shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Archive for Februar 2012

It’s a happening

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Provo basiert auf zwei fundamentalen Prinzipien, einem kulturellen und einem politischen. Der kulturelle Teil ist am offensichtlichsten in unseren »Happenings«; diese gründeten ursprünglich in der kreative Aktivität einiger unengagierter Beatniks.“

Martin Lindt, Explaining Provo

Als ich vor drei Wochen begann, die Medienreaktionen auf das Pudding-Attentat genauer zu untersuchen, fielen mir die Bezüge zur niederländischen Provo-Bewegung auf. Den Rauchmantel, unter deren Schutz die Pudding-Attentäter den amerikanischen Vizepräsidenten mit einer Buttercremetorte attackieren wollten, hatten sie sich, so hieß es, von den Aktionen während der Hochzeitsfeierlichkeiten der Prinzessin Beatrix mit ihrem Nazi-Gemahl Claus abgeschaut. Diese Aktion der Provos ging damals durch die internationalen Medien. So konnten die deutschen Provokateure gut ein Jahr vor ihrem Versuch eines Pudding-Attentats im typisch blasierten Spiegel-Stil lesen:

„Für 200 Gulden haben Amsterdamer Provos Rauchbomben gefertigt, diese Exklusiv-Information wird, mit Gefühl für sein Bedürfnis nach präzisen Angaben, dem SPIEGEL zuteil. Und vier, fünf Stück davon platzen bereits weit vor der Bannmeile, vor dem engeren Festbezirk, den zu verteidigen die Polizei entschlossen ist. Die Gaudi (im Stil Breughels) läßt sich einfach nicht abwarten, und so stürmt die Volkserhebung voran, eine Hand vor den Augen, mit der anderen die Nase zusammenkneifend, weil der grauweiße Qualm hervorragend beißt und stinkt, von eigenen Feuerschlägen durcheinandergewirbelt.“ ([4], S. 37)

Dank der europaweiten Fernsehübertragung des Ereignisses erreichten die Amsterdamer ein Millionenpublikum. Die Zeit schrieb:

„Erst zog etwas wie Nebelbrodem am Rande der Straße auf, welche die goldene Kutsche passierte. Dann qualmte es dicker, so als setzte sich eine alte Güterzuglokomotive in Fahrt. Schließlich waberte der Qualm grau und schwer, und das heitere Bild der lächelnden und winkenden Brautleute wurde verdunkelt. Wie aus einem Tunnel kam dann die Kutsche wieder zum Vorschein, darin die junge Prinzessin und der neue Prinz, heiter, lächelnd, winkend. […] Ja, aber wem galten dann die Qualmbomben? Nun, wem sonst als den Zuschauern der »Eurovision«, soweit sie in Deutschland an den Geräten saßen.“ ([2])

Nach dieser Aktion waren die Amsterdamer Provos ein eingeführter Markenname in ganz Europa. Doch wer genau waren diese Provos? Dazu müssen wir von diesem 10. März 1966 ein Jahr zurückgehen.

Stellen wir uns vor, es sei 1965, ein schöner Samstagabend im Frühling und wir schlenderten, nachdem wir gut gegessen und ein paar Bierchen gezischt hätten, noch durch Amsterdam. Kurz vor Mitternacht kämen wir an dem kleinen Platz Het Spui vorbei. Merkwürdigerweise scheint sich eine Menschenmenge um die Statue eines kleinen Jungen, genannt Het Lieverdje (kleiner Liebling) zu versammeln. Und es sind nicht gerade ehrbare Bürger, die sich hier zusammenrotten – eher schon Halbstarke mit Jeans und Lederjacken, die in Amsterdam Nozems genannt werden. Aber wir würden auch Langhaarige mit Bärten sehen, der Geruch von Marihuana läge in der Luft. Neugierig blieben wir stehen.

Schlag Mitternacht taucht eine seltsame Gestalt auf – der Zwarte Piet, das niederländische Äquivalent zum Knecht Ruprecht. Daß es Frühling ist, scheint unseren niederländischen Knecht Ruprecht nicht weiter zu bekümmern. Die skurrile Gestalt hebt an zu einer Tirade, deren Sinn und Zweck schwer zu durchschauen ist. Einerseits kündigt er das Kommen von Klaas an, womit, angesichts seiner Verkleidung, möglicherweise der Nikolaus gemeint ist. Andererseits geht es wohl auch um eine Anklage gegen das Rauchen, gegen die Sucht, den Konsumismus. Die Anwesenden kennen das Ritual offensichtlich: Als der Zwarte Piet die Anwesenden auffordert, sich an dem keuchenden Sprechgesang „Ouche, Ouche, Ouche“ zu beteiligen, stimmen sie bereitwillig mit ein.

Daß diese Happenings jeden Samstag um Mitternacht auf dem Spui stattfinden, hängt damit zusammen, daß die kitschige Statue des Lieverdje vom Zigarettenkonzern Philipp Morris gestiftet wurde. Der Zwarte Piet, der mit bürgerlichem Namen Robert Jasper Grootveld hieß, hatte bereits 1962 mit seinen Performances gegen das Rauchen begonnen. Um seine künstlerische Intention zu verstehen ist es hilfreich zu wissen, daß er als Seemann in Afrika gewesen war:

„Einmal dort angekommen fiel ihm die Ähnlichkeit zwischen Stammesritualen und dem, was er die Abhängigkeit des Konsumenten in der modernen Gesellschaft nannte, auf, insbesondere das, was er den Götzendienst des Zigarettenrauchers nannte. Nach seiner Rückkehr verglich er Raucher mit kultischen Opfern, die zum schrecklichen Schicksal des Lungenkrebs verurteilt waren. […] Er beschloß, daß die Zeit für Protest gekommen war.“ ([3], S. 24)

