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Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

„Politisierung“

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Die Frauenbewegung in der BRD (25)

„Die bürgerliche Reduktion des politischen Kampfes der linken Frauen auf den Sektor Kind und Familie kann eine Änderung allenfalls für wenige Individuen zur Folge haben.“

Einige Genossinnen aus dem Aktionsrat (1969)

Was bisher geschah: Die „Mütter-Fraktion“ im Aktionsrat zur Befreiung der Frauen hatte Anfang Oktober 1969 noch einmal versucht, den Aktionsrat wieder zu seinen ursprünglichen Zielen zurückzuführen. Unter dem Gruppennamen „Gegen das Alte und für das Neue“ veröffentlichten sie eine Art Manifest in der Roten Presse-Korrespondenz. Darin erklärten sie, daß ohne die Lösung der Kinderfrage, also der Frage, wie die Last der Kindererziehung von den Müttern genommen werden kann, eine sozialistische Perspektive nicht denkbar sei.

Damit wurde die schon länger existierende Fraktionierung innerhalb des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen öffentlich. Die erste Reaktion auf das Manifest der Mütter-Fraktion erschien gleich im Anschluß an den Artikel. Es handelte sich dabei um die Übersetzung eines Interview mit Frauen aus der Black Panther Party. Die Black Panther Party war eine linksradikale militante Organisation der Schwarzen in den USA, deren Entschlossenheit, Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten, in Teilen der deutschen Linken ziemlich bewundert wurde. Das war allerdings nicht das entscheidende Thema des Interviews und auch nicht der Grund, warum dieses abgedruckt wurde. Darin ging es vielmehr um etwas ganz anderes, nämlich darum, ob sich Frauen getrennt von den Männern organisieren sollten oder doch lieber, im Dienste der gemeinsamen Sache, zusammen. Die Black-Panther-Frauen äußerten sich dazu eindeutig:

„Der Widerspruch zwischen Männern und Frauen ist ein Widerspruch, der innerhalb der revolutionären Kräfte ausgefochten werden muß. Er ist nicht vergleichbar mit den Klassenwidersprüchen. Daher kommt dem Klassenkampf Priorität zu. In dem Maße, in dem die Frauenorganisationen sich nicht dem Klassenkampf oder dem nationalen Befreiungskampf zuwenden, fördern sie nicht wirklich die Befreiungsbewegung der Frauen.“ ([1], S. 13)

Heute erscheint uns eine derartige Argumentation mehr als fremd. Wir empfinden es als völlig normal, daß sich Frauen unabhängig von irgendwelchen Männer organisieren – auch weil wir nicht mehr an den Klassenkampf als Ausdruck eines kapitalistischen Hauptwiderspruches glauben. Zu der Zeit, um die es hier geht, war das aber noch keineswegs ausgemacht. Es ist schlicht und ergreifend falsch, wenn etwa Jutta Menschik schreibt, daß es sich beim Aktionsrat zur Befreiung der Frauen um einen Arbeitskreis handelte, „in dem Männer nicht mitarbeiten durften“ ([4], S. 358). Das widerspricht der Aussage von Helke Sander, die vom ersten Treffen des Aktionsrates berichtet: „Es waren auch ein paar Männer dabei, die wir nicht wegschickten.“ ([5], S. 165) Allerdings erlahmte das männliche Interesse offensichtlich sehr schnell, weshalb Männer im Aktionsrat keine Rolle spielten. Aber es gab keinen expliziten Ausschluß von Männern – zumindest habe ich darauf keinen Hinweis gefunden. Und wenn es so etwas gegeben hätte, dann wären darüber sicherlich erbitterte Diskussionen geführt worden.

Insofern war der Abdruck des Black-Panther-Interviews verblüffend, denn er stellte eine Erwiderung auf eine Forderung dar, die so gar nicht erhoben worden war, nämlich die nach einer getrennten Frauenorganisation. Die Gruppe „Gegen das Alte und für das Neue“ hatte offensichlich etwas Unerhörtes gemacht. Sie hatte Forderungen erhoben, die sich nicht nur an die Adresse der bösen Kapitalisten oder abstrakt der Gesellschaft richteten, sondern ganz direkt an die männlichen Genossen. Diese sollten sich gefälligst ein paar Fragen zu Familie und Kindererziehung stellen und vor allem entsprechend handeln. Daß in solchen Forderungen ein massives Konfliktpotential steckte, das auf die Dauer zur Abspaltung einer autonomen Frauenbewegung führen könnte, war den Übersetzerinnen des Black-Panther-Interviews offensichtlich bewußt. Tatsächlich sollten die „Pantheretten“ im Aktionsrat dann auch einen Weg einschlagen, der sie von unmittelbaren Frauenfragen wegführen sollte. Doch dazu in einem der folgenden Beiträge mehr.

Eine direkte Antwort auf das Manifest der Gruppe „Gegen das Alte und für das Neue“ erschien dann in der übernächsten Nummer der Roten Presse-Korrespondenz. Dort forderten „einige Genossinnen aus dem Aktionsrat“ eine „Politisierung des Aktionsrates zur Befreiung der Frau“ ([2]). Es ist symptomatisch, daß diese Fraktion den falschen Namen „Aktionsrat zur Befreiung der Frau“ statt „der Frauen“ verwendete. Diese Verballhornung des Names war uns schon früher begegnet. Damals hatte ich darauf hingewiesen, daß diese veränderte Namensgebung durchaus eine inhaltliche Bedeutung hat. Im ursprünglichen Ausdruck „Befreiung der Frauen“ wird anerkannt, daß die Subjekte dieser Befreiung sehr unterschiedliche Individuen sind, die sich nicht über einen Leisten schlagen lassen. Bei der Befreiung „der Frau“ geht es schon sprachlich um ein abstraktes Konzept, nicht um einen lebendigen Prozeß. Es ist die Sprache von Bürokratinnen und der Text macht genau in diesem bürokratischen Stil weiter. Da wird mit leeren Abstraktionen nur so um sich geworfen. Die Autorinnen unterstellen der Gruppe „Gegen das Alte und für das Neue“, sie würde sich auf die „verschleiernde Argumentationsebene des Klassenfeindes“ begeben und sei sich des „Grundwiderspruchs von Lohnarbeit und Kapital“ nicht bewußt.

Als wirklicher Witz erweist sich dann die Forderung nach „Politisierung“ des Aktionsrates, die sich als deren genaues Gegenteil erweist. Denn wenn man nachschaut, worin denn nun diese Politisierung bestehen soll, erfährt man, daß es darum gehe, „unser vages Bewußtsein von Unterdrückung in ein politisches Bewußtsein umwandeln“. Die Forderungen der Gruppe „Gegen das Alte und für das Neue“ mögen vielleicht unausgegoren und schwer umsetzbar gewesen sein – daran hätte eine Kritik durchaus ansetzen können. Doch diesen konkreten Forderungen wurde nun ein völlig abstraktes Konzept entgegengesetzt, das sich schon durch seine bürokratische Sprache verriet:

„Unumgänglich für die Erarbeitung einer Perspektive zur Veränderung unserer politischen und privaten Praxis ist die Orientierung an den objektiven Notwendigkeiten, die sich aus den bestehenden Produktionsverhältnissen und unserem Kampf dagegen ergeben. Die Analyse schafft zudem erst die Bedingungen für die politische Aktion über den bisherigen Rahmen des Aktionsrates hinaus, z. B. Agitation und Organisation von Arbeiterinnen.“ ([2])

Mit anderen Worten: Es sollte überhaupt nicht politisch agiert werden, sondern man wollte durch Schulung erst einmal die Bedingung der Möglichkeit für politisches Agieren herstellen. Nun bin ich der letzte, der sich gegen Theoriearbeit ausspricht. Aber den Rückzug in die Studierstube als „Politisierung“ zu verkaufen, ist schon ziemlich gewagt.

Das alles war nicht zufällig, sondern eine klare Strategie einer ganz bestimmten Frau. Es war Frigga Haug, die Ende 1968 beschlossen hatte, aus dem Aktionsrat nun einen Schulungsrat zu machen. Frigga Haug war seit 1965 mit Wolfgang Fritz Haug, dem Herausgeber der angesehenen marxistischen Theoriezeitschrift Das Argument verheiratet. Während ihr Mann eine wichtige öffentliche Rolle spielte, war Frigga Haug nach politischen Anfängen zu Beginn der ’60er Jahre nun, nachdem sie ihr Studium abgebrochen hatte, auf die Rolle als Hausfrau und Mutter reduziert:

„Mein jetziger Mann kommt aus einer ganz traditionellen schwäbischen Familie. Trotzdem war er bereit, zweimal in der Woche zu kochen. Ich sollte dreimal kochen, und einmal wollten wir in die Mensa gehen.
Aber ich habe allein das Kochen übernommen, das Einkaufen und den ganzen Haushalt, weil ich fand, dass ich das besser mache. Das hing genau damit zusammen, dass ich als Hausfrau keinen anderen Ort und keine Position für mich hatte.“ ([3], S. 186f)

Interessanterweise war es gerade nicht die Auseinandersetzung mit ihrer Hausfrauen- und Mutterrolle, die Frigga Haug in den Aktionsrat trieb. Vielmehr suchte sie sich anscheinend ganz bewußt ein politisches Aktionsfeld, in dem sie sich unabhängig von ihrem Mann profilieren konnte, wobei sie aber keinerlei inhaltlichen Bezug zu ihrer eigenen Situation herstellte.

Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Frigga Haug erklärt:

„Neben politischen Aktionen, dem »Argument« und diesen ganzen Hilfstätigkeiten, die ich inzwischen an mich gerafft hatte, beschloss ich, dass der »Aktionsrat zur Befreiung der Frauen« mein Hauptbetätigungsfeld sein sollte. Ich war dabei, eine eigene Identität aufzubauen.“ ([3], S. 189)

Nachweise

[1] Anonym, „Pantheretten und die Emanzipation“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.33 (3. Oktober 1969), S.12 – 14 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266745.html).

