Hans heißt die Kanaille!
Bei Che http://che2001.blogger.de/stories/1424929/#comments meint Saltoftheearth, Professor Sinn habe schon immer mit dem Herzen reguliert. Dazu das Folgende.
Neben interessanten Juden-Vergleichen, die aufhorchen ließen, verdient Prof. Sinn auch Beachtung als Vertreter jener Mentalität eines Schmierenopportunismus, der auch nach der “Wende” schon immer SED-kritisch, und nach ‘45 schon immer im Widerstand war. Dafür ist sein jüngstes Buch der Beleg, für nichts anderes. Und was den “Laschheitswettbewerb” der Regulierung betrifft, den Sinn konstatiert, hätte man das bereits seit Jahren bei Albrecht Müller und auf seiner Website nachlesen können. Dass Sinn auch am Kieler Institut die dort herrschende Lehre nachgebetet hat, verwundert nicht. Wenn morgen um 14 Uhr am Standort D der Realsozialismus eingeführt wird, erklärt Professor Sinn um 15 Uhr, dass er schon immer für die Planwirtschaft war.
Seit Sinn das bis dahin strikt sachliche Ifo-Institut durch, ähm, aktive Personalpolitik auf stramm neoliberal getrimmt hatte, kenne ich die Folgen dieser Sorte Wissenschaft. Bis dahin nämlich waren die Zahlen und Analysen des Instituts eine meiner unverzichtbaren Arbeitsgrundlagen für Situationsanalyse und Prognostik sowie für Strategieempfehlungen hinsichtlich Produktentwicklung, Marketing und Personalentwicklung; dies alles hauptsächlich für Klienten der Branchen Finanzdienstleistungen, Energie, Touristik. Ab Sinn war das nur noch bedingt brauchbar.
Seit 10 Jahren jodelt diese INSM-Tröte uns einen vor mit Deregulieren, Flexibilisieren, Privatisieren. In zahllosen TV-Auftritten und Interviews hat er stets und ausnahmslos genau das vertreten, und jeden, der auch nur die Worte “… und Verluste werden sozialisiert” gebrauchte, als Linksdeppen hingestellt, der nichts von Wirtschaft versteht. Genauso wurde abgebügelt, wer vor den Gefahren der Finanzmärkte warnte. Als ausgewiesener Apologet des Gleichgewichtskäses durfte er die Warnungen gar nicht ernst nehmen.
Wo war denn der knallharte Durchregulierer Sinn, als Steinbrück und Asmussen die Finanzmarktliberalisierungsgesetze machten? Ein Pieps von ihm in Richtung Bankenregulierung, und es hätte in jeder Zeitung gestanden.
Hab ich aber nix gelesen von.
Wieso sagte er nicht, wenn er es doch meinte: ‘Lafontaine und Attac gehen mir in den Handlungsempfehlungen zwar zu weit, aber in der Warnung von den Finanzmarktgefahren haben sie nicht ganz Unrecht.’ Die Medien hätten sich überschlagen.
Hab ich aber nix gelesen von.
Wie durch einen masochistischen Magnetismus gesteuert habe ich kaum eine Sendung mit ihm versäumt, und wenngleich allein schon der Schlichtheit seiner Denkungsart ausgesetzt zu sein ein starkes Motiv für Alkoholmißbrauch ist, saß ich doch nie so besoffen vor der Glotze, um nicht zu merken, dass er seinen Ruf als führender Freimarktskrakeeler zurecht besitzt.
Dass er, wie unserem Salt träumte, “für einen starken staatlichen Ordnungsrahmen plädiert” hat, habe ich kein einziges mal von ihm gehört.
Wohl aber hörte ich Jahr um Jahr seine Drehleier
- vom standortschädlichen Kündigungsschutz,
- vom standortschädlichen Sozialstaat,
- vom standortschädlichen Arbeitsrecht,
- vom standortschädlichen Tarifrecht,
- von den standortschädlichen “hohen Gewerkschaftslöhnen, an denen der Arbeitsmarkt krankt”,
- von der Stärkung des Standorts durch Hartz 4,
- von der Stärkung des Standorts durch “Öffnungsklauseln”,
- von der Stärkung des Standorts durch Arbeitszeit rauf und Löhne runter,
- von der Stärkung des Standorts durch konsequente “Angebotsorientierung”.