Seine ersten Aktionen bestanden darin, Zigarettenreklamen in Amsterdam mit dem Wort Kanker (Krebs) oder einfach K zu verunstalten. Die Werbefirmen begannen sich juristisch dagegen zu wehren und Grootveld landete für 60 Tage im Knast, weil er die Strafe nicht bezahlen konnte. Nicht lange nach seiner Entlassung wurde er wieder inhaftiert, weil die Inschriften erneut erschienen. Der wichtigste Effekt dieser Eskalation war allerdings, daß die Presse ausführlich über Grootvelds Ein-Mann-Kreuzzug berichtete. Diese Berichterstattung verschaffte ihm kostenlose Werbung und damit genügend Aufmerksamkeit, die es ihm erlaubte, mit finanzieller Unterstützung des Amsterdamer Restaurantbesitzers Nicolaas Kroese einen „Tempel gegen das Rauchen“ zu eröffnen. Hier fanden seine ersten Happenings statt. Nicht, daß bei diesen Performances nicht geraucht wurde, im Gegenteil. Das folgende Video von Bas van der Lecq dokumentiert eine Performance in Grootvelds „Tempel“:

Die Performances gehen allerdings nicht allzu lange gut:

„Am 18. April 1964 brannte er das Lagerhaus nieder, das er nun Kirche der bewußten Nikotinabhängigen nannte. Während er benzingetränkte Zeitungen in Brand setzte, rief er: »Denkt an Van der Lubbe« (ein Verweis auf den Holländer, der angeklagt worden war, den 1933 den Deutschen Reichstag in Brand gesetzt zu haben, ein Ereignis, das die Macht der Nazis gefestigt hatte). Zunächst dachte sein Publikum, es handle sich um einen Witz, dann aber flohen sie die Räumlichkeiten, als sie erkannten, was wirklich los war.“ ([3], S. 25f)

Im Juni 1964 setzte Grootveld seine Performances im öffentlichen Raum fort, nämlich auf dem Spui vor dem Lieverdje, das dabei ebenfalls oft genug in Brand gesteckt wurde.

Was war das nun, das Grootveld auf diesem kleinen Platz inszenierte und das Woche für Woche ein immer größeres Publikum anzog? Kunst? Im Kontext der 60er Jahre sicherlich. 1959 hatte Allan Kaprow in New York eine neue Kunstform entwickelt. „Eighteen Happenings in Six Parts“ hieß die Inszenierung, die der Kunstform ihren Namen gab: Happening. Beim Happening ging es darum, eine Umgebung zu schaffen, in der dann das Publikum in die künstlerische Aktion mit einbezogen wird und sich nicht Vorhergesehenes ereignet.

Das erste Happening in Amsterdam wurde am 9. Dezember 1962 unter dem Titel Open Het Graf (Öffne das Grab) inszeniert, andere folgten. Richard Kempton erklärt in seinem Buch über Provo, daß die Amsterdamer Happenings um einiges durchgeknallter waren als die New Yorker. Fred Wessels beispielsweise riß während einer Frostperiode alle Fenster auf, öffnete die Wasserhähne und machte aus seiner Wohnung eines Eislaufbahn, auf der dann eine Frau in Klompen, den niederländischen Holzschuhen, Schlittschuh lief ([3], S.19ff). Kempton resümiert:

„Das Happening war eine völlig offene Form, die unbegrenzte Anwendungsmöglichkeiten bot, und es war in Amsterdam, dem leidenschaftlich bewunderten »Magischen Zentrum« der holländischen Avantgarde, daß ein begabter neuer Meister ihm verblüffende neue Nutzanwendungen erschloß.“ ([3], S. 21)

Indem Gootveld den Spui zum Ort eines wiederkehrenden, ritualisierten Happenings machte, gab er dem Platz eine völlig neue Bedeutung. Daß es bei seinen Happenings gegen das Rauchen ging, hatte dabei eher etwas von einem MacGuffin. Wichtig ist, daß das Ritual einen Ort und eine Zeit definierte, an dem sich Menschen treffen können, ein Austausch stattfindet, sich eine gewisse „Szene“ konstituiert. Schon letzten Sommer hatte ich den Vorschlag gemacht, die Fortführung der Kunst nach dem Ende des Werks als temporäre Festlegung eines Ortes zu begreifen. Eines Ortes, an dem nicht Kunst gemacht wird, sondern Kunst sich ereignet. Genau dies machte Grootveld 1965 mit dem Spui in Amsterdam. Jeden Samstagabend um Mitternacht vollzog sich die Transformation des Spui von einem normalen Platz zu einem geheimnisvollen Ort, an dem die üblichen alltäglichen Spielregeln nicht mehr existierten.

Das begriff auch die Amsterdamer Polizei, die das ganze Treiben höchst mißtrauisch beäugte, aber weder Grund noch Handhabe fand, um gegen das Tun der Menge einzuschreiten. Das sollte sich ändern, als der Anarchist Roel van Duyn auf dem Spui auftauchte und die aufregenden Möglichkeiten erkannte, die in Grootvelds Happenings schlummerten.

Seien Sie deshalb auf nächste Woche gespannt, wenn Roel van Duyn meint:

„PROVO weiß, die Sieger werden letztendlich die anderen sein. Trotzdem wird sich PROVO die Chance nicht entgehen lassen, diese Gesellschaft noch einmal zu provozieren.“ ([1], S. 4f)

Literaturverzeichnis

[1] van Duyn, R., PROVO. Einleitung ins provozierende Denken, o.O. (Osnabrück) o.J. (1995).

[2] J. M.-M., „Rauchbomben“, in: Die Zeit, Jg.19 (1966), Nr.12 (18. März 1966), S.64.

[3] Kempton, R., Provo. Amsterdam’s Anarchist Revolt, Brooklyn 2007.

[4] Mauz, G., „Die Verschwörung der Provos zu Amsterdam“, in: Der Spiegel, Jg.20 (1966), Nr.12 (14. März 1966), S.37 – 39.

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24. Februar 2012 at 16:07

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

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Das Pudding-Attentat im Spiegel der Medien (3)

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Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.“

Matthias Walden, Links vom Geist, in: Die Welt, 7. Januar 1967

Wir hatten letzte Woche gesehen, daß die Medienberichterstattung über das Pudding-Attentat je nach Medium sehr unterschiedlich ausfiel. Während die Springer-Presse eindeutig Position gegen die „Attentäter“ und für die Polizei ergriff, schlugen sich Blätter wie Spiegel und Zeit auf die andere Seite. Zwischen diesen beiden Polen bewegten sich Publikationen, die von den Autoren der bereits letzte Woche zitierten Studie als vom „affirmativer Typus“ bezeichnet wurden.

