Von der Utopie (2)
„Unser Wahlspruch muß also sein: Reform des Bewußtseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen, sich selbst unklaren Bewußtseins, trete es nun religiös oder politisch auf. Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen.“
Karl Marx an Arnold Ruge, September 1843
Ich hatte bereits letzte Woche auf die komplexe Zeitstruktur der Utopie hingewiesen: Auch wenn sie auf die Zukunft verweist, ist ihr kritischer Kern, so war der Befund, auf die Gegenwart gerichtet. Sie ist nicht einfach Zukunftsentwurf, sondern Gegen-Entwurf und dadurch auf das schlechte Hier und Jetzt bezogen. Doch hatte ich auch darauf hingewiesen, daß man die Utopie nicht einfach nur als Kritik lesen darf, daß ihr Entwurfscharakter, die Projektion in die Zukunft keineswegs vernachlässigbar ist. Mag auch die Kritik der Gegenwart der wesentliche Inhalt der Utopie sein, so ist ihr die in die Zukunft ausgreifende Form mindestens ebenso wesentlich.
Damit ist die Entfaltung der Zeitstruktur, die der Utopie inhärent ist, keineswegs abgeschlossen. Denn eine vollständige Auseinanderlegung ihres Begriffs wird zeigen, daß zu Gegenwart und Zukunft noch eine weitere Dimension hinzukommt: Die der Vergangenheit. Dies allerdings läßt sich nicht unmittelbar begreiflich machen, weshalb wir einen Umweg wählen müssen und die Frage, wie die Vergangenheit in die Utopie mit hineinspielt, zunächst einmal zurückstellen. Denn um dies zu verstehen, müssen wir uns erst einmal ihrer räumlichen Dimension bewußt werden. Die Frage, die wir uns zunächst stellen müssen, lautet: Wo ist eigentlich der Ort, an dem die Utopie überhaupt in die Existenz tritt?
Auch hier ist zunächst die negative Bestimmung ganz hilfreich: Die Utopie entsteht nicht im Alltag, zumindest nicht unmittelbar. Das ganz normale Alltagsleben in seinem regelmäßigen Fluß ist frei von utopischen Anwandlungen, es spielt sich im Bereich eines Handelns ab, das von Wiederholung und Routine geprägt ist. Und innerhalb dieser Alltagsroutine ist kein Ort für Utopie.
Das ist auch die Einsicht, an der sich die Freunde der „konkreten Utopie“ hochhangeln: Damit sich etwas gesellschaftlich verändern kann, müßten die Menschen aus ihrer Alltagslethargie geweckt werden. Und der naive Glaube ist, man müsse dazu eine Utopie auspinseln und sie den Menschen wie eine Karotte vor die Nase halten, um sie aus dem Stumpfsinn des Alltagslebens herauszuführen. Doch genau so funktionieren Utopien nicht, man kann sie sich nicht wie eine Werbeagentur ausdenken und dann ein Utopiemarketing für eine bessere Gesellschaft betreiben.
Tatsächlich ist es umgekehrt. Es ist eben nicht die Utopie, die den Weg aus dem Alltag weist. Sondern ganz im Gegenteil: Dort wo der Alltag aufbricht, Risse bekommt, dort beginnt utopisches Denken sich einzunisten, Wurzeln zu schlagen und vielleicht auch ein kräftiges und gesundes Wachstum zu entwickeln.
Es gibt durchaus eine Reihe von Marxisten, die sich genau dieser Risse im Alltagsleben angenommen haben – gerade weil sie sich über die Zurichtung der Marxschen Theorie zu einem „wissenschaftlichen Sozialismus“ empört haben. Der erste bedeutende marxistische Theoretiker, der in dieser Richtung gearbeitet hat, war aller Wahrscheinlichkeit nach Ernst Bloch. Während der Schlächterei des ersten Weltkriegs, als die vom Glauben an einen „wissenschaftlichen Sozialismus“ beseelte sozialdemokratische Partei jämmerlich versagt hatte, schrieb er die erste Fassung von Geist der Utopie ([1]), worin er bereits einiges von dem vorwegnahm, was er in seinem Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung ([2]) dann in drei Bänden ausführen sollte.
Bloch lokalisiert den Entstehungsort der Utopie an den Rändern der Alltagserfahrung, dort, wo sich das Denken eine Pause von den alltäglichen Notwendigkeiten erlaubt. Er geht aus von den Tagträumen, die sich sich immer wieder in den Alltag einschmuggeln:
„Die Menschen träumen nicht nur nachts, durchaus nicht. Auch der Tag hat dämmernde Ränder, auch dort sättigen sich Wünsche. Anders als der nächtliche Traum zeichnet der des Tages frei wählbare und wiederholbare Gestalten in die Luft, er kann schwärmen und faseln, auch sinnen und planen. Er hängt auf müßige Weise […] Gedanken nach, politischen, künstlerischen, wissenschaftlichen.“ ([2], S. 96)
Es sind, nach Bloch, die kleinen und großen Träumereien des Alltags, die das Fundament dessen bilden, was sich dann zur Utopie auswachsen kann. Mit anderen Worten: Dort, wo die graue Decke des Alltags bereits Löcher hat, dort sind die Punkte, an denen utopisches Denken zu keimen beginnen kann.
Eine Variante solchen Denkens habe ich hier im Blog bereits vorgestellt. Vor rund einem Jahr wies ich auf Henri Lefebvres Theorie der Momente hin, die diesen Bruch in der Logik des Alltags präziser entwickelte. Ebenfalls in Abgrenzung zu einem verdinglichten Marxismus entstanden, sucht auch Lefebvres Theorie nach Rissen und Brüchen im Alltagsleben, in denen etwas aufscheint, das über dieses Alltagsleben hinausweist. Dabei konzentriert sich Lefebvre nicht so sehr auf das Träumen, sondern mehr auf das Handeln. In seiner Theorie der Momente gibt es einen äußeren Auslöser – das kann beispielsweise die Begegnung mit einem anderen Menschen sein, von dem eine besondere Faszination ausgeht. Und nun liegt es an uns, den Mut aufzubringen, diesen kurzen Augenblick zu ergreifen und daraus mehr zu machen: Ein Moment. Im Falle der Begegnung eventuell das Moment der Liebe. Ohne bewußte Entscheidung, ohne Willensakt wird aus dem flüchtigen Augenblick kein Moment. Zwar ist das Moment nicht wirklich von Dauer (auch das wurde gezeigt), aber es hat eine eigene, begrenzte Zeitlichkeit, die der linearen Zeitlichkeit des Alltags widerspricht. Und während das Moment andauert, können sich die Menschen selbst tatsächlich als Subjekte ihres eigenen Lebens verstehen. Sie empfinden sich nicht länger als fremdgesteuerte Spielbälle, die den äußeren und inneren Zwängen des kapitalistischen Alltags unterworfen sind.
Blochs und Lefebvres Theorien schließen sich keineswegs aus: Ohne vorhergehende Tagträumerei würden wir wahrscheinlich nie den Mut aufbringen, in der konkreten Situation des zum Moment einladenden Augenblicks die Initiative zu ergreifen, um aus dem Augenblick ein Moment zu machen und die Routine des Alltags zu durchbrechen. Im sehr individuellen Moment der Liebe spielt sich das natürlich nur unter wenigen Menschen ab, aber es gibt eben auch die kollektiven Momente, die Momente der Rebellion und Revolte, in denen eben nicht nur der Alltag einiger weniger Individuen für eine gewisse Zeit durchbrochen wird, sondern in denen für eine ganze Gesellschaft die alltägliche Routine zum Stillstand kommt. Kairo war im Frühjahr 2011 ein solcher Ort.
Und an solchen Orten entstehen die Utopien, die wirklichen Utopien. Nicht die ausgedachten Utopien, die einige wenige Besserwisser den Unerleuchteten glauben als Werbematerial präsentieren zu müssen. Sondern die Utopien, die das Resultat eines kollektiven Prozesses in einer Ausnahmesituation sind, einer Ausnahmesituation, die das Denken der Beteiligen aus der gewohnten Spur wirft und damit ungeahnte kreative Energien freisetzt.
Dabei entstehen diese Utopien, ebenso wie die Tagträume oder die Momente, keineswegs aus dem Nichts. Sie kommen – und damit sind wir bei der dritten zeitlichen Dimension – aus der Vergangenheit. Sie beruhen auf Bruchstücken, Fragmenten älterer Utopien die sich, oft genug versteckt und unkenntlich gemacht, im kulturellen Gedächtnis erhalten haben. Sie stecken in Symbolen und Bildern, die vage Erinnerungen wachrufen, sind kodiert in Mythen oder Liedern, werden öfter von Künstlern tradiert als von Historikern. Wir tragen sie in uns, ohne sie wirklich zu kennen. Doch ohne sie würden wir nie anfangen zu träumen und nie den Mut aufbringen, dann, wenn es darauf ankommt, die Gelegenheit beim Schopf zu packen.
In der Ausnahmesituation werden die Träume von einem besseren Leben ebenso wie die ganze Tradition der vergangenen Revolten als vage Bruchstücke aus dem kollektiven Gedächtnis abgerufen, neu zusammengesetzt, uminterpretiert und in eine neue Form gegossen.
Und erst damit haben wir die Zeitstruktur der Utopie vollständig erfaßt: Sie ist das Bild einer besseren Zukunft als Gegenentwurf zum schlechten Hier und Jetzt, gespeist aus der Tradition der fast vergessenen Revolten der Vergangenheit.
Nächste Woche werde ich diese Form der Utopie, ihre tatsächliche Funktion im Kontext der Revolte gegen das Bestehende näher beleuchten. Und im Kontrast dazu zeigen, daß die „konkrete Utopie“ dagegen utopisches Denken um das Beste betrügt: Nämlich um die Verankerung in der Tradition und die Offenheit gegenüber der Zukunft.
