Zentrale an Gustav 4: Was ist mit dem Grieß? Ein Präsident von Honduras wurde durch heißen Grießbrei umgebracht!
Zentrale an Otto 2: Wichtig! Sofort bei Behnke nachfragen, wie viele Eier die Verschwörer gekauft haben!
Gustav 6 an Zentrale: Verschwörer E kommt aus Milchladen. In der Hand Quark. Macht einen verdächtigen Eindruck. Erbitten weitere Anweisungen.
Karl 2 an Zentrale: Verschwörerin B betritt Drogerie.
Otto 2 an Zentrale: 14 Eier für 11 Verschwörer, drei wahrscheinlich zum Essen.
Zentrale an Gustav 6: Was ist mit dem Quark?
Gustav 6 an Zentrale: Verschwörer E ißt ihn. Mitten auf der Straße.
Karl 2 an Zentrale: Verschwörerin B kommt aus der Drogerie mit Ata und Vim. Angeblich zum putzen. Wahrer Verwendungszweck eindeutig.
Gustav 4 an Zentrale: Als Monteur verkleideter Beamter stellte in der Wohnung fünf Buttercremetorten fest. Ob eßbar fraglich. Verschwörer G wollte an einer Torte naschen, wurde aber von Kollegen schroff zurechtgewiesen.
Zentrale an Gustav 4: Die Buttercremetorten im Auge behalten.
Anton l an Zentrale: Verfolgen Verschwörer, der Mehlspuren hinterläßt.
Zentrale an Anton 1: Bleiben Sie ihm auf den Fersen! Immer daran denken, was Ihnen passiert, wenn Humphrey was passiert – ausgerechnet in Berlin!“ ([1])

Das war ein publizistischer Tortenwurf direkt in das Gesicht der Berliner Polizei – und es wäre durchaus interessant, der Frage nachzugehen, inwieweit deren besonders aggressives Vorgehen während des Schah-Besuches zwei Monate später eine Reaktion auf diese Lächerlichmachung in der Folge des Pudding-Attentates war. Eine halbstarke Trotzhaltung nach dem Motto: „Jetzt zeigen wir es »denen« mal richtig“ könnte da durchaus eine Rolle gespielt haben.

Eines jedenfalls machen diese Zitate aus Spiegel und Zeit deutlich: Die antiautoritären Protestgruppen waren keineswegs isoliert, sondern konnten auf eine zwar kleine, aber publizistisch rege sympathisierende Fraktion im Medienbetrieb rechnen. Ganz offenkundig war die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik der 60er Jahre nicht nur uneins, sondern massiv gespalten.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn die Kieler Nachrichten vom 7. April 1967 der Meinung sind:

„Protestieren, Demonstrieren, Rebellieren ist nun einmal das Vorrecht der Jugend. Die Jahre glätten auch diese Wogen. Heute soll man ihnen nicht nur erlauben, ein Element der Unruhe zu sein. Man soll froh darüber sein: Wären sie es nicht, wäre es um die politische Zukunft der Nation wohl viel schlimmer bestellt.“ (zit. nach [3], S.544)

Literaturverzeichnis

[1] Ebert, W., „Pudding-Mörder“, in: Die Zeit, Jg.20 (1967), Nr.15 (14. April 1967), S.7.

[2] Tagesspiegel, 08. April 1967: „Die beschuldigte „Provo“-Gruppe vom Vernehmungsrichter freigelassen“ (Eigener Bericht), S.2.

[3] von Friedeburg, L.; Horlemann, J.; Hübner, P.; Kadritzke, U.; Ritsert, J. & Schumm, W., Freie Universität und politisches Potential der Studenten, Neuwied und Berlin 1968.

[4] BERLINER MORGENPOST, 08. April 1967: „Liebe kleine Bombenwerfer“ (Jo), S.2.

[5] BILD (Berlin), 08. April 1967: „SDS-Mitglieder freigelassen“ (ka), S.2.

[6] Köhler, O., „Mord“, in: Der Spiegel, Jg.21 (1967), Nr.17 (17. April 1967), S.61.

[7] B.Z., 08. April 1967: „Waren die Bomben noch nicht fertig?“ (L.R.), S.4.

Written by alterbolschewik

10. Februar 2012 at 16:24

Der große Ökostrom-Studien-Schwindel

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Klewes gehört zu den wenigen Menschen, denen man schon im Alter von Mitte 40 den Titel der grauen Eminenz anhängte. Das liegt zweifellos an seinen Verdiensten für die PR-Branche.“

Handelsblatt, 19. Oktober 2006

Aus aktuellem Anlaß gibt es heute einen Beitrag, der nur indirekt mit dem eigentlich zu verhandelnden Thema, dem Verhältnis von antiautoritären Bewegungen und den Medien zu tun hat – damit geht es nächste Woche weiter. Dafür geht es heute um eine „wissenschaftliche“ Studie, an der ich gebeten worden bin, teilzunehmen.