Die Haltung dieses Typus beschrieben sie anhand des Berliner Tagesspiegels folgendermaßen:

„Der Tagesspiegel begrüßt am Anfang das politische Engagement der Studenten und ist sogar bereit, Wohlwollen für Diskussionen über die amerikanische Vietnam-Politik und Aufrufe zu Protestmärschen aufzubringen, doch hat die Reaktionsweise der Studenten nach Auffassung des Tagesspiegels die »Geduld der Öffentlichkeit und ihrer Professoren aufs äußerste strapaziert« (Tagesspiegel vom 18.2.1966), mithin das Maß überschritten.“ ([1], S. 506)

Während der Springer-Konzern ohne jede Scheu auf Teufel komm heraus eine autoritäre Haltung mit einem latenten Hang zur Gewalt vertrat und jede Kritik an dem, was er unter „Recht und Ordnung“ verstand, stigmatisierte, gaben sich Blätter wie der Tagespiegel oberflächlich liberal. Doch die scheinbar „ausgewogene“ Berichterstattung täuscht. Faktisch schlugen sich auch Blätter wie der Tagesspiegel unter dem Strich auf die Seite der Autoritäten. Das gilt bereits für die noch weitgehend auf die Universität begrenzten Auseinandersetzungen der Jahre 1965/1966:

„In den Kommentaren des affirmativen Typs, die sich – wie im Falle des Tagesspiegels – kritisch mit der Praxis der FU-Autoritäten auseinandersetzen, wird nicht so sehr strukturelle vermittelte autoritäre Praxis, sondern viel eher subjektive Ungeschicklichkeit bei formaler Rechtmäßigkeit beklagt. Reaktionen, Forderungen und Aussagen von Studenten, die nicht den rechten Abstand vom außenpolitischen Gegner halten, bestimmen den unentschuldbaren Kern studentischer Provokation.“ ([1], S. 507)

Als sich die Auseinandersetzungen zuspitzen und den universitären Rahmen verlassen, kippen die Kommentatoren dieses Typs um:

„Das geplante Pudding-Attentat auf Humphrey wird zum Anzeichen dafür, daß das nun ins Zentrum der Kommentierung tretende Phänomen studentischer Proteste und Opposition in die Dimension der »Gemeingefährlichkeit« gerückt werden muß. Ordnung überhaupt scheint bedroht. […] Die Anläße, an denen [der studentische Protest] sich entzündet, die Formen, in denen er sich artikuliert, erscheinen den Kommentatoren dieses Typs dann aber derart bedenklich, daß sie im Anschluß an konkrete Aktivitäten der Studenten häufig nur noch massive Verdammungsurteile und den Ruf nach dem »groben Keil« für angemessen halten.“ ([1], S. 526f)

Das heißt, es vollzieht sich eine zunehmende Polarisierung innerhalb der Medienlandschaft. Diejenigen Blätter, die eigentlich so etwas wie eine „bürgerliche Öffentlichkeit“ repräsentieren sollten, wechseln ins autoritäre Lager. Unterstützung erfahren die Bewegungen nur noch durch eine Handvoll links-liberaler Blätter und einer kleinen Riege von Autorinnen und Autoren, die diese eingeschränkte Plattform nutzen, um die Bewegungen publizistisch zu unterstützen.

Diese publizistische Unterstützung war meines Erachtens für die sich formierenden Bewegungen der 60er Jahre von außerordentlicher Bedeutung. Sie lieferten die Legitimation dafür, warum Rebellion gerechtfertigt war – weniger den Bewegten selbst, als vielmehr einer sich zaghaft konstituierenden nicht gegängelten Öffentlichkeit.

Ich will zum Abschluß dieser kleinen Serie über das Verhältnis von Bewegungen und Medien einige Vermutungen über diese Autorinnen und Autoren und über ihre Motivationen anstellen. Das ist etwas unausgegoren und müßte anhand von (auto-)biographischem Material überprüft werden. Doch da das hier schließlich ein Blog und keine wissenschaftliche Arbeit ist, sollen vorläufig einige Vermutungen genügen.

Die Autorinnen und Autoren, die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre die sich radikalisierenden Bewegungen publizistisch unterstützten, gehörten einer Zwischengeneration an. Sie waren zu jung, um zur eigentlichen Generation der Nazis zu gehören, waren aber Mitte der 60er Jahre bereits alt genug, um im Berufsleben zu stehen; und sie hatten einen Beruf gewählt, der zeigt, daß sie die Herstellung von Öffentlichkeit, publizistisches Wirken für ihre Berufung hielten. Der letzte Woche zitierte Otto Köhler ist Jahrgang 1935, bekannte Namen, die ebenfalls in diese Reihe gehören, sind etwa Hans Magnus Enzensberger (*1929), Alexander Kluge (*1932) oder auch Ulrike Meinhof (*1934). Diese Reihe ließe sich erweitern. Sie hatten alle den Nationalsozialismus noch als Kinder erlebt, die eigentliche Zeit ihrer schulischen und universitären Ausbildung fiel dann aber in die späten 40er und 50er Jahre.

Und ich denke, daß sie zunächst einmal durchaus an den demokratischen Neuanfang glaubten, der in den Sonntagsreden der Zeit beschworen wurde. Doch die demokratische Fassade war äußerst bröckelig, das Gerede von der westlichen Freiheit im Gegensatz zur Unfreiheit im Osten kaschierte nur sehr notdürftig, daß es dabei weniger um Freiheit ging, als vielmehr um die Fortsetzung des nazistischen Antibolschewismus mit anderen Mitteln. Ihre publizistischen Tätigkeit begriffen diese Autorinnen und Autoren deshalb als Aufgabe. Für sie ging es darum, diese abstrakte leere Freiheit, die sich in der Ablehnung der Unfreiheit im Osten erschöpfte, zur konkreten Freiheit einer lebendigen demokratischen Öffentlichkeit zu transformieren.

Das konnte im Rahmen der Systemkonfrontation des Kalten Krieges nicht gelingen. Kritik wurde nicht als Stärkung des demokratischen Gemeinwesens begriffen, sondern als Parteinahme für den Gegner im Kalten Krieg. Jede Kritik an unhaltbaren Zuständen oder politischen Repräsentanten wurde stereotyp damit gekontert, daß immer nur auf Mängeln im Westen herumgeritten werde, während die viel schlimmeren Zustände im Osten überhaupt nicht erwähnt würden. Und damit wurde dann zur Tagesordnung übergegangen. Die Kritik an den restaurativen Tendenzen in der BRD blieb in der Praxis völlig folgenlos.