Grübeln Sie so lange darüber nach, was Ernst Bloch wohl damit meinte, als er schrieb:
„Und nun ist dieses gerade für den Marxismus, als den angegebenen Quartiermacher der Zukunft, bezeichnend: er behebt die festgefrorene Antithese: Nüchternheit-Enthusiasmus, indem er beide auf ein Neues bringt und beide darin miteinander arbeiten läßt – für exakte Antizipation, konkrete Utopie.“ ([2], S. 1619)
Nachweise
[1] Bloch, E., Geist der Utopie, Frankfurt a.M. 1980.
[2] Bloch, E., Das Prinzip Hoffnung (3 Bände), Frankfurt a.M. 1977 (4. Aufl.).
Von der Utopie (1) – Ein Nachtrag zu „Was tun mit Kommunismus?“
„Pures wishful thinking diskreditierte seit alters die Utopien, sowohl politisch-praktisch wie in der ganzen übrigen Anmeldung von Wünschbarkeiten.“
Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung
Noch eine Fahrplanänderung hier im Blog: Statt die Ausstellung Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863-2013 in Mannheim zu besprechen, eine erneute Abschweifung. Und zwar dieses mal zur Kategorie der „konkreten Utopie“, deren Verächtlichmachung ich in einigen Kommentaren beschuldigt worden bin. Nun, der Befund ist zweifellos richtig, ich habe für die „konkrete Utopie“ wenig übrig; will das aber nicht in Form bloß konträrer Meinungen stehen lassen. Sondern etwas weiter ausholen, warum ich den Gebrauch dieser Kategorie für politischen Unsinn halte, insbesondere in der Form, wie er etwa in dem Sammelband „Was tun mit Kommunismus?“ verwendet wird. Und, um gleich etwas Spannung aufzubauen: Das wird durchaus auf eine Verteidigung der Utopie, aber eben nicht der „konkreten“ hinauslaufen.
Doch beginnen wir von vorne, mit dem Versuch einer Begriffsbestimmung, und zwar zunächst einmal unter Weglassung des „konkreten“ an der Utopie. Fangen wir also in gut dialektischer Weise damit an, was Utopie nicht ist. Utopie ist nicht einfach etwas, was es nicht gibt und das erst noch hergestellt werden muß. Denn die Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, was es noch nicht gibt und es dann zu produzieren, ist eine Eigenschaft, die das Handeln der Gattung Mensch ganz grundsätzlich beschreibt. Der große Antiutopiker Karl Marx hat das durchaus eindrücklich formuliert:
„Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war.“ ([2], S. 193)
Die Menschheit verfügt über einen reichen Erfahrungsschatz, aufgrund dessen sie in der Lage ist, sich Dinge auszudenken, die es vorher nicht gab und die sie dann, gegen mancherlei Widerstände herstellt. Diese Widerstände können sehr unterschiedlicher Art und Weise sein. Bei Gebrauchsgütern sind das etwa Widerstände des Materials, im politischen Bereich eher die bestimmter Interessen. Trotzdem würde niemand die Konstruktion eines Smartphones oder die Einführung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften als Realisierung einer Utopie bezeichnen. Das Ziel ist klar, dem Ganzen stehen auch keine prinzipiellen Hürden entgegen. Es ist nur eine Frage geduldigen Arbeitens, bis das Ziel, das vorher schon in der Vorstellung ideell vorhanden war, tatsächlich realisiert wird. Es geht allein darum, etwas, das vorher bloß möglich war, jetzt in die Realität zu überführen. Das noch nicht Existierende, aber prinzipiell Machbare, kann schwerlich als Utopie bezeichnet werden.
Damit erweist sich die Kategorie der Utopie als deutlich vertrackter, wie sie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Denn so wenig sie einfach das Mögliche, aber noch nicht Realisierte bezeichnet, so wenig bezeichnet sie das schlechterdings Unmögliche. Ich kann mir noch sehr so vornehmen, 1000 Jahre alt zu werden, dieses Ziel liegt einfach außerhalb des Bereichs des tatsächlich Realisierbaren. Eine solche „Utopie“ wäre bloße Spinnerei (auch wenn Ray Kurzweil dies anders sehen würde).
Mit „Utopie“ wollen wir also etwas bezeichnen, das weder im Bereich des realisierbar Möglichen, noch im Bereich des schlechterdings Unmöglichen angesiedelt ist. Ist die Utopie also einfach etwas, von dem wir nicht wissen, ob es möglich ist oder nicht? Das in einem unsicheren Zwischenbereich zwischen dem zweifellos Möglichen und dem sicher Unmöglichen liegt? Nicht wirklich. Denn zwischen der bloßen Möglichkeit und ihrer Realisierung liegt grundsätzlich das potentielle Scheitern. Auch die besten Pläne können schief gehen. Und andererseits werden von äußerst hartnäckigen Menschen gelegentlich Dinge verwirklicht, die man zuvor für unmöglich gehalten hat. Mit anderen Worten: Der Entwurfscharakter als solcher macht die Utopie nicht aus. Er ist zwar notwendig, denn natürlich ist die Utopie Entwurf, aber damit ist eben nicht gesagt, wie sich ein utopischer Entwurf von einem ganz alltäglichen Entwurf, wie ihn ein normaler Ingenieur oder Politiker entwickelt, unterscheidet. Oder von bloßer Spinnerei.
Was also ist das Spezifikum des utopischen Entwurfs, das ihn sowohl von alltäglicher Planung wie von unrealistischer Spinnerei unterscheidet? Um diese Frage zu beantworten ist es ganz hilfreich, sich dem Werk zuzuwenden, das der Utopie den Namen gegeben hat: Thomas Morus’ Utopia. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erschienen, beschreibt Morus darin einen perfekt organisierten Staat, in dem das Privateigentum ebenso wie der Geldverkehr abgeschafft ist, eine staatliche Arbeitspflicht für alle existiert, die tägliche Arbeitszeit dafür aber auf zweimal drei Stunden mit einer zweistündigen Siesta dazwischen reduziert ist. Die Beschreibung dieses Gemeinwesens, das auf der fernen Insel Utopia existieren soll, ist aber eingebettet in eine Rahmenhandlung. Morus trifft – so die fiktive Rahmenhandlung – in Antwerpen einen weitgereisten Seemann namens Raphael Hythlodaeus, der eben nicht nur über die Zustände auf der Insel Utopia zu berichten weiß, sondern dem Morus zunächst einmal eine vehemente Kritik der politischen und ökonomischen Zustände Englands in den Mund legt. Und er legt den Finger in die größte Wunde des zeitgenössischen Englands: Die Vertreibung der Bauern von ihrem Land, um daraus Schafweiden für den Wollexport in die aufblühende flandrische Tuchindustrie zu machen.
„Eure Schafe […] pflegten sonst gar sanft zu sein und mit so wenig vorlieb zu nehmen; heutzutage aber sind sie offenbar gefräßig und bösartig geworden, verschlingen die Menschen und verwüsten und entvölkern das Land, die Gehöfte, die Dörfer.“ ([3], S. 30)
Diese grundlegende ökonomische Umwälzung, die erst das Proletariat hervorbrachte, das später dann in die Fabriken gejagt werden konnte, hat Marx dann später im Kapital, unter anderem auch mit Verweisen auf diese Passage in der Utopia, als die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, den Sündenfall des Kapitalismus, analysiert ([2], S. 747/764). Morus’ Utopie steht also nicht im luftleeren Raum, sondern sie hat einen ganz konkreten Bezug auf die politische und ökonomische Situation des Englands unter Heinrich VIII. Sie ist nicht einfach Entwurf einer anderen Ordnung des Gemeinwesens, sondern wesentlich Gegen-Entwurf, Kritik der bestehenden Zustände.
Damit verschiebt sich der Begriffsinhalt der Utopie. In dem Maße, in dem es sich um einen Gegen-Entwurf handelt, um Kritik am Bestehenden, in dem Maße wird der Entwurfscharakter als solcher in den Hintergrund zu treten. Für den normalen, alltäglichen Entwurf ist es von entscheidender Wichtigkeit, ob er realisierbar oder unrealisierbar ist; für den Gegen-Entwurf der Utopie hingegen ist das beinahe nebensächlich. An Morus’ Utopia kann man das sehr schön sehen. Diverse Beschreibungen der Sitten in Utopia sind offensichtlich rein satirischer Natur, etwa wenn er die Verwendung von Gold und Silber bei den Utopiern beschreibt:
„Denn während ihnen zum Essen und Trinken Geschirr aus Ton und Glas dient – freilich sehr schönes, aber wenig wertvolles –, stellen sie aus Gold und Silber nicht bloß für die gemeinsamen Hallen, sondern auch für die Privathäuser allenthalben Nachttöpfe und zu den geringsten Diensten verwendete Gefäße her, schmieden auch die Ketten und schweren Fesseln, in die sie die Sklaven legen, aus denselben Metallen, und denen, die ein Vergehen ehrlos gemacht hat, hängen von den Ohren goldene Ringe herab, umgibt Gold die Finger, umfaßt eine Goldkette den Hals und umspannt ein Goldstreifen den Kopf. So sorgen sie auf jede Art dafür, daß bei ihnen Gold und Silber im Verruf stehen.“ ([3], S. 102f)
Die Aufgabe der Utopie ist es also in erster Linie, den Blick auf die realen Mißstände der Gegenwart zu richten, fiktiv eine Position einzunehmen, aus der heraus sich die Gegenwart als unzumutbar und absurd erweist. Wesentlich ist der Utopie, daß sie ein kritisch-distanziertes Verhältnis zur Gegenwart hervorbringt, nicht, ob sie wirklich realistisch ist oder nicht. Niemand würde die oben zitierte Passage über die Verwendung von Gold als ernsthafte Handlungsanweisung interpretieren, doch der utopische-kritische Gehalt bleibt davon völlig unberührt.
Das allein reicht allerdings nicht aus, den begrifflichen Gehalt der Utopie hinreichend zu bestimmen. Denn es wäre das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, würde man sie auf ihren kritischen Gehalt reduzieren. Thomas Morus hat eben, anders als Marx, keine wissenschaftliche Abhandlung über die Einhegungen des Gemeindelandes geschrieben, sondern ein literarisches Werk. Auch wenn der Inhalt der Utopie wesentlich Kritik ist, so ist ihre Form eben doch die des Entwurfes, egal wie realistisch oder unrealistisch, ernstgemeint oder satirisch sich dieser darstellt. Und der Dialektiker weiß, daß die Form dem Inhalt keineswegs äußerlich ist.
Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn es damit weiter geht, daß Ernst Bloch orakelt:
„Leicht ist zu sagen, was man jetzt und nachher will. Aber niemand kann angeben, was er überhaupt will, in diesem doch sehr zweckhaften Dasein.“ ([1], S. 343)
Nachweise
[1] Bloch, E., Geist der Utopie, Frankfurt a.M. 1980.
[2] Marx, K.: „Das Kapital Bd. I“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 23, Berlin 1956ff.
[3] Morus, T., Utopia, Zürich 1981.
Was tun mit Kommunismus? (2)
„Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“
Adorno, Minima Moralia
1931 behauptete Bertolt Brecht vom Kommunismus: „Er ist das Einfache / Das schwer zu machen ist.“ ([9], S. 463). Leider war das Ganze offensichtlich doch nicht so einfach, denn im Prinzip hatten die deutschen Kommunisten zumindest im Osten die größte Hürde schon genommen: Unterstützt von ihren Freunden aus Moskau hatten sie nach dem 2. Weltkrieg die Macht des Kapitals zerschlagen und die ihrer eigenen Partei an deren Stelle gesetzt. Jetzt hätte man an die „einfache“ Arbeit gehen können, Stück für Stück den Kommunismus aufzubauen. Doch das Ergebnis ist bekannt: Ein Bankrott auf der ganzen Linie, der Begriff des Kommunismus völlig diskreditiert.
Daß das, was in der DDR und im weiteren Sinne in den von der Sowjetunion abhängigen Staaten herrschte, kein Kommunismus war, darüber braucht nicht diskutiert zu werden. Ähnlich abwegig ist die Vorstellung, daß diese Staaten irgendwie auf dem richtigen Weg zum Kommunismus gewesen und allein durch böse äußere Umstände daran gehindert worden wären, dieses Einfache, das der Kommunismus doch sein sollte, zu verwirklichen. Die Entwicklung ging noch nicht einmal in die richtige Richtung.
Wenn das nicht der Kommunismus war, was ist der Kommunismus dann? Wenn man versucht, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, der die Autorinnen und Autoren des Sammelbandes Was tun mit Kommunismus? ([3]) eint, dann dürfte es wohl dieser sein: Die kapitalistische Form der gesellschaftlichen Produktion hat in den letzten Jahrhunderten unendliches Leid über große Teile der Menschheit gebracht und wird dies weiter tun, wenn es nicht gelingt, die gesellschaftliche Produktion auf eine andere Art und Weise zu organisieren als vermittels der blinden Gewalt der Märkte. Kommunismus wäre dann diese Form, in der die assoziierte Menschheit auf demokratische Art und Weise die Produktion bewußt regelt, statt sich durch die blinden Marktkräfte von einer Krise in die nächste stürzen zu lassen.
Leider ist diese Minimaldefinition nicht besonders ergiebig. Sie reicht gerade einmal aus, sich einerseits von einer reformistischen Linken abzugrenzen, die glaubt, durch die Einführung korrigierender Mechanismen innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise diese irgendwie in weniger destruktive Bahnen lenken zu können. Und sie erlaubt andererseits die Abgrenzung von einer autoritären Linken, die an die Stelle der demokratischen Kontrolle der gesellschaftlichen Produktion die Allmacht der kommunistischen Partei setzten will.
Über diese Grenzziehungen hinaus ist diese Bestimmung des Kommunismus jedoch herzlich unbrauchbar. Sie hat eher Bekenntnischarakter als praktisch-politischen Wert. Sie ist Utopie im wirklich schlimmsten Sinn des Wortes: Ein abstraktes Ideal, das in keinem konkreten Vermittlungszusammenhang zur Gegenwart steht. Auf die berühmt-berüchtigte Frage Was tun? gibt diese Bestimmung des Kommunismus so wenig eine Antwort wie auf die Frage, warum der allergrößte Teil der Menschheit sich nicht die Bohne für eine Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise interessiert.
Eine ganze Reihe von Autorinnen und Autoren des Buches spüren zwar dieses Manko, begreifen es aber nicht wirklich und ziehen deshalb zur Abwehr diese jämmerlichste aller gutmeinenden Floskeln, die „konkrete Utopie“ aus der Tasche. Man müsse den Kommunismus nur in leuchtenden Farben ausmalen oder aktiv vorleben, dann würden die Massen schon auf den Geschmack kommen. Als ob das kommunistische Projekt an unzureichendem Marketing gescheitert sei.
Tatsächlich sollte jeder, der mit der Absicht schwanger geht, den Ausdruck „konkrete Utopie“ in den Mund zu nehmen, sich vorher die Worte des Kommunistischen Manifests ins Gedächtnis rufen:
„Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind.
Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.“ ([1], S. 474f)
Die Aufgabe eines kommunistischen Intellektuellen wäre es dementsprechend, auf die vor sich gehende geschichtliche Bewegung genau hinzuschauen.
Dazu gehört sicherlich der unbestechliche Blick auf den gescheiterten autoritären Staatssozialismus. Im Gegensatz zu den im Band versammelten Westlinken, die fast ausschließlich verstaubte Floskeln vorzubringen haben, schauen die in der DDR aufgewachsenen Thomas Klein ([8]), Renate Hürtgen ([6]) und auch Sebastian Gerhardt ([7]) präzise hin. Klein (Jg. 1948) liefert einen detaillierten Abriß der linken Opposition in der DDR, Hürtgen (Jg. 1947) schonungslose Einsichten in die Produktionsverhältnisse der DDR und Gerhardt (Jg. 1968) eine vehemente Kritik der scheinbar oppositionellen Gruppe der Modernen Sozialisten in der Spätphase der DDR. Das sind drei Aufsätze, die man wirklich mit Gewinn lesen kann.
Weniger gut schaut es schon aus mit der Bestandsaufnahme der „unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung“. Sicherlich, mehrere der Aufsätze erwähnen die Occupy-Bewegung, den arabischen Frühling oder die Proteste in Südeuropa gegen das Austeritäts-Diktat der Finanzmärkte. Doch eine wirkliche Auseinandersetzung findet nicht statt. Am nächsten kommt dem noch die jüngste Autorin des Buches, Bini Adamczak ([5]), die hier zumindest einen geschichtsphilosophischen Bogen aufspannt. Sie bemerkt wahrscheinlich zurecht, daß die aktuellen, weltweiten Auseinandersetzungen darauf hindeuten, daß die ganzen unverbundenen, aber simultanen Bewegungen auf das Ende einer Epoche hindeuten. Nämlich auf das Ende der 1989 ausgerufenen Epoche des „Endes der Geschichte“. Doch was diese neue Epoche genau kennzeichnen soll, bleibt im Ungefähren.
In die richtige Richtung verweist der meiner Einschätzung nach beste Text des ganzen Buches. Schon der Titel von Christian Frings Aufsatz macht klar, daß er nicht im heimeligen Mief einer sich mit sich selbst beschäftigenden radikalen Linken stecken bleiben will. Er lautet: Das Kapital – die entfremdete Form der Kommune aus sieben Milliarden ([4]).
Die rund zweieinhalb Jahrzehnte seit dem Zusammenbruch des sogenannten real-existierenden Sozialismus haben zu einer Umwälzung der Produktionsverhältnisse innerhalb des Kapitalismus selbst geführt, daß einem schwindlig werden könnte. Allein die Entwicklung des Internets zog und zieht noch derartige Veränderungen des kapitalistischen Produktionsprozesses nach sich, daß die Erfindung der Dampfmaschine dagegen wie eine historische Nebensächlichkeit erscheint. Natürlich hat der Kapitalismus bereits während der letzten 400 Jahre global agiert. Doch nie zuvor hat die weltumspannende Produktion die Menschen so unmittelbar zusammengeschweißt wie jetzt. Wenn heute eine zusammenbrechende Fabrik in Bangladesh vierhundert Frauen unter sich begräbt, dann geht uns das in einer Unmittelbarkeit an wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Frings zieht daraus die Konsequenzen und bringt das Geschwätz über Kommunismus als konkrete Utopie sarkastisch auf den Punkt:
„Ich sehe eines der größten Probleme für die Herausbildung eines kollektiven Geists der Weltgeschichte […] darin, daß sich gerade in den Kommunismusvorstellungen der metropolitanen Linken ihr uneingestandener Eurozentrismus niederschlägt. Wer heute Vorschläge für eine andere Welt aus dem Hut zaubert, sollte sich zuallerst fragen, ob sie oder er sie denn auch schon mit den Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika diskutiert hat. […] Wir sollten daher nicht über Kommunismusmodelle diskutieren, sondern über die wirklichen Bewegungen – und inwiefern sich in ihnen eine Negation der kapitalistischen Verkehrung abzeichnet. Und auch diese Diskussion und die dafür notwendigen Untersuchungen müssen wir zunehmend als eine global geführte verstehen und den Stimmen aus anderen Teilen der Welt mehr Aufmerksamkeit schenken – gerade wenn und weil sie für unsere westlich geprägten Denkweisen oft überraschend und ungewohnt klingen.“ ([4], S. 263f)
Dazu aber wird es notwendig sein, die eigene linke filterbubble zu verlassen und Diskussionen zu führen, die tatsächlich relevant sind. Immerhin hätten wir etwas Lehrreiches in diese globale Diskussion mit einzubringen: Die Geschichte unseres Scheiterns.