[2] Genossinnen aus dem Aktionsrat, „Zur Frauenemanzipation. Für eine Politisierung des Aktionsrates zur Befreiung der Frau“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.35 (17. Oktober 1969), S.9 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266747.html).

[3] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

[4] Menschik, J.: „Vom »Aktionsrat zur Befreiung der Frau« zum »Sozialistischen Frauenbund Westberlin«“, in: Menschik, J. (Hg.), Grundlagentexte zur Emanzipation der Frau, Köln 1977 (2. Aufl.), S. 358 – 371.

[5] Sander, H.: „»Nicht Opfer sein, sondern Macht haben«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 161 – 179.

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11. April 2014 at 17:15

Veröffentlicht in Feminismus

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Gegen das Alte und für das Neue

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Die Frauenbewegung in der BRD (24)

„WIR WERDEN ES NICHT MEHR ZULASSEN, daß die Misere der Genossinnen mit Kindern im linken Klatsch erledigt wird und undialektisch zu ihrer privaten Schuld deklariert wird.“

Gruppe: Gegen das Alte und für das Neue (1969)

Was bisher geschah: In dreiundzwanzig langen und langatmigen Folgen hat der Autor dieses Blogs die Geschichte des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen nachgezeichnet – von seiner Entstehung im Rahmen der Anti-Springer-Kampagne des SDS über die Gründung der ersten Kinderläden zur legendären „Tomaten“-Rede Helke Sanders auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS bis hin zum Versuch, den Streik von Berliner Kindergärtnerinnen zu einem Fanal zu machen, das die Situation arbeitender Mütter ins Rampenlicht zu einem öffentlichen Thema machen sollte.

Daß der Streik der Kindergärtnerinnen an der Blockadepolitik der Gewerkschaften scheiterte, markierte den Anfang vom Ende des Aktionsrates, zumindest in der Form, wie er seit Anfang 1968 existierte. Denn natürlich war der Aktionsrat keine homogene Organisation, in der alle die selben Interessen hatten und auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiteten. Bereits ein knappes Dreivierteljahr nach Gründung des Aktionsrates verfaßte Lena Conradt, die mit zur Gründungsgruppe des Aktionsrates gehört hatte, ein Papier zur Organisationsdebatte.

Damals, im Oktober 1968, war die organisatorische Struktur offenbar folgendermaßen: Mittwochs gab es ein offenes Plenum im Republikanischen Club, zu dem jederzeit neue Frauen hinzustoßen konnten. Neben dem Plenum gab es eine ganze Reihe von Arbeitsgruppen, die sich verschiedenen Themen widmeten; und natürlich die Kinderläden. Das klingt zunächst ganz vernünftig, war in der Praxis allerdings wohl nicht so effektiv, wie es klingt. Die Arbeitsgruppen begannen sehr schnell ein Eigenleben zu führen, ohne daß Ergebnisse in das Plenum zurückflossen.

Tatsächlich waren wohl für viele Frauen die Arbeitsgruppen attraktiver als das Plenum, in dem offensichlich ziemliche Schaukämpfe ausgetragen wurden. In die Arbeitsgruppen oder Kinderläden gingen Conradts Darstellung zufolge vor allem Frauen, die noch über wenig bis keine politische Erfahrung hatten und sich dort besser einbringen konnten als in die Plenumsdiskussionen. Denn diese wurden von Frauen dominiert, die Conradt als politisch „vorbelastet“ bezeichnete. Konkret: Es handelte sich um Frauen, die schon in anderen Verbänden Organisationserfahrung hatten sammeln können und die jetzt endlich ein Betätigungsfeld gefunden hatten, in dem sie sich austoben konnten:

„Es bot sich an, in einem Frauenverband endlich die Rolle spielen zu können, die in anderen Verbänden und in der Gesellschaft allgemein versagt ist. Eine Zeitlang waren die Mittwochsveranstaltungen von den selbstgefälligen Paraden dieser Frauen geprägt.“ ([3], S. 58)

Das schreckte Neuankömmlinge ab und vertrieb diejenigen, die wenig Lust auf ideologische Schaukämpfe hatten, aus dem Plenum. Die Arbeitsgruppen und die Kinderläden wurstelten so vor sich hin, offensichtlich weitgehend ohne Rückbindung an das Plenum. Das wurde hier ja auch schon thematisiert anläßlich des Kindergärtnerinnenstreiks. Der dabei sehr aktive Arbeitskreis der Sozialpädagogen entstand ja ursprünglich aus dem Aktionsrat heraus, verstand sich dann als eigenständige Organisation und wurde schließlich in der heißen Phase des Streiks wieder vom Aktionsrat unterstützt.

Conradt formulierte deshalb im Oktober 1968 den Anspruch, aus dem Aktionsrat eine wirklich politisch agierende Organisation zu machen:

„Die Funktion des Aktionsrates kann es nicht sein, die vielfältig geleistete Arbeit nur zu sammeln und weiterzugeben. Er muß sie verwenden, d.h. aus dem Passionsrat muß ein Aktionsrat werden. Als erstes muß die Arbeit in den Arbeitskreisen vom Aktionsrat zentral strukturiert werden. […] Die Arbeit in den Kinderläden und Arbeitskreisen muß für den Aktionsrat PRAXIS werden. WIR MÜSSEN UNS REORGANISIEREN. Es ist ziemlich müßig, zwei Stunden über den Begriff des Mannes als Klassenfeind zu diskutieren, wenn sich daraus auch nicht der Verdacht eines praktischen Ansatzes für die Methode des Klassenkampfes ergibt.“ ([3], S. 62f)

Aus dieser Forderung wurde aber offensichtlich nichts. Ein Jahr später existierte die von Conradt diagnostizierte Spaltung weiterhin. Ein Papier vom Oktober 1969 konstatierte:

„Eine Analyse der bisherigen Projekt- und Arbeitsgruppen zeigt, daß sie notwendig scheitern mußten an dem Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis. Man war arbeitsteilig vorgegangen. Folgerichtiges Ergebnis dieser Arbeitsteilung war, daß die SDS-Genossinnen wegen mangelnden Praxisbezugs keine brauchbare Theorie entwickeln konnten, umgekehrt die in der Praxis stehenden Gruppen mangels theoretischer Kenntnisse keine erfolgreiche Arbeit leisten konnten.“ ([2], S. 65)

Tatsächlich war jetzt, eineinhalb Jahre nach der Gründung des Aktionsrates, die Fraktionierung innerhalb des Aktionsrates so weit fortgeschritten, daß die Auseinandersetzungen nicht mehr nur im Plenum geführt wurden, sondern in der breiteren linken Öffentlichkeit. Anfang Oktober 1969 warfen einige Frauen aus dem Aktionsrat, die sich Gruppe: Gegen das Alte und für das Neue nannte, dem Rest den Fehdehandschuh hin. Diese Gruppe vertrat vehement die von Helke Sander formulierte These, daß ohne Infragestellung der Mutterrolle eine emanzipatorische Politik unmöglich ist:

„Die Frauen linker Männer mit Kindern empfinden den Widerspruch zwischen dem politischen Anspruch und ihrer eigenen abhängigen Situation am schärfsten, sie fallen praktisch für die politische Arbeit, die sie als notwendig erkannt haben, aus, weil ihnen im wesentlichen die Sorge für die Kinder überlassen bleibt.“ ([4], S. 11)

Das war schon die Position, die Helke Sander auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS vertreten hatte: Die Situation der Frauen mit Kindern läßt sich nicht als nebensächliches Problem abtun. Und das Papier macht jetzt daraus eine ganz konkrete Kampfansage:

„Wir dürfen es auch nicht mehr zulassen, daß Genossinnen ohne Kinder, die für sich entschieden haben, keine haben zu wollen, Frauenagitation betreiben über die Köpfe und Argumente derjenigen hinweg, die an sich den Grundwiderspruch erfahren und keine Möglichkeit mehr haben, ihn zu verdrängen.“ ([4], S. 12)

Mit anderen Worten: Hier geht es wirklich ans Eingemachte. Es werden reale Konsequenzen eingefordert, die, wenn sie denn ernst genommen würden, ganz konkrete Auswirkungen auf das Leben der „Revolutionäre“ hätten:

„Wir werden die Genossinnen und Genossen ohne Kinder zwingen, die allgemeine Verantwortlichkeit für die Kinder zu akzeptieren, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis.
Der Kampf um die Verantwortlichkeit aller für alle Kinder ist der erste Schritt zur Befreiung der Frauen.“ ([4], S. 12)

Das zielte nicht mehr auf das Ungefähre einer großen proletarischen Revolution, die irgendwo am Horizont wetterleuchtet. Hier geht es darum, wie dann später andere Autorinnen aus dem Aktionsrat schreiben werden, daß diese Gruppe „mit Recht an der Frage der Kindererziehung kulturrevolutionäre Modelle für das Leben in einer sozialistischen Gesellschaft entwickeln will.“ ([2], S. 65) Und das wird dann streckenweise ungemütlich konkret, wenn die Genossinnen schreiben, „wir [fordern] Genossen mit Titeln und Einkommen auf, Wohnungsverträge für Frauen mit Kindern abzuschließen.“ ([4], S. 12)

Natürlich führte dieser kulturrevolutionäre Ansatz zu vehementen Gegenreaktionen. Leider werden Sie dazu nächste Woche nichts erfahren, da die nächste Folge dieses Blogs erst in zwei Wochen erscheinen wird. Freuen Sie sich also auf übernächste Woche, wenn eine andere Fraktion mit der Publikation eines Interviews kontert, in dem sich Frauen aus der Black Panther Party folgendermaßen äußern:

„Der Widerspruch zwischen Männern und Frauen ist ein Widerspruch, der innerhalb der revolutionären Kräfte ausgefochten werden muß. Er ist nicht vergleichbar mit den Klassenwidersprüchen. Daher kommt dem Klassenkampf Priorität zu. In dem Maße, in dem die Frauenorganisationen sich nicht dem Klassenkampf oder dem nationalen Befreiungskampf zuwenden, fördern sie nicht wirklich die Befreiungsbewegung der Frauen; denn die Frauenemanzipation ist in diesem Lande nicht ohne die sozialistische Revolution zu verwirklichen.“ ([1], S. 13)

Nachweise

[1] Anonym, „Pantheretten und die Emanzipation“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.33 (3. Oktober 1969), S.12 – 14 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266745.html).

