shifting reality

Es gibt kein richtiges Lesen im valschen!

Historisierung

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Bewegungslehre (7)

„Die affektiven Hauptformen der Masse […] treten sehr früh auf, ihre Geschichte ist so alt wie die der Menschheit selbst und zwei dieser Formen noch älter.“

Elias Canetti

Was bisher geschah: Im letzten Beitrag haben wir gesehen, daß es bei Bewegungen darum geht, sich einer bestimmten Vorstellung, wie die gesellschaftliche Ordnung sein solle, zu versichern. Und, wenn diese Ordnungsvorstellungen mit den Realitäten nicht übereinstimmen, zu versuchen, eine solche Übereinstimmung herzustellen.

In diesem Beitrag (und wohl auch den nächsten) wird es darum gehen, wie denn solche alternativen Vorstellungen von gesellschaftlicher Ordnung entstehen, wie sie sich verbreiten und konsolidieren. Denn erst die Verbreitung alternativer gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen über das unmittelbare initiierende Ereignis hinaus führt dazu, daß weitreichende gesellschaftliche Veränderungen möglich sind – im Guten wie im Schlechten. Und wenn wir darüber reden, wie bestimmte Weltbilder in Umlauf gesetzt werden, dann müssen wir über die Kanäle reden, die zur Verbreitung von Ideen benutzt werden. Mit anderen Worten: Es geht um die Medien.

Damit machen wir einen gewaltigen Sprung in unserer Untersuchung. Die bisherigen Überlegungen bewegten sich in einer anthropologischen Sphäre, in der Geschichte wenig Platz hatte. Wenn ich vom Ereignis als Schock, der Masse als Selbstvergewisserung und so weiter geschrieben habe, dann fehlte dem immer die präzise historische Verortung. Wo ich Beispiele brachte – wie etwa die Spiegel-Affäre – dienten diese Beispiele der Illustration von Invarianten, nicht der Analyse von etwas völlig Neuem. Der manifeste Inhalt eines Massenphänomens mochte noch so historisch bestimmt sein, seine Form fand und findet sich in den unterschiedlichsten Massenphänomenen wieder. Insofern suggeriert meine bisherige Darstellung, daß die wesentlichen Bestimmungen, die Massen und Bewegungen auszeichnen, einer mehr oder minder konstant angenommenen Natur des Menschen entspringen. Schuld daran ist sicherlich der ständige Bezug auf Elias Canettis Masse und Macht.

Canetti betrachtet Massenphänomene weitgehend als anthropologische Konstanten – ob er deren Mechanismen an australischen Aborigines oder aber an einem modernen Konzertpublikum studiert, ist ihm völlig egal. Das ist auch der Grund, warum ich, als ich vor rund zwanzig Jahren zum ersten Mal Masse und Macht las, das Buch nicht wirklich ernst nahm. Als guter Marxist hielt ich die gesellschaftliche Überformung der menschlichen Natur für viel wesentlicher als irgendwelche angeblichen anthropologischen Konstanten.

Im Großen und Ganzen halte ich das auch heute immer noch für richtig. Die menschliche Natur zeichnet sich ja gerade dadurch aus, daß sie hochgradig flexibel ist und sich sowohl an sehr unterschiedliche Naturbedingungen wie auch an mannigfaltige gesellschaftliche Ordnungsstrukturen anpassen kann. Während immer dann, wenn von angeblichen anthropologischen Konstanten die Rede ist, dabei Blödsinn herauskommt wie der, daß Männer angeblich nicht zuhören und Frauen nicht einparken könnten. Kurz und gut: Das Wissen um die historische Variabilität der menschlichen Natur erzeugte in mir ein gesundes Mißtrauen gegenüber Canettis Thesen.

Doch der eigentliche Witz an Canettis Thesen, wie ich sie heute sehe, ist genau dies, daß in Massenphänomenen die gesellschaftliche Überformung der menschlichen Natur aufgebrochen wird. Am deutlichsten wird das zweifellos am Phänomen Massenpanik, wenn eine existierende Masse aus irgendeinem Grund rapide zerfällt. Vermutlich reagieren heute die Menschen beim Brand in einem Kino genau so wie ihre Ahnen vor Jahrzehntausenden bei einem Buschfeuer. Canetti verfolgt dieses Verhalten sogar zurück bis zu Tierhorden.

So wie ich Canetti inzwischen interpretiere heißt das aber nicht, daß er an die Stelle historisch-gesellschaftlicher Erklärungen für Massenphänomene einfach ahistorisch-anthropologische Erklärungen setzt. Aus meiner heutigen Sicht sind das nicht zwei Alternativen, die sich gegenseitig ausschließen. Es geht vielmehr darum, daß in bestimmten historisch-gesellschaftlichen Situationen die bestehende Ordnung aufbricht (in verkürzter Marxscher Terminologie: Die Entwicklung der Produktivkräfte führt dazu, daß der gesellschaftliche Überbau den entwickelteren Produktionsverhältnissen nicht mehr entspricht). Und dieser Zerfall der bestehenden Ordnung führt dazu, daß archaische Handlungsmuster wieder reaktiviert werden; allerdings zu einem ganz bestimmten Zweck, nämlich dem, wieder eine neue Ordnung herzustellen. Massenphänomene und die daraus resultierenden Bewegungen sind somit Rückfälle in archaische Verhaltensmuster, dabei aber auch gleichzeitig Versuche zur Herstellung einer neuen Ordnung. Oder noch einmal anders formuliert: Die neue Ordnung muß, um sich durchzusetzen, gerade diese Archaismen reaktivieren, die sie dann wieder verdrängen wird, wenn sie sich einmal etabliert hat.

Wenn man diese Doppelnatur begriffen hat, werden etwa Diskussionen wie die, ob der Nationalsozialismus ein archaischer Rückfall oder aber eine perverse Modernisierungsbewegung war, obsolet: Er war beides zur gleichen Zeit. Er war eine Bewegung, die eine gesellschaftliche Modernisierung durchzusetzen versuchte, indem er ein durch und durch archaisches Potential reaktivierte. Gerade deshalb sollte uns der Nationalsozialismus immer als Warnung dienen. In allen Bewegungen, egal ob man sie nun reaktionär oder progressiv nennt, ist ein solches archaisch-regressives Potential enthalten – da sollte man sich keine Illusionen machen.

