shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Gewesene Linke: Die Antiimps

with 8 comments

Zwar habe ich meine auf meinem eigenen Blog geführte Serie „Elemente der Gegenaufkärung“, in denen ich mich mit regressiven, die Unmündigkeit des Menschen befördernden Kräften, aus denen eine starke neue Rechte erwachsen könnte (könnte, nicht muss, die Wahrscheinlichkeit, dass diese der Bedeutungslosig- und Lächerlichkeit anheimfallen ist mindestens ebenso groß) beschäftige noch nicht abgeschlossen. So muss angesichts der Rolle von Pro Köln und Pro NRW, wo sich der Wohlstandsrassismus in einem christlich-populistischen Gewand zeigt, der ganze Komplex prowestlicher Neokonservatismus inklusive PI & Co. noch einmal angefasst werden. Auch der rechte Rand lohnt immer mal wieder einen aufmerksamen Blick, und so werde ich mich dort demnächst mit Black Block Nazis auseinandersetzen. Gleichzeitig beginne ich aber eine neue Serie, die sich mit der Vergangenheit der westdeutschen Linken auseinandersetzt. In konkret gab es ja die Artikelreihe Who´s left, in der so eine Art Bestandsaufnahme der deutschen Linken vorgenommen und geschaut wurde, was noch übriggeblieben ist und was unter die Räder kam. Ich nehme den entgegengesetzten Blickwinkel ein: Ich beschäftige mich mit Gruppen und bewegungen, die es definitiv nicht mehr gibt und mit den Gründen ihres Scheiterns. Dies geschieht nicht aus Nostalgie oder Nabelschau heraus, sondern unter dem Gesichtspunkt, dass die westdeutsche Linke ihre eigene Geschichte kaum noch erinnert, und um Fehler nicht zu wiederholen, die schon gemacht wurden die Irrtümer und Verstrickungen gescheiterter Bewegungen sichtbar zu machen. Den Titel Gewesene Linke habe ich mit Bedacht gewählt. Unter Stalin wurden Menschen, die von der Tscheka abgeholt und ermordet oder auch langjährig ins Gulag gesteckt wurden „Gewesene Menschen“ genannt. Diese wurden aus dem Melderegister gelöscht und ihre Geburtsurkunden vernichtet. Aus dem Begriff Gewesene Menschen leitete George Orwell seinen Neusprech-Terminus „Unpersonen“ ab.

Und genau das sollen sie nicht sein, die linken Bewegungen der Vergangenheit: Gewesene, über die niemand mehr spricht.

Demnächst wird hier also vom KB, von den Spontis, von der MG und einigen anderen Gruppen und Grüppchen die Rede sein, heute aber von einem besonders problematischen Teil des Spektrums: Den Antiimps.

Meine erste Begegnung mit Antiimps erfolgte im Winter 1984/85 im Zusammenhang mit dem seinerzeitigen RAF-Hungerstreik und einer Veranstaltungsreihe des damalige Anwalts von Christian Klar. Ich verkehrte schon in der autonomen Szene, zu deren inner circle ich erst später dazustoßen sollte und kannte die Besonderheiten und Eigenarten dieses Milieus recht gut, aber die Antiimps waren ganz anders. Beton in den Mundwinkeln, eiskalte Gesichtsausdrücke, die gefühlte Temperatur im Raum war sehr tief. Scharfschützenblicke, und ich machte den großen Fehler, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Noch finsterere Mienen. Wer als erster spricht hat schon verloren: Als Unbekannter Antiimps anzusprechen brachte einen automatisch in den Verdacht, ein V-Schutz- oder Bullenspitzel zu sein. Nein, falsch. Nicht Bullen. Wir Autonome bezeichneten Cops als Bullen, Politiker und Kapitalisten hingegen als Bonzen. Für die Antiimps waren das beides die „Pigs“. Sie hatten überhaupt ihren ganz eigenen Jargon, in denen der Infinitiv wucherte: „Den Existenzkampf organisieren und rebellieren“, „aus dem Körper eine Waffe machen“(im Hungerstreik), „einen klaren Trennstrich zwischen uns und dem Feind ziehen“, „zur Front kommen“ und ähnliche Merkwürdigkeiten direkter chinesischer Übersetzungen ins Deutsche. Das „zur Front kommen“ war ganz wichtig, es beinhaltete das Lebensziel eines jeden Hard-Core-Antiimps: Irgendwann einmal so weit zu sein, dass man selber mit der Waffe gegen das „Schweinesystem“ kämpfte. Bezugsrahmen des antiimperialistischen Selbstverständnisses bildeten Strategiepapiere wie der RAF-Text „Guerrilla, Widerstand und antiimperialistische Front“, in denen die internationale Zusammenarbeit von Guerrillagruppen, legal lebenden Militanten und nichtmiltanten Linken gefordert wurde, um eine Widerstandsfront in den Metropolen aufzubauen, die den Imperialismus ernsthaft gefährden sollte. Argumente, das sei lächerlich und entspräche Don Quichottes Kampf gegen die Windmühlen wurde mit Antworten wie „Du bist voll counter“ und dem Argument abgetan, der Zweite Weltkrieg sei in Wirklichkeit von den Partisanen gewonnen worden, nichts fürchte der Staat mehr als einen Guerrillakrieg. In guter Sponti-Tradition machte sich ein lieber Genosse von mir, der selber in das Lager des sogenannten „Neuen Antiimperialismus“ gehörte (hatten mit den Antiimps nur den Namen gemeinsam) über das Parolen-Gedöns der Antiimps mit „Das Brett vorm Kopp zur Waffe machen“ lustig. Die Gegenseite lachte bei sowas nicht mit.