[2] Anonym: „Theorie und Praxis. Diskussionsgrundlage für das Organisationsproblem im Aktionsrat“, in: , , S. 64 – 69.

[3] Conradt, L.: „Beitrag zur Organisationsdebatte (Oktober 1968)“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 58 – 63.

[4] Gruppe: Gegen das Alte und für das Neue, „Bekanntmachung des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.33 (3. Oktober 1969), S.11 – 12 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266745.html).

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28. März 2014 at 16:08

Die Kunst der politischen Provokation (3)

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„Wir haben uns lange vor dem Prozeß überlegt, was wir anstellen können, aber ehrlich, es ist uns nichts Richtiges eingefallen. Aber das brauchen wir auch nicht. Die (Gericht und Staatsanwalt) lassen sich ja selbst genug einfallen“

Fritz Teufel und Rainer Langhans

Was bisher geschah: In den letzten zwei Folgen wurden zwei verschiedene politische Provokationen thematisiert. Das jüngste #bombergate der Piratenpartei, bei dem durch die politische Provokation einer Europaratskandidatin das Image der Partei in der Öffentlichkeit schwer beschädigt wurde. Und zum anderen die Kaufhausbrand-Flugblätter der Kommune I im Jahr 1967.

Heute sollen nun die beiden Provokationen miteinander verglichen werden. Auf den ersten Blick scheinen sie sich ziemlich zu ähneln. Beide Male wird der Tod von Menschen zum Material einer politische Provokation gemacht: Im einen Fall die Toten der Dresdner Bombennacht im Jahr 1945, das andere Mal die Opfer einer Brandkatastrophe in einem Brüsseler Kaufhaus. Beide Male wurde die Provokation mit Hilfe der Boulevardmedien verbreitet, was es überhaupt ermöglichte, daß die notwendige mediale Aufmerksamkeitsschwelle überschritten wurde.

Doch damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten. Viel schwerer wiegen die Differenzen, die dann letztlich darüber entschieden, ob die Aktion als erfolgreich oder als kontraproduktiv angesehen werden muß.

Zunächst einmal aber zum Grundprinzip der politischen Provokation: Eine politische Provokation dient nicht dazu, eine differenzierte Auseinandersetzung über ein politisches Thema zu führen. Sie dient einzig und allein der Lagerbildung, dazu, die Fronten zu klären. Damit zielt sie weder primär auf die Gruppe der überzeugte Anhänger, noch auf die Gruppe der überzeugten Gegner. Sondern sie zielt auf die Masse der Unentschlossenen zwischen den beiden Lagern. Der politische Gegner soll durch die Provokation vorgeführt werden, seine Reaktionen sollen ihn entlarven, wodurch nach Möglichkeit eine Mehrheit der Unentschiedenen dem eigenen politischen Lager zugeführt werden kann.

Kontraproduktiv wird die politische Provokation, wenn sie an der falschen Stelle spaltet, mehr Unentschiedene ins gegnerische Lager treibt als sie für das eigene Lager gewinnt. Ein vollständiges Fiasko ist sie, wenn sie sogar das eigene Lager spaltet, statt ihm neue Unterstützer zu gewinnen. Soviel zum Grundprinzip der politischen Provokation. Sehen wir nun zu, wo sich unsere Beispiele unterscheiden und wie sich diese Unterschiede auf das eigentliche Ziel der politischen Provokation auswirken.

Die erste Differenz liegt im Bekenntnis zur Aktion. Während sich die Kommune I per Unterschrift auf ihren Flugblättern zu diesen bekannte, versuchte sich die Piratenpolitikerin durch Vermummung vor der Identifizierung zu schützen. Zudem leugnete sie selbst zu dem Zeitpunkt, als sie schon identifiziert worden war, ihre Beteiligung und ließ dadurch den Bundesvorstand ihrer Partei, der ihren Aussagen Glauben schenkte, ins offene Messer rennen. Ein solches Verhalten wird von der politischen Öffentlichkeit nicht honoriert. Wenn man schon provoziert, dann sollte man auch mit seiner ganzen Person für diese Provokation einstehen. Die Kommune I reagierte komplett anders: Als Fritz Teufel und Rainer Langhans stellvertretend für die Kommune I angeklagt wurden, verfaßten die restlichen Kommunemitglieder Selbstbezichtigungen, in denen erklärt wurde, daß sie ebenso als Mitverfasser der Flugblätter auf die Anklagebank geschickt gehörten. Das mag nun nach einem blödsinnigen Ehrbegriff klingen, aber in der Öffentlichkeit kommt so etwas durchaus an. Der Mut, für seine Provokation zur Not auch ins Gefängnis zu gehen, wird auch denjenigen Respekt abfordern, die die Aktion selbst für nicht besonders gelungen halten.

Der zweite Unterschied liegt in der Art und Weise, wie die Boulevardpresse benutzt wurde. Im Fall von #bombergate wurde die Boulevardpresse einfach als Medium verwendet. Man weiß, daß dieses Medium bestimmten Regeln gehorcht, und diesen Regeln haben sich die Aktivistinnen unterworfen. Die Boulevardpresse will Titten – also geben wir ihr Titten. Und im Austausch dafür verbreiten sie dann unsere Parolen. Es handelt sich also einfach um ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Das ist politisch bestenfalls naiv. Die Kommune I hat die Rolle der Boulevardpresse deutlich besser begriffen. Sie ist nicht einfach ein Medium, das man benutzen kann, um Botschaften in die Öffentlichkeit zu transportieren. Sie ist selbst Partei in der politischen Auseinandersetzung. Es muß also darum gehen, die Boulevardpresse dazu zu bringen, sich selbst lächerlich zu machen. Ziel ist es, die Manipulateure der öffentlichen Meinung selbst zu manipulieren, nicht mit ihnen ein Geschäft abzuschließen. Und das erreichte die Kommune I dadurch, daß sie die mediale Propagada so auf die Spitze trieb, daß ihr manipulativer Charakter für jeden denkenden Menschen offensichtlich wurde. Die Springer-Presse wollte die eigene Unterstellung glauben, daß Vietnamkriegsgegner für die Brandkatastrophe in Brüssel verantwortlich gewesen seien; und so ging sie prompt der satirischen Übertreibung der eigenen Berichterstattung auf den Leim.

Das funktioniert aber nur, wenn für den nicht ideologisch vernagelten Leser der satirische Charakter der Provokation sichtbar ist. Und das Mittel, um diesen Effekt zu erreichen, führt uns zur letzten und wichtigsten Differenz: Die Flugblätter der Kommune I sind witzig, der Bomber-Harris-Spruch ist es nicht. Die Texte zum Kaufhausbrand spitzen nicht nur polemisch zu, sondern sie machen das in einer Sprache, die selbst wieder parodistisch ist. Mit diesem Mittel blockten die Kommunarden von vornherein den Vorwurf ab, der die Bomber-Harris-Aktion zu einem politischen Rohrkrepierer machte, nämlich der Vorwurf, die Opfer zu verunglimpfen. Indem sie den Vorwurf vorwegnahmen, gleichzeitig aber dabei die gestelzte Sprache von Politikern und Leitartiklern nachahmten und deren Zynismus auf den Punkt brachten, immunisierten sie sich gegen eine solche Anschuldigung:

„So sehr wir den Schmerz der Hinterbliebenen in Brüssel mitempfinden: wir, die wir dem Neuen aufgeschlossen sind, können, solange das rechte Mass nicht überschritten wird, dem Kühnen und Unkonventionellen, das, bei aller menschlichen Tragik im Brüsseler Kaufhausbrand steckt, unsere Bewunderung nicht versagen.“ ([2])

Das ist urkomisch und schlägt den Ball sofort in das gegnerische Feld, indem es die leeren Phrasen, deren sich die professionelle Betroffenheit bedient, von vornherein bloßstellt.

Das wirklich Schöne an dieser Vorgehensweise ist, daß die Vertreter der bestehenden Ordnung noch nicht einmal in der Lage sind, diese verdinglichte Sprache als solche zu erkennen. In einer typischen Szene während des Prozesse fragte der vorsitzende Richter:

„Geschrieben haben Sie: Dieses knisternde Vietnamgefühl, das wir bislang in Berlin noch missen müssen – das ist doch ein Wunsch?“ ([2])

Worauf ihm Rainer Langhans antwortete:

„Erstmal ist das eine Feststellung, und dann, ich weiß nicht, ob Sie es gemerkt haben, hier ist doch die Sprache der Werbung parodiert worden.“ ([2])

Und genau das markiert die Trennlinie, die ich oben als Hauptaufgabe der politischen Provokation benannt habe. Es ist die Linie zwischen denen, die den Witz verstehen, und den kleinbürgerlich Empörten, die gar nicht merken, daß sie auf die Schippe genommen werden. Der ganze Justizapparat wurde in Bewegung gesetzt – aus Empörung über einen Witz. Damit wurden automatisch diejenigen in das Lager der Antiautoritären gezogen, die in der Lage waren, den Witz zu verstehen, die begriffen, daß es sich um eine Persiflage der Sprache von Bürokraten und Werbestrategen handelte. Dabei machte es gar nichts aus, wenn sie selbst diesen Witz für wenig gelungen, ja geschmacklos hielten. Sie wurden dennoch auf die Seite der Antiautoritären gezogen, weil die Empörung der gegnerischen Seite so offenkundig jeden Maßstab vermissen ließ.

