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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

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Ein wagemutiger Plan

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Der Kampf gegen den § 218 (12)

„Ich habe in meinem Leben eine ganze Menge Unfug angerichtet, aber das ist einer, mit dem ich nicht ganz unzufrieden bin.“

Jean Moreau

Was bisher geschah: Die 68er-Bewegung in Frankreich brachte keine öffentlich sichtbare Frauenbewegung hervor – aber jenseits der bürgerlichen wie der linken Öffentlichkeit bildeten sich Gruppen, in denen die Frage der Frauenemanzipation diskutiert wurde. Das Jahr 1970 sollte dann das „Jahr null“ der französischen Frauenbewegung werden. Einzelne Artikel erschienen in linken Publikationen, eine Kranzniederlegung für die „Unbekannte Frau des Unbekannten Soldaten“ schuf die erste mediale Öffentlichkeit. Im Herbst wurde dann eine Doppelnummer der Zeitschrift Partisans zur, von der und für die Frauenbewegung veröffentlicht. Das Heft verkaufte sich wie warme Semmeln. Als dann die Frauen des Mouvement de Libération des Femmes (MLF) auf einem Frauenkongreß der Zeitschrift Elle intervenierte, war klar, daß die Frauenbewegung eine Kraft darstellte, mit der man rechnen mußte.

Man darf sich das MLF nicht als eine statische Organisation vorstellen. Es gab verschiedene Grüppchen mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichen Zielvorstellungen. Die Bezeichnung MLF war einfach ein (dankbar angenommenes) Label, das von den Medien vergeben worden war. Und es war gut und sinnvoll, unter diesem Label aufzutreten, denn das gab den Aktionen in der Öffentlichkeit mehr Gewicht. De facto war das MLF jedoch einfach ein loser, unverbindlicher Zusammenschluß. Fixpunkt waren Plena, die regelmäßig alle zwei Wochen in der École nationale supérieure des Beaux-Arts abgehalten wurden. Auf diese Plena kamen regelmäßig mehrere hundert Frauen. Vom Organisationsprinzip entsprach dies in etwa dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen in Berlin, bevor sich dieser unter dem Diktat von Frigga Haug in eine mehr formelle Organisation umwandelte.

Aus dem Plenum heraus sollten dann Arbeitsgruppen entstehen – das Prinzip war in Paris das selbe wie in Berlin. Wenn eine oder mehrere Frauen Lust hatten, eine Arbeitsgruppe zu gründen, dann wurde das im Plenum vorgetragen, ein Ort und ein Termin festgelegt und dann wurde geschaut, wer auftauchen würde. Und so schlugen Anne Zelensky und Christine Delphy vor, eine Arbeitsgruppe zum Thema Abtreibung zu machen. Die Reaktionen waren, wie sich Anne Zelensky erinnerte, nicht besonders hilfreich:

„Wie gewöhnlich wurde Unmut laut: »Schon wieder Abtreibung! Können wir denn nicht mal über was anderes reden!« Diese Reaktion macht mich wütend. Unglaublich! Als ob ihnen das nicht passieren könnte, diesen dummen Weibern! Einige von diesen Frauen regten mich wirklich auf mit ihrem »intellektuellen Gehabe«. Was hatten sie in einer Frauengruppe verloren? Ich war, weiß Gott, nicht vom Missionseifer besessen, aber diese Abwehr dagegen, an die Öffentlichkeit zu treten, machte mich rebellisch.“ ([1], S. 53f)

Die Parallelen zur Fraktionierung im Berliner Aktionsrat sind nicht zu übersehen. Auf der einen Seite finden wir Frauen, die schon etwas älter sind, die konkrete Erfahrungen gemacht haben und aus dieser konkreten Erfahrung heraus öffentlichkeitswirksame Aktionen machen wollen, damit sich an der Situation der Frauen in der Gesellschaft etwas ändert. In Berlin steht hierfür exemplarisch Helke Sander, die die Situation der Mütter in der Bundesrepublik Deutschland thematisierte und mit der Gründung von Kinderläden oder der Unterstützung des Kindergärtnerinnenstreiks die Öffentlichkeit erreichen wollte.