Mit diesem Scheitern werden wir uns auch nächste Woche beschäftigen, wenn es schon wieder nicht weitergeht mit Marcuse, sondern noch eine Besprechung folgt. Besprochen werden soll die Mannheimer Ausstellung zur Geschichte der Arbeiterbewegung Durch Nacht zum Licht?. Freuen Sie sich also darauf, wenn es heißt:
„Warum sollten die Lohnarbeiterinnen und -arbeiter […] noch der SPD folgen, wenn sie oder zumindest die JUSOS eine kritische Aufarbeitung der Finanzkrise versprechen, aber genau jener ehemalige Finanzminister sich an die Spitze der Aufarbeiter einer Krise setzt, die er selbst mit ermöglicht hat?“ ([2], S. 364)
Nachweise
[1] Marx, K. & Engels, F.: „Manifest der Kommunistischen Partei“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 4, Berlin 1956ff, S. 459 – 493.
[2] Thien, H.-G.: „Von der Sozialpartnerschaft zu neuen Konflikten?“, in: Technoseum. Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim (Hg.), Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863 — 2013, Mannheim 2013, S. 341 – 367.
[3] Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013.
[4] Frings, C.: „Das Kapital – die entfremdete Form der Kommune aus sieben Milliarden“, in: Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013, S. 256 – 268.
[5] Adamczak, B.: „Socialism, for real? Träume, Begriffe, Geschichten“, in: Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013, S. 24 – 36.
[6] Hürtgen, R.: „Wie sozialistisch war der »real-existierende Sozialismus«? oder: Es ist nicht immer drin, was draufsteht“, in: Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013, S. 170 – 187.
[7] Gerhardt, S.: „Schwierigkeiten mit dem Kommunismus“, in: Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013, S. 306 – 339.
[8] Klein, T.: „Linke in Deutschland und der »real existierende« Sozialismus in der DDR“, in: Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013, S. 84 – 10.
[9] Brecht, B.: „Lob des Kommunismus“, in: Brecht, B., Die Gedichte, Frankfurt a.M. 1981, S. 463.
Was tun mit Kommunismus? (1)
„Wenn es sich bei der UdSSR um einer Übergangsgesellschaft handeln sollte, warum kam sie dann niemals an?“
Bini Adamczak
Eine der verblüffenden Eigenschaften des Internets ist es, daß es uns auch die Welt außerhalb des Internets mit anderen Augen sehen läßt. Das Nachdenken über die Natur der weltumspannenden Kommunikation, die das Internet ermöglicht, hat uns neue Begriffe beschert, die uns Phänomene besser verstehen hilft, die überhaupt nichts mit dem Netz zu tun haben. Einer dieser nützlichen Begriffe ist der der filterbubble. Bezeichnet wurde damit urspünglich ein Phänomen, das durch die Algorithmen der Suchmaschinen erzeugt wird: Indem sich diese merken, wie ich auf die Suchergebnisse, die sie liefern, reagiere und dies bei späteren Suchabfragen berücksichtigen, schränken sie mehr und mehr meine Suchergebnisse darauf ein, was ich sowieso erwarte. Die Suchmaschine wirkt auf einmal effektiv als ein Filter, der bestimmte Informationen gar nicht mehr in mein Blickfeld geraten läßt; und so beginne ich in einer Blase zu leben, in der ich vor Informationen geschützt werde, die mit meinem Weltbild nicht übereinstimmen: Die filterbubble.
Mit der Explosion der „sozialen Netzwerke“ veränderte sich diese ursprünglich rein algorithmisch gedachte Filterblase, die die Technologie ohne mein eigenes Zutun um mich herum erzeugt, in ein Phänomen, das nun aktiv produziert und vielleicht auch gewollt wird. Durch die bewußte Auswahl der blogs, die ich lese, der twitter Nachrichten, die ich abonniere, der „Freunde“, die ich mir bei facebook zulege, erzeuge ich mir im Meer des Informationsozeans meine eigene kleine Insel, die mir in der Fülle der Datenströme festen Grund unter den Füßen zu bieten scheint. Oder um eine bessere Metapher zu verwenden: Ich ziehe mich mit Gleichgesinnten in ein enges Alpental zurück, in dem ich nur noch mit Leuten verkehre, die meine Weltsicht teilen. Zufällige Besucher, die sich dann hie und da einmal in dieses Tal verirren, zucken dann meist bei der ersten Begegnung mit den durch Inzucht degenerierten Talbewohnern zurück und nehmen schleunigst Reißaus.
Das andere berühmte Internetphänomen, der shitstorm, ist durch die filterbubble bedingt: Wenn die Talbewohner erfahren, daß irgendwo hinter den Bergen Blasphemiker leben, die sich über die im Tal allgemein anerkannten Werte kritisch oder gar spöttisch geäußert haben, dann raffen sie ihre digitalen Dreschflegel, Mistgabeln und Sensen zusammen und brechen gemeinsam auf zum Kreuzzug. Oft genug leben die Blasphemiker ebenfalls in einem derartigen Tal und so kommt es auf der Paßhöhe zu einem wüsten Gemetzel, bis sich die Parteien wieder in ihre Täler zurückziehen, ihre Wunden lecken und sich darüber austauschen, wie unglaublich bescheuert die Bewohner des anderen Tals doch seien.
Das eigentlich verblüffende an diesen inzwischen hinlänglich bekannten Phänomenen ist, daß sie sich keineswegs auf die digitale Welt beschränken, sondern daß sie bereits vor der Existenz des Internets auftraten: Nur hatten wir einen Begriff wie filterbubble nicht zur Verfügung, um sie zu beschreiben. Tatsächlich war das, was sich im Niedergang der antiautoritären Bewegungen Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre ereignete, die Entstehung einer gigantischen Filterblase, innerhalb derer sich dann eine Unzahl kleiner Filterblasen entwickelten.
Allerdings lag das damals nicht an einem Zuviel an Informationen, vor denen man sich durch seine Filterblase abschotten wollte, sondern daran, daß man überzeugt war, den offiziellen Informationsmedien nicht mehr trauen zu können. Tatsächlich war man ja über Jahre hinweg nach Strich und Faden belogen worden: Über die Nazivergangenheit der gesellschaftlichen Eliten, über den Krieg in Vietnam, über die Geschichte der kommunistischen Bewegung… Die Öffentlichkeit während des Kalten Krieges war geprägt durch Verschweigen, Verdrehungen und glatte Lügen. Und die Erfahrungen während der „antiautoritären Phase“ hatten diese Manipulationen offensichtlich werden lassen. So entstand damals eine „Gegenöffentlichkeit“ – durch Flugblätter, Zeitschriften, Broschüren, Bücher. Im offiziellen Bewußtsein unterdrückte Traditionen wurden durch Raubdrucke wieder zugänglich gemacht, auch Verlage wie Rowohlt oder Fischer sprangen auf den Zug auf und veröffentlichten beispielsweise längst vergessene Schriften etwa der Rätekommunisten.
Zunächst war das eine Offenbarung: Die Geschichte zeigte auf der Seite der radikalen Linken ganz andere, viel buntere Facetten als das langweilige schwarz-weiß-Denken des Kalten Krieges. Doch statt die beschränkte offizielle Weltsicht zu ergänzen, begann sie in bestimmten Kreisen als eigene, alternative Weltsicht zu fungieren. Je mehr man sich in dieser alternativen Weltsicht verlor, umso mehr wurde daraus etwas, für das lange Zeit der richtige Begriff gefehlt hatte. Doch mit filterbubble ist dieses Phänomen sehr gut beschrieben: Die antikapitalistische Linke, die sich aus den Trümmern der antiautoritären Bewegungen entstand, begann ihre ganz eigenen Diskurse zu entwickeln, die für Außenstehende zunehmend unverständliches Kauderwelsch wurden. Da wurden auf einmal die Streitigkeiten zwischen Marx und Bakunin oder die zwischen Bucharin und Trotzki oder die zwischen Stalin und Tito wichtiger als die bundesrepublikanische Realität der frühen 70er Jahre. Wer sich außerhalb dieser filterbubble befand, konnte sich nur achselzuckend abwenden. Angesichts der Realitätsferne vieler der damaligen Diskurse ist durchaus nachvollziehbar, warum viele Sympathisanten von dieser Art von „Politik“ ziemlich schnell die Nase voll hatten, die antikapitalistische Orientierung zusehends aufgaben und sich eher in Bürgerinitiativen oder später dann der Grünen Partei engagierten.
Doch das soll gar nicht das Thema des heutigen Beitrags sein. Denn eigentlich geht es um eine Rezension des Sammelbandes Was tun mit Kommunismus? ([1]), der im Anschluß an drei Diskussionsveranstaltungen entstanden ist, die letztes Jahr in Berlin stattfanden. Warum dann diese lange und gewunde Einleitung über filterbubbles und die radikale Linke der 70er Jahre? Weil sie eigentlich den Kern dieser Besprechung bereits vorwegnimmt: Wenn man in dieses Buch eintaucht, fühlt man sich sofort in einer filterbubble gefangen, in der ganz andere Prioritäten gesetzt werden als in der Alltagswelt des Jahres 2013. Die holprige Ironie im Namen des Herausgeberkollektivs „Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK)“ kaschiert nur mühsam, daß man als unbefangener Leser tatsächlich das Gefühl hat, der Diskussion einer Selbsthilfegruppe beizuwohnen.
Worum geht es überhaupt? Der Klappentext stellt fest, daß eine „kritische Debatte über den »real existierenden Sozialismus« sowie eine selbstkritische Auseinandersetzung der antikapitalistischen Linken mit Fehlern und Irrtümern der eigenen Geschichte“ unumgänglich sei. Und so lobt man sich selbst:
„In einmaliger politischer Breite diskutieren hier emanzipatorisch orientierte Linke des Sozialismus, libertären Kommunismus und Anarchismus, Bewegungslinke verschiedener Spektren und Angehörige der Linkspartei, Libertäre und Marxist_innen, west- und ostdeutsch Sozialisierte die sich aufdrängende Frage: Was tun mit Kommunismus?“ ([1], Klappentext)
In der Tat repräsentieren die Autorinnen und Autoren des Bandes auf den ersten Blick eine bunte Mixtur aus allen Lagern der antistalinistischen Linken. Vom Anarchismus bis zum Trotzkismus scheint praktische jede erdenkliche Spielart eines mehr oder minder freiheitlich orientierten Antikapitalismus vertreten zu sein. Doch der Schein der Pluralität trügt, was man schnell feststellt, wenn man das Durchschnittsalter der Beteiligten ausrechnet. Dieses liegt bei 57 Jahren, wobei selbst die beiden jüngsten Autorinnen, Bini Adamczak und Lucy Redler, immerhin schon 34 sind. Mit anderen Worten: Die ganz überwiegende Mehrheit der Autorinnen und Autoren wurden vor 1989, und zwar meist deutlich davor, politisch sozialisiert, zu einer Zeit, in der der „real existierende Sozialismus“ noch real existierte.