Mit anderen Worten: Die politische Provokation muß geistreich und witzig sein, weil sich dadurch diejenigen, die sich empören, selbst lächerlich machen. Und zu denen will nun wirklich niemand gehören.

Das aber ist aus meiner Sicht das Hauptproblem von #bombergate: Die Aktion war weder geistreich noch witzig. Das meine ich nicht im Sinn einer bloßen Stilfrage, sondern in einem ganz dezidiert politischen Sinn. Das politische Ziel einer solchen Provokation hätte es sein müssen, die Nazis von den wohlmeinenden Bürgern zu spalten. Ganz offensichtlich sind in Dresden und Umgebung die Übergänge zwischen dem legitimen Gedenken der Opfer und ihrer neonazistischen Instrumentalisierung fließend. In einer solchen Situation ist es angemessen, eine klare Trennungslinie zwischen dem demokratischen, antinationalistischen und antifaschistischen Lager auf der einen und den Nazis auf der anderen ziehen zu wollen. Wenn man den Versuch wagt, dann muß es das Ziel der Provokation sein, das Nazi-Lager möglichst lächerlich zu machen und zu isolieren. Die Bomber-Harris-Provokation hat das überhaupt nicht vermocht, ganz im Gegenteil. Wenn das Ganze überhaupt etwas vermocht hat, dann hat es Teile der unentschiedenen oder auch nur unreflektierten Masse den Nazis zugetrieben. Provokationen spalten – das ist ihr Sinn. Aber man hat definitiv etwas falsch gemacht, wenn danach das eigene Lager geschwächt dasteht.

Das ist leider nicht nur das Problem von #bombergate. Diese Aktion ist nur ein besonders plastisches Beispiel dafür, wie gewisse Polit-Sekten, seien es nun Anti-Deutsche oder bestimmte Vertreter von critical whiteness oder auch einer gewissen Spielart des Feminismus agieren. Dort zielt die Provokation eben nicht auf die unentschiedene Masse in der Gesellschaft, die man auf seine Seite ziehen will. Sondern die Provokation richtet sich nach innen, dient der Reinhaltung der eigenen Sekte, um sich von denen abzugrenzen, die auch nur einen Millimeter von der eigenen Linie abweichen – weshalb das Ganze auch immer ziemlich humorlos daherkommt. Die Linie wird nicht im nebulösen Bereich der unentschiedenen Masse gezogen, von denen man möglichst viele zu sich herüberziehen will, sondern immer direkt vor den eigenen Zehenspitzen. Damit ist zwar für ausreichend Krawall und Zoff gesorgt, vor allem im näheren Umfeld. Doch in Hinblick auf eine tatsächliche Veränderung der Gesellschaft ist das in der Regel so relevant wie der berühmte Sack Reis, der in China umfällt.

Und damit endet dieser Exkurs in die Gegenwart. In der kommenden Folge kehren wir wieder zurück zum Aktionsrat für die Befreiung der Frauen. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn die Gruppe Gegen das Alte und für das Neue im Aktionsrat erklärt:

„Das Verdrängen des Problems der Kinder in der Theorie ist symptomatisch für eine entscheidende Lücke in der Zukunftsperspektive für eine sozialistische Gesellschaft.“ ([1], S. 12)

Nachweise

[1] Gruppe: Gegen das Alte und für das Neue, „Bekanntmachung des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.33 (3. Oktober 1969), S.11 – 12 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266745.html).

[2] Langhans, R. & Teufel, F., Klau mich, Frankfurt a.M. 1968.

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21. März 2014 at 13:58

Die Kunst der politischen Provokation (2)

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„Es geht nicht darum, juristisch zu gewinnen – Du musst politisch gewinnen, für Dich.“

Kommune I

Was bisher geschah: Eine Politikerin der Piratenpartei hatte letzten Monat dagegen protestiert, daß die Opfer des verheerenden Bombenangriffes auf Dresden 1945 dazu instrumentalisiert werden, deutsche und alliierte Bombenangriffe während des zwieten Weltkriegs gleichzusetzen. Dazu hatte sie sich den Spruch „Thanks Bomber Harris“ auf den entblößten Oberkörper gepinselt, dies von einem Photographen ablichten lassen und über die Boulevardpresse veröffentlicht. Das Ganze ging mit dem hashtag #bombergate als Fiasko in die Geschichte der Piratenpartei ein.

Die Provokation ist ein Mittel der politischen Auseinandersetzung, das in manchen Fällen sehr effektiv sein kann, sich in anderen aber auch gegen ihre Urheber selbst wendet. Im Fall der angeführten Piratenpolitikerin ging die Provokation schief: Der Schaden für die Piratenpartei und politische Karriere der Provokateurin war immens, ein irgendwie geartete politischer Nutzen ist nicht erkennbar. Um zu verstehen, was bei dieser Aktion schief ging, will ich eine andere Aktion heranziehen, die ihr an „Geschmacklosigkeit“ und „Verhöhnung der Opfer“ sicherlich ebenbürtig war, politisch aber als Erfolg gewertet werden darf. Nächste Woche versuche ich dann im Vergleich zu zeigen, wann und in welchem Umfeld die politische Provokation sinnvoll und wann sie kontraproduktiv ist.

Der Fall, den ich als Kontrast zu #bombergate heranziehen will, ereignete sich im Mai 1967. Material für die Provokation gab ein verheerender Brand im Brüsseler Kaufhaus A l’Innovation ab. Plastisch berichtete Der Spiegel:

„Im ersten Stock, in der Kinderbekleidungsabteilung, hatte eine Verkäuferin die ersten Flammen entdeckt. Die vier Mann starke Hausfeuerwehr rollte die Schläuche aus, doch kein Löschwasser schoß durch die Rohre. Die leise Alarmklingel hielten die Verkäufer für das Zeichen zum Mittagessen; da die Klingelei kein Ende nahm, beklagten sich Verkäuferinnen beim Hausmeister über die angebliche Störung. […] Dann war es zu spät. Kunden und Verkäufer fanden keinen Weg mehr durch die Wand aus Feuer. Sie klammerten sich an Fenstersimse, unter ihnen stockwerketief die Straße, hinter ihnen das Flammenmeer. Einige wagten den Sprung. Sie zerschmetterten auf dem Pflaster und auf Autodächern.“ ([4])

Über 300 Menschen kamen ums Leben, der Sachschaden belief sich nach ersten Schätzungen auf 165 Milllionen DM – und das alles, weil die Brandschutzvorkehrungen des noch im 19. Jahrhundert erbauten Kaufhauses auch nicht ansatzweise den internationalen Standards genügten.

Für die Springer-Presse allerdings waren die offensichtlichen technischen und organisatorischen Mängel, die zu der Katastrophe geführt hatten, kein Thema. Sie mißbrauchte vielmehr die Toten in Brüssel für ihre antikommunistische Agenda und behauptete am 23. Mai:

„In dem Warenhaus L’Innovation wurde für amerikanische Produkte geworben. Kommunisten hatten daraufhin aus Protest gegen den Vietnam-Krieg in den letzten Tagen Feuerwerkskörper und Kanonenschläge in dem Kaufhaus hochgehen lassen. Der Direktor des Kaufhauses, Willy Bernheim: »Vermutlich haben Extremisten den Brand gelegt.« Gerüchteweise verlautete, daß am Sonnabend ein Unbekannter gedroht hatte, im Kaufhaus eine Bombe explodieren zu lassen…“ (zit. nach [2], S 137f)

Jedem denkenden Menschen war klar, daß es sich hier wieder einmal um einen typischen Fall von antikommunistischer Springer-Propaganda handelte. Ulrich Enzensberger von der Kommune I:

„Wir waren sofort überzeugt, daß das eine Falschmeldung war. Wir hielten es für völlig ausgeschlossen, daß Vietnamkriegsgegner das Kaufhaus angezündet hatten. Die europäische Linke war damals pazifistisch bis auf die Knochen. […] Nichtstaatliche Gewalt war ausschließlich eine Sache der Rechten. […] Wir hielten es für überflüssig, auch nur einen Gedanken an die Möglichkeit zu verschwenden, daß an den »Bild«-Behauptungen etwas dran sein könnte.“ ([2], S. 138)

Die Kommune I hatte selbst schon ihre Erfahrungen mit derartiger Terror-Propaganda gemacht. Im vorhergehenden Monat waren die Kommunemitglieder den Bildzeitungslesern als Bombenattentäter vorgeführt worden, weil sie geplant hatten, den US-amerikanischen Vizepräsidenten mit Pudding zu bewerfen. Das Ganze hatte sich dann zu einer ungeheuren Blamage für die Springer-Presse entwickelt, bei der das Gelächter bis heute nachhallt.

Und so sicher sich die Kommunarden waren, daß es sich bei der Springer-Berichterstattung über den Kaufhausbrand um Propagandalügen handelte, so sehr war ihnen auch klar, daß sie mit einem bloßen Dementi diesen Lügen nicht entkräften konnten. Ein Aufklärungsflugblatt, das nur konstatiert hätte, daß die Bild-Zeitung aus durchsichtigen Gründen Stimmung gegen Vietnamkriegsgegner macht, wäre sang- und klanglos untergegangen. Also bedienten sie sich des Mittels der Provokation, um in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Und die Provokation bestand ganz einfach darin, die Springer-Propaganda auf die Spitze zu treiben.