Auf der anderen Seite finden sich hauptsächlich junge Studentinnen, die von der intellektuellen Atmosphäre angezogen wurden. Man muß sich klarmachen: Die frühen siebziger Jahre waren eine Zeit, in der intellektuelle Auseinandersetzungen sexy waren. Wer irgendwie im Trend liegen wollte, mußte einfach über ein Minimum an gesellschaftskritischem Wissen verfügen. Doch die Diskussionen darüber wurden weitgehend von Männern dominiert und deren Diskussionsverhalten war meist nicht dazu geeignet, Frauen zu ermutigen, sich mit kritischer Gesellschaftstheorie zu beschäftigen. Die frühe Frauenbewegung war deshalb auch ein Versprechen, sich dieses Wissen in einer Umgebung aneignen zu können, das von männlicher Dominanz verschont blieb. Ironischerweise lief das darauf hinaus, daß sich diese mehr an der Theorie orientierenden jungen Frauen der Autorität weiblicher Führungsfiguren unterwarfen. So scharten sie sich dann im Berliner Aktionsrat um jemanden wie Frigga Haug oder in Paris um Antoinette Fouque.

Die Frauen, die der Meinung waren, daß die Probleme eigentlich auf der Hand lägen und daß man endlich anfangen müßte, dagegen etwas zu tun, waren zu Beginn des Jahres 1971 ganz klar in der Minderheit. Zum ersten Treffen der Abtreibungsgruppe kamen neben Zelensky und Delphy gerade einmal zwei Frauen. Doch davon ließen sie sich nicht entmutigen, das nächste Treffen war dann mit rund fünfzehn Teilnehmerinnen schon erfolgreicher:

„Die Mund-zu-Mund-Propaganda der Frauenbewegung hatte funktioniert. Einige Frauen, die nicht aufs Plenum gingen, weil das Chaos dort sie verschreckt hatte, die aber Lust zu konkreter Arbeit hatten, waren gekommen.“ ([1], S. 54)

Die Gruppe diskutierte, schrieb Flugblätter und überlegte sich einen Aktionsplan. Doch noch bevor sie eine Aktion aushecken konnte, kam die Aktion zu ihnen. Die Journalistin Nicole Muchnik rief bei Zelensky an und bat sie um ein Treffen. Sie wolle ein gemeinsames Projekt ihrer Zeitung Le Nouvel Observateur mit den Frauen des MLF besprechen. Man traf sich in einem Café, doch die Journalistin kam nicht allen. Sie hatte ihren Kollegen Jean Moreau mitgebracht:

„Jean Moreau, das war die große Klappe des »Obs«, der ewig Revoltierende. Ein Journalist, wie man sie heute nicht mehr herstellt, der Sohn eines Automechanikers […], ein Freund von Sartre und Glucksmann, ein kommunistischer Gewerkschaftler, der von seinen Chefs geschätzt wurde, der sein Leben in den Fabriken, auf Demonstrationen, auf den großen Boulevards verbrachte, wo er »La Cause du peuple« [verbotene maoistische Zeitung] verkaufte.“ ([2])

Und Moreau kam mit einem Vorschlag, der so simpel wie genial war: Um das geltende Abtreibungsrecht auszuhebeln, sollten die Frauen ein Manifest verfassen. Darin sollten sie sich nicht einfach nur für eine Abschaffung des Abtreibungsverbotes aussprechen, sondern in einer Form des zivilen Ungehorsams erklären, daß sie bereits gegen geltendes Recht verstoßen hätten: Sie sollten öffentlich dazu stehen, abgetrieben zu haben. Und der Nouvel Observateur würde dieses Manifest veröffentlichen.

Damit diese Aktion gelingen konnte, mußte sie natürlich so gestaltet werden, daß es der Justiz unmöglich wäre, das geltende Recht durchzusetzen. Genau das ist ja das Ziel von zivilen Ungehorsam: Das Recht auf eine Art und Weise zu brechen, daß der Versuch, es durchzusetzen, auf den Staat und die Strafverfolgungsbehörden zurückfällt. Für Moreaus Vorschlag hieß dies: Es mußten einfach so viele Frauen wie möglich sein. Und es mußten genügend Prominente dabei sein. Das Kalkül dabei war folgendes: Sollten sich die Strafverfolgungsbehörden wirklich dazu entscheiden, Anklage zu erheben, dann müßte dafür gesorgt werden, daß dies ein maximales Medienecho auslösen würde. Und dies wäre garantiert, wenn zumindest einige der Frauen die nötige Prominenz besäßen, daß die Medien daran nicht vorbeigehen konnten. Jean Moreau war ein gerissener Hund und wußte genau, wie man die Politik mit Hilfe der Medien unter Druck setzen konnte.