Und weil Massenbewegungen immer ein solches Potential reaktivieren, gibt es die nachvollziehbare, aber dennoch falsche Meinung, daß sie grundsätzlich abzulehnen und dort, wo sie auftreten, zu bekämpfen seien. Doch diese Möglichkeit gibt es überhaupt nicht. In dem Maße, in dem sich die Gesellschaft fortentwickelt, werden gesellschaftliche Widersprüche auftreten, die gelöst werden müssen. Und es wird Institutionen geben, die nicht in der Lage sind, auf derartige Widersprüche zu reagieren. Deshalb ist es äußerst unwahrscheinlich, daß man der Problematik der Massenbewegungen irgendwie entkommen könnte.

Natürlich gab und gibt es Ansätze, dieses Problem zu lösen. Das parlamentarische Modell ist ein ziemlich weit entwickelter Versuch, um gesellschaftliche Widersprüche rechtzeitig zu entschärfen, bevor sich daraus Bewegungen entwickeln. Doch wenn man sich die noch nicht sehr alte Geschichte des Parlamentarismus anschaut, dann sieht man, daß das selbst einem so flexiblen System wie dem Parlamentarismus nur sehr unzureichend gelingt. Grundlegende notwendige Modernisierungen wurden selbst in parlamentarischen Demokratien in der Regel immer von Bewegungen durchgesetzt. Das heißt, selbst ein parlamentarisch moderierter Erneuerungsprozeß der Gesellschaft stößt immer wieder an seine Grenzen und provoziert außerparlamentarische Bewegungen, die einen gesellschaftlichen Wandel einfordern.

Die westlichen parlamentarischen Demokratien haben deswegen einigermaßen gelernt, wie man mit den unvermeidlich entstehenden Bewegungen umgehen muß, damit diese nicht zu einem grundsätzlichen Umsturz der Ordnung führen. Doch die Zeichen mehren sich, daß sich gerade innerhalb dieser parlamentarischen Demokratien Bewegungen herausbilden, deren parlamentarische Entschärfung schwierig werden dürfte. Ich meine damit natürlich die europafeindlichen, antiislamistischen und homophoben Bewegungen, die in ganz Europa Zulauf erhalten. Das Problem an diesen ist, daß sie die Vorstellung von einer neuen Ordnung bereits ziemlich komplett ausgebildet haben – auch wenn diese Vorstellung für Außenstehende komplett wahnwitzig erscheint.

Angesichts dieser Bewegungen stellt sich die Frage, wie sich denn solche Weltbilder entwickeln und ausbreiten, welche Kanäle es gibt und welche Rolle diese spielen. Und diese Frage läßt sich nun überhaupt nicht mehr ahistorisch-anthropologisch beantworten. In spezifischen historischen Situationen sind es ganz unterschiedliche Medien, die die Verbreitung von Gedanken bestimmen. Und deren Art und Weise der Verbreitung ist gegenüber dem Inhalt nicht neutral, sondern bestimmt diesen mit. Die Reformation wäre ohne den Buchdruck nicht möglich gewesen; die bürgerlichen Revolutionen ebenso wie die Arbeiterbewegung wurden ganz wesentlich durch die Zeitungen geprägt; Hitler brauchte den Volksempfänger, um an der Macht zu bleiben; die anti-autoritären Bewegungen wurden vom Fernsehen beeinflußt; und die Irren von Pegida scheinen den schlimmsten Befürchtungen von Internetkritikern recht zu geben.

Das heißt nicht, daß Medien Bewegungen machen. Aber die zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt zur Verfügung stehenden Medien beeinflussen die Art und Weise, wie gesellschaftliche Widersprüche in alternative Vorstellungen von einer gesellschaftlichen Ordnung gegossen werden. Und es hängt auch von den entsprechenden Medien ab, wie realitätsgerecht diese Weltbilder auf die gesellschaftlichen Widersprüche reagieren – oder auch nicht.

Ab nächste Woche sollen diese grundsätzlichen Überlegungen dann wieder am historischen Beispiel entwickelt werden. Und wir werden uns einer Bewegung zuwenden, die wohl als erste durch ein modernes Medium geprägt wurde: Dem deutschen Bauernkrieg zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Freuen Sie sich also darauf, daß Friedrich Engels erklärt:

„Um dieselbe Zeit, wo im Schwarzwald die vierte Bundschuhverschwörung unterdrückt wurde, gab Luther in Wittenberg das Signal zu der Bewegung, die alle Stände mit in den Strudel reißen und das ganze Reich erschüttern sollte. Die Thesen des thüringer Augustiners zündeten wie ein Blitz in ein Pulverfaß.“ ([1], S. 372)

Nachweise

[1] Engels, F.: „Der deutsche Bauernkrieg“, in: Marx, K. & Engels, F., Werke Bd. 7, Berlin 1956ff, S. 327 – 413.

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19. Dezember 2014 at 16:10

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Von der Masse zur Bewegung

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Bewegungslehre (6)

„Es hat hier gegen ein vollkommen bekanntes deutsches Magazin eine offensichtlich generalstabsmäßig vorbereitete, polizeiliche große Nacht-und-Nebel-Operation stattgefunden, ohne daß dem deutschen Publikum je erklärt worden wäre, warum diese Art von Aktion in diesem Fall notwendig war“

Sebastian Haffner in Panorama, 4. November 1962

Was bisher geschah: Wir haben gesehen, daß es nicht ausreicht, daß ein Ereignis stattfindet, sondern daß es in der Regel auch sogenannte „Massenkristalle“ braucht, damit sich eine Masse bildet. Diese können einfach einzelne engagierte Personen sein, es sind in der Regel aber irgendwelche bestehenden Organisationen, die zum Kristallisationspunkt werden. Dabei muß Ziel und Zweck der Masse durchaus nicht mit den Intentionen der Organisationen übereinstimmen.