Er war der Paladin der Standorthetze. Der Standort mußte schlecht geredet werden, um den abhängig Beschäftigten mit noch größerem Anlauf in den Arsch treten und immer neue Zumutungen aufbürden zu können. Zu diesem Zweck erfand das professorale Mietmaul die “Basarökonomie”: Die Erfolge der Exportwirtschaft seien kein Zeichen der Stärke des Standorts D, weil deren Produktion sowieso bloß auf im Ausland zusammengekauften Vorprodukten bestehe. Hätte er das einem südwestdeutschen oder ostwestfälischen Maschinenbauer ins Gesicht gesagt, hätte der nicht mehr nur verbal reagiert.
Aber dieses Sprüchelchen hält der Professor seit Krisenausbruch fein zurück, weil der Einbruch der Exporte nun auch Menschen mit begrenztem Einblick in die Wirtschaft die Substanz der sog. “Basarökonomie” vor Augen führt.
Dieser inkompetente Hampelsack, der die Ursache der Krise in einem – Oh Jahrhundert, oh Wissenschaft! – “anonymen Systemfehler” (!) sieht, und damit zeigt, wie man schöner eine wissenschaftliche Insolvenzerklärung nicht mehr abgeben kann, hätte in Sack und Asche zu gehen und mit hochrotem Kopf die nächste Ecke aufzusuchen.
Ich habe mich geirrt. Wofür ich eingetreten bin, war falsch. Ich überdenke meine widerlegte Wirtschaftstheorie. Ich empfinde Mitverantwortung für die gegenwärtige Situation. Ich habe gefehlt. Ich entschuldige mich beim deutschen Volk.
Hätte er Eier in der Hose, hätte er das gesagt. Aber er hat ja keine.
Einkommensteuer: regelmäßige Enteignung?
Zusammen mit einer bunten Liste an Schöpfungen und Schröpfungen, die überwiegend den Konsum betreffen, ergibt das einen phänomenalen Befund: Voll ausgebaute Steuerstaaten reklamieren jedes Jahr die Hälfte aller Wirtschaftserfolge ihrer produktiven Schichten für den Fiskus, ohne dass die Betroffenen zu der plausibelsten Reaktion darauf, dem antifiskalischen Bürgerkrieg, ihre Zuflucht nehmen. Dies ist ein politisches Dressurergebnis, das jeden Finanzminister des Absolutismus vor Neid hätte erblassen lassen.
Steht der Iran vor einer neuen Revolution?
Bezeichnend, dass sich in der Blogwelt bislang eher wenige Leute dazu Gedanken zu machen scheinen, außer halt IranerInnen.
Zur historischen Schwäche der Linken
Niemals war, zumindest hierzulande, die Linke als historische Kraft so schwach wie in den letzten Jahren, in der Defensive aber ist sie seit knapp zwei Jahrzehnten. Die Bonner Wende 1982 leitete eine Entwicklung ein, welche die Erfolge und Modernsierungseffekte, die 67er und Brandt´sche Reformpolitik erreicht hatten, kanalisieren und eindämmen, langfristig auch da, wo sie nicht zu einer Effektivierung des Kapitalismus führten, sondern soziale Forderungen über das Bestehende hinaus hervorbrachten rückgängig machen sollte. Der Rollback wäre auch ohne Kohl gekommen, denn schon Schmidt hatte mit NATO-Doppelbeschluss und Rotstiftpolitik die Grundlagen geschaffen. wahrscheinlich war es funktionaler für das System, wenn die FDP putschte und eine schwarzgelbe Regierung die Drecksarbeit erledigte, verhindete dies doch einen Linksruck innerhalb der SPD, deren Basis schon damals gegen Schmidt rebellierte. Eine SPD in der Opposition wirkte auch stabilisierend hinsichtlich der damals ja als Massenbewegung auftretenden Neuen sozialen Bewegungen, die sich mit einer SPD an der Regierung nicht für sozialdemokratische Politik vereinnahmen hätten lassen und möglicherweise sich radikalisiert hätten. Wi9e auch immer, den eigentlichen neoliberalen Durchmarsch nahm dann erst ausgerechnet Gerhard Schröder vor und brachte mit HartzIV und Dauerauslandseinsätze der Bundeswehr seine Partei politisch und moralisch auf den Tiefpunkt. Ich bin ja durchaus der Auffassung, dass sich trotz “geistig-moralischer Wende” die westdeutsche Gesellschaft während der Achtziger durchaus noch nach links entwickelte, aber diese Entwicklung ist mit fortschreitender Tendenzen zur Entmündigung ganzer Bevölkerungsteile und einer repräsentativen Kulturpolitik für die Eliten einerseits und dem tittytainment des Unterschichtenfernsehens andererseits nachhaltig umgedreht.