Zelensky und Delphy trugen dieses Angebot zurück in ihre Abtreibungsgruppe. Und waren schockiert: Statt daß das Ganze enthusiastisch begrüßt worden wäre, hagelt es Kritik. Kritik an der Zusammenarbeit mit der „bürgerlichen“ Presse. Und Kritik daran, daß man mit Prominenten zusammenarbeiten wollte, mit „Star-Frauen“. Offensichtlich begriffen diese Frauen nicht, daß das ganze Konzept gerade darauf beruhte, die Medien mit großer Reichweite zu erobern und daß die „Star-Frauen“ dafür eine notwendige Voraussetzung waren. Zelensky regte sich zurecht auf:

„Diese Argumente – bürgerliche Presse, reformistisch – hatte ich oft genug gehört. Sie kamen mir vor wie eine fruchtlose Utopie. Wenn man irgendetwas an dieser kaputten Welt ändern wollte, was auch immer es sei, mußte man sich wohl oder übel dieser Kanäle bedienen, um sich überhaupt Gehör zu verschaffen. Man ändert die Dinge von innen her nicht, indem man sie ignoriert.“ ([1], S. 55)

Und zurecht stellte sie fest, daß es ein ganz bestimmter Typus von Aktivistinnen war, die mit solchen Einwänden kamen:

„Die Frauen, die sich ablehnend geäußert hatten, kamen im übrigen nicht regelmäßig in die Gruppe, die ja für alle Frauen offen war. Ich hatte schon gemerkt, daß oft diejenigen, die am meisten redeten und systematisch gegen alles etwas einzuwenden hatten, nichts machten. Ihr »Purismus« löste ihre Zunge, aber sonst auch nichts.“ ([1], S. 55)

Und so beschloß ein kleiner Kreis, die Aktion auch gegen die Widerstände in der eigenen Gruppe durchzuziehen. Doch wie an die prominenten Frauen herankommen, die für das Gelingen des Plans unabdingbar waren?

Seien Sie gespannt auf nächste Woche, wenn Anne Zelensky berichtet:

„Ich setzte mich mit Simone de Beauvoir in Verbindung, die ich im Herbst mit einigen anderen Frauen kennengelernt hatte. […] Wir besuchten sie zu dritt. Wie bei unserer ersten Begegnung saß sie am Rand des Sofas, zurückhaltend und aufmerksam. Wir haben es gewagt. Als wir zu Ende waren, klopfte mein Herz.“ ([1], S. 55)

Nachweise

[1] Anne Tristan [A. Zelensky] und Annie de Pisan [A. Sugier], Jedesmal, wenn eine Frau sich wehrt…, Münster 1979.

[2] Le Nouvel Observateur, 30. März 2006:L’histoire secrète du manifeste des 343 »salopes«“ (Deserts, S. D.).

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26. September 2014 at 16:00

Veröffentlicht in Feminismus, Paragraph 218

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Einberufung der Generalstände

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Der Kampf gegen den § 218 (11)

„ELLE fragt: Halten Sie es, absolut gesehen, für wünschenswert, daß eine Frau einen Beruf ausübt?
MLF übersetzt: Denken Sie, daß Frauen, die siebzig Stunden in der Woche umsonst arbeiten und völlig von ihrem Mann abhängig sind, das Recht haben, hundertzehn Stunden pro Woche zu arbeiten, um die gleiche ökonomische Unabhängigkeit zu erreichen, die ihre Ehemänner mit nur vierzig Stunden erreichen?“

Mouvement de Libération des Femmes (MLF), 1970

Was bisher geschah: Die Kranzniederlegung am Arc de Triomphe im Sommer 1970 bot der entstehenden feministischen Bewegung in Frankreich die notwendige mediale Öffentlichkeit. Von nun an agierten die locker verbundenen Gruppen unter dem von der Presse erfundenen Namen Mouvement de Libération des Femmes (MLF). Und mit der Doppelnummer 54/55 der Zeitschrift Partisans, die den Titel Frauenbewegung Jahr Null trug, konnte man sich ab Oktober 1970 auch aus erster Hand darüber informieren, was diese Frauen wollten.