Heute soll es darum gehen, den Übergang von einer bloßen Masse zu einer Bewegung genauer zu untersuchen. Dabei geht es um Ordnungen; oder genauer: um die spezifische Wahrnehmung von Ordnungen. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, daß wir die Welt im Normalfall als eine in sich mehr oder weniger stimmige, kohärente Ordnung erfahren. Darin gibt es gute Dinge und es gibt schlechte Dinge, Dinge, die einem passen und Dinge, die einem nicht passen. Aber alles hat seinen Platz, ist nachvollziehbar, kurz: Es ist eben geordnet. Wir leben immer im Bewußtsein einer solchen Ordnung – ohne eine solches Bewußtsein würden wir über kurz oder lang verrückt werden.

Das Ereignis nun, das zur Mobilisierung von Massen führt, hatte ich schon vor einiger Zeit als Störung der bestehenden Ordnung interpretiert. Als Beispiel hatte ich damals ein schockierendes Verbrechen genannt – ein solches Verbrechen mobilisiert Menschen, die am Ort des Geschehens Kerzen anzünden oder Plüschtiere ablegen. Und ich hatte dieses Verhalten so interpretiert, daß es den Mobilisierten nicht einfach nur um einen Ausdruck von Trauer angesichts einer Tragödie gehe, sondern auch darum, sich zu versichern, daß die Störung der Ordnung, als die das traumatische Ereignis empfunden wird, eine schreckliche Ausnahme ist. Man schließt sich zu einer Masse zusammen, um sich unter Gleichgesinnten zu bestätigen, daß die eigene Sicht auf die Welt und ihre Ordnung weiterhin in sich stimmig ist.

Mit anderen Worten: Massen dienen dazu, daß sich die Mobilisierten in ihrer Weltanschauung bestärkt sehen. Und je größer und eindrucksvoller die Massen sind, um so sicherer fühlt man sich in seiner Weltanschauung. Wie aber wird aus solchen Massen eine Bewegung? Anhand der Spiegel-Affäre läßt sich der Unterschied zu einfachen Massenereignissen gut darstellen.

Dazu müssen wir erst einmal die Ordnung genauer bestimmen, die durch das Ereignis massivst gestört wurde. Diese beruhte darauf, daß die Mehrheit der Bürger der Meinung war, die politischen Strukturen seien so eingerichtet, daß sich so etwas wie die Schrecken des Nationalsozialismus nie mehr wiederholen könnten. Am linken wie am rechten politischen Rand wurde das etwas anders gesehen, doch die gesellschaftliche Mehrheit ging von genau dieser Annahme aus.

Diese einheitliche Sicht der Dinge hatte aber eine Sollbruchstelle, die in der Spiegel-Affäre zum Vorschein kam. Denn es gab zwei sehr verschiedene Interpretationen dessen, was den Kern der bundesrepublikanischen Ordnung ausmache, nämlich eine konservativ-autoritäre und eine progressiv-liberale.

Die konservativ-autoritäre Position ging davon aus, daß der Nationalsozialismus nur aus einem Mangel an Respekt vor den traditionellen gesellschaftlichen und moralischen Werten an die Macht kommen konnte. Die vehement ausgetragenen politischen Kontroversen der Weimarer Republik und die kulturellen Angriff auf als heilig erachtete Werte und Hierarchien, das alles habe dem Umkippen der Republik in ein totalitäres Regime Vorschub geleistet. Und dementsprechend sah der konservativ-autoritäre Teil der gesellschaftlichen Mehrheit in politischer Zurückhaltung und dem Respekt traditioneller Werte und Hierarchien den Kern dessen, was die Ordnung der BRD ausmachen sollte.

Anders die progressiv-liberale Sichtweise: Diese sah die Gefahr des Totalitarismus gerade durch eine zu große politische Passivität und die unhinterfragte Akzeptanz überkommener Wertemuster drohen. Für diesen Teil der Gesellschaft war also der politische Meinungsstreit und die kritische Infragestellung von Autoritäten eine wesentliche Bedingung dafür, daß die zweite deutsche Republik als ein wirklich demokratisches Gemeinwesen gelingen konnte.

Es gab also sehr unterschiedliche Interpretationen dessen, was den eigentlichen Kern der bundesrepublikanischen Ordnung ausmache, doch diese unterschiedlichen Interpretationen stellten den Grundkonsens der Demokraten nicht nachhaltig in Frage. Man war sich durchaus der unterschiedlichen Ansichten zwischen CDU/CSU-Wählern auf der einen Seite und denen, die FDP oder SPD wählten, bewußt; oder der konfessionelle Spaltung zwischen denen mit katholischem und denen mit protestantischem Hintergrund; oder der sehr unterschiedlichen Erfahrungen der der Kriegs- und der Nachkriegsgeneration. Aber das hatte alles seinen Platz innerhalb der einen Ordnungsvorstellung.

Das Ereignis aber, in diesem Fall die Spiegel-Affäre, ändert diese Situation schlagartig. Der von Regierungsseite ausgehende Übergriff auf die Spiegel-Redaktion erhellte die Szenerie wie ein Blitzlicht, das harte Schlagschatten warf. In der Spiegel-Affäre hatte die Regierung den Ordnungsrahmen, innerhalb dessen auch ihre konservativ-autoritäre Position ihren Platz gehabt hatte, verlassen. Bislang hatten beide Seiten für sich reklamierten, daß es ihnen darum ginge, die Bundesrepublik vor der Gefahr des Totalitarismus zu schützen. Während die Regierung mit Franz Josef Strauß als Verteidigungsminister auf „taktische“ Atomwaffen setzte, optierte die liberal-progressive Seite für eine demilitarisierte Bundesrepublik. Das war ein Streit, der innerhalb des herrschenden Konsenses ausgetragen werden konnte.

Das Ereignis aber zerstörte diesen Konsens – und zwar indem es deutlich machte, daß die Bundesregierung sich eigentlich außerhalb dieses Konsenses befand. Der eigentliche Witz dabei ist, daß die wesentliche symbolische Komponente des Ganzen, die zum Zeichen dieser Aufkündigung des Konsenses wurde, eigentlich etwas sehr Nebensächliches war. Es handelte sich dabei um die Tageszeit, in der die Bundesanwaltschaft die Spiegel-Büros in Hamburg besetzen und die Wohnungen der Verdächtigen durchsuchen ließ.