Und so katapultieren einen die meisten Beiträge des Bandes zurück in die linksradikale filterbubble der 70er und 80er Jahre. Über weite Strecken wird immer wieder auf’s Neue begründet, warum die DDR kein sozialistischer Staat war – als ob das nach 1989 tatsächlich noch irgendwie nötig wäre. Die meisten Autoren sind auf den Dachboden gegangen und haben noch einmal das rostige Besteck herausgekramt, das man bereits in den 70er Jahren verwendet hatte, um damit im stinkenden Kadaver des Stalinismus herumzustochern. Ganz ehrlich: Ich hätte nicht erwartet, daß ich mir im Jahr 2013 noch einmal Milovan Đilas’ antistalinistischen Klassiker Die neue Klasse als originelle Kritik am Stalinismus präsentieren lassen muß – und das tut nicht nur einer, sondern gleich mehrere Autoren. Đilas Stalinismuskritik ist über ein halbes Jahrhundert alt! Oder Rudolf Bahros Die Alternative (1977) Und sogar Trotzkis Verratene Revolution (1936). Das ist keine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem real verblichenen Sozialismus, sondern eine Schattendebatte, die dem Leser, so er denn alt genug ist, um sich an die Diskussionen der 70er und 80er Jahre zu erinnern, bestenfalls nostalgische Gefühle, aber sicherlich keinen Erkenntnisgewinn beschert.
Umso mehr stechen aus dieser Tristesse einige originelle Beiträge heraus, die man wirklich mit Gewinn lesen kann und sollte. Zum sozialistischen Charakter der DDR etwa den Aufsatz von Renate Hürtgen, die eben nicht die ewig gleichen Phrasen absondert, sondern unaufgeregt und detailliert eine differenzierte Geschichtsschreibung der Arbeiter-Nicht-Beteiligung in der DDR liefert. Statt mich also über die Phrasenhaftigkeit der meisten Beiträge aufzuregen, werde ich nächste Woche etwas genauer auf die Handvoll Texte eingehen, die tatsächlich die Lektüre lohnen.
Freuen Sie sich deshalb darauf, daß Bini Adamczak feststellt:
„Mit den Krisen und den Revolten in Tunesien und Ägypten, den USA, Griechenland, Spanien und vielen anderen Orten aber haben sich, innerhalb eines Jahres, auch die Bedingungen dafür, den Kommunismus zu denken verschoben. Die Bedingungen werden andere sein als jene der beiden vorangegangenen Epochen, der Epoche des Kalten Krieges und der Epoche des Endes der Geschichte.“ ([2], S. 32)
Nachweise
[1] Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013.
[2] Adamczak, B.: „Socialism, for real? Träume, Begriffe, Geschichten“, in: Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013, S. 24 – 36.
Südfront (2)
„Und irgendwann hast dann ogfanga, die echten Leit zum suacha, de wo ned dauernd »Ja Herr Lehrer!« sagn, hinten in dene Kneipn am Viktualienmarkt und am Bahnhofseck. Echter san de scho, Willy, aber i hab di gwarnt, aufpassen muaßt bei dene, weil des san Gschlagene, und wer dauernd treten werd, der tritt halt aa amoi zruck.“
Konstantin Wecker, Willy
Ich hatte bereits letzte Woche damit begonnen zu erläutern, was die Südfront war: Eine Initiative der außerparlamentarischen Opposition in München im Rahmen der sogenannten „Randgruppenstrategie“. Da das Proletariat als „revolutionäres Subjekt“ ausfiel, versuchte man an den Rändern der Gesellschaft, dort wo die Mißstände offen zu Tage lagen, auch wenn das in der Mitte der Gesellschaft ignoriert wurde, neues Personal zu rekrutieren. In München waren das vor allem Fürsorgezöglinge. Diese wurden aufgefordert, aus den Heimen zu flüchten, und zwar mit dem Versprechen, sie würden in den verschiedenen Kommunen der Münchner Szene schon unterkommen.
Das Problem war, daß das zum einen viel zu gut, zum anderen sehr schlecht klappte. Zu gut klappte es, weil nicht nur eine Handvoll Heimzöglinge dieser Aufforderung nachkamen, sondern das Angebot massenhaft angenommen wurde: Rund hundert Ausreißer waren unterzubringen ([3], S. 112). Schlecht klappte es, weil der politische Anspruch völlig unter die Räder geriet:
„In kurzer Zeit war die Südfront von dem Massenandrang der Ausgerissenen einfach überrollt. Sie war darauf organisatorisch überhaupt nicht vorbereitet und verhaspelte sich nun ganz und gar in die Bewältigung der dringendsten materiellen Probleme. Man scheute sich vor der Konsequenz, Jugendliche in ihre Heime zurückschicken zu müssen und versuchte deshalb verzweifelt, jedem der ankam mehr schlecht als recht zu helfen. Mehr war da einfach nicht mehr drin, die Arbeit wurde immer unpolitischer. Der enorme materielle Aufwand und der dauernde psychische Druck erzeugten bei den Genossen Gereiztheit, aggressive Ausbrüche und Nervenzusammenbrüche. Uneingestandene Enttäuschung über die Undankbarkeit der Heim-Jugendlichen, die alle Kühlschränke leer fraßen, einem dauernd auf der Pelle hockten und meist nur rumlungerten, machte sich stillschweigend breit.“ ([4], S. 9)
Dazu kam dann noch der Streß mit den Ordnungsmächten. Am 24. September 1969 wurde, obwohl die Südfront längst in Verhandlungen mit dem Jugendamt stand, eine großangelegte Razzia in den einschlägigen Münchner Wohngemeinschaften durchgeführt:
„Die Beamten klingelten die Kommunarden im Ho-Tschi-Minh-Rhythmus aus den Betten. Wo die Klingel nicht klingelte, trommelten eifrige Finger das Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh an die Fensterscheiben. Die Vollzugsorgane kamen zu ihrer beabsichtigten Gaudi. Wo rasch geöffnet wurde, konnte sie junge Sozialisten, Maoisten, Trotzkisten, Gammler, Gesindel beiderlei Geschlechts(!) in den Betten photographieren. In allen 16 »Objekten« hinterließen sie Blitzlichtbirnen auf dem Fußboden.“ ([5])
Angesichts dessen, was bei den Durchsuchungen beschlagnahmt wurde, ist offensichtlich, daß Verstöße gegen das Meldegesetz, die als Begründung herhalten müssen, nur ein Vorwand waren. Exemplarisch zeigte dies die Durchsuchung des Trikont-Verlages:
„[D]ie mit Walkietalkies ausgerüsteten Beamten betreten auch Räume, deren Durchsuchung von der richterlichen Anordnung nicht gedeckt wird. Sie beschlagnahmen wahllos: Aktenordner, Manuskripte, Putzlappen, vier Radiobatterien, ein 71 cm langes Kabel, die Kartei der linken Kunden, ein Auto. Eigentlich sollten sie laut Einsatzplan den 2 CV der Verlagsgesellschafterin Gisela Erler, einer Tochter des verstorbenen SPD-Politikers, konfiszieren. Aber als dieses Auto nicht greifbar war, nahmen sie ein anderes. Gegen Protest, ohne Quittung.“ ([5])
Tatsächlich wurden einige ausgerissene Fürsorgezöglinge entdeckt:
„Am Mittwochabend wurden die 21 entwichenen Zöglinge in ihren Heimen abgeliefert. Keine 24 Stunden später fanden sich die ersten fünf wieder bei ihren Schwabinger Erziehungstherapeuten ein.“ ([3] , S. 114)
Vor allem aber war diese Aktion eine Drohgebärde des Staates gegen die Münchner Szene. Damit schürten sie allerdings nur das Gefühl der Ohnmacht und damit die Wut, die sich dann im Jahr darauf in den Anschlägen der Tupamaros München ein Ventil suchte.
Am 7. und 8. Februar 1970 fand dann ein bundesweites Treffen zur Randgruppenstrategie statt, bei dem ca. 30 bis 35 Gruppen zusammenkamen (vgl. [2]). Es wäre zwar reizvoll, die Debatte auf dieser Konferenz nachzuzeichnen, würde aber den Rahmen hier sprengen (vielleicht hole ich das bei Gelegenheit nach). Die Vertreter der Münchner Südfront erklärten jedenfalls auf dieser Konferenz, daß sie die Randgruppenstrategie für gescheitert hielten:
„Die Situation wurde so widersinnig, daß eine Polizeirazzia heimlich als Erleichterung empfunden wurde, weil danach ein paar Leute weniger da waren.“ ([4], S. 9)
Ende des Jahres 1969 löste sich die Südfront auf:
„Etwa seit Weihnachten hat sich die Gruppe völlig verflüchtigt. Es gibt keine Südfront mehr.“ ([4], S. 10)
Ich habe das alles deshalb so ausführlich dargelegt, damit klar wird, welche Dimension die Südfront hatte. Das war keine kleine Aktion von einer Handvoll von Leuten, sondern die Zahl der Involvierten bewegte sich im dreistelligen Bereich. Auch die Kommune der späteren Tupamaros München, die „Wacker Einstein“, war mit involviert, aber die ganze Aktion ging doch weit über den Kreis derer hinaus, die später den „bewaffneten Kampf“ propagieren sollten.
Und damit kommen wir zurück zu Wolfgang Kraushaar. Denn dieser produziert in seinem Buch über die angeblichen antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus einen „Hauptverdächtigen“, den er als das fehlende Bindeglied zwischen den dem Anschlag auf das jüdische Altenheim und den Tupamaros München aufbauen will.