Wenn ich da ein paar Blogs weiter immer noch etwas darüber lese, dass diese Gesellschaft von der Linken dominiert sei, es einen linken Mainstream in den Medien gäbe usw. frage ich mich, ob gewisse Autoren noch bei Verstand sind.
Wie durch das deutsche Volk der Kapitalismus einmal in die Klemme geriet, und die Studenten ihm herausgeholfen haben
In seinem Eröffnungseintrag – http://che2001.blogger.de/stories/1415364/#comments – bezieht Che sich auf einen Artikel von Götz Aly in der “Zeit”, der, wie Dean zeigt, auch Richtiges enthält. Jedoch finden wir auch schräge Gedanken, die Aly erst seit einiger Zeit hegt:
1. Seine Darlegungen entbehren der Trennschärfe zwischen APO und den Verfallsformen, zu denen auch der maoistische Aly gehörte. Die knackhart autoritären K-Gruppen, der MSB Spartakus (dem Aly eine “massenhafte Hinwendung westdeutscher Studenten” andichtet, vermutlich, weil die Mitgliederzahlen seiner “Roten Hilfe” noch kümmerlicher waren als die des MSB) mitsamt RAF gehen für ihn einigermaßen harmonisch aus der gerade andersherum gestrickten APO hervor. Eben darum gingen dann Streit und Zerfall. Aly wird von seinen autoritären Dämonen eingeholt, und bekämpft sie, indem er deren Gegenteil für sie haftbar machen will.
2. Aly und Eva Herman machen den gleichen Fehler: Statt bei gesellschaftlichen Entwicklungen hinzugucken, ob deren Ursache nicht in zeitlicher Nähe zur Wirkung liegt, um erst dann, wenn man nicht fündig wird, weiter in der Geschichte zurückzugehen, sucht Herman die Gründe für das von ihr Beklagte nicht in gesellschaftlichen Prozessen der letzten 20 Jahre, sondern sie muß ein halbes Jahrhundert zurückgreifen, um “die 68er” anzupissen, die angesichts der gigantischen Wirkung und Fernwirkung, die Herman ihnen zuschreibt, alle Gründe hätten, um noch nachträglich größenwahnsinnig zu werden.
Ebenso braucht Aly ein halbes Zurück-Jahrhundert, um mit faustisch-deutschem Tiefsinn Verbindungen zwischen NSDAP und APO zu knüpfen. Dabei liegt die Erklärung in der damaligen Gegenwart der 60er Jahre. Auch bei Aly ist zu sehen, wie jegliche “68er”-Interpretation in die Wüste läuft, wenn die Erklärung nicht aus den Zeitumständen selbst erfolgt:
Die APO bewirkte viel – nur nicht das, was sie wollte
Die altbacken gewordenen Ergebnisse der Adenauerschen Betonzeit waren für den Wirtschaftsstandort D nicht mehr funktional. Die Zeiten waren vorbei, indem man anstelle des VW-VV Nordhoff auch einen Schimpansen hätte nehmen können, bei unverändertem Unternehmenserfolg. Von ‘66 auf ‘67 hatte sich die Arbeitslosenquote verdreifacht, Indiz für die Verwertungsprobleme des Fordismus, der bis dahin durch die für ihn typische Masseneinsaugung von Arbeitskraft per Kfz- und Haushaltsgeräteproduktion die Mehrwertrate hochhielt bei gleichzeitiger die Mehrwertmasse steigernder quantitativer Ausdehnung der Produktion.