Dennoch blätterte die demokratische Tünche immer mehr ab. Einen Wendepunkt markierte 1958 der Ulmer Einsatzgruppenprozeß. Hier zeigte sich erstmals, daß sich hinter manch bürgerlicher Fassade die Fratze eines brutalen Nazi-Killers verbarg. Der Eichmann-Prozeß 1961 und die Auschwitz-Prozesse 1963 taten ein übriges. Es wurde langsam unabweisbar, daß man nicht mehr nur mit dem Finger auf den Osten zeigen konnte, sondern daß es dringend notwendig wurde, auch vor der eigenen Tür zu kehren. Und dabei ging es nicht nur um Vergangenes. Hinzu kam der eskalierende Krieg in Vietnam mit den Greueltaten, die von der angeblichen Schutzmacht der westlichen Freiheit begangen wurden.

Doch die Argumentationsfiguren der Mainstreampresse, egal welchen Typus, änderten sich nicht. So heißt es, nur zum Beispiel, in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 11. 3. 1966:

„Die Vorgänge zeigen, wohin oberflächliche Einäugigkeit führen kann, wie der Regierende Bürgermeister diese Haltung einmal nannte, die nur noch die Toten in Vietnam sieht und nicht mehr die Toten an der Berliner Mauer.“ (zit. nach [1], S. 517)

Das Gefühl der Frustration, das sich bei engagierten Autorinnen und Autoren aufstaute, muß enorm gewesen sein. Als dann Mitte der 60er Jahre auf einmal Bewegungen auftraten, die nicht mit emsiger Recherche, betonter Seriosität und sorgfältig gewählten Worten den status quo in Frage stellten, sondern sich über diesen einfach mit provokanten Aktionen hinwegsetzten, muß das wie eine Erlösung gewirkt haben. Kein Wunder also, daß man sich auf die Seite der Pudding-Attentäter schlug, denn diese hatten mit ihrer zugegebenermaßen eher infantilen Aktion, die noch nicht einmal zustande gekommen war, mehr erreicht als Dutzende kluger Artikel. Und die dadurch geschlagene Bresche konnte nun publizistisch erweitert werden.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn Roel van Duyn meint:

„PROVOkation – mit all ihren kleinen Nadelstichen – ist, angesichts der Umstände, unsere einzige Waffe geworden. Sie ist unsere letzte Chance, den Autoritäten in ihre lebenswichtigen Weichteile zu treten. Durch unsere Akte der Provokation zwingen wir die Autorität, ihre Maske abzureißen. […] So werden sie gezwungen, ihre wahre Natur zu zeigen; vorgerecktes Kinn, gerunzelte Augenbrauen, die Augen starr vor Wut, nach rechts und links Drohungen ausstoßend, befehlend, verbietend, verurteilend.“ (zit. nach [2], S. 60)

Literaturverzeichnis

[1] von Friedeburg, L.; Horlemann, J.; Hübner, P.; Kadritzke, U.; Ritsert, J. & Schumm, W., Freie Universität und politisches Potential der Studenten, Neuwied und Berlin 1968.

[2] Kempton, R., Provo. Amsterdam’s Anarchist Revolt, Brooklyn 2007.

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17. Februar 2012 at 15:20

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen, Medien

Das Pudding-Attentat im Spiegel der Medien (2)

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Die Terrorisierung der Berliner Bevölkerung durch eine rote Minderheit nimmt immer stärkere Ausmaße an. […] Die pflaumenweichen Erklärungen, die Heinrich Albertz in dieser Sache bis jetzt von sich gab, lassen jedenfalls schwarzsehen. Es sei denn, es finden sich ein paar beherzte Berliner und machen es wie die Matrosen in Amsterdam. Diese ideologischen Gammler sind wahrscheinlich mit Argumenten nicht mehr zu überzeugen.“

Leserbrief von Gerd Schacht in der Berliner Morgenpost vom 11. April 1967

Für die Zeitungsausgaben am 7. April war die Freilassung der Verhafteten „Pudding-Attentäter“ zu spät gekommen – die Anhörung vor dem Untersuchungsrichter dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Während also die B.Z. noch mit dem Titel „Die Verschwörer schalten auf stur“ verkauft wurde, waren diese längst auf freien Fuß gesetzt worden. Der Tagesspiegel berichtete tags darauf sachlich und neutral:

„Der Richter hatte es abgelehnt, Haftbefehle zu erlassen, die von der Staatsanwaltschaft wegen Verdachts eines Sprengstoffverbrechens beantragt worden waren.
Bei der Vernehmung kam der Richter zu der Auffassung, es bestehe kein dringender Verdacht, daß andere Gegenstände als »Rauchentwickler« hergestellt werden sollten.“ ([2])

Was bislang nur eine Behauptung der Verhafteten und ihres Anwalts war, hatte nun das Gütesiegel einer höchstrichterliche Bestätigung erhalten: Der nach der Verhaftung der „Attentäter“ herausgegebene Polizeibericht zeugte zwar von reger Phantasie, hatte aber mit der Realität wenig gemein. Man sollte glauben, daß die Springer-Presse, die von der Berliner Polizei in eine peinliche Lage gebracht worden war, empört Rechenschaft darüber verlangt hätte, wie es zu diesem fehlerhaften Bericht hatte kommen können. Doch weit gefehlt. Statt das Naheliegende zu tun, nämlich die Frage zu stellen, was die Gründe für diese Panne waren, titelte die BILD-Zeitung unverdrossen: „Die Polizei hat sich ein Lob verdient“. Und eingebettet in diesen Artikel konnte man lesen:

„Der Vernehmungsrichter setzte gestern früh um vier Uhr die acht Mitglieder des SDS wieder auf freien Fuß, obwohl der Staatsanwalt bis auf eine Ausnahme Haftbefehl beantragt hatte. Begründung des Richters: Kein dringender Tatverdacht eines Sprengstoffanschlags gegen US-Vizepräsident Humphrey! Dagegen die Polizei: »Wir konnten bei der Prominenz der Besucher kein Risiko eingehen.«“ ([5])

Skandalös! Da erdreistet sich also ein Richter gegen die geballte Autorität von Polizei und Staatsanwaltschaft zu entscheiden, es bestehe kein dringender Tatverdacht! Ja, wo kommen wir denn da hin!