Leider gibt es nur zwei äußerst dürftige Fakten, die den „Hauptverdächtigen“ überhaupt in das Visier der Ermittler kommen ließen. Faktum Nummer 1: Ein anonymer Anruf. In den Trümmern des abgebrannten Altersheims hatte sich ein Öl-Kanister der Marke ARAL gefunden, in dem das Benzin für den Brandanschlag transportiert worden war – die einzige handgreifliche Spur, die die Polizei hatte. Wenige Tage nach dem Anschlag, am 16. Februar 1969, ging bei der Polizei ein Anruf ein,
„in dem behauptet wurde, der blaue Kanister gehöre einem »Südfrontler«. Der Anrufer nennt sogar dessen Vor- und Nachnamen und fragt besorgt nach, ob sie das auch verstanden hätten. Als sich der Beamte nach dem Namen des Anrufers erkundigt, legt der sofort auf.“ ([1], S. 108)
Man sollte nun meinen, daß die Kripo diesen Hinweis sehr ernst nahm. Tatsächlich unternahm sie erst einmal überhaupt nichts. Warum, darüber läßt sich nur spekulieren. Wahrscheinlich vermutete man an, daß es ein Nachbar war, der sich durch die Kommune, in der der „Südfrontler“ lebte, genervt fühlte und deshalb zum Mittel der anonymen Denunziation griff – eine Sichtweise, die durchaus realistisch ist.
Erst im April, zwei Monate nach dem Anschlag, wurden die Wohnung und die Arbeitsstelle des Verdächtigen durchsucht – im Rahmen einer Razzia wegen der Anschläge der Tupamaros. Die Ermittler fanden – und damit kommen wir zu Faktum 2 – Tesafilm und rotes Krepppapier. Dazu muß man wissen, daß der beim Anschlag verwendete Ölkanister beim Transport in derartiges rotes Krepppapier eingewickelt gewesen war und so kam der 18-jährige Hilfsarbeiter zunächst in Untersuchungshaft. Doch lange bevor die kriminaltechnische Untersuchung von Krepppapier und Tesafilm abgeschlossen war, wurde der Verdächtige wieder entlassen (Kraushaar gibt keine Gründe an). Die Untersuchung des Krepppapiers ergab dann später, daß sich
„eine Materialgleichheit konstatieren lasse, die den vermuteten Tatzusammenhang zunächst bestätige, es wegen der Brand- und Löscheinwirkungen auf die Überreste jedoch an individuellen Merkmalen fehle, um einen unmittelbaren Identitätsnachweis zu erbringen.“ ([1], S. 353)
Unzweideutig war das Ergebnis hinsichtlich des Tesafilms: Dieser wurde definitiv nicht verwendet.
Das also sind die Fakten, die den 18.-jährigen „Südfrontler“ zu Kraushaars „Hauptverdächtigen“ machen: Die „Materialgleichheit“ von Krepppapier und eine anonyme Denunziation. Daß die Polizei bei dieser Faktenlage die Angelegenheit nicht an die Staatsanwaltschaft übergab, ist nur allzu verständlich.
Damit ist sicherlich nicht ausgeschlossen, daß es sich bei dem Hilfsarbeiter, der durch die Aktion Südfront zur Münchner APO gestoßen war, möglicherweise tatsächlich um den Attentäter handelte. Aber das ist nicht besonders wahrscheinlich, sondern bestenfalls abstrakt möglich. Während praktisch nichts dafür spricht, spricht doch einiges dagegen. Zum einen gibt es die Aussagen von zwei Taxifahrern, die den Attentäter wahrscheinlich gefahren haben. Übereinstimmend geben sie an, daß es sich nicht um einen Deutschen gehandelt habe ([1], S. 101ff). Zum anderen fehlt einfach das Motiv: Nirgendwo erwähnt Kraushaar, daß sein „Hauptverdächtiger“ irgendwo in der Palästina-Solidarität aktiv gewesen sei. Wenn der Anschlag tatsächlich aus dem Umfeld der Münchner radikalen Linken gekommen sein sollte (und die Aussage Gerhard Müllers läßt dies zumindest möglich erscheinen), dann wäre vielmehr im Umfeld der Münchner Palästina-Solidarität zu suchen.
Doch selbst wenn der von Kraushaar präsentierte „Hauptverdächtige“ tatsächlich der Attentäter gewesen sein sollte, fehlt immer noch der direkte Zusammenhang zu den Tupamaros München. Daß er durch die Aktion Südfront in Kontakt mit der linksradikalen Szene in München gekommen ist, läßt keinen Rückschluß darauf zu, daß er zum näheren Umfeld der Tupamaros gehörte, gar den Anschlag mit Wissen und Billigung der Gruppe durchgeführt hätte. Einen fließenden Übergang der von einer vergleichsweise breiten Masse getragenen Aktion Südfront zu dem Häuflein der Tupamaros herzustellen, wie das Kraushaar suggeriert, ist mehr als unseriös. Wenn der Verdächtige wirklich der Täter gewesen sein sollte, dann hätte er aller Wahrscheinlichkeit nach als Einzeltäter gehandelt.
Damit läßt sich konstatieren: Kraushaars Versuch, einen Beitrag zu den „antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus“ zu leisten, ist auf der ganzen Linie gescheitert. Und das ist wirklich ärgerlich. Denn es gab und gibt einen linken Antisemitismus. Nur tragen Bücher wie dasjenige von Kraushaar nicht im geringsten dazu bei, dessen Entstehung und Entwicklung zu begreifen. Hier wäre wirklich wichtige Forschungsarbeit zu leisten. Um nur ein paar Fragen aufzuwerfen: Welche Rolle spielte die Palästina-Solidarität in den Übergangsjahren 1969/70? Wer war darin aktiv? In welche organisatorischen Strukturen der Linken waren diese Unterstützer eingebunden? Welche antisemitischen Stereotypen wurden gedankenlos von der Palästinensern übernommen? Welche ergaben sich hingegen aus der spezifischen deutschen Situation (Stichwort: Abwehrantisemitismus)?
Dieser Fragenkatalog ließe sich beliebig erweitern und würde bei einer gründlichen Bearbeitung sicherlich vernünftigere Einsichten über die Schwächen der radikalen Linken in den frühen 70er Jahren zu Tage bringen als Kraushaars wild zusammengeschusterte Räuberpistole. Allerdings würde sich dafür dann weder das Fernsehen noch das Feuilleton interessieren. Das liebt griffige Thesen wie die von Kraushaar, mit deren Hilfe erneut ein weiteres Mal auf „die 68er“ eingedroschen werden kann, auch wenn daran hinten und vorne nichts zusammenpaßt.
Doch lassen wir dieses unerfreulich Thema. Nächste Woche geht es – noch einmal außerplanmäßig (soweit ich überhaupt einen Plan habe) – weiter mit einer anderen Buchbesprechung. Und dabei geht es um ein Buch, das ganz sicher nicht das Interesse der Mainstream-Medien wecken wird. Freuen Sie sich also darauf wenn es heißt:
„Es ist höchste Zeit für eine emanzipatorische Linke, sich in Gänze dem Zusammenhang zwischen jenen historischen Sackgassen, in die uns die antiemanzipatorischen Regime des sogenannten real-existierenden Sozialismus geführt haben und den künftigen Auswegen aus dem Kapitalismus zuzuwenden.“ ([6], S. 21)
Nachweise
[1] Kraushaar, W., »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus, Reinbek 2013.
[2] Marzahn, C., „Sozialistische Randgruppenstrategie“, in: SC-Info Sozialistische Correspondenz, Jg.2 (1970), Nr.36 (7. März 1970), S.3 – 5.
[3] Redaktioneller Beitrag, „An der Südfront“, in: Der Spiegel, Jg.23 (1969), Nr.40 (30. September 1969), S.112 – 114.
[4] Südfront, „Arbeitsbericht Südfront (München)“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.2 (1970), Nr.54 (27. Februar 1970), S.8 – 10.
[5] von Uslar, T., „Bestandsaufnahme“, in: Die Zeit, Jg.22 (1969), Nr.40 (3. Oktober 1969), S.67.
[6] Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Hg.), Was tun mit Kommunismus?, Münster 2013.
Südfront
„Die Südfront entstand aus dem bekannten Motto der Studentenbewegung in der letzten Zeit: Raus aus der Uni!“
Südfront München
Ehrlich gesagt, mir geht die Auseinandersetzung mit Wolfgang Kraushaars Buch über die angeblichen „antisemitischen Wurzeln“ des deutschen Terrorismus, genau so auf den Zeiger, wie Ihnen, liebe Leserin oder lieber Leser. Eigentlich waren auch maximal zwei Beiträge geplant, daß sich das auf sechs Folgen ausweiten würde, war nicht vorgesehen. Dennoch: Ich halte es für wichtig zu zeigen, daß die von Kraushaar an den an den Haaren herbeigezogenen Zusammenhänge jeglicher Substanz entbehren.
Um noch einmal zusammenzufassen: Für einen wie auch immer gearteten Zusammenhang der von palästinensischen Kommandos im Januar 1970 durchgeführten Terrorakte zur linksradikalen Szene in München gibt es nicht den geringsten Beleg. Genausowenig ist ein Zusammenhang zwischen der Ende der 60er Jahre angekündigten Anti-Olympia-Kampagne der Münchner APO und dem palästinensischen Überfall auf israelische Sportler während der Olympiade 1972 zu erkennen. Zum dritten paßt der Brandanschlag auf das jüdische Altenheim überhaupt nicht in die Anschlagsserie der Tupamaros München 1970/71. Diese hatten primär Polizei und Justiz zum Ziel und ließen jeden internationalistischen Aspekt vermissen. Das ist entscheidend, denn der linke Antisemitismus – den es zweifellos gab, auch wenn er längst nicht so verbreitet war, wie heute behauptet wird – artikulierte sich im Kontext internationaler Solidaritätsbewegungen.