Während die Verwertungserfordernisse des Kapitals sich geändert hatten, steckte das kollektive Selbstbewußtsein der Deutschen in der Wirtschaftswunder-Vergangenheit fest. Wie so oft waren es gerade die Freunde der Marktwirtschaft, welche die Dynamik des Marktes unterschätzt und übersehen hatten. Während das Volk wie vom Bolzenschußgerät konsumistisch betäubt die samstäglich von Hand durchgeführte Wagenwäsche für den Endzweck der menschlichen Seinsform hielt, und eine jede lebensähnliche Regung von einer Horde Tabus umzingelt war, stank einem Teil der Studenten – zunehmend ab der erst recht betonmäßigen großen Koalition ab ‘66 – eine Situation, in der die Feudalherrschaft der Ordinarien Studium, Forschung und Lehre abwürgte, und überdies eine akademische Karriere nur über die Charaktermutation des maximal Hündischen noch ermöglichte.
Wenn das antistudentische Ressentiment tobte, es könne nicht sein, dass ‘die mal unsere Führungselite sind’, war das insoweit ein Volltreffer, als die Studenten keinen Bock hatten, in den ihnen bevorstehenden Jobs nur die alte dysfunktional gewordene Scheiße zu perpetuieren. Außerdem mußten die alten Säcke in Wirtschaft, Staat und Uni weg, um die lukrativen Jobs erstmal freizuschaufeln.
Die Ursache der APO war ein objektiver gesellschaftlicher Reformbedarf, für den es in Parlament und Bevölkerung jedoch keine Mehrheit gab. Die APO war – entgegen ihren Intentionen – ein innerkapitalistisches Optimierungsprogramm. Das haben diejenigen bis heute nicht kapiert, die das für die “68er” selber seit Jahrzehnten erledigte Thema “68″ zyklisch immer wieder aufwärmen, um jedesmal “die 68er” nun aber und jetzt aber endgültig zu erledigen.
Die APO wurde so zum meisterledigten Geschichtsphänomen. Auch “Kurras”, da darf man sicher sein, ist noch lange nicht die letzte endgültige Erledigung. Denn das 68er-Erledigen ist augenscheinlich eine Erbkrankheit, da der perennierende Erledigungszwang unmöglich auf einer höheren Gehirnfunktion beruht.
Die wutschnaubenden Erledigungshysteriker merken nicht einmal, dass allein sie es sind, die die Erledigung verhindern. Nur sie, die oberpeinlichen Nachkarter, die stets erneut Schlachten schlagen, die man ohne sie längst vergessen hätte (wie Rambo, der den Vietnamkrieg doch noch gewinnt; auch die “Landser”-Hefte des Bastei-Verlages wären hier zu nennen), gewährleisten die anhaltende Rückgängigmachung des Erledigtseins des längst Erledigten.
Mission accomplished
Denn der Anstoß, den die Gesellschaft brauchte, war 1969 erfolgreich ausgeführt, der Job getan. Die APO endete unweigerlich mit der Erfüllung ihrer historische Aufgabe.
Götz Aly wehklagt zurecht über das K-Gruppen-Sektierertum, das sein eigenes war, aber er kann es nicht erklären, weil er die APO falsch erklärt. Immer wenn er nicht mehr weiterweis, greift er reflexhaft zu den Nazis als einer Wunderwaffe der historischen Interpretation, so, wie Herman zu den 68ern greift. Ohne Nazis und 68er kämen Götz & Eva, verschroben wie sie sind, überhaupt nicht mehr zurecht.