Dabei war dies noch die harmloseste Variante, wie mit der behördlichen und journalistischen Katastrophe umgegangen wurde; überhaupt, und das lohnt sich wirklich festzustellen, entpuppt sich bei näherem Hinsehen ausgerechnet die BILD-Zeitung als eines der eher gemäßigten Blätter des Springer-Konzerns. Deutlich heftiger sind die Kapriolen, wie sie die B.Z. schlägt, um nicht zugeben zu müssen, daß sie kritiklos und ohne Nachprüfung eine polizeilich Falschmeldung verbreitet hatte. Schon der Titel ihres Artikel gab die Marschrichtung für ihre Rechtfertigungsstrategie vor: „Waren die Bomben noch nicht fertig?“ Immerhin, eine gewisse Vorsicht ließ man nun walten. Angesichts des Artikel-Inhalts hätten sie durchaus auch „Die Bomben waren noch nicht fertig!“ schreiben können:

„Die Politische Polizei ist nach wie vor davon überzeugt, daß die Studenten Sprengkörper basteln wollten. Nicht verhältnismäßig harmlose Rauchbomben, wie sie behaupten. […] »Wir sind vielleicht eine Stunde zu früh gekommen.«, meinte gestern ein Beamter der Polizei.“ ([7])

Am dollsten aber trieb es wie immer die Berliner Morgenpost:

„[J]enen alles verstehenden und daher alles verzeihenden Träumern, die da meinen, unsere lieben kleinen Bombenschmeißer in West-Berlin wollten ja Herrn Humphrey nicht nach dem Leben trachten – sondern ihn nur erschrecken –, diesen Träumern sei gesagt: Einige der Verschwörer erkundigten sich vorher, wieviel Monate Knast der Umgang mit Sprengstoff hierzulande kostet – und stiegen aus.
Die anderen machten weiter mit, im festen Vertrauen auf unseren Rechtsstaat, in der Gewißheit, daß ein unabhängiger Richter sie selbstverständlich nach kurzer Zeit auf freien Fuß setzen würde und müßte, zumal die Kriminalpolizei nicht in der Lage war, zu dem geplanten (und gottlob verhinderten) Verbrechen auch noch den Gemordeten oder Blessierten mizuliefern.“ ([4])

Diese Eskalation von Seiten der Springer-Presse, die weit über einfaches journalistisches Versagen hinausgeht, läßt sich eigentlich nur auf eine einzige Weise deuten: Die Springer-Blätter verstanden sich nicht als Medium, nicht als neutraler Vermittler im Rahmen einer bürgerlich-demokratischen Öffentlichkeit, sondern selbst als Partei in einer Auseinandersetzung. Und ihre Position war eine durch und durch autoritäre: Wenn Polizei und Staatsanwaltschaft der Meinung sind, daß bestimmte Personen hinter Schloß und Riegel gehören, dann wiegt das schwerer als der eigentliche Sachverhalt, selbst wenn dessen verhältnismäßige Harmlosigkeit durch einen Richter höchst offiziell bestätigt wurde.

Die Reaktionen der Springer-Presse machen deutlich, daß das eigentliche Verbrechen der „Verschwörer“ nicht darin bestand, den amerikanischen Vizepräsidenten in die Luft sprengen zu wollen – was definitiv und selbst für Angestellte des Springer-Konzerns erkennbar nicht der Fall war –, sondern daß sie die Legitimität der bestehende Ordnung grundsätzlich in Frage stellten. Und in dieser autoritären Logik unterscheidet sich ein Tortenwurf qualitativ nicht von einem Bombenanschlag.

Bereits im Jahr 1968 stellt eine Studie fest, daß Presseorgane wie die zitierten Blätter der Springer-presse

„die amtlicherseits verbreitete Version der Vorgänge übernommen haben, weil sie in Übereinstimmung mit den Repräsentanten der Institutionen die gleichen politischen Maximen als unantastbare voraussetzen. Die wenig explizierte Kategorie »Westliche Freiheit« bezeichnet eine Attitüde, einen Kanon von Urteilen und Standards, die nicht mehr zur Kritik gestellt sind. Proteste gegen einen ihrer Repräsentanten erscheinen zwangsläufig als Angriff auf die Existenz der »westlichen Welt«. […] Verstöße gegen den allseits gepflegten Konsensus […] werden nicht mit Argumenten, sondern mit Verdammungsurteilen belegt, die nicht nur im Falle der Springer-Zeitungen unzweideutig die Gewaltanwendung nahelegen.“ ([3], S.544)

Diese auf die Autoritäten und den Status Quo fixierte Haltung ist allerdings nur eine von insgesamt drei typischen Reaktionsweisen, die die Autoren der Studie identifizieren. Das eben beschrieben Reaktionsmuster wird dem sogenannten „restriktiven Typus“ zugeschrieben, zu dem, neben den Blättern des Springer-Konzerns, auch die Deutsche National- und Soldatenzeitung oder die Frankfurter Allgemeine zu zählen sind.

Am anderen Ende des Spektrums befinden sich die Blätter, die von den Autoren der Studie als „progressiver Typus“ bezeichnet werden. Hierzu zählen sie die Frankfurter Rundschau, die Süddeutsche Zeitung, die Zeit und den Spiegel. Mit unterschwelliger Arroganz konstatieren die Autoren der Studie:

„Es sind also Publikationsorgane, bei denen man nicht von einer Massenauflage reden kann und die sich weitgehend an ein Publikum mit besonderer Bildung und besonderen Interessen wenn.“ ([3], S. 487)

Auch diese Blätter agierten keineswegs neutral, sondern parteiisch, nur in die andere Richtung. Ihr Ziel war es, autoritäre Strukturen aufzubrechen und eine wirkliche, nicht nur formale Demokratisierung der Bundesrepublik zu befördern. Die Schlappe der Berliner Polizei und der Springer-Presse kam hierzu wie gerufen.