Eigentlich war die ganze Aktion gar nicht für den Abend geplant gewesen. Das Problem war nur, daß ein übereifriger Schlapphut einen Angestellten des Bonner Spiegel-Büros fälschlicherweise als Rudolf Augstein identifiziert hatte. Dieser falsche Augstein wurde verhaftet, mußte dann aber, nachdem die Verwechslung aufgeklärt war, natürlich wieder freigelassen werden. Aus Angst, der Freigelassene könnte den richtigen Augstein warnen, wurde dann die Aktion zu abendlicher Stunde in Gang gesetzt. Damit lieferte man den Medien eine Steilvorlage, die nun von einer „Nacht und Nebel“-Aktion berichten konnte, was ungute Assoziationen weckte:

„Das brachte, mehr als jede andere Eigentümlichkeit des bizarren Vorgehens, schauerliche Erinnerungen an Gestapo-Zeiten zurück.“ ([2], S. 102)

Schon in einer der ersten publizistischen Reaktionen auf die Aktion faßte Karl-Hermann Flach unter eben dem Titel Bei Nacht und Nebel die entsprechenden Befürchtungen in Worte:

„Wenn es also morgens in aller Frühe bei uns klingelt, können wir uns nicht weiterhin in dem beruhigenden Gefühl strecken, daß es nur der Milchmann oder der Junge mit den Brötchen sein kann; wenn um Mitternacht jemand an unsere Türe schlägt, wissen wir nicht mehr genau, daß es sich schlimmstenfalls um einen Telegrammboten oder einen betrunkenen Weggenossen handeln kann, der sich in der Türe geirrt hat. Wir müssen damit rechnen, daß es die politische Polizei ist, die bei Nacht und Nebel nach Landesverrätern sucht. Wenn wir hören, daß Kinder weinen, weil zu später Stunde ihre Zimmer nach Belastungsmaterial gegen ihre Eltern durchstöbert wurden […], dann dürfen wir nicht mehr sicher sein, daß es sich um eine Geschichte aus Moskau, Prag oder Leipzig oder aber aus dem Berlin des Jahres 1944 handelt.“ ([1], S. 423)

Es kann gut sein, daß es nie eine Spiegel-Affäre gegeben hätte, wenn die Beamten höflich am Montagmorgen um 9.00h geklopft hätten. Diese symbolische Katastrophe wurde durch eine zweite, nun nicht mehr so zufällige ergänzt. Es handelt sich dabei um die nach internationalem Recht illegale Verhaftung von Conrad Ahlers in Spanien, die auf direktes Betreiben von Franz Josef Strauß durchgeführt wurde. Hätte die Bundesanwaltschaft Ahlers mitgeteilt, er möge doch nach Deutschland zur Aufklärung des Sachverhaltes zurückkommen, dann wäre das unproblematisch gewesen. Man hätte im einen wie im anderen Fall das selbe Ergebnis erhalten – aber die Bundesregierung hätte sich nicht außerhalb des gesellschaftlichen Konsenses gestellt. Indem das Ereignis aber als Anwendung von Gestapo-Methoden verstanden werden konnte, provozierte es eine tiefgreifenden Verstörung, eine fundamentale Beschädigung dessen, wie die etablierte Ordnung wahrgenommen wurde.

Was also die Demonstranten auf die Straße und die schockierten Bürger in die überall stattfindenden Diskussionsveranstaltungen trieb, war durchaus das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung, der Wunsch nach Herstellung einer kohärenten Ordnung. Aber anders als im Beispiel des schockierenden Verbrechens, wird hier nicht mehr davon ausgegangen, daß die Verhältnisse vor dem Ereignis in bester Ordnung waren. Im Gegenteil, das Ereignis enthüllt denen, die darauf reagieren, daß die Ordnung schon vorher beschädigt war. Dabei handelt es sich um eine doppelte Bewegung: Nicht nur enthüllt sich die bestehende Ordnung als faktische Unordnung. In unserem Beispiel entpuppte sich die konservativ-autoritäre Interpretation der bundesrepublikanischen Verfassung als Angriff auf diese. Gleichzeitig setzte sich die progressiv-liberale Interpretation im Bewußtsein der Mehrheit als die alleinige Form durch, in der es wieder zu einer akzeptablen Ordnung kommen konnte. Es kommt aber noch ein weiteres hinzu: Die neue Ordnungsvorstellung wird als nicht-seiend gesetzt, obwohl die Massenmobilisierung genau diese Weltsicht als die richtige bestätigt. Im Beispiel heißt das, daß die Bundesregierung der progressiv-liberale Ordnungsvorstellung die Existenz entzogen hatte. Was aber zu dem Paradox führte, daß sie nicht mehr nur als eine mögliche Interpretation des Grundkonsenses dastand, sondern als die einzig richtige. Die aber keineswegs der Wirklichkeit entsprach.

Aus dieser Diskrepanz ergibt sich dann der Übergang von der bloßen Zusammenballung einer Masse hin zu einer Bewegung: Anders als bei einfachen Massenereignissen genügt hier die gegenseitige Versicherung, daß die eigene Weltsicht ein stimmiges Ganzes ergibt, nicht, denn es existiert eben dieser Widerspruch zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Aus dieser Differenz ergibt sich deshalb eine Aufgabe, nämlich die Aufgabe, die Realität so zu verändern, daß sie der zunächst kontra-faktischen Weltsicht der Masse nicht mehr widerspricht.