Die K-Gruppe als gelebter Irrealis
Wenn eine Aufgabe über den Zeitpunkt ihrer Erledigung hinaus betrieben wird, gewinnt der unlösbare Widerspruch von Vorbei und trotzdem Weitermachen notwendig die Verlaufsform der Gewaltförmigkeit. Gewaltförmig ist zuallererst der Umgang mit der eigenen Intellektualität: Je simpler die Erklärungsmuster, um so besser ihre Eignung als zwanghafte Identitätsstifter im kognitiv dissonanten unlösbaren Widerspruch. Je schärfer der Widerspruch, um so härter die Doktrin, die ihn ausblendet, und um so sektiererischer die Gruppe, die das vertritt.
Etwas zu tun, das schon getan ist, bedeutet eine Existenz außerhalb der Wirklichkeit. Da die immense Verdrängungsleistung nie ganz gelingt, bedarf es einer Rückversicherung in der Realität. Das war die Ursache der Identifikation mit Realentitäten in Gestalt existierender Nationalstaaten, China, UdSSR, und es ist heute die Ursache der Anlehnung der Anlehnungsbedürftigen an USA und Israel.
Es ist keine Dankbarkeit unter den Menschen
Den Muff unter den Talaren hatte die APO erfolgreich ausgelüftet. Die Ordinarienuniversität war sturmreif geschossen und wurde ersetzt durch das, was Anfang der 70er die APO-Altkämpfer mit Zorn die “technokratische Hochschulreform” nannten, sofern sie nicht akademische Karriere machten, da nun neue Dozenten in Armeestärke einrücken durften. Diese Hochschulreform war ihrerseits der frühe Vorbereitungsschritt für die aktuelle Drittmittelvernuttung der deutschen Universität.
Deshalb eine Ermahnung an alle reaktionären Scheißer, Freunde des Terrors der Ökonomie und sonstige 68-Hysteriker: Statt immer nur Schelte wäre ein wenig Dankbarkeit durchaus angebracht.
Trommeln im Park
Während ich dies schreibe, liegt meine schöne Nachbarin splitternackt und ein Buch lesend in ihrer Fensterbank und blinzelt mir zu. Das und die Körperhaltung, in der sie sich rekelt, könnte den Inhalt dieses Artikels schon wieder konterkarieren, aber das hat noch keinen Linksintellektuellen vom Ausformulieren seiner Standpunkte abgebracht.
- Ein absolutes Schlüsselerlebnis in den frühen Achtzigern war für mich eine spontane Jamsession in einem öffentlichen Park. Als ich zufällig dort vorbeikam, spielte eine Frau Gitarre, während ein Mann Querflöte blies. Es lagen noch ein paar Bomgos rum, und ich fragte, ob ich mitmachen dürfe. “Dafür sind wir hier!” bekam ich zu hören. So setzte ich mich denn dazu und trommelte. Nach einer Weile kam jemand mit einer Ukulele vorbei, dann jemand mit Klarinette, irgendjemand reichte mir eine Mundharmonika. Ich konnte zwar nur Blockflöte, und auch das mehr schlecht als recht und bin eigentlich unmusikalisch, aber darauf kam es hier nicht an. Was wir spielten klang eh wie Freejazz. Immer mehr Leute schlossen sich uns an; tatsächlich hatte jemand das Gerücht gestreut, im Park fände ein Mitmach-Konzert statt, und also kamen die Leute, um es wahr werden zu lassen, sozusagen ein Gerücht in der Laborphase. Am Ende spielte ein Mann, über den sich herausstellte, dass er Domposaunist war, hinreißende Saxophonsoli in der Abenddämmerung.
Es war ein großartiger sehr langer Samstag, auf dem Freundschaften geknüpft wurden.
Gut 10 Jahre später spielte ich zwar keine Musik im Park, prügelte mich aber mit Cassandra mit Schlagstöcken, wovon die Passanten erstaunt, aber ohne heftige Reaktionen Notiz nahmen.
Es gab auch Konzerte, die umsonst im selben Park stattfanden und auch genauso hießen: Umsonst&draußen.