Dazu muß ich vielleicht einiges vorausschicken. Wenn man, wie ich, in der selbsternannten „Green City“ Freiburg lebt, dann hat man ein Problem. Zumindest als Alter Bolschewik. Denn dann verachtet man einerseits das spießige grün-alternative Manufactum-Bürgertum aus tiefster Seele. Zum anderen muß man allerdings, wenn man ehrlich ist, zugeben, daß man mit diesem mehr gemein hat, als einem lieb ist. Natürlich habe ich die Erde nicht von meinen Kindern geborgt. Um genau zu sein: Ich würde mich hüten, überhaupt irgendwelche unerzogenen Blagen in die Welt zu setzen und dann „Luca“ zu nennen. Ich kontrolliere auch nicht, ob meine Nachbarn den Müll korrekt trennen (und wenn, dann höchst selten). Aber ich habe statt eines Autos einen Fahrradanhänger. Ich bemühe mich, meine Lebensmittel direkt beim Erzeuger zu kaufen. Und ich beziehe meinen Strom von einem Ökostromanbieter, so einem richtigen, nicht einem, der verschiedene „Tarife“ anbietet und dann rein bilanztechnisch den Atomstrom auf die nicht Ökostrombezieher verschiebt. Nein, die Anbieter meines Ökostroms sind honorige Leute, absolut integer, die seit Jahrzehnten gegen die Atomlobby aktiv sind. Und um das zu unterstützen, bin ich durchaus bereit, für meinen Strom ein paar Kröten mehr springen zu lassen (so viel mehr ist das übrigens gar nicht).

Ich bilde mir also zusammen mit vielen meiner Freiburger Mitbürger ein, ich sei ein „kritischer“ Konsument. Zwar glaube ich nicht, daß ich die Welt dadurch retten werde, weil ich statt zu dem einen Konsumgut zu einem anderen greife, aber es schadet auch sicherlich nicht. Und so bin ich beim selben Ökostromanbieter wie viele meiner umweltbewußten, grün wählenden Mitbürger. Das hat natürlich auch mit der Freiburger Geschichte zu tun, mit der Verhinderung des Atomkraftwerks in Wyhl (das, für die norddeutschen Leserinnen, „Wiehl“ ausgesprochen wird, nicht „Wühl“). Hier findet sich also noch ein Residuum der Bewegungsgeschichte. Geblieben ist davon allerdings nicht viel mehr als eine bestimmte Form des Konsums, die der Illusion aufsitzt, sie sei mehr als bloßer Konsum.

Allerdings ist diese Art des Konsums für manche Menschen ein Problem. Nämlich für die Werbewirtschaft. Denn wir uns „kritisch“ dünkende Konsumenten sind für sie sehr schwer erreichbar. Das hängt auch mit der Bewegungsgeschichte, und ja, mit deren Verhältnis zu den Medien zusammen. Das reicht zurück bis in die 60er und 70er Jahre. Die letzte Woche beschriebene Konfrontation mit der Springer-Presse, die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre begann, hat ein grundsätzlich kritisches Bewußtsein gegenüber den Medien hinterlassen, das diesen ein manipulatives Interesse unterstellt. Noch schlimmer ist es um die „Botschaften“ der Werbeindustrie bestellt: Diese sind für uns „kritische Konsumenten“ nichts als Lüge und Manipulation: Zwischen der Bild-Zeitungs-Redaktion und einer Agentur für „Kommunikationsberatung“ ist, in unserer Sicht der Welt, kein wesentlicher Unterschied festzustellen. Das heißt, eigentlich sind wir für diese Menschen nicht erreichbar.

Nun könnten wir friedlich in unseren Welten nebeneinander herleben, wenn, ja, wenn die Werbeindustrie nicht ein ausgeprägtes Interesse an uns hätte. Einmal ganz davon abgesehen, daß wir über ein überdurchschnittliches Einkommen verfügen, wir sind sogar bereit dazu, für bestimmte Produkte mehr zu zahlen, zum Beispiel für Ökostrom, ohne daß wir das geringste davon haben. Meinem Laptop, mit dem ich das hier schreibe, ist es völlig egal, ob er mit Ökostrom oder Atomstrom betrieben wird. Wenn ich mein Gemüse auf dem Markt statt beim Diskounter kaufe, dann erhalte ich für mein Geld wenigstens auch bessere Qualität. Doch wenn ich Ökostrom kaufe, dann bringt mir das, zumindest auf das Produkt selbst bezogen, überhaupt nichts, es kostet nur mehr. Könnte man also, und hier fängt der „Kommunikationsmanager“ an zu träumen, herauskriegen, warum es Menschen gibt, die sich ökonomisch offensichtlich komplett irrsinnig verhalten; und ließen sich diese Mechanismen im Detail studieren und auf andere Produkte anwenden, dann, ja dann hätte man den Heiligen Gral der Werbung gefunden.