Dadurch kommt Dynamik ins Geschehen: Die Masse zerstreut sich nicht mehr einfach, nachdem sie sich ihrer eigenen Sicht der Dinge versichert hat, sondern es werden Verabredungen getroffen, wie es weitergehen soll. Vielleicht nicht von allen, aber doch von einigen. Im einfachsten Fall spricht man sich ab, wann man sich wieder trifft. Wenn es schon etwas weitergeht, bestimmt man ein Vorbereitungskomitee für dieses nächste Zusammentreffen. Oder man gibt bekannt, wo sich die besonders Engagierten auch außerhalb der öffentlichen Massenzusammenkünfte treffen können – hier spielen die Massenkristalle wieder eine wichtige Rolle, weil sie über eine gewisse Infrastruktur verfügen. Und so entsteht aus dem Versuch, eine neue, in sich stimmige Ordnung zu erzeugen, eine Bewegung. Das Ziel von Bewegungen ist es also, in einer Situation, in der das Ereignis einen fundamentaler Defekt der bestehenden Ordnung enthüllt, eine neue, wieder in sich stimmige Ordnung zu hervorzubringen.

Und da ich noch nicht weiß, wie es nächste Woche weitergeht, kann ich Ihnen, werte Leserin, werter Leser, leider nicht mit einem schönen Zitat auf den nächsten Beitrag einstimmen. Ich wünsche Ihnen dennoch eine angenehme Woche und verbleibe bis nächsten Freitag

Ihr Alter Bolschewik

Nachweise

[1] Flach, K.-H.: „Bei Nacht und Nebel (Frankfurter Rundschau, 29. Oktober 1962)“, in: Ellwein, T.; Liebel, M. & Negt, I., Die Spiegel-Affäre II – Die Reaktion der Öffentlichkeit, Olten 1966, S. 422 – 424.

[2] Kirchheimer, O. & Menges, C.: „A Free Press in a Democratic State?: The Spiegel Case“, in: Carter, G. M. & Westin, A. F. (Hg.), Politics in Europe, New York, Chicago, Burlingame 1965, S. 87 – 138.

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12. Dezember 2014 at 16:45

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Massenkristalle

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Bewegungslehre (5)

„Wer sich heute nicht setzt, kann morgen schon sitzen!“

Sitzstreikparole, Frankfurt 1962

Was bisher geschah: Am Abend des 26. Oktober 1962, einem Freitag, wurde in Hamburg die Spiegel-Redaktion von den Ermittlungsbehörden besetzt. Grund dieser „Nacht-und-Nebel“-Aktion: Verdacht auf Landesverrat. Am Samstagmittag stellte sich Rudolf Augstein der Polizei. Und schon am Sonntag fand die erste spontane Protestdemonstration in Stuttgart statt.

Ich hatte letzte Woche bereits darauf hingewiesen, daß die Demonstration in Stuttgart nicht von politisch völlig unerfahrenen und unorganisierten Leuten initiiert wurde. Vielmehr wurde die Demonstration ziemlich symbolträchtig aufgezogen. Die AktivistInnen vom Verband der Kriegsdienstgegner hatten sich die Münder mit Heftpflaster verschlossen, hielten Ausgaben des Spiegel in der Hand, bekannten sich mit handgeschriebenen Plakaten mit der Zeitschrift solidarisch. Außerdem hatten sie eine Presseerklärung geschrieben, die sie der Deutschen Presseagentur telefonisch durchgaben. Und sie standen direkt vor der Redaktion der Stuttgarter Nachrichten, so daß die lokale Presse den Protest nicht ignorieren konnte. Dabei hätten sie sich keine Sorgen machen müssen:

„Als die Reihe stand, brauchte ich gar nicht mehr ins Verlagsgebäude zu gehen. Ein Lokalreporter kam mit einer Sofortbildkamera, fragte wer wir seien und nahm meine Presseerklärung entgegen.“ ([3], S. 19)

Nach Beendigung der Aktion überlegten sich die Protestierenden, ob sie noch etwas trinken gehen sollten, entschieden sich dann aber dafür, sich vorher noch die Tagesschau anzusehen, ob es neue Entwicklungen in der Spiegel-Affäre gebe:

„Das war eine glückliche Entscheidung, denn es gab eine Überraschung. Der Reporter der Stuttgarter Nachrichten war fix gewesen. Unser Bild kam in der Tagesschau. Bürgerprotest zugunsten der Spiegel-Redakteure! Das erste Zeichen, dass der Mann auf der Straße sich von Adenauers Rede, dass hier »ein Abgrund von Landesverrat« klaffe, nicht einschüchtern ließ.
Auch der Ticker von dpa tat sein Werk. Wir hatten die Nachricht produziert, auf welche die Presse gewartet hatte. Die Stuttgarter Nachrichten – und sogar die Konkurrenz, die Stuttgarter Zeitung – berichteten am Montag über unsere Aktion, die eine mit Bild, die andere ohne. Mich freute, dass meine Presseerklärung vollständig zitiert wurde.“ ([3], S. 19)

Das macht deutlich, daß es noch einen weiteren wichtigen Akteur gibt, den wir bei unserem Versuch, die Natur von Protestbewegungen zu verstehen, mit in den Blick nehmen müssen: Die Medien. Doch dazu in einem späteren Beitrag mehr. Hier interessiert uns zunächst etwas anderes, nämlich die Natur der Spontaneität. Läßt sich, angesichts dieses professionellen Herangehens tatsächlich von spontanem Protest reden? Ist das nicht vielmehr genau die Art von organisierter Demonstration, die ich im vorletzten Beitrag etwas abfällig als „synthetische Bewegung“ bezeichnet hatte?

Keineswegs. Denn der Ursprung des Ganzen liegt im Ereignis – dem staatliche Angriff auf den Spiegel – zu finden, es war diese Aktion der Staatsmacht, die die Proteste auslöste. Die Demonstration entsprang keinen strategischen oder auch nur taktischen Planungszielen der Organisation. Die Verteidigung der Pressefreiheit war kein primäres Interesse des Verbandes der Kriegsdienstgegner (VK). Dessen Mitglieder reagierten nur sensibler und damit schneller als der Rest der Öffentlichkeit.