Wenn heute jemand im Park Musik spielt, dann, weil er oder sie Geld braucht, nicht als Ausdruck spontaner Lebensfreude und schon gar nicht als sich spontan findende Clique einander vorher Wildfremder (was nebenbei gesagt auch in Kneipen ein damals übliches Ereignis war). Ich habe ja sogar den Verdacht, würden wir heute so etwas machen, käme irgend ein Spinner daher und würde nach der GEMA-Anmeldung fragen. Und bei Stockkampf im Park holte man wahrscheinlich die Polizei. Ganz normal wären hingegen beide Ereignisse, wären sie ein “Event” kontextualisiert mit irgendwas. Aber einfach so spontan, weils Spaß macht – das scheint mir von Allzuvielen als out of time angesehen zu sein. Wenn man etwas macht, dann hat es ein Programm, und da scheint mir ein impliziter Rechtfertigungsdruck dahinterzustehen.
Als ich kürzlich im Kollegenkreis erzählte, dass eine offene Zweierbeziehung mit erlaubten Seitensprüngen für mich eher das normale Beziehungsmodell darstellen würde als ein eheähnliches Verhältnis waren die verdutzt – niemand von denen teilte meine Ansicht. Für meine Generation und noch viel mehr die Altersdekade über mir galt eine solche Beziehungsform oftmals als linken Idealen gemäßer als das “Modell Ehe”, und Eifersucht als eine zwar menschlich verständliche, aber irgendwo unreife oder unaufgeklärte Emotion – ein Partner ist schließlich ein selbstbestimmter Mensch und kein Besitz. Gut, das mag alles erst mal ziemlich theoretisch und im praktischen Leben dann doch ganz anders umsetzbar sein, aber zumindest wurde in solche Richtungen gedacht, geredet und geliebt, und das scheint 10, 15 Jahre Jüngeren heute nicht einmal mehr ansatzweise vorstellbar zu sein. Dafür ist praktisch niemand mehr weder tätowiert noch gepierct noch intimrasiert. Auf der einen Seite wird der eigene Körper wie ein Kunstwerk inszeniert, auf der anderen Seite wird mit ihm viel weniger Spaßiges mehr gemacht als früher.
Was ist “links”?
Wenn ich mir so überlege was, auch nur hierzulande, also die internationale Dimension noch gar nicht einbezogen, als “die Linke” zu bezeichnen wäre, so fallen mir 5 größere Blöcke ein, die keineswegs miteinander identisch sind, sondern viel eher zueinander im Widerspruch stehen, obwohl sie auch wieder Berührungspunkte haben.
1) Da wäre zunächst mal die klassische Arbeiterbewegung, früher in Deutschland vor allem durch die SPD repräsentiert. Schon seit Schmidt begann sukzessive eine Trennung der Parteilinie von den Inhalten der Arbeiterbewegung, die schließlich von Schröder deutlich vollzogen wurde, wobei aber immer noch viele Sozis sich zur Arbeiterbewegung rechnen und SPD-nahe Organisationen wie Falken, Naturfreunde und DFG/VK da auch zugehören. Ansonsten würde ich heute die Gewerkschaften ver.di und IGM als Kern der Arbeiterbewegung in Deutschland bezeichnen, und auch die orthodox-kommunistische DKP gehört da rein, und historisch gesehen natürlich diese ganzen Elemente proletarischer Gegenökonomie wie Mietervereine, Wohnungsbaugenossenschaften, Volksbanken usw.
2) Der nächste große Block wäre die christliche Linke (ist ja bald Kirchentag) mit Organisationen wie Brot für die Welt, Guttemplerorden, Arbeitersamariterbund, Maltesern, Johannitern usw. Berufen sich nicht auf Marx oder soziale Reformbewegungen, sondern auf christliche Nächstenliebe, überschneiden sich in der Praxis aber stark mit den Traditionssozialisten.