Dabei war die Kernthese, von der die Antiimps ausgingen gar nicht einmal so dumm, nur die daraus gezogenen Konsequenzen waren verheerend. Sie gingen davon aus, dass heutzutage, wo sich das kapitalistische Weltsystem auf der Basis einer Ausbeutung der Rohstoffe und billigen Arbeit der drei Kontinente Südamerika, Afrika und Asien reproduziere eine Revolution in den Industriemetropolen nicht mehr möglich sei, weil das Metropolenproletariat kein Proletariat mehr sei, sondern eine Schicht von Ausbeutern der Drei Kontinente, des Trikont. Die Arbeiter bei uns lebten nicht nur kleinbürgerliche Lebensentwürfe mit kleinbürgerlichem Lebenssstandard, sie seien auch ein objektives Kleinbürgertum, das selber von Ausbeutung des Trikont profitiere. Daher sei eine Revolution nur vom Trikont her denkbar. In dieser Hinsicht kombinierten die Antiimps Che Guevaras Focus-Theorie, derzufolge die Aufnahme des Guerrilla-Kampfes in einer Region einen neuen Brennpunkt verschärfter sozialer Kämpfe schaffe mit der Domino-Theorie der CIA, derzufolge jeder sozialistische Umsturz in einem Land des Trikont weitere Umstürze in Nachbarländern nach sich ziehe, bis in einer Art Kettenreaktion die weltrevolutionäre Situation da sei. Die Schlussfolgerung der Antiimps war, dass alles, was man als Linke in der Metropole tun könne die Unterstützung von Kämpfen im Trikont und die Bekämpfung von Militärisch-industriellem Komplex und Repressionsapparat in der Metropole sei. Dies könne vom Engagement in der Friedensbewegung bis zur Unterstützung der RAF reichen. Wobei die RAF zumindest für die Hardcore-Antiimps immer das höchste der Gefühle darstellte.

Das Verhältnis zwischen Autonomen und Antiimps blieb immer problematisch. In der Antikriegsbewegung, bei der Volkszählung, wenn es gegen Repression und Knäste ging zogen wir am selben Strang, aber das war stets mit Mißtrauen und wechselseitigen Unvereinbarkeiten gepaart. 1991 knallte es dann richtig, als sich Antiimps mit Saddam Hussein solidarisierten, Antideutsche mit Israel und den westlichen Interventionsmächten und wir uns unter der Parole „Für soziale Revolution weltweit“ gegen den Krieg, gegen Saddam und auf Seiten der kurdischen, schiitischen und kommunistischen Aufständischen im Irak positionierten. Einige Jahre lang hatten wir Zoff mit einem Teil der Antiimps, Zoff, der sich quer durch die Palästinagruppen zog und uns, die wir in der Kurdistan-Solidarität aktiv waren, teilweise in eine Situation brachte, wo man kurz davor war, sich untereinander zu hauen – und es waren kurdische und palästinensische Genossen, die dann abwiegelten und zu un deutschen Linken sagten: „Dies ist nicht euer Konflikt.“ Ach ja, und das Gleiche hatten wir dann auch noch mit den iranischen Volks-Muddjaheddin. Als die RAF dann die Waffen niederlegte hatte die Antiimp-Szene ihr Identifikationsobjekt verloren. Noch einmal gab es Mitte der 90er Jahre eine starke Mobilisation im Zusammenhang mit den Aktionen gegen das PKK-Verbot, dann löste sich das Antiimp-Spektrum auf, und ihre Spuren verloren sich im Sand der Zeit. Von „ich bin. Ich war. Ich werde sein.“ sehen wir nicht viel, die Menschen sind viel eher unsichtbar in die Gesellschaft zurückgekehrt.