Doch wie gesagt, wir „kritischen“ Konsumenten sind ein widerborstiges Völkchen, was unser Verhältnis zur Werbung angeht. Klingelte also jemand von einer Werbeagentur, nennen wir sie mal Ketchum Pleon, bei uns und fragte höflich, ob wir an einer kleinen Umfrage über unser Konsumverhalten teilnehmen würden, dann müßte dieser jemand sehr schnell seine Nase zurückziehen, weil sie sonst schmerzhaft Kontakt mit unserer Tür aufnehmen würde. Es ist also nicht so ganz einfach, uns die Information aus der Nase zu ziehen, warum wir unser Geld so und nicht anders ausgeben.

Es muß also irgendwie anders gehen. Man kann sich lebhaft die Brainstorming-Sitzungen in unserer Werbeagentur vorstellen, wie dieses Problem zu lösen sei. Bis auf einmal der Seniorpartner der Agentur, nennen wir ihn einmal Joachim Klewes, eine glorreiche Idee hat: Ich gründe eine „unabhängige“ Stiftung, die dann derartige Untersuchungen durchführt. Wenn man nicht als Werbeagentur, sondern als gemeinnützige Stiftung vor der Tür steht, dann sind die Erfolgschancen sicherlich deutlich höher. Gesagt, getan, die Stiftung wird gegründet und nennt sich Change Centre Foundation. Allerdings ist die Verbandelung dieser „unabhängigen“ Stiftung mit der Werbe- und Kommunkationsindustrie so offensichtlich, daß man wahrscheinlich auch nicht besonders erfolgreich sein wird: Man holt sich vielleicht keine blutige Nase, wird aber trotzdem freundlich abgewimmelt.

Es muß also zusätzlich Vertrauen geschaffen werden. Und wem vertraut der Deutsche? Die jüngste Allensbachstudie zum Berufsprestige behauptet, daß nach Ärzten, Krankenschwestern, Lehrern, Handwerkern und Ingenieuren ausgerechnet Professoren das höchste Ansehen genießen (Kommunikationsberater tauchen in der Allensbach-Studie gar nicht auf, wahrscheinlich ist ihr Prestige eher im Bereich des Tierreiches, irgendwo im Umfeld von Kakerlaken, anzusiedeln). Nun trifft es sich, daß unser Stiftungsgründer auch Lehrveranstaltungen an der Universität Düsseldorf anbietet und sich deshalb „Honorarprofessor“ nennen darf. Wenn er jetzt noch eine der Studentinnen aus seinem Seminar vorschickt, die erklärt, sie arbeite im Auftrag der Heinrich Heine Universität Düsseldorf und in Zusammenarbeit mit der unabhängigen, gemeinnützigen Change Centre Foundation, tja, dann weiß ich nicht, dann lasse ich sie vielleicht doch über meine Schwelle.

Um das Ganze aber wasserdicht zu machen, braucht es noch jemanden, der – in der Sprache der „Kommunikationsberater“ – als „Testimonial“ auftritt, also jemand, dem ich grundsätzlich erst einmal vertraue. Und so schreibt mich der Geschäftsführer meines Ökostrom-Anbieters mit folgenden wohlklingenden Worten an:

„Lieber Alter Bolschewik,
heute möchte ich Sie auf ein Forschungsprojekt der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf aufmerksam machen. Unter Leitung von Prof. Dr. Joachim Klewes beschäftigt sich ein Team junger Wissenschaftler mit der Frage, unter welchen Bedingungen individueller Verhaltenswandel und gesellschaftliche Veränderung möglich sind.“

Und damit hatten sie mich am Haken – schließlich interessiert mich individueller Verhaltenswandel und gesellschaftliche Veränderung ungemein (in diesem Blog geht es ja im Prinzip um nichts anderes).

Es behaupte also keiner, er sei nicht manipulierbar – es ist nur eine Frage der Mittel. Und Vertrauen ist der Hebel schlechthin. Ich vertraue meinem Ökostrom-Anbieter (und ich bin nach wie vor überzeugt, daß von dieser Seite aus nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt wurde und sie einfach über den Tisch gezogen wurden) und habe den „Professor“ Klewes und seine „Change Centre Foundation“ nicht so genau unter die Lupe genommen, wie ich das sonst getan hätte.

Und dieses Problem ist nicht zu umgehen. Ich muß tagtäglich Menschen vertrauen, es geht gar nicht anders, ich kann nicht immer alles selbst nachprüfen. Ziel der „Kommunkationsberater“ ist es, genau dieses notwendige Vertrauen zu manipulieren. Und am besten gelingt dies natürlich, wenn die Verbreiter bestimmter Botschaften sich gar nicht dessen bewußt sind, daß sie mißbraucht werden. Der neuste Werbe-Hype „virales Marketing“ beruht gerade darauf. Wenn mir eine Werbeagentur eine eMail zuschickt, in der sie mich auf ein angeblich interessantes oder lustiges Video auf youtube hinweist, dann landet das sofort im virtuellen Papierkorb. Wenn die Werbeagentur aber einen meiner Freunde dazu bringt, mir eine eMail mit dem selben Inhalt zu senden, dann werde ich mir das Video wohl ansehen. Die Agentur Ketchum Pleon ist sehr stolz darauf, daß sie diese Technik beherrscht.