3) Dann wäre da die Neue Linke als intellektuelle und soziokulturelle Strömung, also alles das, was 1967 seinen Anfang nahm. Inhaltlich unterscheiden die sich von der Arbeiterbewegung durch den Traditionssozialismus transzendierende oder in Frage stellende Theorieansätze ebenso wie durch eine Kritik an der als systemintegrierend und zu brav kritisierten Arbeiterbewegung. Da kommen dann Theorieansätze wie die Kritische Theorie und ganz allgemein der Freudomarxismus, Feminismus, radikalere und puristischere Marxinterpretationen jenseits des Leninismus, aber auch Anarchismus und Genderteorien zum Tragen, schließlich Synthesen aus all diesen Denksystemen wie z.B. der Neue Antiimperialismus. Schließlich gehören zur Neuen Linken auch marxistisch-leninistische Gruppen, die mit der Arbeiterbewegung den Traditionssozialismus gemein haben, ihn aber viel radikaler interpretieren als diese. Die Neue Linke zerfällt also nochmal in eine traditionssozialistische und eine im engeren Sinne neulinke, nichttraditionalistische Fraktion. Im Gegensatz zur Arbeiterbewegung besteht sie mehrheitlich aus Leuten aus der Mittelschicht mit starkem Akademikeranteil. Und da sind dann auch subkulturelle, musikalische und lebensweltliche Strömungen äußerst bedeutsam wie Punk, Ska, HipHop, Frauenlesbenszene usw.
4) Die radikal-militante Unterschichtslinke, von der ich ehrlich gesagt nicht weiß, ob es sie heute in dieser Form noch gibt. In den Achtzigern bis Mitte der Neunziger bestand in Städten wie (West)Berlin, Hamburg, Bremen, Frankfurt und dem Ruhrpott rein zahlenmäßig der Großteil der autonomen Szene aus langzeit- und dauerarbeitslosen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Also Ahi- und Sozibereich mit allen möglichen Übergängen in die Alternativökonomie, Jobberszene und Kleinkriminalität. Es gibt da heute noch Leute, die in dieser Szene verwurzelt sind, nur die ich kenne sind 35+. Ich weiß also nicht, ob da noch was nachgewachsen ist und vermute, dass junge Leute in vergleichbaren prekären Lebenslagen heute eher Skins oder Hools werden oder aber sich anpassen und bemüht sind, vor allem einen Job zu kriegen. Früher machten diese Leute als soziales Milieu aber einen wichtigen Teil der radikalen Linken aus.
5) Die migrantische Linke: Türkische, kurdische, iranische, palästinensische, sonstwie arabische, afrikanische und südamerikanische Linke im Exil, sehr häufig mit Guerrillahintergrund und/oder Foltererfahrungen, eine Kerngruppe der hier lebenden anerkannten Asylbewerber.
Mein eigener politischer Bezugsrahmen liegt im Schnittstellenbereich von 3), 4) und 5), wobei ich als ver.di-Aktiver allerdings noch woandershin verdrahtet bin.
So, um das jetzt noch zu verkomplizieren, besteht da, wo ich politisch aktiv oder aktiv gewesen bin, dann auch noch seit mehr als 20 Jahren ein Dauerbündnis mit Gewerkschaften und kirchlichen Gruppen, was also heißt, dass die Unterschiede zwar lebensweltlich höchst bedeutsam sind, eine Zusammenarbeit aber keineswegs verhindern. Und zumindest bei der IGM-Jugend oder den Falken verschwimmen auch wieder die Grenzen zwischen klassischer Arbeiterbewegung und Neuer Linker, jedenfalls sind da viele Leute, die organisatorisch zweifellos zur klassischen Arbeiterbewegung gehören und als Punks, Biker, Headbanger, Sharpskins oder Anarchorocker unterwegs sind.
Also ein buntes Bild, im Großen und Ganzen.
Unterwegs im Zug
Da saß ich im Großraumwagen und hörte, wie sich zwei Studenten unterhielten. “Die Polizei holt inzwischen die übermäßig betrunkenen Fußballfans aus den Zügen, die kommen nicht nur nicht zum Spiel, sondern erst gar nicht in den Zielbahnhof, zumindest ist das der Plan. Auch noch nach dem Spiel werden die aufgegriffen und fahren erstmal ne Nacht ein.” “Sehr schön, es wird die Zeit kommen, da macht man das mit allen ernsthaft Betrunkenen, wenn die sich in der Öffentlichkeit zeigen.” “Übertriebener Alkoholkonsum sollte generell verboten werden.”
