shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Zwischendurch mal’n intelligenter Kritiker Lyotards

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Das, was Kunst eigen ist, ist eine Sphäre einer spezifischen Erfahrung, und leitet sich nicht aus Gesetzen oder den Eigenschaften ihrer Objekte her. (…) Wenn Kant das Schöne ausgehend vom freien, nicht hierarchischen Spiel zwischen dem intellektuellen und dem sinnlichen Vermögen definiert, wenn er zwischen dem Objekt des ästhetischen Urteils und dem Objekt der Erfahrung des Begehrens unterscheidet, unterstreicht er diese doppelte Suspension einer Hierarchie der Erkenntnis und einer Hierarchie der Güter und der Größen. Schiller radikalisiert dies: Die ästhetische Erfahurng ist der Ruin der Hierachien,  die den Stoff der Form, die Sinnlichkeit der Intelligenz, die Passivität der Aktivität unterwarfen. Sie ist der Ruin der Aufteilung des Sinnlichen, die Herrschaft über den Unterschied einer sinnlichen Befähigung zwischen Menschen mit entwickelten Sinnen und Menschen mit groben Sinnen regelte. Und das ermöglichte ihm, eine Freiheit und Gleichheit zu entwerfen, die sinnliche Realitäten und nicht einfach legalistische oder staatliche Formeln sin d. Auf dieser Schicht ruht der Traum einer ästhetischen Revolution auf, der in den Formen der gekebten erfahrung selbst eine Gleichheit realisierte, die in ihren rein politischen Formen immer dazu verurteilt wären, abstrakt zu bleiben.“

Jacques Ranciére, Ist Kunst widerständig?, Berlin 2008, S. 41-43

Und jetzt kommt bestimmt gleich irgendein Depp um die Ecke und beschimpft den Autor der Gleichmacherei, so belegend, dass Erfahrung und Sinnlichkeit ihm nur in Hierachien zugänglich sind und es nicht die Schriften zur Ästhetik Schillers sind, die hierzulande Kanonisierung erfuhren … um gleich darauf nur jene Musik zu hören, die dank Kritiker-Adelung keine Gefahr mehr versprechen.

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Written by momorulez

7. August 2008 at 9:09

Stimmt das?

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„Selbst im extremen Fall der Kunst verhält es sich so, dass wir der nicht-propositionalen ästhetischen Erkenntnisse am Kunstwerk nicht ohne das Medium propositionaler Erkenntnisse über das Kunstwerk teilhaftig werden können.“

Martin Seel, Über Richtigkeit und Wahrheit. Erläuterung zum Begriff der Welterschließung, in ders: Sich bestimmen lassen, S.57

„Propositionale Erkenntnisse“ sind, schlicht formuliert, solche, die sich in der Form „daß p“ formulieren lassen – „Es ist der Fall, daß es regnet“. Ist es beim Betrachten eine Cézannes so, daß wir die Harmonie parallel zur Natur nur dann wirklich erfassen, wenn wir sie als Harmonie parallel zur Natur betrachten und über sie in solchen propositionalen Strukturen sprechen?

Ergänzend schöne Sätze aus der letzten „Die Zeit“:

„Der Historiker, so Aristoteles, erzählt davon, „was passiert ist“; der Poet erzählt davon, „was passieren kann“. Das ist, kurz gefaßt, der Unterschied zwischen Geschichtsschreibung und Literatur. Oder wie es ein Hollywood-Produzent knapp 2400 Jahre später sagte: „Pass bloß verdammt auf, dass dir die Fakten nicht die Wahrheit verwässern.“

Es gibt, so könnte man sagen, eine höhere Wahrheit der Literatur, die nicht allein auf dem Fundament von Fakten beruht (…).“

Georg Diez, Gerechter Krieg?, in: DIE ZEIT Nr. 15 2008, S. 53

Wer hat denn nun recht? Seel, Aristoteles oder der Hollywood-Produzent?