Wenn nun also der Anschlag auf das jüdische Altenheim nicht von den Tupamaros München verübt wurde, von wem dann? Und ist es denkbar, daß der Anschlag dennoch aus der linken Szene Münchens kam? Das ist sehr schwer zu beurteilen. Dagegen spricht, daß es keinerlei Bekennerschreiben zu dem Anschlag gab. Das unterscheidet dieses Attentat ganz grundsätzlich von dem versuchten Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin am 9. November 1969. Dieser war ohne jeden Zweifel das Werk der Tupamaros Berlin, die sich auch in einem Bekennerschreiben dazu bekannten:
„Am 31. Jahrestag der faschistischen Kristallnacht wurden in Westberlin mehrere jüddische Mahnmale mit »Schalom und Napalm« und »El Fatah« beschmiert. Im jüdischen Gemeindehaus wurde eine Brandbombe deponiert. Beide Aktionen sind nicht mehr als rechtsradikale Auswüchse zu diffamieren, sondern sie sind ein entscheidendes Bindeglied internationaler sozialistischer Solidarität.“ ([3])
Im Gegensatz dazu fehlte für den Münchner Anschlag jedes Bekennerschreiben. Und nicht nur, daß ein solches Schreiben fehlte. Die Tupamaros München äußerten sich ziemlich eindeutig zu dem Brandanschlag:
„man wird versuchen, uns auch den altersheimbrand in die schuhe zu schieben. laßt euch gesagt sein: Wir treffen keine Unschuldigen!“ (zit. nach [1], S. 164)
Natürlich ist die dahinter stehende Logik einer Differenzierung von „Unschuldigen“ und „Schuldigen“ reichlich makaber: Ein Staatsanwalt oder Richter, der zur Verurteilung eines Genossen beigetragen hat, wird so zum „Schuldigen“ erklärt, dessen Haus man anzünden darf. Dennoch: Diese Unterscheidung gehört zur seltsamen Moral linksterroristischer Gruppen und ist keineswegs bloße Rhetorik. Die wahllose Ermordung von Menschen, die sich nur zufällig an einem bestimmten Ort aufhalten, paßt, ebenso wie die Abwesenheit eines Bekennerschreibens, eher zur Taktik rechtsradikaler Gruppierungen. Es sei nur an den Bombenanschlag auf der Piazza Fontana in Mailand erinnert, bei dem im Dezember 1969 14 Menschen ums Leben kamen [Edit: siehe Kommentar unten].
Tatsächlich gab es im Fall des Münchner Brandanschlags eine ernstzunehmende Spur, die zur NPD führte. Der Süddeutschen Zeitung und dem Münchner Polizeipräsidium wurden Kopien eines Schreibens an den Landesverband der NPD zugespielt. Einige Tage vor dem Anschlag hieß es in diesem Brief:
„Ich nehme an, daß Sie H. von der geplanten Aktion sofort unterrichteten und bin überzeugt, daß er die nötigen Schritte unternimmt. Auch der Bundesvorstand sollte unterreichtet werden. Eine solche Aktion unberechenbarer Wirrköpfe würde unserer Partei ungeheuren Schaden zufügen, und das vor den Landtagswahlen.
Ich bin, wie Sie wissen, ebenfalls kein Judenfreund, von solchen Vorhaben möchte ich mich auf das entschiedenste distanzieren, als Jurist und im Interesse der Partei. Überlegen Sie, wenn außer Sachschaden Menschen zu Schaden kämen, es handelt sich da immerhin um alte Leute.“ (zit nach [1], S. 137)
Die Polizei ging dieser Spur nach, aber natürlich erklärten Autor und Adressat des Briefes übereinstimmend, es handle sich um eine Fälschung mit dem Ziel, der NPD zu schaden. Dennoch wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Nichtanzeige geplanter Straftaten eingeleitet, das aber zwei Jahre später ergebnislos eingestellt wurde.
Doch man sollte es sich nicht zu bequem machen und das Attentat umstandslos dem Umfeld der NPD zuzuschreiben, denn dann würde man, wie Kraushaar, weniger den vorliegenden historischen Quellen folgen als vielmehr seinen eigenen Vorurteilen. Denn bereits in der vorletzten Folge hatte ich die Aussage des Ex-RAF-Terroristen Gerhard Müller zitiert, der sich an ein Gespräch zwischen Gudrun Ensslin und Irmgard Möller erinnerte, aus dem hervorging, daß Möller wußte, wer der Attentäter war. Diese Aussage kann nicht leicht ignoriert werden, denn es ist schwer einzusehen, warum Müller das erfunden haben sollte, denn offenkundig konnte er sich davon keinen Vorteil versprechen.
Insofern ist es nicht unbedingt von der Hand zu weisen, daß der von Kraushaar vorgeführte Hauptverdächtige möglicherweise tatsächlich der Attentäter war. Es handelte sich dabei um einen 18-jährigen Hilfsarbeiter. Dieser war über die Aktion Südfront zur Münchner APO gestoßen. Und in diesem Zusammenhang ist vielleicht ganz sinnvoll, kurz zu erläutern, was die Aktion Südfront war. Außerdem führt uns das etwas weg von Kraushaar und wieder etwas mehr in das Geschehen der späten 60er Jahre.
Die Aktion Südfront wurde 1969 im Rahmen der sogenannten Randgruppen-Strategie der außerparlamentarischen Opposition ins Leben gerufen. Diese Strategie ging mit Marcuse (um einmal kurz an das wegen Kraushaar unterbrochene aktuelle Thema dieses Blogs zu erinnern) davon aus, daß das Proletariat im modernen Kapitalismus integriert ist und damit als revolutionäres Subjekt ausfällt. Um die Massenbasis der Studentenbewegung zu verbreitern, mußten Menschen gefunden werden, deren Unzufriedenheit mit dem System sie zu potentiellen Verbündeten machten. Diese meinte man in gesellschaftlichen Randgruppen zu finden, also in Fürsorgezöglingen, Insassen der Psychiatrie, Obdachlosen, Prostituierten, Strichern etc. Die Münchner Aktion Südfront konzentrierte sich dabei auf Erziehungsheime in der Umgebung von München:
„Die Münchner Kommunengruppe »Südfront« hatte es seit Juni [1969] unternommen, »an die Stelle der Heimerziehung von Minderjährigen« – so die Formel der Staatsanwaltschaft – »das Modell eines sogenannten Erziehungskollektivs zu setzen«.
Erzogen wurden Jungen vorwiegend aus Fürsorgeheimen – nachdem sie dort ausgerissen waren. Die »Südfront« betrieb in den Anstalten Eigenwerbung, und etwa hundert Zöglinge fanden nach und nach den Weg zur Kommune. Allein aus dem Pius-Heim im oberbayrischen Glonn verschwanden in den letzten Wochen 24 schwererziehbare Jugendliche gen Schwabing.
»Südfront«-Sprecher Michael Braun, 23: »Wir strebten eine Resozialisierung der Zöglinge durch Gemeinschaftsleben und Arbeitstherapie an.«“ ([2], S. 112)
Tatsächlich war das Modell gar nicht so ineffektiv. Die Zeit berichtete:
„APO-Angehörigen, besonders Mitgliedern der Gruppe »Südfront« gelang es, in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Jugendamt, die milieugeschädigten Jugendlichen zu »legalisieren«. Der quasi Stromkreis Milieu – Heim – ausreißen – keine Papiere – kein Geld – Diebstahl – Jugendstrafe – Heim, wurde wirksam unterbrochen. Inzwischen waren zusammen mit dem Jugendamt Pläne für Lehrlingswohngemeinschaften ausgearbeitet worden, in denen Fürsorgezöglinge mit Sozialarbeitern leben und arbeiten sollten.“ ([5])
Nächste Woche geht es weiter. Seien Sie also gespannt darauf, inwieweit die Ziele der Südfront realistisch waren:
„Das Interesse der Südfront war, diese Jugendlichen zu politisieren und zu eigenem politischen Engagement zu bringen. Heim-Jugendliche waren für sie revolutionäres Potential. Die persönliche Hilfeleistung war sekundär – jedenfalls theoretisch – im Vordergrund stand der politische Anspruch.“ ([4], S. 9)
Nachweise
[1] Kraushaar, W., »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus, Reinbek 2013.
[2] Redaktioneller Beitrag, „An der Südfront“, in: Der Spiegel, Jg.23 (1969), Nr.40 (30. September 1969), S.112 – 114.
[3] Schwarze Ratten T[upamaros] W[estberlin], „Schalom + Napalm“, in: agit883, Jg.1 (1969), Nr.40 (13. November 1969), S.9.
[4] Südfront, „Arbeitsbericht Südfront (München)“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.2 (1970), Nr.54 (27. Februar 1970), S.8 – 10.
[5] von Uslar, T., „Bestandsaufnahme“, in: Die Zeit, Jg.22 (1969), Nr.40 (3. Oktober 1969), S.67.
Eine Frage der Handschrift
„Im Januar 1972 schlossen wir uns zur »Bewegung 2. Juni« zusammen. […] Mit diesem Datum im Namen wird immer darauf hingewiesen, daß sie zuerst geschossen haben.“
Ralf Reinders, Die Bewegung 2. Juni
Im letzten Beitrag wurde das Knastcamp in Ebrach erwähnt, das als eine Art Gründungsveranstaltung des deutschen Linksterrorismus angesehen werden kann. Kraushaar weist darauf völlig zurecht hin:
„Mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Georg von Rauch, Thomas Weisbecker, Dieter Kunzelmann, Ingrid Siepmann, Susanne Plambeck, Fritz Teufel, Irmgard Möller, Brigitte Mohnhaupt und Rolf Heißler gehören – wie sich Jahre darauf herausstellt – die Kerne der späteren Roten Armee Fraktion (RAF) und der Bewegung 2. Juni zu den Aktivisten in der fränkischen Provinz.“ ([2], S. 330 bzw. [1], S. 107f)
Wenn hier im Knastcamp von Ebrach also die Grundlagen gelegt wurden für den linken Terrorismus der 70er Jahre, dann erweisen sich dessen Wurzeln allerdings als ganz andere als die, die Kraushaar behauptet. Es sind, wie bereits letzte Woche angedeutet, die Auseinandersetzungen mit Polizei und Justiz, die die Wurzeln des deutschen Terrorismus bilden, mitnichten der Antisemitismus.