Na toll, jetzt sagen so etwas schon STUDENTEN. Das kann ja in Zukunft heiter werden mit solchen Mutanten in den Bildungsschichten.
Paintball oder: spielt solange ihr noch dürft
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,623354,00.html
Kurze Zusammenfassung: im Kampf gegen school-shootings (Amoklauf ist der falsche Begriff) hat die Bundesregierung einen brillianten Plan: das Verbot von Paintball, denn da lernt man Töten.
Nu’ habe ich das noch nie gespielt, wollte aber immer gern, es fehlte die Gelegenheit. Aber lassen wir nicht mich als Paintball-Laiin, sondern die Politprofis zu Wort kommen: “Bei diesen sogenannten Spielen besteht die Gefahr, dass Gewalt verharmlost wird und hierdurch Schwellen zur Gewaltanwendung abgebaut werden” (Dieter Wiefelspütz, SPD). Holger Hövelmann (Innenminister Sachsen-Anhalt, SPD) stösst ins gleiche Horn: “Tötenlernen”, “Krieg spielen” und “Unsere Gesellschaft sollte solche zynischen und gewaltverherrlichenden Spiele ächten”.
Das ist in einer Linie mit dem immer wieder diskutierten Verbot von Ego-Shootern. Es wird konstruiert, dass das school-shooting von Winnenden nicht passiert wäre, hätte der Schütze nicht Ballerspiele gespielt, und zwar auch noch direkt die Nacht davor.
Mir stellt sich die Frage: wie viele Menschen spielen Ballerspiele oder auch Paintball, ohne ihre Mitschüler oder Kollegen zu erschiessen? Ist das ganze nicht ein Scheindiskurs, der ablenken soll vom Druck im Schulsystem, der, so zynisch wie das ist, Opfer fordert? Nach Erfurt wurde auch nach schärferen Gesetzen gerufen. Dazu meint im oben zitierten Artikel Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG): “Nur Politiker glauben, dass sie die Realität verändern können, wenn sie viel Papier vollschreiben”. Ein Verbot habe nur Sinn, wenn man es kontrollieren könne. “Es muss jedem klar sein, dass in Deutschland kein Polizist Zeit dafür hat, in Wäldern und auf Feldern Paintball-Spieler zu verfolgen.”
Dazu kommt, dass der Schütze anscheinend Bondage-Bilder auf seinem Rechner hatte- ein sicheres Zeichen für Frauenfeindlichkeit, die dann erklärt, warum anscheinend gezielt Mädchen getötet wurden. Weitere Fragen überflüssig wie es scheint. Aber dennoch stellt sich die Frage, wie viele Leute solche Bilder haben und trotzdem nicht ihre Kolleginnen ins Visier nehmen. Wir hatten hier doch grad einen Austausch über die Sexuelle Revolution (oder auch nicht) in der Linken , die damit begann, dass ich mich erinnerte, dass BDSM unter Politlesben mal hip war. Waren die auch alle frauenfeindlich? Und warum haben die nicht ihre Mitfrauen erschossen? Vielleicht, weil sie kein Paintball gespielt haben?
Das Ganze passt wunderbar zu Ches “Tequilabestellung”.
Und übermorgen verbieten wir Judo, Kendo und Karate- da lernt man auch das Töten. Und danach “potentielle Mordwaffen” wie mein Sushi-Messer. Banzai!
Ich sag zu meinem Dealer: Heute Tequila
So weit kommt´s noch. Scheinbar nähern wir uns wirklich step by step einer neuen Prohibition. Gruselige Vorstellung, was hier unter Gesundheitspolitik verkauft wird. Wenn die letzte Bar für Nichtclubmitglieder off limits, die letzte Eckkneipe durch eine Burgerbude ersetzt, das letzte Weinregal mit Fitnessdrinks gefüllt und der letzte Feinkostladen zum Reformhaus geworden ist werdet Ihr feststellen, dass man bei der Apotheke nachts um halb eins kein Bier bekommt.
http://magazine.web.de/de/themen/nachrichten/deutschland/8098310-Alkohol-und-Tabak-nur-noch-auf-Rezept,cc=000005507900080983101uZHOY.html