Am 24. Mai veröffentlichten sie vier Flugblätter, in denen sie den an den Haaren herbeigezogenen Zusammenhang zwischen der Brandkatastrophe und den Protesten gegen den Vietnamkrieg bestätigten und übertrieben. Unter der Überschrift „Neue Demonstrationsformen in Brüssel erstmals erprobt“ wurde ein angebliches Mitglied einer angeblichen pro-chinesischen Gruppe „Aktion für Frieden und Völkerfreundschaft“ namens Maurice L. (21) zitiert:

„Wir vermochten uns bisher mit unseren Protesten gegen die amerikanische Vietnampolitik nicht durchsetzen, da die hiesige Presse durch ihre Berichterstattung systematisch den Menschen hier den Eindruck vermittelt, daß ein Krieg dort unten notwendig und zudem gar nicht so schlimm sei. Wir kamen daher auf diese Form eines Happenings, die die Schwierigkeiten, sich die Zustände beispielsweise in Hanoi während eines amerikanischen Bombenangriffs vorzustellen, beheben sollte.“ (zit. nach [2], S. 139)

Dieses und drei weitere Flugblatt blieben nicht unbeachtet. Die Springer-Presse hatte aus dem Puddingattentats-Desaster nichts gelernt und reagierte mit geifernden Pawlowschen Reflexen (B.Z. vom 26. Mai 1967):

„Bitte, halten Sie sich fest: Können Sie sich vorstellen, daß bei uns Leute die furchtbare Kaufhaus-Brandkatastrophe mit ihren fast 400 Toten als linksradikale, anti-amerikanische Heldentat feiern? […] Halten Sie sich fest: Das gibt es tatsächlich. An der Freien Universtität wurden Flugblätter verteilt, die die Unterschrift der »Kommune I« tragen. Die Texte sind von unüberbietbarer Dreckigkeit. Gespickt mit Obszönitäten, die wahrscheinlich auch in einem Bordell zum Hinauswurf führen würden. […] Leute, die die Brüsseler Brandkatastrophe mit ihren fast 400 Toten als »Happening« bezeichnen, sind gemeingefährlich! Wer diese Katastrophe, die möglicherweise auf linksradikale Brandstiftung zurückgeht, verherrlicht und zur Nachahmung empfiehlt, gehört hinter Schloß und Riegel. Polizei und Staatsanwaltschaft sollten die Fahndung nach den Urhebern dieser Flugblätter mit aller Energie betreiben.“ (zit. nach [3])

Tatsächlich wurden sofort der Polizei- und Justizapparat in Bewegung gesetzt. Die zusammenfantasierten Berichte eines völlig frei erfundenen Maurice L. erhielten die Würde echter Statements, wie die B.Z. am Tag darauf nachlegte:

„Die Polizei hält es für durchaus wahrscheinlich, daß die »Kommune I« direkte Verbindungen nach Brüssel hat. Denn zu dem Zeitpunkt, an dem die Flugblätter verteilt wurden, waren bestimmte geschilderte Einzelheiten in der Öffentlichkeit noch nicht bekannt.“ (zit. nach [3])

Der dann wegen der Flugblätter angestrengte Prozeß ist Legende. Selbst Leute, die wenig über 68 wissen, kennen diesen Prozeß zumindest vom Hörensagen. Teufel und Langhans unterminierten von der Anklagebank aus die Autorität des Gerichts nach Strich und Faden. Es verwundert nicht, daß die Voltaire-Flugschrift Klau mich, in der der Prozeß als „Moabiter-Seifenoper“ dokumentiert wurde, bis in die 80er Jahre hinein immer wieder aufgelegt wurde. Am 22. März 1968 erfolgte schließlich der Freispruch. Und auf einmal tönte es aus dem Hause Springer:

„Der Freispruch für die »Kommunarden« Fritz Teufel und Rainer Langhans hat nur wenige überrascht. Denn so geschmacklos und abstoßend die Texte der Flugblätter auch waren, deretwegen beide auf die Anklagebank zitiert wurden, so überflüssig erschien der Aufwand des ganzen Verfahrens. Besser wäre es gewesen, man hätte die Angelegenheit als belanglos zu den Akten gelegt.“ ([1])

In der Tat. Hat man aber nicht.

Nächste Woche werden wir uns dann die Differenzen zwischen #bombergate und den Kommune-Flugblättern im Detail anschauen und die Bedingungen für eine gelungene Provokation herausarbeiten. Freuen Sie sich also auf die nächste Folge, wenn Fritz Teufel meint:

„Wir waren sicher, auf das Unverständnis und auf Mißverständnisse und Entrüstung bei einem gewissen Teil der Berliner Bevölkerung zu stoßen […] und es hat uns nicht mal sehr überrascht, daß dann auch die Berliner Justiz zu diesem Teil der Bevölkerung gehörte, der sich also völlig außerstande sieht, diese Satire und die moralische Empörung, die aus den Flugblättern spricht, in irgend einer Weise zu verstehen.“ ([3])

Nachweise

[1] Die Welt (Berlin), 23. März 1968:Freigesprochen“ (Bi.), S.2.

[2] Enzensberger, U., Die Jahre der Kommune I, München 2006.

[3] Langhans, R. & Teufel, F., Klau mich, Frankfurt a.M. 1968.

[4] Redaktioneller Beitrag, „Leises Klingeln“, in: Der Spiegel, Jg.21 (1967), Nr.23 (29. Mai 1967), S.128 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46409372.html).

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14. März 2014 at 18:16

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

Die Kunst der politischen Provokation (1)

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„Don’t mention the war!“

Basil Fawlty

Diese Woche gibt es, aus aktuellem Anlaß, keine Fortsetzung meiner kleinen Geschichte der Frauenbewegung in der BRD. Stattdessen widmet sich dieses Blog der Frage, welchen Sinn politische Provokationen haben und was ihr legitimes Ziel sein könnte. Und da dies ein Blog über die Geschichte der Antiautoritären Bewegungen ist, werden die späten 60er Jahre dabei nicht zu kurz kommen.

Kurz der Anlaß für dieser Programmänderung: Seit Ende der 90er Jahre versuchen Neonazis, die Bombardierung Dresdens im zweiten Weltkrieg zu instrumentalisieren, um die deutschen Kriegsverbrechen im zweiten Weltkrieg zu relativieren. Dazu veranstalteten sie regelmäßig am 13. Februar, dem Jahrestag der Bombardierung, Aufmärsche in Dresden. Diese wurden allerdings seit einigen Jahren durch ein breites Bündnis massiv behindert, daß die Faschisten mehr und mehr die Lust an diesen Aufmärschen verloren. Dieses Jahr war es dann so weit, daß sie ganz darauf verzichteten, am 13. Februar zu demonstrieren. Das wurde allerdings nicht offen verkündet, um die Gegendemonstranten ins Leere laufen zu lassen. Stattdessen hatten sie eine Kundgebung für den Abend des 12. Februar angemeldet. Laut DNN-Online wurden zu dieser Kundgebung 50 Neonazis erwartet, tatsächlich waren dann ein paar Hundert da, die durch die Dresdner Innenstadt zogen.

Soweit die Ausgangslage. Durch diese Vorverlegung des eher jämmerlichen Naziaufmarsches wurden allerdings Antifa-Aktivisten, die für den nächsten Tag nach Dresden mobilisiert hatten, um das Vergnügen gebracht, einen Nazi-Aufmarsch zu verhindern. Unter diesen Betrogenen war auch eine Politikerin der Piratenpartei, die im Bus nach Dresden davon erfuhr, daß die Nazis schon marschierten, während sie noch auf der Autobahn war. Aus dieser Frustration heraus wurde dann eine Aktion geboren, die die in der Öffentlichkeit hohe Wellen schlagen sollte: Sie posierte zusammen mit einer anderen Frau im Stil der Femen-Aktivistinnen, das heißt, mit entblößten Oberkörpern, auf den Parolen gepinselt waren. Im Falle der Piraten-Politikerinn war das der Spruch: „Thanks Bomber Harris“. Anders als die Femen-Aktivistinnen hatten sich die beiden Frauen allerdings vermummt, um nicht identifiziert werden zu können. Ein professioneller Photograph lichtete die beiden Frauen ab, die Photos wurden dann über eine Agentur an die Boulevardpresse verkauft.

Zuerst druckte die Bild-Zeitung in Dresden die Photos ab, schnell folgten weitere Boulevardblätter. Gleichzeitig wurden die Photos über Twitter verbreitet. Diese massive mediale Aufmerksamkeit führte dazu, daß die Anonymität nicht besonders lange währte, die Identifikation erfolgte innerhalb kürzester Zeit. Zu diesem Zeitpunkt allerdings leugnete die Politikerin ab, daß sie es sei, die auf den Bildern mit dem Bomber-Harris-Spruch zu sehen sei. Bei einer Privatperson wäre das nun auch nicht besonders schlimm; allerdings ist sie keine reine Privatperson, sondern sie bekleidet öffentliche Funktionen. Sie ist in eine der Bezirksverordnetenversammlungen in Berlin gewählt und steht auf der Kandidatenliste der Piratenpartei für die Europawahl, und zwar auf einem durchaus aussichtsreichen Listenplatz. Dadurch verwickelte sie auch ihre Partei in die Aktion. Der Bundesvorstand der Piratenpartei vertraute zunächst den Aussagen seiner Europa-Kandidatin und stellte sich demonstrativ vor sie. Um so größer war die Blamage und der Schaden für die Reputation der Partei, als die Beteiligung an der Aktion nicht mehr abzustreiten war. Es folgte eine öffentliche Entschuldigung der Politikerin, samt einer Erklärung, wie es zu dieser Aktion gekommen war.