Und so ließ ich mich also vermittels des Vertrauens, das ich in meinen Ökostrom-Anbieter setze, dazu manipulieren, Klewes Fragebogen auszufüllen. Allerdings stellte ich recht schnell fest, daß es im Fragebogen überhaupt nicht um „individuellen Verhaltenswandel und gesellschaftliche Veränderung“ ging, sondern allein um die Frage, warum ich bereit bin, ein teureres Produkt, nämlich Ökostrom zu kaufen, obwohl ich persönlich davon überhaupt keinen Nutzen habe.

Doch selbst als mir das bewußt wurde, stellte mir meine Arroganz noch einmal ein Bein – was wiederum zeigt, wie erfolgreich zumindest ich manipulierbar bin. Spätestens jetzt hätte ich zunächst einmal recherchieren müssen, ob die „Verengung“ der angeblichen Fragestellung auf bloßen Konsum kein Zufall ist. Und sonderlich schwierig wäre das nicht gewesen: Es reicht, „Joachim Klewes“ bei Wikipedia einzugeben. Stattdessen ließ ich mich auch noch dazu hinreißen, nach Abschluß des Fragebogens die Erforscher „individuellen Verhaltenswandels und gesellschaftlicher Veränderung“ darauf hinzuweisen, daß sich dieser nicht auf Konsumentscheidungen reduzieren lasse, im Gegenteil.

Kaum hatte ich meinen Kommentar abgeschickt, schwante mir natürlich auf einmal, daß der von mir kritisierte „Fehler“ der Studie in Wirklichkeit gar keiner war, sondern exakt deren Intention beschrieb. Es treibt mir nachträglich die Schamröte ins Gesicht, wie Klewes über meine Naivität gegackert haben muß. Es ist wohl diese narzisstische Kränkung, die mich heute dazu bewogen hat, über diesen „Großen Ökostrom-Studien-Schwindel“ zu schreiben. Und wer weiß, vielleicht findet ja auch dieser Artikel eine virale Verbreitung, die den Manipulationen eines Klewes etwas entgegensetzt.

Nächste Woche geht es aber weiter im Thema antiautoritäre Bewegungen und Medien, wenn das Darmstädter Echo 1967 meint:

„Ein Meinungskonzern überwacht die politische Wohlanständigkeit in Berlin; nur wenige riskieren es, ihn gegen sich zu haben. Die kritischen FU-Studenten gehören zu dieser Minorität.“

Written by alterbolschewik

27. Januar 2012 at 17:11

Veröffentlicht in Ökonomie, Medien, Wissenschaft

Enteignet Springer!

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SPD, CDU und FDP, damit das Parlament und der Senat – alle sind sich einig: Diese »Kommune« muß eins auf den Deckel kriegen!“

Bild-Zeitung vom 12. April 1967

Dieser Text über das Verhältnis von Medien und antiautoritären Bewegungen soll Überlegungen abschließen, die ich im Herbst letzten Jahres angestellt hatte. Mir ging es damals um die Gründe, warum Teile der antiautoritären Bewegungen in eine sinnlose Gewaltspirale abglitten, die dann in den 70er Jahren dazu führte, daß sich tatsächlich klandestine bewaffnete Gruppen bildeten. Unter anderem hatte ich als einen Grund für die Eskalation folgendes angegeben:

„Das Zerrbild, das die öffentlichen Repräsentanten und die Medien von der Bewegung zeichnete, konnte von dieser selbst eigentlich nur als bewußt verlogene Propaganda verstanden werden, als eine bösartige Karikatur, in der sich niemand wiedererkennen konnte.“

Der Grundgedanke war, daß die mediale Aggression auf Seiten der Betroffenen selbst Aggressionen erzeugten, bis sie irgendwann glaubten, zurückschlagen zu müssen. Machten sich linke Studenten in der ersten Hälfte der 60er Jahre noch über die Springerpresse lustig, begriffen sie zusehends, daß es sich um eine Macht handelte, und zwar eine parteiische Macht. Nach der Erschießung von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 wurde das ganz offensichtlich. Und zwar teilten diese Meinung nicht nur linke Studenten. So erklärte beispielsweise auch der RCDS in Mainz:

„Die Wurzel für die Dauerunruhen scheint uns vor allem in der verantwortungslosen Hetze der Berliner Presse gegen die Studentenschaft zu liegen. Seit Monaten versuchen die Berliner Zeitungen, in einer regelrechten Kampagne die Bevölkerung systematisch gegen die Studenten aufzubringen.“ (zit. nach [1], S. 69)