Im Spiegel kommentierte Otto Köhler den Polizeibericht über die Verhaftung der „Verschwörer“ wie folgt:

„Das war die Beschuldigung einer Behörde, die sich schon oft durch ihre frei gestaltende Phantasie im Umgang mit demonstrierenden Studenten hervorgetan hatte. Jeder Redakteur hatte somit gewiß Anlaß, sich der wiederholten Mahnungen des Deutschen Presserates an die Konvention zum Schutze der Menschenrechte zu erinnern, die vorschreibt, daß bis zur rechtskräftigen Verurteilung die Schuldlosigkeit eines Beschuldigten zu vermuten ist. Doch diese Mahnungen lagen – bestenfalls – im Archiv, der Polizeibericht aber lag auf dem Schreibtisch. Und das hatte Folgen.“ ([6])

Die Zeit ging noch einen Schritt weiter. Sie druckte eine satirische Glosse von Wolfgang Ebert ab, die angeblich das Überwachungsprotokoll aus der Zentrale des Berliner Polizeipräsidiums zitierte:

Zentrale an Dora 3: Feststellen, ob die Verschwörer in dem Laden auch Milchpulver gekauft habe. Wichtig!
Zentrale an Labor: Feststellen, was die Verschwörer mit Milch, Eier, Mehl und Puddingpulver machen können.
Labor an Zentrale: Pudding.
Zentrale an Waffenexperten: Ermitteln, wozu die Verschwörer den ganzen Joghurt brauchen könnten.
Gustav 4 an Zentrale: Die Verschwörer haben im Supermarkt Zucker und Zimt besorgt. Erbitten weitere Anweisungen.
Zentrale an Gustav 4: Feststellen, ob auch Grieß.
Dora 3 an Zentrale: Die Verschwörer haben soeben in der Molkerei vier Liter Schlagsahne gekauft.
Zentrale an Dora 3: Schlagsahne gab es in Amsterdam nicht. Offenbar eine neue Waffe. Bleiben Sie weiter am Ball!
Zentrale an Gustav 4: Was ist mit dem Grieß? Ein Präsident von Honduras wurde durch heißen Grießbrei umgebracht!
Zentrale an Otto 2: Wichtig! Sofort bei Behnke nachfragen, wie viele Eier die Verschwörer gekauft haben!
Gustav 6 an Zentrale: Verschwörer E kommt aus Milchladen. In der Hand Quark. Macht einen verdächtigen Eindruck. Erbitten weitere Anweisungen.
Karl 2 an Zentrale: Verschwörerin B betritt Drogerie.
Otto 2 an Zentrale: 14 Eier für 11 Verschwörer, drei wahrscheinlich zum Essen.
Zentrale an Gustav 6: Was ist mit dem Quark?
Gustav 6 an Zentrale: Verschwörer E ißt ihn. Mitten auf der Straße.
Karl 2 an Zentrale: Verschwörerin B kommt aus der Drogerie mit Ata und Vim. Angeblich zum putzen. Wahrer Verwendungszweck eindeutig.
Gustav 4 an Zentrale: Als Monteur verkleideter Beamter stellte in der Wohnung fünf Buttercremetorten fest. Ob eßbar fraglich. Verschwörer G wollte an einer Torte naschen, wurde aber von Kollegen schroff zurechtgewiesen.
Zentrale an Gustav 4: Die Buttercremetorten im Auge behalten.
Anton l an Zentrale: Verfolgen Verschwörer, der Mehlspuren hinterläßt.
Zentrale an Anton 1: Bleiben Sie ihm auf den Fersen! Immer daran denken, was Ihnen passiert, wenn Humphrey was passiert – ausgerechnet in Berlin!“ ([1])

Das war ein publizistischer Tortenwurf direkt in das Gesicht der Berliner Polizei – und es wäre durchaus interessant, der Frage nachzugehen, inwieweit deren besonders aggressives Vorgehen während des Schah-Besuches zwei Monate später eine Reaktion auf diese Lächerlichmachung in der Folge des Pudding-Attentates war. Eine halbstarke Trotzhaltung nach dem Motto: „Jetzt zeigen wir es »denen« mal richtig“ könnte da durchaus eine Rolle gespielt haben.

Eines jedenfalls machen diese Zitate aus Spiegel und Zeit deutlich: Die antiautoritären Protestgruppen waren keineswegs isoliert, sondern konnten auf eine zwar kleine, aber publizistisch rege sympathisierende Fraktion im Medienbetrieb rechnen. Ganz offenkundig war die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik der 60er Jahre nicht nur uneins, sondern massiv gespalten.

Lesen Sie deshalb auch nächste Woche weiter, wenn die Kieler Nachrichten vom 7. April 1967 der Meinung sind:

„Protestieren, Demonstrieren, Rebellieren ist nun einmal das Vorrecht der Jugend. Die Jahre glätten auch diese Wogen. Heute soll man ihnen nicht nur erlauben, ein Element der Unruhe zu sein. Man soll froh darüber sein: Wären sie es nicht, wäre es um die politische Zukunft der Nation wohl viel schlimmer bestellt.“ (zit. nach [3], S.544)

Literaturverzeichnis

[1] Ebert, W., „Pudding-Mörder“, in: Die Zeit, Jg.20 (1967), Nr.15 (14. April 1967), S.7.

[2] Tagesspiegel, 08. April 1967: „Die beschuldigte „Provo“-Gruppe vom Vernehmungsrichter freigelassen“ (Eigener Bericht), S.2.

[3] von Friedeburg, L.; Horlemann, J.; Hübner, P.; Kadritzke, U.; Ritsert, J. & Schumm, W., Freie Universität und politisches Potential der Studenten, Neuwied und Berlin 1968.

[4] BERLINER MORGENPOST, 08. April 1967: „Liebe kleine Bombenwerfer“ (Jo), S.2.

[5] BILD (Berlin), 08. April 1967: „SDS-Mitglieder freigelassen“ (ka), S.2.

[6] Köhler, O., „Mord“, in: Der Spiegel, Jg.21 (1967), Nr.17 (17. April 1967), S.61.

[7] B.Z., 08. April 1967: „Waren die Bomben noch nicht fertig?“ (L.R.), S.4.