Im Gegensatz zum Großteil der Öffentlichkeit kannten sie den inkriminierten Artikel ziemlich genau, weil dieser tatsächlich in das Interessensgebiet ihrer Organisation fiel. Schließlich lag die Veröffentlichung bereits zwei Wochen zurück, doch den Kriegsdienstgegner war er ziemlich präsent, weil er ihre Kritik am Adenauerschen Militarismus und dessen potentiell katastrophalen Konsequenzen auch durch die gegnerische Seite beglaubigte:

„Dieser Bericht bestätigte quasi NATO-offiziell die schlimmsten Befürchtungen unserer Gruppe.“ ([3], S. 17)

Gegenstand des Protestes war aber nicht der Artikel selbst, sondern der offenkundige Versuch der Regierung, die kritische Berichterstattung zu einem der umstrittensten Politikfelder der Adenauer-Regierung zu unterdrücken. Es ging also um die Rolle der Presse in einer funktionierenden Demokratie, und das war nun gerade nicht ein zentraler programmatischer Bestandteil der VK. Konsequenterweise beschloß die Gruppe, ausdrücklich nicht als Stuttgarter Ortsgruppe der VK aufzutreten:

„Möglichst viele sollten sich mit unserem Protest identifizieren. War es da nicht besser, wenn wir uns heute nicht als Randgruppe der Gesellschaft zu erkennen gaben, also weder von Kriegsdienstverweigerung, noch von unserer Teilnahme an den Ostermärschen, noch gar von unserem Plan des Aufbaus einer Gewaltfreien Zivilarmee sprachen. »Wir tun so, als ob wir uns sonntagmorgens regelmäßig zu einer Art politischem Stammtisch treffen und uns nun spontan zu diesem Zeichen der Ermunterung für die inhaftierten Spiegel-Redakteure entschlossen haben.« Das sagte ich Günter am Telefon. Auch mit Artur Epp verständigte ich mich noch. Sie waren einverstanden: »Ja, um der Sache willen, ist heute Zurückhaltung geboten. Flagge zeigen, könnten wir ein andermal.«“ ([3], S. 18f)

Dieser Ablauf ist keineswegs untypisch. Am Anfang, bei der Initiierung einer Bewegung, sind es häufig Organisationen – oder besser: Menschen, die schon Organisationserfahrung haben – von denen die erste Aktivitäten ausgehen. Das heißt nicht, daß die Organisation die Bewegungen hervorbringen. Sie sind eher als Katalysatoren oder Kristallisationspunkte anzusehen, die den Prozeß zwar in Gang setzten, worauf dieser dann aber eine Eigendynamik gewinnt, die sich von den Initiatoren emanzipiert. Canetti spricht in diesem Zusammenhang von „Massenkristallen“ ([1], S. 79ff). Allerdings bleibt, da er nicht zwischen Massen und Bewegungen unterscheidet, seine Bestimmung dessen, was Massenkristalle überhaupt sind, seltsam unscharf. Dennoch hat er eine der wesentlichen Eigenschaften dieser Massenkristalle herausgearbeitet. Es ist die Eigenschaft, daß Massenkristalle deutlich langlebiger sind als Massen (und Bewegungen):

„Zwar bilden sich immer neue Formen aus, aber die alten in ihrem Eigensinn bleiben daneben bestehen. Sie mögen zeitweilig in den Hintergrund treten und an Schärfe und Unentbehrlichkeit verlieren. Die Massen, die zu ihnen gehörten, sind vielleicht abgestorben oder man hat sie ganz unterdrückt. Als harmlose Gruppen, ohne irgend etwas nach außen zu bewirken, leben die Kristalle dann für sich weiter. […] Der Augenblick, da sie gebraucht werden, kommt so sicher wieder, wie es neuartige Massen gibt, zu deren Erregung und Auslösung sie sich eignen mögen.“ ([1], S. 80f)

Gerade an der Spiegel-Affäre läßt sich sehr schön die Katalysatorfunktion der Massenkristalle aufzeigen, denn in unterschiedlichen Städten waren es sehr unterschiedliche Organisationen, die zu öffentlichem Protest aufriefen, die dann aber schnell weitere, bislang unorganisierte Menschen mobilisieren konnten:

„Insgesamt kam es in den ersten vier Wochen der Spiegel-Affäre zu mindestens 23 Demonstrationen in 17 Städten der Bundesrepublik, meist mit Sitz einer Universität oder Hochschule. Am häufigsten ging die Initiative von politischen Studentenverbänden, wie dem Liberalen Studentenbund Deutschlands (LSD), dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), dem Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) oder gewerkschaftlichen Studentengruppen aus. Doch die Mehrzahl der Demonstranten bestand aus Studenten, die sonst nicht in politischen Studentenverbänden mitarbeiteten.“ ([4], S. 161)

Das heißt, es ist relativ egal, welche Organisation als Katalysator dient, es braucht nur einen Kristallisationspunkt, um den herum sich die Masse gruppieren kann. Im Extremfall kann das auch eine einzige Person sein. Ein gutes Beispiel hierfür findet sich bereits einen Tag nach der Stuttgarter Aktion in Düsseldorf. Dort stellte sich eine Einzelperson, der 30-jährige Werbegraphiker Günter W., mit einem selbstgemalten Plakat auf die Königsallee. Im Polizeibericht hieß es dazu:

„Das Plakat ist wie folgt bemalt: »Warte, warte noch ein Weilchen, bald kommt Josef auch zu Dir, mit dem großen Hackebeilchen und macht Büchsenfleisch aus Dir!« Weiter sind auf dem Plakat einige Büchsen mit den Aufschriften »Der Spiegel«, »Demokrat«, »…albohm«, »Takt und Anstand« und weiter eine feiste männliche Person mit einem Beil aufgemalt; vom Beil tropft rote Farbe.“ (zit. nach [4], S. 162)

Um diesen singulären Massenkristall sammelten sich dann in kürzester Zeit rund 200 Menschen ([2]) – bis Günter W. dann einfach von der Polizei festgenommen wurde. Mit anderen Worten: Wenn das Ereignis eintritt, muß jemand die Initiative ergreifen. Das können einzelne, bislang in der Öffentlichkeit unbekannte Personen sein, doch mit größerer Wahrscheinlichkeit sind es bereits bestehende Organisationen, die als Massenkristalle fungieren.