In der Tat hatte die Springer-Presse mit beispielloser Aggressivität agiert und damit ein gesellschaftliches Klima geschaffen, in der Gewalt gegen demonstrierende Studenten völlig legitim erschien. Die Bild-Zeitung rief beispielsweise bereits am 14. Dezember 1966 auf zum Austeilen von „Polizeihieben auf Krawallköpfe, um möglicherweise noch vorhandenen Grips locker zu machen“ (zit. nach [3], S. 541). Am 11. Januar 1967 forderte dann die ebenfalls zum Springer-Konzern gehörende Berliner Morgenpost, man müsse „Störenfriede ausmerzen“ (zit. nach [1], S. 69).

Am Tag nach dem Tod von Benno Ohnesorg forderten dann auch Studenten in Westberlin das Abgeordnetenhaus auf, „aufgrund der Bestimmungen der Verfassung von Westberlin und des Grundgesetzes der BRD die Enteignung des Springerkonzerns vorzubereiten.“ (zit. nach [1], S. 78) – natürlich ohne Erfolg. Doch damit nahm die sogenannte Springer-Kampagne ihren Anfang. Im Wintersemester 1967/68 bildete sich im Rahmen der Kritischen Universität an der FU Berlin ein Springer-Arbeitskreis, der zusammen mit anderen Gruppen wie dem Republikanischen Club ein Hearing im Frühjahr 1968 vorbereitete. Am 2. Februar wurde eine vorbereitende Veranstaltung durchgeführt, in der Arbeitsgruppenergebnisse vorgetragen wurden.

„Anschließend an diese Referate wurde ein 5-Minuten-Film von Holger Meins über die Herstellung und Verwendung von Molotowcocktails gezeigt. In derselben Nacht wurden die Fensterscheiben von 7 Morgenpost-Filialen mit Steinen zertrümmert.“ ([2], S. 122)

Die Eskalation der Gewalt hatte begonnen. Das eigentliche Springer-Hearing sollte nicht mehr stattfinden, denn die Ereignisse überschlugen sich, als am 11. April 1968 das Attentat auf Rudi Dutschke verübt wurde. Der Attentäter, ein minderbemittelter Hilfsarbeiter, war offensichtlich durch die Pressekampagne gegen die antiautoritären Bewegungen und dem als „Anführer“ stilisierten Dutschke zu seiner Tat angestiftet worden. In einem Flugblatt schrieb der Berliner SDS:

„Ungeachtet der Frage, ob Rudi das Opfer einer politischen Verschwörung wurde: Man kann jetzt schon sagen, daß dieses Verbrechen nur die Konsequenz der systematischen Hetze ist, welche Springer-Konzern und Senat in zunehmendem Maße gegen die demokratischen Kräfte in dieser Stadt betrieben haben.“ (zit. nach [1], S.97)

Bereits am Abend des Attentats versammelten sich 5000 Demonstranten vor dem Springer-Haus und bewarfen es mit Steinen. Ein Polizeieinsatz mit Schlagstöcken und Wasserwerfern konnte nicht verhindern, daß fünf Auslieferungswagen abgefackelt und zehn weitere umgekippt und demoliert wurden. Das Berliner Beispiel machte Schule:

„In allen Städten der Bundesrepublik, in denen die »Bild«-Zeitung gedruckt oder ausgeliefert wird, kam es nach dem Dutschke-Attentat zu Blockadeversuchen. In Hamburg, Frankfurt, Essen, Köln und München gelang die Blockade in der Nacht zum Samstag; in Hannover verzögerten sich die Auslieferungen um einige Stunden, in Esslingen bei Stuttgart bis zum frühen Morgen.“ ([1], S. 100)

Die Aktionen zogen sich über das Oster-Wochenende hin und erreichten ihren Höhepunkt am Ostermontag. Zwei Menschen kamen bei den Auseinandersetzungen ums Leben: Der Photograph Klaus Frings wurde von einem Stein tödlich getroffen, der Student Rüdiger Schreck starb wahrscheinlich aufgrund von Polizeiprügeln. 400 weitere Personen wurden verletzt.

Es ist also durchaus plausibel, die massenmediale Vermittlung des Protestes für die Gewalteskalation verantwortlich zu machen. Zumindest die Springerpresse als geschworene Gegnerin der Protestbewegungen trug ein hohes Maß an Verantwortung für die Zuspitzung des Konfliktes.

Doch so unbestreitbar richtig, wie diese Einsicht ist, so vereinfachend ist sie auch. Zum einen bestand die bundesrepublikanische Medienlandschaft in den 60er Jahren nicht nur aus den Blättern der Springerpresse. Es gab andere, durchaus meinungsbildende Publikationen, in deren Blättern die neu entstehende gesellschaftliche Unruhe im Sinne einer Demokratisierung der Gesellschaft begrüßt wurde. Darauf werde ich nächste Woche genauer eingehen. Aber auch das Verhältnis zur Springerpresse selbst war ambivalenter als das oben skizzierte Freund-Feind-Schema suggeriert.