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10. Februar 2012 at 16:24

Das Pudding-Attentat im Spiegel der Medien (1)

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Es ist schön, tolerant zu sein und die Minorität mit demokratischer Noblesse zu behandeln. Bilderbuch-Demokratie kann aber auch zum unerwünschten Selbstmord führen. Dann nämlich, wenn man permanent übersehen will, daß eine aggressive Clique eine sich demokratisch verhaltende Mehrheit fortgesetzt tyrannisiert.“

Berliner Morgenpost, 8. April 1967

Der letztwöchige Text thematisierte das Verhältnis der antiautoritären Bewegungen zur Springer-Presse. Dabei ging es fast ausschließlich darum, daß die Springerpresse ein Zerrbild der studentischen Anliegen verbreitete und offen zur Gewalt gegen studentische Demonstrationen aufrief. Die Gewalt von Seiten der Protestierenden war dann als das Resultat einer zumindest so gefühlten Notwehrsituation interpretiert worden.

Doch wenn man sich allein auf die Springer-Presse konzentriert, verliert man das große Bild aus den Augen, denn es gab durchaus andere Publikationen, die sich neutral oder sogar unterstützend verhielten. Ich will in diesem (leider wieder einmal mehrteiligen) Artikel versuchen, anhand eines ganz bestimmten Ereignisses, nämlich des sogenannten „Pudding“-Attentates, den unterschiedlichen Umgang verschiedener Presseorgane mit den Aktivitäten der antiautoritären Bewegungen zu demonstrieren.

Das Pudding-Attentat war die erste öffentliche Aktion, die die Kommune I in die Schlagzeilen brachte, und zwar, bevor sie überhaupt etwas unternehmen konnten: Am Mittwoch, den 5. April 1967 wurden 11 Personen festgenommen, und zwar unter dem Verdacht, einen Anschlag auf den amerikanischen Vizepräsidenten Hubert Humphrey geplant zu haben. Der Vorwurf als solcher war absurd. Was Dieter Kunzelmann und Konsorten planten, orientierte sich an einer Aktion der Amsterdamer Provos aus dem vergangenen Jahr. Am 10. März 1966 hatten diese erfolgreich die Hochzeit der Königin Beatrix gestört, indem sie durch das Zünden von Rauchbomben ein völliges Chaos erzeugt hatten. Die Berliner „Attentäter“ hatten sich von den Amsterdamern das Rezept für die Rauchbomben besorgt, um im Schutz der Rauchentwicklung den amerikanischen Vizepräsidenten mit Torten- und Puddingwürfen lächerlich zu machen.

Nach der Verhaftung der „Attentäter“ und „Attentäterinnen“ gab die Polizei einen Bericht an die Presse heraus, in der völlig absurde Behauptungen aufgestellt wurden (leider ist es mir nicht gelungen, den Polizeibericht selbst zu finden; wenn also eine meiner Leserinnen zufällig weiß, ob diese Erklärung irgendwo dokumentiert wurde oder in irgendeinem Archiv zu finden ist, wäre ich für einen Hinweis dankbar). Offensichtlich wurde behauptet, daß hochexplosive Chemikalien zum Bombenbau verwandt und unbekannte Chemikalien in Plastikbeutel abgefüllt wurden. Mehrfach taucht in der Presse auch eine angebliche Verwicklung der Ost-Berliner Botschaft Chinas auf – die Quelle dieses Gerüchts ist allerdings unklar (die Berliner Morgenpost nennt einen Senatssprecher als Quelle ([8])).

Von den elf Verhafteten wurden drei sofort wieder freigelassen – und zwar die drei Frauen; offensichtlich hielt die Polizei in bewährt chauvinistischer Manier Frauen für unfähig, Bomben zu bauen. Die acht anderen wurden tags darauf dem Untersuchungsrichter vorgeführt, der die sofortige Freilassung anordnete, weil er die Anschuldigungen sofort als das erkannte, was sie waren: Absurditäten.

Soweit der Sachverhalt. Uns soll hier und heute interessieren, wie die Medien auf diese Ereignisse reagierten. Am Donnerstag, den 6. April erschienen die ersten Zeitungsberichte, die ausschließlich auf auf der Presseerklärung der Berliner Polizei beruhten. Einen vernünftige und journalistisch korrekten Umgang mit der Erklärung der Polizei demonstrierte die New York Times:

„The West Berlin Police said tonight that they had arrested 11 persons on charges having plotted to assassinate Vize President Humphrey.
The police said that the 11, most of them students, had conspired »to stage an assault on the life or health of Mr. Humphrey«“ ([10])

Da der Sachverhalt selbst nicht verifizierbar war, erklärte die New York Times nur, daß die Polizei einen Attentatsversuch behauptet. Daß es Verbindungen zur Botschaft in Peking gegeben habe, wurde „unconfirmed reports“ zugeschrieben.

Ähnlich korrekt berichtete in Berlin der Tagesspiegel. Hier lautete die Formulierung:

„Elf Personen, die nach Angaben der Polizei unter »verschwörerischen Umständen zusammengekommen sind und hierbei Anschläge gegen das Leben und die Gesundheit des amerikanischen Vizepräsidenten Humphrey« geplant haben, sind am Mittwoch in Berlin in polizeilichen Gewahrsam genommen worden. Die Räume der Beschuldigten seien durchsucht, Beweismaterial sichergestellt worden, teilte die Polizei mit.“ ([3])

Auch der Berliner Telegraf, eine sozialdemokratische Zeitung, hielt sich halbwegs an die journalistische Konvention, nicht verifizierbare Behauptungen zumindest mit der Einschränkung abzudrucken, daß sich der dargestellte Sachverhalt „laut Polizeibericht“ so darstelle. Allerdings wurde hier kontrafaktisch und sensationslüstern mit „Bombenattentat gegen Humphrey in Berlin vereitelt“ getitelt ([4]).

Keinerlei Hemmungen hingegen kannte die Springer-Presse. Dankenswerterweise hat der Springer-Verlag 2010 ein Medienarchiv zu 68 online gestellt, damit der schlechte Ruf des Verlages mit dem tatsächlichen publizistischen Verhalten abgeglichen werden könne. Es ist allerdings nur ein frommer Wunsch des Vorstandsvorsitzenden Döpfner, daß sich dadurch „[m]anche Klischees in den Köpfen […] auch als Endmoränen einer bis heute wirkungsvollen SED-Propaganda und Stasi-Desinformation“ erweisen. Studiert man die Berichte über das „Pudding-Attentat“, findet man weder die Einhaltung einer journalistischen Sorgfaltspflicht, geschweige den so etwas wie publizistische Neutralität.