Das Knastcamp selbst war ein Fiasko. Mit formalen Gründen (Hygienerichtlinien) versuchte der dortige CSU-Landrat, das Camp zu verbieten, was die Campteilnehmer zum Anlaß nahmen, das Landratsamt zu verwüsten. 39 Randalierer wurden verhaftet, am nächsten Tag allerdings freigelassen. Zurück in Ebrach hetzten dortige Bürger ihre Hunde auf die Campteilnehmer, von denen einige ernsthaft verletzt wurden ([2], S. 330f). Die Eskalation der Gewalt war also durchaus gegenseitig. Noch mehr Öl ins Feuer schüttete der CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß, der verlautbaren ließ:
„Diese Personen nützen nicht nur alle Lücken der Paragraphen eines Rechtsstaates aus, sondern benehmen sich wie Tiere, auf die die Anwendung der für Menschen gemachten Gesetze nicht möglich ist, weil diese Gesetze auch bei Rechtsbrechern noch mit Reaktionen rechnen, die der menschlichen Kreatur eigentümlich sind.“ (zit. nach [1], S. 112)
Damit bestätigte Strauß die schlimmsten Einsichten der linksradikalen Aktivisten: Indem der Vorsitzende der CSU sie außerhalb des Rechtes stellte, erklärte er sie buchstäblich für vogelfrei. Damit heizte er ein Klima noch weiter an, in dem es manchen gar nicht so unplausibel erschien, daß der bürgerliche Rechtsstaat drohte, in eine faschistische Diktatur abzurutschen. Von der Ermordung Benno Ohnesorgs über die Verabschiedung der Notstandsgesetze bis hin zu den jüngsten Äußerungen Franz-Josef Strauß’ schien die Erosion des Rechtsstaates gewalttätigen, ja, bewaffneten Widerstand nicht nur zu legitimieren, sondern geradezu notwendig zu machen.
Die Geschichte hat diese Sichtweise auf die bundesrepublikanische Realität der späten 60er Jahre nicht bestätigt und so läßt sie sich heute recht einfach als wahnhaft abtun. Doch für die damaligen Aktivisten war die Aussicht, daß die BRD in Richtung eines neuen Faschismus abdrifteten könnte, eine reale Möglichkeit. Das war nicht einfach nur die Meinung eines kleinen Häufchens durchgeknallter Desperados, sondern ein weitverbreitetes Unbehagen. Und obwohl die wenigsten tatsächlich zur Waffe griffen, so war deshalb ein gewisses Verständnis für die Aktionen der bewaffneten Gruppen zumindest zu Beginn der 70er Jahre durchaus weit verbreitet.
Hier also liegen die eigentlichen Wurzeln des deutschen Terrorismus, in der vermeintlichen Notwendigkeit, den bewaffneten Widerstand gegen ein System zu organisieren, von dem man sich einbildete, es hätte einem buchstäblich den Krieg erklärt. Wenn man also nach den Motiven des deutschen Terrorismus fragt, dann findet man die Antwort in einer verzerrten Wahrnehmung der innenpolitischen Lage, in der Annahme, die staatlichen Repressionsorgane würden die Auslöschung des radikalen Widerstandes systematisch jenseits rechtsstaatlicher Grenzen planen.
Nachdem sich das Knastcamp als Fehlschlag erwiesen hatte, beschlossen die Berliner Teilnehmer um Dieter Kunzelmann zusammen mit Fritz Teufel, nach Italien zu fahren. Doch vorher verübten sie in München einen Brandanschlag auf die Wohnung des Oberstaatsanwaltes Lossos:
„Lossos, Leiter der Staatsanwaltschaft München I, ist offenbar deshalb als Zielscheibe ausgewählt worden, weil er in einem Verfahren die Anklage vertreten hat, in dem ein Kommunarde verurteilt worden ist.“ ([2], S. 361)
Dieser Anschlag, so abscheulich er war, folgte genau der fatalen Logik, die Polizei und Justiz als Gegner in einem Krieg auf Leben und Tod identifizierte. Hier begann tatsächlich so etwas wie eine „Handschrift“ der Tupamaros München deutlich zu werden.
Von Italien aus fuhr die Kunzelmann-Gruppe dann weiter nach Jordanien, um dort Kontakte zur palästinenischen Terrorgruppe Al-Fatah zu knüpfen. Dahinter steckte eine perverse, wenn auch durchaus nachvollziehbare Logik: Wenn man es mit dem bewaffneten Kampf in der BRD wirklich ernst meinte, benötigte man Kontakte zu Leuten, die mit so etwas Erfahrung hatten. Und die Palästinenser hatten bewiesen, daß sie über derartige Erfahrungen verfügten. Dieses fatale Bündnis mit dem palästinensischen Terrorismus gegen Israel hatte dann den versuchten Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin zur Folge. Doch diese Sorte von verquerem antisemitischen „Internationalismus“, wie sie die Tupamaros Berlin repräsentierten, ist hier nicht Gegenstand von Kraushaars Buch und damit auch nicht dieser Debatte hier.
Hier geht es um die Tupamaros München und deren terroristische Praxis. Fritz Teufel, eine Schlüsselfigur der Tupamaros München, machte eben diese Reise nach Jordanien nicht mit. Er blieb zunächst in Italien und kehrte dann später nach München zurück, um mit den Tupamaros München eine terroristische „Frühjahrsoffensive“ zu planen. Und, im Gegensatz zu den Aktionen der nach Berlin zurückgekehrten Kunzelmann-Truppe, blieben die Aktionen der Tupamaros München weitgehend im vertrauten Rahmen: Sie richteten sich explizit gegen Polizei und Justiz.
Die Anschlagsserie kam nicht unangekündigt. Wie bereits früher erwähnt, gab Teufel bereits Anfang 1970 ein Interview, in dem er Aktionen ankündigte, für die ihm Haftstrafen drohen würden. Und am 20. Februar 1970 tauchte ein Flugblatt der Tupamaros München mit dem Titel „KEINE AMNESTIE FÜR DIE JUSTIZ AUF“, in dem Brandanschläge auf Justizgebäude angekündigt wurden. Die eigentliche Anschlagsserie der Tupamaros München begann dann am 24. Februar 1970. In den frühen Morgenstunden wurden Molotow-Cocktails auf das Haus des Amtsgerichtsrates Dr. Albert Weitl geschleudert. Einer der Brandsätze richtete im Wohnzimmer leichten Sachschaden an ([2], S. 166f). Rund zwei Wochen später, am 10. März wurden im Amtsgericht in der Münchener Pacellistraße zwei Brandbomben mit Zeitzündern gefunden ([2], S. 167 und S. 456). Danach schien es erst einmal ruhig zu werden um die Tupamaros München. Erst gegen Ende Mai, am 25., wurden zwei Brandflaschen gegen das Gebäude des Bayerischen Landeskriminalamtes geworfen, ([2], S. 368 und S. 456), eine Aktion, für die dann am 12. Juni Fritz Teufel verhaftet wurde ([2], S. 368 und S. 456). Während des Prozesses gegen Fritz Teufel werden dann, wohl als „Solidaritätsaktionen“ gedacht, verschiedene weitere Anschläge verübt ([2], S. 457ff). Die Gewalttätigkeit eskaliert nach der Verhaftung eines weiteren Tupamaros, Heinz-Georg »Jimmy« Vogler. Am 8. Januar 1971 explodiert eine Rohrbombe vor der Eingangstür eines Polizeireviers, es taucht das Bekennerschreiben eines „Kommandos Jimmy Georg Vogler“ auf.
Diese ganzen Aktionen sind extrem häßlich, moralisch unverantwortlich und politisch dumm, aber – und das ist der entscheidende Punkt – sie sind nicht antisemitisch. Sie sind noch nicht einmal „antiimperialistisch“ motiviert. Ein internationalistischer Kontext, in dem dann auch die „Solidarität“ mit dem „palästinensischen Befreiungskampf“ ein Rolle spielen könnte, ist nicht zu erkennen. Mit einer Ausnahme: Am 13. Januar 1971, während des Prozesses gegen Fritz Teufel, werden einige Fahrzeuge der US-Streitkräfte abgefackelt. Hier hätte Kraushaar tatsächlich eine Chance gehabt, die Aktionen der Tupamaros München aus dem engeren Kontext einer Kampagne gegen Polizei und Justiz heraustreten zu lassen. Doch offensichtlich gibt es kein Bekennerschreiben, zumindest zitiert der fleißige Sammler Kraushaar nichts. Und das wiederum heißt, daß noch nicht einmal klar ist, ob dieser Anschlag auf das Konto der Tupamaros München geht.
Wenn es also eine „Handschrift“ der Anschläge gibt, die die Tupamaros München verübt haben, dann gehört der Brandanschlag auf das jüdische Altenheim nicht dazu. Im Rahmen der Justizkampagne der Tupamaros gibt es nichts, was auf eine Bezugnahme zum palästinensischen Befreiungskampf hinweisen würde – und der ganze linke Antisemitismus der 70er Jahre steht in genau diesem Kontext. Also steht Kraushaar auch hier mit leeren Händen da.
Bleibt für nächste Woche noch ein letzter Punkt zu beackern: Kraushaars „Hauptverdächtiger“. Seien Sie also gespannt auf einen Anruf bei der Münchner Kriminalpolizei, bei dem die Aufmerksamkeit auf ein Mitglied der linken Szene gelenkt wird:
„Der Anrufer nennt sogar dessen Vor- und Nachnamen und fragt besorgt nach, ob sie das auch verstanden hätten. Als der Beamte nach dem Namen des Anrufers erkundigt, legt der sofort auf.“ ([2], S. 108)
Nachweise
[1] Kraushaar, W., Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus, Hamburg 2005.
[2] Kraushaar, W., »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus, Reinbek 2013.