Tatsächlich erkannten Teile der Bewegungen, daß die Polarisierung, die der Boulevardjournalismus betrieb, keineswegs sein intendierte Ziel erreichte. Dieses Ziel, wenn es denn überhaupt jenseits der Auflagensteigerung ein politische Ziel gab, bestand darin, die Bewegungen zu isolieren und zum Abschuß freizugeben. Und wo die Springersche Meinungsmacherei auf bereits bestehende autoritäre Fixierungen traf, wirkte sie auf diese sicherlich verstärkend. Andererseits aber waren ihre Mittel derart grotesk und überzeichnet, daß sie durchaus in die Gegenrichtung mobilisierend wirken konnten. Wo die Schmähungen so übersteigert waren, konnten sie leicht dazu führen, die Geschmähten zu medialen Helden zu stilisieren.

Paradebeispiel derartiger, durch die Boulevardpresse überhaupt erst hervorgebrachter Helden waren die Bewohner der Kommune I. Deren Entstehung läßt sich – über die Subversive Aktion und die Gruppe Spur – bis zur Situationistischen Internationale zurückverfolgen. Ob nun diese Verbindung zu den Theoretikern der „Gesellschaft des Spektakels“ ausschlaggebend war oder ob es sich um puren Instinkt handelte: Die Kommune I betrachtete die Springer-Presse völlig zurecht nicht nur als Gegner, sondern auch als ein Medium, um den Spaß an der antiautoritären Revolte unter das Volk zu bringen.

„Die Diskrepanz zwischen Wort und Bild in der betont negativen Berichterstattung von Boulevardpresse und Fernsehen (die bis heute noch nicht wissenschaftlich untersucht worden ist) hatte eine nicht zu unterschätzende Multiplikatoren-Funktion. Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans und später auch Georg von Rauch lasen nur noch Bild und BZ. Waren schicke Fotos von ihnen drin, dann war die Revolution auf dem Vormarsch.“ ([2], S.103)

Tatsächlich dürften sie damit eine ganze Menge Jugendliche, vor allem auch Lehrlinge, erreicht und mobilisiert haben. Was der Elterngeneration zum Schrecken dienen sollte, diente der jungen Generation zur Anfeuerung. Jerry Rubin hat das in Do it! knapp und einleuchtend erklärt:

„Allein die Idee einer »Story« ist revolutionär, weil eine »Story« die Unterbrechung des normalen Lebens impliziert. Jeder Reporter ist ein Dramatiker, der Theater aus dem Leben schafft.
Verbrechen auf den Straßen ist eine Nachricht; Recht und Ordnung sind es nicht. Eine Revolution ist eine Nachricht; der status quo ist es nicht.
Die Medien berichten nicht über eine »Nachricht«, sie schaffen sie. Ein Ereignis geschieht, wenn es ins Fernsehen kommt und ein Mythos wird.
Die Medien sind nicht »neutral«. Die Anwesenheit einer Kamera verwandelt eine Demonstration, sie macht uns zu Helden. […] Ich habe niemals eine „schlechte“ Berichterstattung über eine Demonstration gesehen. Es ist egal, was sie über uns sagen. Die Bilder sind die Geschichte.“ ([4], S.106ff)

Zum Problem wird dies allerdings, wenn die so geschaffenen Helden selbst glauben, Helden zu sein, wenn sie glauben, man sei Revolutionär, wenn man von der Bild-Zeitung als solcher bezeichnet wird, kurz: wenn man sich selbst im Gewirr der Mythen des Boulevardjournalismus verfängt. Dann wird aus der spielerisch-provokativen Herausforderung irrationaler Autoritäten ein blutiger Krieg, der von einer kleinen radikalen Minderheit nur verloren werden kann.

Nächsten Freitag widmen wir uns den publizistischen Unterstützern der antiautoritären Bewegungen. Freuen Sie sich also darauf, wenn Sie im Berliner Ärzteblatt lesen können:

„Die Studentenschaft als Organ der Universität, nicht als ihr Objekt – das ist etwas, woran sich viele, vor allem ältere Professoren nicht gewöhnen können, es widerspricht allzusehr den patriarchalischen Verhältnissen des Obrigkeitsstaates traditioneller Prägung. Und es bringt Unruhe. Demokratie ist immer unbequem, und wir haben so wenig Übung darin.“ (zit. nach [3], S.493f)

Literaturverzeichnis

[1] Bauß, G., Die Studentenbewegung der sechziger Jahre, Köln 1977.

[2] Fichter, T. & Lönnendonker, S., Kleine Geschichte des SDS, Berlin 1977.