Die BILD titelte „Bombenattentat auf Humphrey in Berlin verhindert“ ([9]), die B.Z. „Studenten planten Attentat auf Humphrey“ ([6]) und die Berliner Morgenpost schoß den Vogel ab, als sie im Untertitel ihres Berichtes behauptete: „FU-Studenten fertigten Bomben mit Sprengstoff aus Peking.“ ([5]) Die Angaben aus dem Polizeibericht wurden ohne Einschränkung als Tatsachen übernommen und nach Gusto auch noch etwas ausgeschmückt. Im Polizeibericht war wohl von „mit Chemikalien gefüllten Plastikbeuteln“ die Rede, wie der Telegraf berichtete ([4]). Die Morgenpost ließ ihrer Phantasie bezüglich dieser Chemikalien, die, wie sich dann herausstellte, aus der Giftküche des sinistren Dr. Oetker stammten, freien Lauf:

„Die Polizei überraschte mehrere kommunistisch orientierte Westberliner Studenten beim Abwiegen von Sprengstoff in behelfsmäßige kleine Granathülsen und beim Einfüllen einer ätzenden Säure in Plastikbeutel.“ ([5])

Auch die Bild-Zeitung erwies sich als äußerst kreativ in ihrer Ausschmückung des Polizeiberichts:

„Mit Bomben und hochexplosiven Chemikalien, mit Sprengstoff gefüllten Plastikbeuteln – von den Terroristen »Mao-Cocktail« genannt – und Steinen haben Berliner Extremisten einen Anschlag auf den Gast unserer Stadt geplant.“ ([9])

Nun mag man vielleicht diesen Überschwang im ersten Eifer des Gefechts verzeihlich finden. Doch am nächsten Tag wurde die Berichterstattung nicht besser, obwohl inzwischen präzisere Informationen zu den „Attentatsplänen“ bekannt waren. Zum einen hatte der Rechtsanwalt der Verhafteten, Horst Mahler, inzwischen erklärt, daß es sich nicht um Bomben und gefährliche Chemikalien, sondern um Rauchkerzen und Pudding gehandelt habe. Auch die Polizei ruderte insofern zurück, daß sie nicht mehr behauptete, die Festgenommen hätten Bomben hergestellt, sondern daß es mit den Materialien (unter anderem Kalimchlorat) möglich gewesen wäre, auch Sprengstoff herzustellen. Sie dementierte außerdem, daß die Chemikalien aus der chinesischen Botschaft stammten, und erklärte, diese seien ganz regulär in West-Berlin gekauft worden.

Doch die Springer-Presse ließ sich dadurch nicht beirren. Unter dem Titel „Die Verschwörer schalten auf stur“ berichtet die B.Z.:

„Ein Teil der Studentenschaft versuchte gestern, diese peinliche Angelegenheit als »hysterische Polizeiaktion« hinzustellen. Die Studenten behaupteten, die hochexplosiven Chemikalien in Plastikbeuteln hätten sich als deutsches Qualitäts-Weizenmehl herausgestellt. Und bei den Bomben habe es sich um Rauchkerzen nach Amsterdamer Vorbild gehandelt.
Dieser verniedlichenden Darstellung wurde gestern von der Polizei energisch widersprochen.“ ([7])

Auch das „seriöse“ Aushängeschild des Pressekonzerns, Die Welt, meldete sich nun zu Wort:

„Der Rechtsanwalt der Beschuldigten erklärte beschwichtigend, seine Mandanten hätten keineswegs die Absicht gehabt, das Leben oder Gesundheit des Vizepräsidenten zu gefährden; vielmehr sei es ihnen nur darum gegangen, Humphrey mit »Rauchbomben nach Amsterdamer Vorbild« zu erschrecken. […] Aber was die Studenten auch unternehmen wollten – fest steht, daß sie mit explosiven Chemikalien hantierten, um den Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten zu einer lautstarken und höchst gefährlichen Demonstration zu benutzen. […] Es ist klar, daß die festgenommenen Studenten vor Gericht gestellt und – soweit sich ihre Schuld erweist – ohne Nachsicht abgeurteilt werden müssen. Ein Ausschluß aus der Universität sollte ebenfalls selbstverständlich sein.“ ([1])

Lesen Sie nächste Woche weiter, wenn Die Zeit das Überwachungsprotokoll der Berliner Polizei leakt:

„Gustav 4 an Zentrale: Die Verschwörer haben im Supermarkt Zucker und Zimt besorgt. Erbitten weitere Anweisungen.
Zentrale an Gustav 4: Feststellen, ob auch Grieß.
Dora 3 an Zentrale: Die Verschwörer haben soeben in der Molkerei vier Liter Schlagsahne gekauft.
Zentrale an Dora 3: Schlagsahne gab es in Amsterdam nicht. Offenbar eine neue Waffe. Bleiben Sie weiter am Ball!“ ([2])

Literaturverzeichnis

[1] DIE WELT (Berlin), 07. April 1967: Co,vC., „Studenten mit Bomben“, S.2.

[2] Ebert, W., „Pudding-Mörder“, in: Die Zeit, Jg.20 (1967), Nr.15 (14. April 1967): S.7.

[3] Tagesspiegel, 06. April 1967: Eigener Bericht, „Elf Personen von der Polizei festgenommen“, S.1.

[4] Telegraf, 06. April 1967: Eigener Bericht, „Bombenattentat gegen Humphrey in Berlin vereitelt“, S.1.

[5] BERLINER MORGENPOST, 06. April 1967: Eigener Bericht, „Attentat auf Humphrey von Kripo vereitelt“, S.1.

[6] B.Z., 06. April 1967: Eigener Bericht, „Studenten planten Attentat auf Humphrey. 11 Festnahmen“, S.1.

[7] B.Z., 07. April 1967: Eigener Bericht, „Die Verschwörer schalten auf stur“, S.4.

[8] BERLINER MORGENPOST, 07. April 1967: HES, „Gefährlicher Sprengstoff“, S.3.

[9] BILD (Berlin), 06. April 1967: rb, „Berlin: Bomben- Anschlag auf US-Vizepräsidenten“, S.1.

[10] New York Times, 6. April 1967: „11 Seized in Berlin In a Reported Plot to Kill Humphrey“, S.1,5.

Written by alterbolschewik

3. Februar 2012 at 17:57