Doch zunächst machen wir heute einen Sprung zurück in der Geschichte: 1789 sah sich Ludwig XVI dazu gezwungen, die Generalstände einzuberufen: Das Parlament wollte ihm nicht länger die Gelder bewilligen, die er benötigte, um den drohenden Staatsbankrott abzuwenden. Die Einberufung der Ständeversammlung (der ersten seit 1614) schien dem absoluten Monarchen die einzige Chance, die Blockade durch das Parlament zu durchbrechen. Am 5. Mai 1789 traten die Generalstände erstmals zusammen. Doch statt die Steuerwünsche einfach abzunicken, erhob der sogenannte dritte Stand, das Bürgertum, die Forderung nach weitergehende Mitbestimmungsrechten. Als diese Hoffnungen enttäuscht wurden, konstituierten sich die Generalstände als Nationalversammlung neu, um eine Verfassung auszuarbeiten. Nur gut zwei Monate nach der Einberufung der Generalstände wurde am 14. Juli 1789 die Bastille gestürmt, im weiteren Verlauf der Geschichte verlor Ludwig XVI dann seinen Kopf unter der Guillotine…

Diese Einberufung der Generalstände hatte und hat in Frankreich einen hohen symbolischen Gehalt. Und diese politische Symbolik versuchte sich 1970 die Frauenzeitschrift Elle zu Nutze zu machen. Sie berief im November einen Frauenkongreß ein, den sie „Die Generalstände der Frauen“ betitelte. Daß eine Frauenzeitschrift, die ein mehr als zweifelhaftes Frauenbild vermittelte, die revolutionäre Tradition und Symbolik zu kapern versuchte, provozierte zurecht den Zorn der sich gerade konstituierenden feministischen Bewegung.

Verantwortlich für das Ganze zeichnete natürlich keine Frau, sondern der Chef der Zeitschrift, Jean Mauduit. Und dieser lud dann auch die Presse zu Cocktails in einem Restaurant auf den Champs Elysées ein, um das Programm vorzustellen. Wie ein Stier, dem ein rotes Tuch hingehalten wird, reagierte das MLF – rund dreißig Frauen sprengten die Veranstaltung. Christine Delphy entwand Mauduit das Mikrophon und verlas einen vorbereiteten Text. Außerdem wurde ein Fragebogen verteilt. Beziehungsweise die Übersetzung eines Fragebogens, denn die Zeitschrift Elle hatte einen Fragebogen für die Teilnehmerinnen ihrer „Generalstände“ entworfen, den die Frauen des MLF übersetzt hatten. Beispielsweise so:

Elle fragt: Wenn eine Frau ihren Gatten betrügt, dann ist das
– auf jeden Fall ein unentschuldbares Vergehen
– ein unter Umständen mehr oder weniger verzeihbares Vergehen?
MLF übersetzt: Sind Sie der Meinung, daß eine Frau, die ihren Unterdrücker mit anderen Frauen teilt, das Recht hat, sich auch anderswo unterdrücken zu lassen?“ (zit. nach [2])

Und sie übersetzten den Fragebogen nicht nur, sondern ergänzten ihn auch um Fragen, die von Elle überhaupt nicht gestellt wurde, wie etwa:

„Sie sind schwanger und wollen ihr Kind nicht austragen, was ziehen Sie vor:
– Stricknadeln
– Weinreben
– Eisen-, Kupfer-, Messing-, Stacheldraht
– Auf den Strich gehen, um 2000 Francs zu beschaffen.“ (zit. nach [1], S. 51)

Nachdem sie ihre Stellungnahme verlesen hatten, verließen die Frauen die Veranstaltung. Das Presseecho fiel nur zu erwartbar aus:

„Am nächsten Tag war im Figaro zu lesen, daß »furchterregende, kurzgeschorene Amazonen mit großen Filzhüten« den Eröffnungs-Cocktail gestürmt hätten. Dabei waren wir alle langhaarig und ohne Kopfbedeckung! Der Mythos der furchterregenden, hysterischen, lesbischen »Frauenbewegung« war im Begriff zu entstehen.“ ([1], S. 51)

Der eigentliche Kongreß fand dann vom 18. bis zum 20. November 1970 in Versailles statt. Und die Frauen des MLF waren wieder mittendrin:

„Wir waren bei den »Etats Généraux« dabeigewesen. Im Saal. Am Mikrofon. Unsere erste chaotische Aktion hatte Aufsehen erregt. Zur zweiten wurden wir von der »Direktion« selbst aufgefordert. Wir hatten in der großen Vorhalle einen ebenfalls nicht genehmigten Infostand aufgebaut, wo wir mit großem Erfolg Partisans verkauften. Wir waren nicht eingeladen worden, aber wir waren überall.“ ([4], S. 52)

Entscheidend ist hier wieder, daß bei dieser Aktion die besten Traditionen der antiautoritären Revolte wieder aufgriffen wurden: Selbsttätigkeit der Aktivistinnen, Koordination in der Aktion und nicht Verfolgung eines vorher ausgeklügelten Planes, der von irgendwelchen Strategen ausgearbeitet worden war:

„Wir mußten völlig improvisieren. Es gab keinen Aktionsplan, keine Anweisungen, wenig Koordination. Jemand hatte eine Idee, und wenn sie gut war bzw. der Mehrzahl gut erschien, wurde sie ausgeführt.“ ([4], S. 52)

Die Frauen waren schon viel zu lange Statistinnen in ihrem eigenen Leben gewesen, als daß sie sich nun feministischen hierarchischen Strukturen unterworfen hätten. Dieser antiautoritäre Geist übertrug sich dann auf andere Veranstaltungsteilnehmerinnen:

„Viele Frauen verließen den Saal und kamen in den Abtreibungs-Arbeitskreis. Sie waren mehr an Diskussionen interessiert, bei denen sie über sich selbst sprechen konnten, als an endlosen, geschraubten Vorträgen von männlichen »Experten«.“ ([4], S. 52)

Und genau das war das Thema, das den Nerv der Zeit traf. In der Abtreibungsfrage bündelte sich all das, was gesellschaftlich als unerträglich empfunden wurde. In ihrem parodistischen Fragebogen hatten die Frauen des MLF das bereits auf den Punkt gebracht:

„Wer ist am besten geeignet, darüber zu entscheiden, wie viele Kinder Sie haben sollen?
– der Papst, der niemals welche gehabt hat
– der Präsident, der sich leisten kann, sie aufziehen zu lassen
– der Arzt, der das Leben des Fötus über das der Frau stellt
– Ihr Mann, der abends, wenn er nach Hause kommt, kurz killekille mit ihnen macht
– Sie, die Sie die Kinder austragen und aufziehen?“ (zit. nach [4], S. 119f)

Nirgendwo wurde die fehlende Selbstbestimmung der Frauen deutlicher als in der Frage der Abtreibung, nichts bot ein größeres Mobilisierungspotential. Und deshalb konzentrierte sich das MLF in der Folge auf das Thema Schwangerschaftsabbruch.

Ich weiß nicht genau, ob ich dazukomme, für nächsten Freitag einen Text vorzubereiten, da ich unterwegs bin. Falls es nicht klappt, können Sie sich auf in zwei Wochen freuen, wenn das MLF-Komitee aus dem Pariser 18. Bezirk meint:

„Als wir unsere Kräfte maßen und über die Arbeit des vergangenen Jahres nachdachten, sahen wir klar, daß wir uns nicht verzetteln durften, uns auf einen bestimmten Punkt konzentrieren mußten, um ein genaues Resultat zu erzielen, bevor wir etwas Neues begannen. Darum brauchten wir ein Thema, mit dem wir möglichst viele Frauen ansprechen konnten.
Und wir entschlossen uns, auf den Märkten eine Unterschriftenkampagne für die Freigebung der Abtreibung durchzuführen.“ ([3], S. 84)

Nachweise

[1] Anne Tristan [A. Zelensky] und Annie de Pisan [A. Sugier], Jedesmal, wenn eine Frau sich wehrt…, Münster 1979.

[2] Les Poupées en Pantalon: „1970, les militantes du MLF aux Etats Généraux de la Femme…“, URL: http://lespoupeesenpantalon.blogspot.de/2010/04/1970-les-militantes-du-mlf-aux-etats.html, abgerufen am 12. September 2014.

[3] MLF-Komitee für den 18. Bezirk: „Stadtviertelarbeit im 18. Bezirk von Paris“, in: Linnhoff, U., Die neue Frauenbewegung. USA – Europa seit 1968, Köln 1974, S. 82 – 88.

[4] Schulz, K., Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968–1976, Frankfurt a.M. / New York 2002 (http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e6141/e8165/datei/datei/schulz_provokation_ger.pdf).