[3] von Friedeburg, L.; Horlemann, J.; Hübner, P.; Kadritzke, U.; Ritsert, J. & Schumm, W., Freie Universität und politisches Potential der Studenten, Neuwied und Berlin 1968.

[4] Rubin, J., Do it!, London 1970.

Written by alterbolschewik

20. Januar 2012 at 17:26

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Rock ’n‘ Roll!

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„Ich hatte schon von früher etwas längere Haare, und als ich von einem Lehrer ermahnt wurde, nicht als Preseren [slownischer Dichter des 19. Jhdts] herumzulaufen, hatte ich das Gefühl, daß ich auf einmal die »Beatles« verstehen konnte.“

Jugoslawischer Jugendlicher, zit. nach [Barber-Kersovan 2005]

Nicht nur die Bundesrepublik erlebte in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts ein „Wirtschaftswunder“, das galt auch für Jugoslawien. Dabei hatte dort der Wiederaufbau nach dem Krieg durch den Bruch mit Stalin zunächst einen herben Rückschlag erlitten:

„Die Sowjetunion und ihre osteuropäischen Verbündeten schlossen Jugoslawien Anfang 1949 aus dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe aus und errichteten eine hermetische Handelsblockade. Die starre Planung, die politische Isolation nach dem Rauswurf aus der Kominform und eine extreme Dürre führten den Vielvölkerstaat im Jahr 1950 in eine tiefe ökonomische und psychologische Krise.“ ([Calic 2010], S.190)

Andererseits boten sich nun auch andere Chancen. Da die USA fälschlicherweise glaubten, mit Hilfe Jugoslawiens einen Keil in den Ostblock zu treiben, boten sie großzügige militärische und wirtschaftliche Hilfe an. Die Wirtschafthilfe floß zwar weitgehend direkt in den Konsum, doch die damit einhergehende Öffnung der westlichen Märkte erlaubte Jugoslawien ein beispielloses Wirtschaftswunder:

„Zwischen 1953 und 1960 stieg die Industrieproduktion jährlich um imponierende 13,83 Prozent. Jugoslawien hielt damit vor Japan den Weltrekord. Noch in den 1960er Jahren lag die Rate bei 8,2 Prozent. Dadurch vergrößerte sich allmählich auch der Wohlstand. Die Einkommen nahmen zwischen 1953 und 1959 umd 5,9 Prozent zu, und nach den entbehrungsreichen Aufbaujahren rückte nun die Verbesserung des Konsums in den Vordergrund.“ ([Calic 2010], S.197)

Dieser wirtschaftliche Aufschwung brachte – wie in den westlichen Ländern – einen Mentalitätswandel mit sich, der die Jugendlichen, die in diesem prosperierenden Umfeld aufgewachsen waren, in Konflikt mit der älteren Generation brachte, die an den alten, überlieferten Werten festhielt. Dies wurde zum Teil auch von den jugoslawischen Kommunisten aktiv unterstützt:

„Mit besonderer Verve ging der Staat gegen archaische Relikte in der muslimischen Kultur vor. […] Eine junge Muslimin erhählte: »Früher war alles ganz anders. Die Mädchen waren nicht frei […]. Heute […] kann es sich aussuchen, mit wem es zusammen ist und wohin es gehen will. […] Als ich meine Zöpfe abschnitt und mir eine Dauerwelle machen ließ, gab es viel Murren und Klatsch. Ich war eines der ersten Mädchen, das keine Pluderhosen (dimija) mehr trug, sondern ein Kleid.«“ ([Calic 2010], S.219)

Während sich so die Lebensumstände und auch die Alltagskultur rasant veränderten, hinkte der offizielle kulturelle Überbau weitgehend hinter der Entwickung her. Direkt nach dem Krieg war die offizielle Kulturpolitik völlig auf stalinistischer Linie. Gefördert wurden

„Schauspiele mit Partisanenthematik, Volkstänze mit Akkordeonbegleitung, die Veröffentlichung von (pseudo-)literarischen Erzeugnissen in Wand- und Schulzeitungen und die zahlreichen Chöre, bei denen auf dem Umweg über Chorleiterseminare sicher gestellt wurde, daß das Repertoire den vorgeschriebenen ideologischen Richtlinien entsprach. Als »ideologisch unverdächtig« beziehungsweise »empfehlenswert« galten heimische Wecklieder, revolutionäre Lieder unterschiedlicher Herkunft, regimekritische Lieder aus der Vorkriegszeit, Lieder aus dem spanischen Bürgerkrieg, slowenische Volks- und Partisanenlieder.“ ([Barber-Kersovan 2005], S.29)

Jazz hingegen war verpönt. Bereits unmittelbar nach Kriegsende sahen sich die Fans der Jazz-Band „Verseli beraci“ in Ljubljana, „die ihre Zugehörigkeit mit langen Haaren, engen Hosen mit hohen Aufschlägen und bunten Socken zur Schau stellten“ polizeilichen Schikanen ausgesetzt, die bis zu Razzien und willkürlichen Verhaftungen auf der Promenade führten ([Barber-Kersovan 2005], S.33)