Zwei interessante Links bringen die ganze Ambivalenz und Dramatik, vor denen sich die Kämpfe der Antiimps abspielten ganz gut zum Ausdruck – und nicht zuletzt denneben der Unterstützung von Attentatskampagnen wundesten Punkt, die kompromisslose Israel-Feindschaft, die den Zionismus zum Faschismus erklärte, einer jener Bereiche, über die sich mit den Antiimps nie diskutieren ließ:

http://de.indymedia.org/2007/09/193943.shtml

http://www.ila-web.de/antisemitismus/linkeundantisem.htm

Advertisements

8 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Was mich ja – zugegeben – bei solchen Einträgen, die definitiv spannend und interssant sind, immer irritiert, ist, daß – ich übertreibe und provoziere absichtlich – immer ein wenig der Eindruck entsteht, die Geschichte der Linken sei eine von Sektierer-Zirkeln in Universitätsstädten. Klar, aus deren Perspektive bin ich ja auch ein Scheiß-Liberaler, trotzdem 😉 …

    Auch wenn Willy Brandt mal als SPD-Rechter angetreten ist: Für mich war der im Gegensatz zu Helmut Schmidt schon auch ein Linker, die Gewerkschaftsbewegung auch oder ein Ebermann einst, und ich fand auch vieles gar nicht falsch, was Lafontaine in den frühen 90ern gesagt hat.

    Während die mir noch nicht mal bekannten „Antiimps“ – nur indirekt, über den „Baader.-Meinhoff-Komplex“-Film aus den 80ern – nun nur wieder alles stützen, was Boche schon immer glaubte, daß er s über die Linke gewußt haben würde.

    momorulez

    27. Oktober 2008 at 9:36

  2. Die Antiimps sind nun allerdings exakt der Grund für das, was Boche meinte, über die Linken zu wissen. Insofern ist es auch bei Sekten nicht falsch, einen Blick auf das Original zu werfen und diesen dann mit dem, was man vielleicht als linke Normalität bezeichnen könnte abzugleichen.

    che2001

    27. Oktober 2008 at 13:26

  3. @Willy Brandt: Der schwankt für mich ganz ambivalent zwischen „Mehr Demokratie wagen“ und „Berufsverbote-Willy“. Und seine Rolle in der Sozialistischen Internationale war stets die des Bremsers und pro-NATO-Regulators, z.B. gegen die portugiesische Nelkenrevolution. Man sollte ihn nicht an dem messen, was nach ihm kam. Lafontaine hatte seine beste Zeit in den frühen 80ern. Aber auch da zeigt sich seitens der linken Sozialdemokratie eine Verhaltenskontinuität, die an 1918 erinnert, wenn auch ohne Noske-Methoden: Die damalige Rechte Hand Lafontaines, Jo Leinen, damals Vorsitzender des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), sagte auf einer Kundgebung, wenn die Bundesregierung an ihrem Atomenergiekurs und dem NATO-Doppelbeschluss festhalte, würde die außerparlamentarische Regierung das Land unregierbar machen. Als bei Aktionstagen im Wendland dann Bahnstrecken blockiert und, wenn ich es richtig im Kopf habe, der Bauplatz des Zwischenlagers Gorleben besetzt werden sollte, blockierte der BGS die Anmarschwege mit sandgefüllten Containern. Einige Autonome schlugen sich an den Containern vorbei durch die Büsche, Leinen aber hielt die Mehrzahl der AKW-GegnerInnen dazu an, mit kleinen Kellen den Sand aus den Containern zu schaufeln, was die geplanten eigentlichen Aktionen verhinderte und ihm den Sptznamen „Container-Joe einbrachte. Ein solches Verhalten halte ich für typisch für linke Sozis und stehen denen mit tiefem Misstrauen gegenüber. Ich halte sogar diesen damaligen BBU für ein Counterinsurgencyprojekt, das nur gegründet wurde, um die BIs unter SPD-Einfluss zu kriegen und zu mäßigen. Über Hans Koschnick und Klaus von Dohnanyi denke ich allerdings etwas freundlicher.

    che2001

    28. Oktober 2008 at 9:31

  4. Außerparlamentarische Bewegung, nicht „Regierung“ Ooooops!

    che2001

    28. Oktober 2008 at 10:18

  5. Ooops, nur ganz kurz, ich muß los: Willy Brandt hat den Radikalenerlaß später als den größten Fehler seines politischen Lebens erkannt …. und auch wenn mir die USPD plausibler erschien als der Ebert, man sollte vielleicht, wo schon so viel von ’29 die Rede ist, nicht vergessen, daß es zu Hitler nicht gekommen wäre, wenn KPD und SPD sich hätten einigen können, und das lag nicht nur und ausschließlich an der SPD, deren Verhaltent 1918/19 mir schmerzlichst bewußt ist …

    momorulez

    28. Oktober 2008 at 10:27

  6. Von Frankreich lernen heißt siegen lernen: Die Volksfront aus Sozialisten, Kommunisten und Linksliberalen verhinderte die Machtergreifung der dortigen Faschisten.

    che2001

    28. Oktober 2008 at 10:41

  7. […] ersten Teil seiner Artikelserie zur “gewesenen Linken” auf Shifting Reality schreibt Che2001 über die sogenannten […]

  8. Der Film ist absolut sehenswert. Ich stimme zu: Den sollte man zusammen mit Privatisierungsbefürwortern gucken und dann darüber diskutieren.

    chezweitausendeins

    23. November 2008 at 15:18


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s