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12. September 2014 at 16:02

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„Wir sind doch immer für den Dialog gewesen…“

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Der Kampf gegen den § 218 (10)

„Das wahrnehmbare Gesicht der Bewegung, das sind die Aktionen, die von der Presse ständig verzerrt werden. Das verborgene Gesicht, das ist die Arbeit, die tagtäglich geleistet werden muß.“

Eine Gruppe von Frauen

Was bisher geschah: Die neue französische Frauenbewegung, die zwischen 1968 und 1970 mehr im Verborgenen als in der Öffentlichkeit agierte, wurde mit einem Schlag bekannt. Und zwar durch eine einfache, von wenigen Frauen schnell organisierte Aktion: Dem Versuch, am Grabmal des Unbekannten Soldaten einen Kranz für dessen noch unbekanntere Frau abzulegen.

Die Presseresonanz auf die Aktion war zwiespältig. Es wurde zwar von Le Monde bis France Soir berichtet, doch die Beteiligten erkannten sich in der Berichterstattung nicht mehr wieder. Cathy Bernheim, eine der beteiligten Aktivistinnen, faßte die Reaktion der Frauen auf das Presseecho folgendermaßen zusammen:

„Für L’Aurore und Combat organisierten sich in der »Bewegung zur Befreiung der französischen Frau« (warum »französische« fragten sie sich, und warum nicht »der Frauen«?) 3.000 Anhängerinnen (wo hatten sie denn das aufgegabelt?). Immer noch L’Aurore zufolge »wollten rund zehn Frauen, die vom Autor des Romans Le Repos du guerrier, Christiane Rochefort begleitet wurden (die, als Autor, nicht das Glück hatte, unter die Kategorie »Frauen« zu fallen), der Frau des Unbekannten Soldaten Blumen darbringen, die keine Gelegenheit hatte, die Berühmtheit ihres Gatten zu teilen.« !!!
Le Monde hingegen fand nichts besonders Bemerkenswertes: Sie widmete einen Artikel auf Seite 3 »dem Tag der Frauenbefreiung«, dem eine Agenturmeldung (Reuter) zugrunde lag und der den Untertitel trug (auch eine lange Tradition, die hier begann, nämlich die, Aktionen, die von Frauengruppen unternommen wurden, herunterzuspielen): »Die Streiks blieben sehr begrenzt«. Exakt 51 Zeilen wurden dann der amerikanischen Bewegung gewidmet und 5 der Kundgebung am Arc de triomphe.
France-Soir schien, man wagt es kaum zu sagen, stärker beeindruckt, konnte es sich aber nicht verkneifen darauf hinzuweisen, daß etwas, was die auf der Titelseite veröffentlichte Photographie zu zeigen schien, nicht stattgefunden hatte: Sie titelten »Den feministischen Demonstrantinnen vom l’Etoile gelang es nicht, ihren Kranz »für die unbekannte Frau des Soldaten« abzulegen.«.
Die Bildunterschrift der besagten Photographie war im übrigen deutlich offenherziger: »Die kleine berockte Kampfgruppe (der Leser konnte aus eigenem Augenschein feststellen, daß der Großteil der Demonstrantinnen an diesem Tag in Hosen auftrat), die, wie ihre amerikanischen »Schwestern« für »die Befreiung der Frau« demonstrierten, wurde schnell in der Grünen Minna abtransportiert.« ([3], S. 72f)

Doch unabhängig davon, wie verzerrt die Medien die Aktion darstellten – die Tatsache, daß es in Frankreich eine Frauenbewegung gab, war nun eine öffentlich bekannte Tatsache.

Einige Wochen später kam dann endlich die Frauen-Nummer von Partisans an die Kioske. Sie trug den Titel Frauenbewegung, Jahr null ([8]). Anne Zelensky, die treibende Kraft hinter der Publikation, erinnert sich:

„Als ich das dicke weiße Heft mit unserem Frauenzeichen sah, tastete ich es vorsichtig ab, um mich davon zu überzeugen, daß es tatsächlich existierte. Es war das erste Buch seit vielen Jahren, das Frauen gemeinsam geschrieben hatten. Über ihre Erfahrungen und ihre Revolte. Endlich ein anderer Ton als die netten »Frauen«romane oder die beschwichtigenden Analysen über die »Verwirklichung der Emanzipation«. Endlich Zeugnisse, Reflexionen, Berichte über das, was wir wirklich erlebten und dachten.“ ([2], S. 48f)