Doch auch nach dem Bruch mit Stalin veränderte sich die Situation nicht unbedingt positiv. Zwar fiel ein Teil des Propagandameterials aufgrund seiner sowjetischen Herkunft weg, doch die Lücken wurden nicht unbedingt mit Besserem aufgefüllt: An ihre Stelle traten Schlager und sogenannte „volkstümliche Musik“ wie die des Ensembles Slavko Avsenik. Jazz hingegen wurde weiterhin als „Musik-Pornographie“ abqualifiziert ([Barber-Kersovan 2005], S.32).

In den 60er Jahren bildeten sich dann im eher gehobenen Gymnasiaten- und Studentenmilieu eine Partykultur heraus bei der sich Jugendliche in privaten Wohnung zum Tanzen und Trinken trafen:

„Das Bestehen einer derartigen Party-Gemeinschaft wird bereits für die späten 1950er Jahre überliefert. Sie wurde nach ihrem Maskottchen Crne macke (Schwarze Katze) benannt und von der öffentlichen Meinung zum Inbegriff des Unmoralischen hochstilisiert. Über die von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleideten Jugendlichen wurde unter anderem gemunkelt, sie leiteten ihre wilden Orgien mit dem Verzehr einer gebratenen Hauskatze ein und pflegten Verbindungen zu einem Selbstmörder-Club. Handfeste Beweise für solche Vorwürfe gab es zwar nicht, trotzdem trug die Existenz dieser Party-Gemeinschaft maßgeblich dazu bei, daß man den Begriff »Hausball« in Zusammenhang mit exzessivem Alkoholkonsum und sexueller Promiskuität brachte, obwohl die Veranstaltungen selbst in der Regel viel harmloser verliefen, als ihnen nachgesagt wurde.“ ([Barber-Kersovan 2005], S.38)

Mitte der 60er Jahre erreichte die Beatles-Mania auch Jugoslawien. Es bildeten sich erste Bands, die versuchten, Beat-Musik zu spielen, Fan-Gruppen entstanden, die sich auch durch Kleidung und Haartracht abgrenzten. Insbesondere die langen Haare provozierten die Autoritäten: „Im Jahr 1964 vereinbarten Direktoren aller Gymnasien aus Ljubljana sogar eine gemeinsame Strategie zur Bekämpfung der unerwünschten Haarlänge bei Jungen.“ ([Barber-Kersovan 2005], S.47) Diese sich langsam entwicklende Subkultur sah sich – wie auch im Westen – massiven Angriffen ausgesetzt, deren Diktion sich allerdings von den Angriffen im Westen etwas unterschied, wie man folgendem Leserbrief entnehmen kann:

„Es gibt etwas, was mich an den »Beatles«-Fans stört […]. Es stört mich die schädliche Ideologie. Sie steht am wackeligen Fundament einer kleinbürgerlichen Ideologie, deren Gestalter reaktionäre Indivudualisten aus den bürgerlichen Staaten sind. So sind wir heute Zeugen der Anarchie, der Faulheit, der Verantwortungslosigkeit und des Desinteresses an gesellschaftlichen Gegebenheiten, an Arbeit, Kultur und Wissenschaft, also an allem, von dem die Zukunft jeglicher Gemeinschaft abhängt.“ (zit. nach [Barber-Kersovan 2005], S.45)

Derartige Angriffe waren natürlich völlig kontraproduktiv (oder produktiv, wie man’s nimmt). Nicht nur, daß sie die Fronten zwischen den Generationen verhärteten. Sie führten vor allem dazu, daß ein unsprünglich unpolitisch verstehendes Verhalten, dem es nur um den Ausdruck einer milden Form von Hedonismus ging, die durch die prosperierende ökonomische Situation legitimiert war, sich politisierte.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn Damjan Ovsec meint:

„Zunächst war für uns die Protesthaltung als solche interessant, ohne daß sie in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet wäre. Das geschah erst später, als die Gesellschaft […] unliebsam zu reagieren begann, was natürlich im Nu das gewünschte Kampffeld schaffte. Zugleich begann unsere Generation imer mehr über die Unstimmigkeiten im eigenen Umfeld nachzudenken. Dadurch wurde die Identifikation mit den ausländischen Bewegungen möglich. Die Popmusik bekam eine soziale Konnotation.“ (zit. nach [Barber-Kersovan 2005], S.48f)

Literaturverzeichnis

Barber-Kersovan, A. 2005: Vom „Punk-Frühling“ zum „Slowenischen Frühling“, Hamburg 2005.

Calic, M.-J. 2010: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, München 2010.


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Written by alterbolschewik

10. Juni 2011 at 9:00

Veröffentlicht in Jugoslawien, Medien, Pop