Unglücklicherweise leiden politische Organisationen notorisch an der Illusion, sie würden die Bewegungen hervorbringen, für die sie eigentlich nur als Katalysatoren dienen. Es ist nicht ihre geduldige politische Wühlarbeit, die irgendwann umschlägt in eine Bewegung. Sondern die Bewegung ist das Resultat eines unerwarteten, aber symbolischen Ereignisses, in dessen Folge dann Organisationen als Katalysatoren wirken können.

Nächste Woche schauen wir uns näher an, was das Ereignis, wenn es denn ein Symbol ist, überhaupt symbolisiert. Freuen Sie sich also darauf, wenn Harry Pross zur Spiegel-Affäre meint, sie habe geholfen,

„im Volk zwei Parteien quer durch alle Schichten zu bilden: die Landesverratspartei und die Anti-Willkür-Partei.“ (zit. nach [4], S. 215)

Nachweise

[1] Canetti, E., Masse und Macht, Frankfurt a.M. 1980.

[2] clj & BeK: „Protest: Die Zivilgesellschaft geht auf die Strasse“, URL: http://www.anstageslicht.de/themen/themenkategorien/geschichtenansicht/berichtansicht/kat/history/story/die-spiegel-affaere-1962-und-danach/kapitel/landkarte-des-protests-demonstrationen-und-diskussionen/report/158.html, abgerufen am 26. November 2014.

[3] Ebert, T.: „Auf der Suche nach einer gewaltfreien Alternative zur Bundeswehr – Erfahrungsbericht eines Friedensforschers“, URL: http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/media/pdf/Ebert_Nuernberg_2_11_05.pdf, abgerufen am 28. November 2014.

[4] Liebel, M.: „Die öffentlichen Reaktionen in der Bundesrepublik“, in: Ellwein, T.; Liebel, M. & Negt, I., Die Spiegel-Affäre II – Die Reaktion der Öffentlichkeit, Olten 1966, S. 37 – 240.

Written by alterbolschewik

5. Dezember 2014 at 14:56

Spontaner Protest

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Bewegungslehre (4)

„Jeder Bürger muß es schrein – Augstein raus und Strauß muß rein“

Demonstrationsparole 1962

Was bisher geschah: Spontane Massen bilden sich als Reaktion auf ein Ereignis. Und zwar ein Ereignis, das die bestehende Ordnung als brüchig erscheinen läßt, beispielsweise ein extrem traumatisierendes Verbrechen. Oder auch ein politische Attentat wie das auf John F. Kennedy.

Bei der Ermordung Kennedys hatten wir bereits gesehen, daß das Ereignis den Charakter eines Symbols annehmen kann. Hier wurde nicht nur ein beliebter Politiker ermordet, sondern der Mord repräsentierte im Bewußtsein derer, die deswegen auf die Straße gingen, die Gefahr eines politischen Rückfalls in einen autoritären Politikstil, der mit Kennedy überwunden schien.

An dieser Stelle ist es wohl angebracht, Bewegungen von zwei anderen, nah verwandten sozialen Phänomenen abzugrenzen, nämlich von bloßen Massen einerseits und Organisationen andererseits. Ein Massenereignis, selbst wenn es einen politischen Inhalt hat wie die Trauerkundgebungen nach dem Tod von Kennedy, ist noch keine Bewegung. Damit spontan entstehende Massen zu Bewegungen werden, müssen sie mehr sein als eine bloße öffentliche Zusammenballung von Menschen. Bewegungen werden von mehr getragen als dem bloßen Gefühl, in der Masse aufgehoben zu sein. Sie wollen etwas, das sich nicht allein durch das Zusammenkommen befriedigen läßt. Sie weisen über den konkreten Anlaß hinaus. Andererseits wäre es aber zu weit gegriffen, wenn man dieses Mehr, diesen Überschuß, den Bewegungen gegenüber bloßen Massen haben, schon als ein klares Ziel bezeichnen würde. Das unterscheidet Bewegungen von Organisationen. Organisationen haben Ziele – und deshalb mischen sie sich auch oft in Bewegungen ein, um diese für ihre Ziele zu instrumentalisieren (über das komplexe Verhältnis von Bewegungen zu Organisationen wird in einem späteren Blogtext zu reden sein). Die Kurs einer Bewegung ist jedoch viel unbestimmter als bei organisierten Gruppen. Es gibt kein konkret ausformuliert Ziel, sondern nur eine vage Richtung, in die die Bewegung sich eben bewegt. Anders als bei Organisationen stellt sich deshalb die Einheit der Bewegung nicht über ausformulierte Programme her, sondern über Symbole. Und das Ereignis, das die Bewegung auslöst, ist das erste Symbol, das die Menschen zusammenbringt und in Bewegung setzt.

Als Symbol ist das Ereignis immer ein Doppeltes: Einerseits ein konkreter Vorfall, der meist als schockierend und traumatisierend empfunden wird. Andererseits lädt sich dieser Vorfall sofort mit einem Mehr an Bedeutung auf, durch ihn wird etwas, das bislang nur vage erahnt, befürchtet oder auch erhofft wurde, auf einmal konkret. Eine solche Ahnung, sei sie nun positiv oder negativ, wird durch das symbolische Ereignis Gewissheit. Und diese Gewissheit treibt die Menschen auf die Straße.

Ein ganz typisches Beispiel für ein derartiges Ereignis war etwa der GAU im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl. Die Gefahren der Atomenergie waren zum damaligen Zeitpunkt längst in der öffentlichen Diskussion, doch sie waren, wie es so schön heißt, „umstritten“. Zwar gab es erklärte Verfechter der Atomenergie und klare Gegner, doch ein Großteil der Bevölkerung war eher unschlüssig. Das Ereignis änderte dies grundlegend. Die schon totgesagte Anti-Atomkraft-Bewegung erlebte einen neuen Aufschwung, daß selbst die Parteien der schwarz-gelben Regierungskoalition dazu gezwungen waren, die Atomenergie nun nur noch als eine „Übergangslösung“ zu verkaufen. Bei einer diffus polarisierten Öffentlichkeit kann ein solches symbolisches Ereignis die öffentliche Meinung schlagartig nach einer bestimmten Seite hin kippen lassen.