Ich will hier keine ausführliche Besprechung des Bandes abliefern, aber dennoch auf einige Punkte hinweisen. Zum einen darauf, daß sich die Verfasserinnen zwar eindeutig und explizit auf die Tradition des Pariser Mai 68 bezogen, sich aber gleichzeitig von den ganzen sozialistischen, maoistischen, trotzkistischen und was auch immer für Gruppen distanzierten:

„Es ist wichtig darauf hinzuweisen, […] daß wir zu der Notwendigkeit gekommen sind, die Gemischt-Geschlechtlichkeit abzulehnen. Es ist uns, durch das Beispiel aller unterdrückten Gruppen, klar geworden, daß wir uns selbst um unsere eigene Befreiung kümmern müssen. […] Nur die Unterdrückte kann ihre Unterdrückung analysieren, in einer Theorie zusammenfassen und daraus folgend die Mittel für den Kampf wählen. Es hat sich herausgestellt, daß sich Frauen in gemischtgeschlechtlichen Versammlungen nicht frei genug fühlen, um ihre Revolte gegenüber ihren (Bett-)Genossen zum Ausdruck zu bringen.“ ([7], S. 9)

Doch gerade in dieser Ablehnung der Nach-68er-Gruppen bewahrten sie die besten Traditionen der anti-autoritären Revolte:

„Die Bewegung, so wie sie gegenwärtig funktioniert, zeichnet sich durch den Willen aus, Dirigismus und Bürokratie zu vermeiden. Spontane Initiativen stehen am Anfang der Gruppen, die sich unabhängig voneinander in Paris und den großen Städten der Provinz gründen.“ ([7], S. 9)

Dieser Versuch, keine Hierarchien aufkommen zu lassen spiegelt sich dann im Autorinnenverzeichnis der Publikation. Die Frauen zeichnen mit Kürzeln wie „J.K.“, schreiben als „Anne und Jacqueline“ oder gleich als „Einige Aktivistinnen“. Die Texte sind außerordentlich unterschiedlich und decken in ihrer Diversität ein breites Spektrum ab.

Auf der einen Seite gibt es quasi wissenschaftliche Abhandlungen. Anne Zelensky und Jacqueline Hogasen etwa schreiben über unterschiedliche Haltungen zur Sexualität im Vergleich. Sie handeln die USA, Skandinavien, die UdSSR ab, aber auch die Haltung der marxistischen Revolutionäre und die Vorstellungen der Aktivisten während des Mai ’68, um dann einen radikalen feministischen Standpunkt zu entwickeln ([1]). Der wohl theoretisch schwergewichtigste Artikel stammt von Christine Delphy, die hier bereits unter dem Titel ihres späteren Hauptwerkes, L’ennemi principal (Der Hauptfeind) eine faktengesättigte Skizze der spezifischer Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft liefert ([4]).

Andere Texte nehmen ganz bewußt keinen distanzierten, wissenschaftlichen Standpunkt ein, sondern gehen vom persönlichen Erleben aus. Wohlgemerkt: Es handelt sich dabei keinesfalls um Betroffenheitstexte, die auf individuelles Gejammere hinausliefen. Aber für diese Autorinnen ist die persönliche Involviertheit nicht nur kein Hindernis für die Wahrheitsfähigkeit ihrer Ausführungen, sondern ganz im Gegenteil: Erst die auf persönlichem Erleben fußende Reflexion führt zu einer nicht nur abstrakten, sondern einer konkreten, auf Veränderung abzielenden Erkenntnis. Die Autorin „J.K.“ kritisierte deshalb zurecht eine theoretische Herangehensweise, die auf Abstraktionen beruht:

„Wir fegen die Hindernisse, die uns den Weg versperren, nicht dadurch weg, daß wir von Anfang an einen theoretischen Rahmen aufstellen, den wir aus Büchern und von anderen geliehen haben.
Denn ein solcher theoretischer Rahmen ist sehr sicher für viele von uns […] eine Flucht in Ideen, die ein bißchen bedeuten: »Schaut uns an, wir sind befreit, weil wir das große Ganze sehen, die Gesamtheit der Probleme; nun müssen wir den anderen Frauen erklären, was sie tun müssen, um sich ebenfalls zu befreien.« Wenn wir das tun, bilden wir uns eine, eine Etappe überspringen zu können, die aber die Basis von allem ist, sowohl für uns wie auch für alle Frauen, nämlich die der Erfahrung und der individuellen Revolte. Wir schlagen uns nicht für die Befreiung der Frau, weil wir die Unterdrückung der Frau »im Allgemeinen« begriffen haben, sondern zunächst einmal, weil wir selbst am Ersticken sind.“ ([6], S. 91)