Da wahrscheinlich nicht alle meine Leser die Geschichte des Bomber-Harris-Spruchs kennen, hier kurz seine Geschichte: Sir Arthur Travers Harris von der Royal Air Force war im Zweiten Weltkrieg für das Flächenbombardement von deutschen Städten verantwortlich, darunter auch den Angriff auf Dresdens. Als nach dem Zusammenbruch der DDR und der Wiedervereinigung der deutsche Nationalismus sich gewaltätig in Pogromen gegen Asylbewerberheime manifestierte, bildete sich in der deutschen Linken ein antinationalistischer Konsens, der in der etwas schrägen Parole „Nie wieder Deutschland!“ zum Ausdruck gebracht wurde. Innerhalb dieses antinationalistischen Konsenses bildete sich schnell eine Splittergruppe heraus, die sich als die „Anti-Deutschen“ bezeichneten. Es würde hier deutlich zu weit führen, die Irrungen und Wirrungen dieser Anti-Deutschen in den nächsten Jahren nachzuzeichnen. Charakteristisch für diese Gruppierung ist, daß sie alle militärischen Abenteuer der USA und ihrer Verbündeten, sei es auf dem Balkan, in Afghanistan oder im Irak bedingungslos feiert, und zwar mit Berufung auf deren Rolle als Befreier im Zweiten Weltkrieg. Aus dieser Überidentifikation mit den (westlichen) Gegnern des Nationalsozialismus wurde dann auch irgendwann in den 90er Jahren die Parole „Thank you, Bomber Harris“ geboren, um sich sowohl von einer pazifistischen oder wie auch einer antiimperialistischen Linken abzugrenzen.

Im Kontext des Dresdner Gedenkens zum Jahrestag der Bombardierung ist diese nun auch schon zwei Jahrzehnte alte Parole natürlich nicht nur ein den Nazis ins Gesicht gereckter Stinkefinger; sie stellt auch einen ganz bewußten Angriff auf das bürgerlich-pazifistische Gedenken dar, auch wenn sich das zumindest selbst als Gegenentwurf zur Nazi-Instrumentalisierung der Toten versteht. Vertreter der anti-deutschen Linie der Antifa unterstellen diesem bürgerlich-pazifistischen Gedenken, es handle sich dabei um eine Form nationalistischer Entlastung, weil es die Bombenopfer von Dresten mit den Opfern von Guernica und Coventry in eine Reihe stelle. Damit würde man sich mit den Opfern des Nationalsozialismus identifizieren. Auf dem gleichen argumentativen Niveau ließe sich aber auch sagen, daß die Identifikation mit Bomber Harris eine ebensolche Entlastungsfunktion habe. Weder auf die eine noch auf die andere Weise läßt sich die blutige deutsche Erbschaft einfach ausschlagen.

Soweit also zunächst einmal zur Faktenlage zu #bombergate, wie die Aktion dann auf Twitter bezeichnet wurde. Warum findet diese Aktion nun, drei Wochen nach dem Ereignis, Eingang in dieses Blog? Ganz einfach: Weil ich die gängige Kritik an dieser Aktion für falsch halte.

Schnell war die Bildzeitung mit der Anklage zur Hand, es handle sich bei den Bildern der Aktivistinnen um eine „Verhöhnung der 25.000 Bombenopfer von Dresden“. Tatsächlich aber stinkt das Argument von der „Verhöhnung von Opfern“ zum Himmel. Es ist eines dieser leeren Befindlichkeitsargumente, das in der selben Liga mitspielt wie die „Verletzung religiöser Gefühle“. Wer hier eigentlich der Geschädigte sein soll, was der Schaden ist und warum das alles ganz furchtbar schlimm ist, bleibt völlig unerfindlich. Wo nicht mehr vom Aufeinanderprallen unterschiedlicher politischer Ansichten die Rede ist, von unterschiedlichen Interessen, die zueinander in Konflikt stehen, sondern nur noch davon, wer in seinen Gefühlen verletzt worden ist, hat der politische Diskurs abgedankt.

Natürlich ist es unhöflich, auf den Gefühlen anderer Leute herumzutrampeln. Und im zivilen Leben gehört sich das überhaupt nicht. Das gilt aber nicht für den politischen Raum. Wo es um politische Konflikte geht, haben Rücksichten auf die Gefühle des politischen Gegners nichts zu suchen. Damit meine ich nicht, daß man politische Auseinandersetzungen auf eine persönliche Ebene ziehen und Menschen persönlich beleidigen soll. Aber ich kann in meiner politischen Argumentation keine Rücksicht darauf nehmen, daß bestimmte Themen vom politischen Gegner rein subjetiv als verletzend empfunden werden könnten.

Und „Thank you, Bomber Harris!“ ist eine politische Parole, die durchaus einen präzise benennbaren Inhalt hat. Sie macht deutlich, daß es einen fundamentalen Unterschied zwischen den britischen Bombenangriffen auf Deutschland und deutschen Bombenangriffen auf Großbritannien gegeben hat. Es ist nicht einmal im Gedankenexperiment vorstellbar, daß die National Front in Coventry mit der Parole „Danke, Hermann Göring!“ auf die Straße gehen könnte. Insofern enthält diese Parole keinerlei „Verhöhnung der Opfer“ – sie macht nur klar, daß die Opfer von Dresden aus anderen Gründen zum Opfer wurden als die Opfer in Coventry. Und wer mit dieser Unterscheidung Probleme hat, soll sich zurecht von der Parole angegriffen fühlen. Wer aber den Unterschied versteht, wird darin auch keine Verhöhnung der Opfer erkennen.

Auf dieser rein sachlichen Ebene (das unterstelle ich jetzt einmal) müßten dann auch die meisten Dresdner durchaus Verständnis für die Bomber-Harris-Parole haben. Das Problem beginnt dort, wo wir die sachliche Ebene verlassen. Denn es handelte sich ja nicht um eine ausgearbeitete Rede, in der sine ira et studio aufgedröselt wird, in welch schwierigem Spannungsfeld das Gedenken für die Opfer der Dresdner Bombennacht oszilliert. Das Statement wurde ganz bewußt in Form einer Provokation in die Öffentlichkeit geschleudert. Und die Form ist dem Inhalt keineswegs äußerlich.

Die politische Provokation ist ein ganz spezielles Mittel aus dem politischen Werkzeugkasten. Und sie ist ein gefährliches Werkzeug, das in den Händen von Dilettanten sehr schnell ziemlichen Schaden anrichten kann – wie eben im geschilderte Fall. Um aber zu verstehen, was im Fall von #bombergate alles schief lief, werden wir uns dazu einem ähnlichen, aber professionell durchgezogenen Fall politischer Provokation zuwenden. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn die Kommune I schreibt:

„Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelt zum erstenmal in einer europäischen Großstadt jenes knisternde Vietnamgefühl (dabei zu sein und mitzubrennen), das wir in Berlin bislang noch missen müssen.“ ([1])

Nachweise

[1] Langhans, R. & Teufel, F., Klau mich, Frankfurt a.M. 1968.

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7. März 2014 at 17:21

Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen

Getaggt mit ,

Haare!

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Die Frauenbewegung in der BRD (23)

„Daß also Frauen freiwillig mit anderen Frauen etwas gemeinsam gemacht haben, das war sensationell.“

Helke Sander

Was bisher geschah: Der große Kindergärtnerinnen-Streik, der in Berlin nicht nur die Bedingungen in den öffentlichen Kindergärten verbessern, sondern allgemein die Macht der arbeitenden Frauen sichtbar machen sollte, wurde durch mutwillige Sabotage der Gewerkschaften verhindert.

Es ist schwer zu sagen, welchen Anteil die gescheiterte Streikagitation an der Krise des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen hatte. Aber man spekuliert wohl nicht ganz ins Blaue hinein, wenn man vermutet, daß eine derartige gemeinsame Anstrengung für einige Zeit die inneren Widersprüche im Aktionsrat unter den Teppich kehren konnte. Diese Widersprüche brachen dann nach dem Scheitern dieser aktivistischen Phase umso vehementer auf.

Doch bevor ich auf die Details eingehe, wie im Herbst 1969 der Aktionsrat in verschiedene Fraktionen zerbrach, will ich einige eher allgemeine Überlegungen zur Diskussion stellen, wie sich das Verhältnis von Ereignis, spontanter Aktion und Organisation denken läßt.

Ich hatte in diesem Blog schon mehrfach auf die Kategorie des Ereignisses verwiesen. Das Ereignis ist ein kontingenter historische Augenblick, der als Trauma erfahren wird. Und dieses traumatische Ereignis verändert, zumindest für einen Teil der Gesellschaft, die Wahrnehmung dieser Gesellschaft grundlegend. Für die BRD und ganz besonders für West-Berlin war dieses traumatische Ereignis sicherlich die Ermordung Benno Ohnesorgs durch einen Polizisten während des Schah-Besuches in Berlin.

Diejenigen, die dem Treiben der linksradikalen Grüppchen in den Monaten und Jahren zuvor vielleicht nicht ganz ablehnend gegenüberstanden, deren Thesen über den gewalttätigen und ausbeuterischen Charakter des gegenwärtigen Gesellschaftssystems dennoch als hoffnungslos übertrieben abtaten, wurden durch das Ereignis aufgeschreckt. Zuvor herrschte der naive Glaube, es würde in dieser Gesellschaft schon alles richtig laufen; und wo es nicht so richtig lief, was ja kein Wunder ist, denn die Menschen sind ja fehlbar, dann waren die gesellschaftlichen Institutionen schon so eingerichtet, daß sie derartige Schieflagen wieder ausgleichen konnten. Etwas Protest konnte nicht schaden, um den demokratischen Prozeß in Gang zu halten, aber man brauchte es dabei ja auch nicht zu übertreiben.

Die Kugel im Schädel Benno Ohnesorgs, die Lügen der Polizei und der Medien, der Versuch der Verantwortlichen, den Tod Ohnesorgs den Demonstranten in die Schuhe zu schieben, all das ließ diesen naiven Glauben wie eine Seifenblase zerplatzen. Gleichzeitig machten dann viele neben der Erfahrung der gemeinsamen Trauer, auch die der Solidarität und des kollektiven Handelns: Aus isolierten Grüppchen wurde eine Bewegung.