Aus diesem persönlichen Erleben werden dann durchaus allgemeingültige Erkenntnisse abgeleitet, die die spezielle Form der Unterdrückung und Ausbeutung, der Frauen unterworfen sind, erhellen. In besonders eindrücklicher Weise gelingt diese Verschränkung von persönlichem Erleben und Reflexion über gesellschaftliche Mechanismen der Autorin Emmanuèle, bei deren Text es einem kalt über den Rücken läuft. In ruhiger, präziser Sprache analysiert sie im Detail, welche gesellschaftlichen Mechanismen abliefen, als sie sich in eine Situation manövrieren ließ, in der sie von einer Straßenbekanntschaft namens Marc vergewaltigt werden konnte ([5]). Dieses unvermittelte Nebeneinander einer absolut grauenhaften Situation und klarer, nüchterner Analyse macht wie kein zweiter Aufsatz in diesem Band deutlich, was es heißt, frauenfeindlichen Strukturen ausgeliefert zu sein.

Angesichts dessen verwundert es nicht, daß sich das Heft von Partisans verkaufte wie geschnitten Brot. Anfang 1972 wurden die Originalaufsätze daraus (die Hälfte des Heftes bestand aus Übersetzungen aus dem Amerikanischen) noch einmal mit einer Auflage von 15.000 Stück als Buch veröffentlicht. Die Frauenbewegung und ihre Themen waren endgültig in der Öffentlichkeit angekommen.

Das wollte sich dann auch die Frauenzeitschrift Elle (das französische Pendant zur Brigitte) marketingmäßig zu Nutze machen. Elle rief deshalb im November 1970 zu einem Frauen-Kongreß mit dem Namen Les Etats Généraux des Femmes auf. Was es damit auf sich hatte und wie die französische Frauenbewegung darauf reagierte, erfahren Sie nächste Woche, wenn Anne Zelensky schreibt:

„Inzwischen befinden sich alle Frauen von unserer Gruppe im Raum. Warum noch länger warten? Wir verständigen uns mit Blicken. Eine von uns schreit: »Jetzt reicht’s«. Wir drängen uns um das Mikrofon. Der weltgewandte Herr gibt es widerstandslos frei; er stammelt: »Aber meine Damen, wir sind doch immer für den Dialog gewesen…«“ ([2], S.51)

Nachweise

[1] Anne et Jacqueline: „D’un groupe à l’autre“, in: Un groupe de femmes (Hg.), Partisans / Liberation des femmes année zero, Paris 1972 [2., gekürzte Ausgabe], S. 140 – 188.

[2] Anne Tristan [A. Zelensky] und Annie de Pisan [A. Sugier], Jedesmal, wenn eine Frau sich wehrt…, Münster 1979.

[3] Bernheim, C., Perturbation, ma sœur. Naissance d’un mouvement de femmes, Paris 1983.

[4] Christine: „L’ennemi principal“, in: Un groupe de femmes (Hg.), Partisans / Liberation des femmes année zero, Paris 1972 [2., gekürzte Ausgabe], S. 112 – 139.

[5] Emmanuèle: „Le Viol“, in: Un groupe de femmes (Hg.), Partisans / Liberation des femmes année zero, Paris 1972 [2., gekürzte Ausgabe], S. 10 – 18.

[6] J.K.: „Les militants“, in: Un groupe de femmes (Hg.), Partisans / Liberation des femmes année zero, Paris 1972 [2., gekürzte Ausgabe], S. 90 – 100.

[7] Un groupe de femmes: „Introduction à la première édition“, in: Un groupe de femmes (Hg.), Partisans / Liberation des femmes année zero, Paris 1972 [2., gekürzte Ausgabe], S. 8 – 9.

[8] Un groupe de femmes (Hg.), Partisans / Liberation des femmes année zero, Paris 1972 [2., gekürzte Ausgabe].

Written by alterbolschewik

5. September 2014 at 15:52

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