Man darf sich das alles nicht zu sehr sponaneistisch vorstellen. Das Ereignis kommt nicht einfach aus dem Nichts, es entspringt nicht einer mystischen Spontaneität der Massen. Es ist vorbereitet, es existiert bereits in Form einer Leerstelle, die es dann ausfüllt, wenn es eintritt. Ich meine das nicht zynisch in dem Sinn, daß auf die Ermordung eines Studenten gewartet worden wäre. Sondern in dem Sinn, daß die alte Werteordnung schon so angegriffen und brüchig war, daß es nur eines Anstoßes bedurfte, um die alte symbolische Ordnung wie ein Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Notwendig war dafür nur ein Symbol, in dem sich das ganze Unbehagen an der gegenwärtigen Ordnung mit einem Schlag auskristallisieren konnte. Darin unterscheidet sich der Tod Benno Ohnesorgs grundlegend vom Tod des Demonstranten Philipp Müller fünfzehn Jahre zuvor: Letzterer blieb für die Ordnung der BRD folgenlos, denn die Situation des Jahres 1952 war nicht so, als daß sein Tod Symbolcharakter hätte annehmen können.

Das Ereignis zerbricht also durch seinen Symbolcharakter zumindest für einen Teil der Gesellschaft die Bindung an die alte Werteordnung. Das ist zum einen zweifellos eine befreiende Erfahrung. Zum anderen ist diese Befreiung aber auch erschreckend. An die Stelle der alten Werteordnung muß eine neue Ordnung treten, eine neue Struktur, die das Chaos bändigt, das der Zerfall der alten Ordnung im Bewußtsein der Individuen hervorruft. In diesem Augenblick schlägt die Stunde der Organisationen – im Fall des 2. Juni 1967 die Stunde des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Der SDS hatte sich schon vor dem 2. Juni als Sprachrohr der außerparlamentarischen Opposition hervorgetan, er war durch die Medien bekannt und somit die erste Adresse, an die man sich wenden konnte, als der Aktionismus der ersten Tage nach dem Tod von Benno Ohnesorg abflachte.

Allerdings mußten gerade Frauen feststellen, daß ihnen der SDS keineswegs die Orientierung bot, die sie sich von ihm erwartet hatten. Hier kam ganz massiv die Diskrepanz zum Tragen, auf die ich schon früher hingewiesen habe. Frauen, die vor dem Ereignis am 2. Juni 1967 Mitglied im SDS geworden waren, wurden durchaus als gleichberechtigt angesehen und prägten den Verband sowohl organisatorisch wie auch intellektuell entscheidend mit. Als der Verband aber auf einmal zu einer Massenorganisation anschwoll, dominierten auf einmal die Wortführer diverser Fraktionen; und diese debattierten in einer Sprache, die für die Neuhinzugekommenen ein Buch mit sieben Siegeln war. Und das galt für die Frauen um so mehr, als diese ja deutlich schlechtere Chancen hatten, den Wissensvorsprung der SDS-Macker einzuholen. Die ursprüngliche Intention, die Helke Sander und Marianne Herzog mit der Gründung des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen hatten, war ja dann auch gerade dies, den Frauen die Gelegenheit zu geben, zu den Männern in politischer Hinsicht aufzuschließen:

„Die Veranstaltungen, bei denen der SDS dabei war, zeichnete sich dadurch aus, daß das zuhörende Publikum auf das intelligenteste informiert wurde und daß die Argumente […] nirgendwo anders zu erfahren waren. Daß sie gleichzeitig unlösbar verquickt waren mit Eitelkeiten und männlicher Selbstdarstellung und auch Machtkämpfen, war ein Beiprodukt […]. Die Frauen, die angefangen hatten, sich zu versammeln, die die ersten Kinderläden gegründet hatten, hatten das gemacht, um für sich selbst mehr Zeit zu gewinnen, um an genau diesen Veranstaltungen, nach denen wir ausgehungert waren, mitzumachen und unseren Teil dazu beizutragen, für mehr Gerechtigkeit auf der Welt zu sorgen.“ ([4], S. 47f)

Das erste Ziel, das mit der Gründung des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen verfolgt wurde, war somit ein praktisches: Frauen, insbesondere Müttern die Zeit zu geben, sich am politischen Prozeß zu beteiligen. Und es gab sehr viele Mütter, die durch das Ereignis aufgerüttelt wurden und das Gefühl hatten, daß sich etwas grundsätzlich ändern müßte.

Das zweite Ziel ergab sich beiläufig, aus der Tatsache der Existenz des Aktionsrates: Selbstverständigung und dadurch auch die Schaffung von Selbstvertrauen. Helke Sander erinnert immer wieder gern an die ganz subjektive Bedeutung der Treffen für die Individuen:

„Ich werde nie vergessen, was diese eine Frau gesagt hat. Wir hatten uns immer mittwochs getroffen […]. Also: Mittwochs kommt sie immer ganz beschwingt nach Hause zu ihrem Freund und ist ganz stark, und dann sagt er irgend etwas, und dann kan man lachen und nimmt das so hin; am Donnerstag denkt sie daran, wie schön es doch am Mittwoch war; am Freitag ist sie dann nicht mehr ganz so stark und ab Sonnabend fängt sie nur noch an, sich wieder auf Mittwoch zu freuen.“ ([3], S. 34)

Tatsächlich begründete der Aktionsrat eine neue Form des Umgangs, die so bislang in den politischen Gruppen nicht existierte. Frigga Haug erinnert sich ganz entsetzt an ihre erste Teilnahme an einem Aktionsratsplenum:

„Das Treffen fand im Republikanischen Club statt, und ich kann dieses erschreckende Gefühl nur so ausdrücken: »Der Raum war voller Haare.« Das war wirklich mein Haupteindruck, nur Haare! Viele Frauen hatten lange Haare, und ich merkte daran, dass ich bisher nur Männergruppen gewohnt war, und nun musste ich durch diese Haare hindurch wie durch einen Dschungel. […] Hinzukam, dass die Frauen sich alle untereinander kannten und sich umarmten. […] In diesem Raum befanden sich also nur lange Haare, die zudem alle ineinander verschlungen waren, weil die Frauen sich herzten und küssten und einander fast auf dem Schoß saßen.“ ([2], S. 189f)

Die ursprüngliche Absicht, die hinter der Gründung des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen steckte, bezog sich höchstens mittelbar auf die Veränderung der Gesellschaft, sondern zunächst einmal auf die Veränderung der Individuen und deren realer Situation. Der Aktionsrat war zunächst unmittelbar praktisch gedacht, nicht theoretisch.

Doch keine Praxis ohne Theorie. Seien Sie also gespannt auf nächste Woche, wenn für einige „Genossinnen aus dem Aktionsrat“ Schluß ist mit lustig:

„Um mit der Schulung anzufangen, beginnen wir noch in diesem Monat mit einem Arbeitskreis über das Kapital, zudem empfehlen wir, in unserem Seminar an der PH über geschlechtsspezifische Sozialisation mitzuarbeiten.“ ([1], S. 9)

Nachweise

[1] Genossinnen aus dem Aktionsrat, „Zur Frauenemanzipation. Für eine Politisierung des Aktionsrates zur Befreiung der Frau“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.35 (17. Oktober 1969), S.9 (http://www.infopartisan.net/archive/1967/266747.html).

[2] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

[3] Sander, H.: „Das Private ist das Politische. Gespräch mit Hilke Schlaeger“, in: Schlaeger, H. (Hg.), Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung, München 1988, S. 23 – 36.

[4] Sander, H.: „Der Seele ist das Gemeinsame eigen, das sich mehrt“, in: Heinrich-Böll-Stiftung und Feministisches Institut (Hg.), Wie weit flog die Tomate?, Berlin 1999, S. 43 – 56.

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28. Februar 2014 at 17:13

Frauen gemeinsam sind stark

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Die Frauenbewegung in der BRD (22)

„Ihr ward so blöd, so lang zu jammern,
wir sind stark, wir sind nicht schwach.
Sollen die Chefs doch kommen,
wir wissen jetzt, was wir wollen.

Wir machen die Arbeit,
wir machen die Arbeit,
wir schaffen die Moneten!

Jetzt ist Feierabend!
Jetzt ist Feierabend!

Wir Frauen gemeinsam sind stark!
Wir Frauen gemeinsam sind stark!“

Ton Steine Scherben

Was bisher geschah: Seit Januar 1968 organisierten sich Berliner Kindergärtnerinnen, um mittels eines Warnstreiks bessere Bedingungen in den öffentlichen Kindergärten Berlins durchzusetzen. Den DGB-Gewerkschaften, die voller Ressentiments gegen den antiautoritären Protest waren, schmeckte das gar nicht: Sie versuchten, den Streik zu sabotieren, indem sie den Streik zunächst von Ende Mai auf den 10. Juni verschoben. Kurz vor dem geplanten Streiktermin nahmen sie dann Verhandlungen mit dem Senat auf und vereinbarten eine Friedenspflicht bis zum 12. Juni.

Als auf der Versammlung am 4. Juni bekannt wurde, daß die ÖTV erneut versuchte, den Streik durch eine Terminverschiebung zu sabotieren, setzte sich die Versammlung darüber hinweg. Schließlich sollte der Streik nicht einfach nur ein Druckmittel sein, um in Verhandlungen mit dem Berliner Senat einzutreten. Denn so wurde der Streik offensichtlich von der ÖTV aufgefaßt.

Es ist durchaus davon auszugehen (leider stehen dem Autor die entsprechenden Dokumente, falls es diese noch geben sollte, nicht zur Verfügung), daß die ÖTV ihre Aufgabe nicht ausschließlich darin sah, den Streik zu verhindern. Es ist zu vermuten, daß sie durchaus eine Verbesserung der Lage für die Kindergärtnerinnen erstreiten wollten. In diesem Kontext war ihnen die Streikdrohung sicherlich willkommen. Aber eben nur als Drohung, nicht als tatsächlicher Streik. Für sie stellte der Streik nur ein Faustpfand in den Verhandlungen mit dem Senat dar – Gewerkschaftstaktik eben.

Hinzu kam, daß sie einfach keine Erfahrungen mit derartigen Basisbewegungen hatten und ihnen im Rahmen des bereits geschilderten antikommunistischen Klimas in Berlin zutiefst mißtrauten. Der Arbeitskreis der Sozialpädagogen kam später zu der durchaus treffenden Einsicht:

„Den an Tarifrituale gewöhnten Gewerkschaftsfunktionären mußte die Qualität der Forderungen, die Spontanität der Versammlungen zumal angesichts der Mitarbeit radikaler Genossen aus anderen Bereichen in der Kindergärtnerinnenagitation unheimlich und unberechenbar vorkommen.“ ([5], S. 3)

Außerdem muß man sich klarmachen, daß die Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Senat keineswegs Verhandlungen zwischen politischen Gegnern waren:

„Der ÖTV -Boss Schwäbl ist gleichzeitig SPD-Funktionär und sitzt im Abgeordnetenhaus. Die dem Deutschen Beamtenbund angeschlossene Gewerkschaft der Berliner Senatsbürokratie, der Komba, ist personell mit der CDU verflochten. Viele kleine Sickerts sitzen bei Berliner Tarifverhandlungen augenzwinkernd ihren Duz-Freunden aus der Staatsbürokratie gegenüber.“ ([1], S. 5)

Aus Sicht der Gewerkschaften also war eine Streikdrohung durchaus akzeptabel, um die eigene Verhandlungsposition zu stärken, nicht aber ein tatsächlicher Streik.

Im Gegensatz dazu verfolgten die Antiautoritären aus dem Arbeitskreis der Sozialpädagogen und vor allem dem Aktionsrat zur Befreiung der Frauen mit dem Streik der Kindergärtnerinnen eine weit über die üblichen gewerkschaftlichen Taktierereien hinausgehende Strategie. Der Kindergärtnerinnenstreik sollte ein Fanal sein, das die Macht der Frauen und insbesondere der Mütter ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit rücken sollte. Nicht nur die Kindergärterinnen sollten streiken, sondern die davon betroffenen Mütter sollten ebenfalls nicht zur Arbeit gehen. Im Gegensatz zur damaligen gesellschaftlichen Propaganda, die die Frauen vor allem in der Rolle der Hausfrau sah, waren, gerade in Berlin, weibliche Arbeitskräfte ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Um dies sichtbar zu machen, richtete sich eines der vom Aktionsrat verfaßten Comic-Flugblätter explizit an arbeitende Mütter. In diesem Flugblatt ging es nicht darum, den Streik zu erklären und um für Sympathie für die Kindergärtnerinnen zu werben. Denn natürlich stellte so ein Kindergärtnerinnenstreik arbeitende Mütter vor ein echtes Problem. Das Flugblatt rief vielmehr dazu auf, am Tag des Streiks einfach zu Hause zu bleiben. Explizit heißt es darin:

„Wir gehen am Streiktag nicht zur Arbeit, sondern zur Kundgebung der Kindergärtnerinnen. Wenn wir einen Tageslohn für uns und unsere Kinder investieren, werden wir in der Zukunft viel mehr gewinnen.“ ([4], S.8)

Und in einer Sprechblase erklärt eine Frau verschwörerisch:

„Weil wir noch nicht organisiert streiken können, sind wir am 10. Juni eben einfach krank!“ ([4], S. 8)

Deswegen war es wichtig, daß der Streik stattfand, völlig unabhängig davon, ob man sich nun in Verhandlungen mit dem Senat befand oder nicht. Denn er sollte nicht einfach ein Druckmittel gegenüber dem Senat sein, sondern vor allem dokumentieren, welche Macht die Frauen hätten, wenn sie sie nur nutzen würden. Das Flugblatt endete dann auch mit der Parole „Frauen gemeinsam sind stark“ – eine der ganz wichtigen Parolen des Frauenbewegung in der BRD (und ich vermute fast, daß sie hier zum ersten Mal auftauchte, auch wenn ich mir da nicht ganz sicher bin; später wurde sie jedenfalls von Rio Reiser in einem gleichnamigen Stück von Ton Steine Scherben verwendet, das er für Helke Sanders Film Eine Prämie für Irene (1971) schrieb).

Die Versammlung am 4. Juni war sich also, trotz des erneuten Ausscherens der ÖTV darin einig, den Streik am 10. Juni durchzuziehen, auch weil sie sicher war, von der nicht DGB-Gewerkschaft Komba unterstützt zu werden. Die Versammlung wählte ein Vorbereitungskomitee, das die Agitation für den Streik in der heißen Phase koordinieren sollte. Am Samstag, den den 7. Oktober wurde noch einmal massiv in der Berliner Bevölkerung geworben. Der Berliner Extradienst rief zur Solidarität auf:

„SOLIDARITÄT MIT DEN KINDERGÄRTNERINNEN!
Am 10. Juni streiken Westberlins Kindergärtnerinnen. Solidarisiert Euch und klebt das Solidaritäts-Plakat an die Autoscheibe. EXTRADienst hat es zum Ausschneiden auf der letzten Seite untergebracht. Kommt mit Euren Autos mit dem Roten Punkt und dem Solidaritäts-Plakat zum Autokorso am heutigen Sonnabend, 11.30 Uhr ab Hammarskjöld-Platz. Die Kindergärtnerinnen halten dort für Euch Plakate und Flugzettel bereit.“ ([3])

Doch auch der Senat agierte nicht ungeschickt und lud erstmals die Vertreter des Komba zusammen mit den DGB-Gewerkschaften zu einer ersten Verhandlungsitzung am Tag vor dem Streik ein. Als sich an diesem Tag das Vorbereitungskomitee mit dem Komba traf, mußte es erfahren, daß auch dieser nun aus der Streikfront ausscherte und dafür plädierte, ebenso wie die ÖTV, erst am 13. zu streiken, falls der Senat nicht zu substantiellen Zugeständnissen bereit sei. Das war ein schwerer Schlag. Erneut wurde für den Abend des 9. Juni eine Vollversammlung einberufen. Es war offensichlich, daß die Mehrheit nicht ohne gewerkschaftliche Unterstützung streiken wollte. Schon vor dem Ausscheren des Komba hatten die ÖTV-Funktionäre auf der letzten Versammlung Einschüchterungsarbeit geleistet:

„ÖTV-Leute machten darauf aufmerksam, daß nur der von ihnen unterstützte Streik – gesprochen wird vage vom 12. oder auch 13. Juni – »legal« sei, während die Kindergärtnerinnen, die am 10. Juni streiken wollen und nicht in der Komba organisiert sind, einen »wilden« Streik durchführen und möglicherweise Repressionen ausgesetzt seien.“ ([2])

Die Versammlung am Abend vor dem Streik war unentschieden, ließ sich dann aber doch von den Gewerkschaften über den Tisch ziehen und stimmte, zugunsten einer einheitlichen Streikfront, für einen Streik am 13. Juni. Der Arbeitskreis der Sozialpädagogen kommentierte dann später resigniert:

„Die Gewerkschaften hatten nun freie Hand: Sie brauchten den Streik nur noch abzublasen. Und das taten sie.“ ([1], S. 5)

Der Senat hatte einige kleinere Zugeständnisse gemacht, was den Gewerkschaften dann als Vorwand ausreichte, um den Streik komplett abzusagen. Damit war die Luft aus der Bewegung herausgelassen. Im Herbst wurde dann zwar noch einmal versucht, einen Kindergärtnerinnenstreik auf die Beine zu stellen, doch auch dieser wurde wieder von den Gewerkschaften sabotiert. Damit war das größte öffentlichkeitswirksame Projekt des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen gescheitert. Für den Aktionsrat bedeutete das das Ende. Er zerbrach, nicht untypisch für lose organisierte Gruppierungen nach einer aktionistischen Phase, in verschiedene Fraktionen.

In den nächsten Folgen dieses Blogs wird deshalb dieser Zerfallsprozeß, so weit es geht, rekonstruiert werden. Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn Frigga Haug meint:

„Es war vielleicht ein Machtkampf zwischen Helke und mir, aber der Aktionsrat blieb bestehen. Manche sagen, er wurde »gespalten«. Doch Spaltung ist nicht das richtige Wort, wenn sieben gehen und etwa hundert Frauen und damit die Mehrheit übrig bleiben.“ ([6], S. 191)

Nachweise

[1] AK der Sozialpädagogen im RC, „Die BEWEGUNG unter den Westberliner KINDERGÄRTNERINNEN“, in: Rote Presse Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.18 (20. Juni 1969), S.3 – 6.

[2] Anonym, „Kindergärtnerinnenstreik: ÖTV/BVL will verschleppen“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.45 (7. Juni 1969), S.3.

[3] Anonym, „Solidarität mit den Kindergärtnerinnen!“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.45 (7. Juni 1969), S.1.

[4] Anonym, „Westberlin, 10. Juni: Streik der Kindergärtnerinnen. Frauen sollen mitstreiken“, in: Berliner Extra-Dienst, Jg.3 (1969), Nr.44 (4. Juni 1969), S.7.

[5] Arbeitskreis der Sozialpädagogen im RC, „Warum kein Streik der Kindergärtnerinnen? Analyse des aufgeschobenen Streiks“, in: Sozialpolitische Korrespondenz, Jg.1 (1969), Nr.2 (30. Juni 1969), S.1 – 3.

[6] Haug, F.: „»Frauenpolitik galt als kleinbürgerlich«“, in: Kätzel, U. (Hg.), Die 68erinnen – Porträt einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002, S. 180 – 198.

Written by alterbolschewik

21. Februar 2014 at 18:06

Veröffentlicht in Feminismus

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