Im Detail läßt sich dies an der Spiegel-Affäre des Jahres 1962 studieren. Ganz kurz zur Erinnerung die Fakten: Im Oktober 1962 veröffentlichte der Spiegel einen Artikel über das Nato-Manöver Fallex 62, das das Verteidigungskonzept der Bundesrepublik als völlig unzureichend aufgezeigt hatte. Die Informationen dazu waren dem Spiegel durch einen, wie man heute sagen würde, Whistleblower zugespielt worden. Dieser Indiskretion lagen Flügelkämpfe im Verteidigungsministerium zugrunde: Es gab offensichtlich eine Fraktion von Militärs, die den Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß diskreditieren wollte. Auf die Veröffentlichung im Spiegel erfolgte eine recht absurde Anzeige wegen angeblichen Landesverrates. Urheber der Anzeige war ein alter Nazi und jetziger Parteifreund von Franz-Josef Strauß; ob die Anzeige mit Wissen und Billigung von Strauß erfolgte, ist nicht bekannt. Doch das ist auch nicht weiter von Belang, da Strauß im Rahmen der Ermittlungen in kürzester Zeit informiert war, denn die Bundesanwaltschaft wandte sich im Rahmen ihrer Ermittlungen an das Verteidungsministerium, um ein Gutachten zu bekommen, ob es sich bei besagtem Artikel wirklich um Landesverrat handeln könne.

Spätestens jetzt wurde Strauß, der schon längere Zeit eine Fehde mit dem Spiegel austrug, zum Strippenzieher hinter den Kulissen. Am Freitag, den 26. Oktober, mitten während der Endredaktion der nächsten Spiegel-Ausgabe, besetzten in den Abendstunden rund 50 Mann des Bundeskrimialamtes, des Militärischen Abschirmdienstes und der Bundesanwaltschaft die Redaktionsräume des Spiegel. Sie hatten Haftbefehle für den Herausgeber Rudolf Augstein und den Autor des Artikels, Conrad Ahlers, doch keiner der beiden befand sich in der Redaktion. Augstein war bei seiner Geliebten, Ahlers in Spanien im Urlaub. Augstein stellte sich am nächsten Tag der Hamburger Polizei, Ahlers wurd auf direkte Intervention von Strauß im faschistischen Spanien festgenommen. In der Öffentlichkeit wurde die Aktion sofort als Racheakt Franz-Josef Strauß’ am Spiegel interpretiert. Und schon am Sonntag begannen dann die uns interessierenden Proteste – zunächst im von Hamburg weit entfernten Stuttgart:

„20 junge Stuttgarter protestieren am Nachmittag »stumm« auf der Königsstraße gegen das Vorgehen der Bundesanwaltschaft. In einer Presseerklärung heißt es, sie seien »dem ‚Spiegel‘ für seinen couragierten Bericht über das Manöver Fallex 62 dankbar« und dass die Anschuldigungen gegen den Spiegel lächerlich seien, »da außer dem Bundesanwalt wohl niemand in der Bundesrepublik die russische Spionage für so unfähig hält, daß sie auf die Spiegel-Lektüre angewiesen wäre.«“ ([2])

Diese erste Protestaktion war ziemlich professionell gemacht. Gut gemachte Plakate, ein öffentlichkeitswirksamer Platz direkt vor der Redaktion der Stuttgarter Nachrichten, das symbolträchtige Auftreten mit verklebten Mündern und dem Spiegel in der Hand, die Formulierung und Verbreitung einer Presseerklärung: Das alles verweist darauf, daß diese ersten Protestierenden organisiert waren. Und das waren sie in der Tat – es war die Stuttgarter Ortsgruppe des Verbandes der Kriegsdienstgegner, die hinter der Aktion stand. Eigentlich wollte sich die Gruppe an diesem Sonntagmorgen zu einem Referat über den Widerstand der norwegischen Lehrer während der nationalsozialistischen Besatzung treffen. Doch die Verhaftung Augsteins wegen Landesverrates änderte schlagartig die Tagesordnung – angesichts dieses Vorfalls war nach Ansicht der Kriegsgegner der Verteidungsfall für die Demokratie eingetreten. Noch am selben Tag wollte man in der Stuttgarter Innenstadt demonstrieren. Und man plante taktisch äußerst geschickt, wie sich einer der Beteiligten, Theodor Ebert, später erinnerte:

„»Die meisten Journalisten werden in der Verhaftung Augsteins einen Angriff auf die Pressefreiheit sehen. Wir müssen ihnen ganz schnell die Nachrichten zum Protest der Bevölkerung liefern, die sie brauchen. Wir demonstrieren spontan auf der Königstraße. Wir stellen uns vor das Verlagsgebäude der Stuttgarter Nachrichten. Mitten in der Stadt. Dort sind wir nicht zu übersehen.« Das war meine Empfehlung.
Sie leuchtete ein. »Wir brauchen einen Blickfang. Wenn wir da nur rumstehen und ‚Freiheit für Augstein‘ rufen, hilft dies nicht viel«, gab Artur Epp zu bedenken. Und dann machte Jutta Vorwerk, die vom Krakeelen überhaupt nichts hielt, einen überraschenden Vorschlag: »Wir bilden vor dem Verlagsgebäude eine lange Reihe. Jeder nimmt irgendeine Nummer des ‚Spiegel‘ in die Hand und liest darin. Und wir kleben uns den Mund zu – mit Heftpflaster.« – Artur stimmte sofort zu: »Das ist genial. Da kapiert jeder sofort, was gemeint ist.« Auch mir gefiel der Vorschlag: »Da können sich Passanten spontan anschließen und wir sind sicher, dass sie keinen Unsinn erzählen und dies dann als die Meinung der Demonstranten zitiert wird.«“ ([3], S. 18)

Durch dieses Vorgehen wurde die Stuttgarter Ortsgruppe des Verbandes der Kriegsdienstgegner zu einem, wie es bei Canetti heißt, Massenkristall. Damit und mit der weiteren Dynamik der Proteste im Jahr 1962 beschäftigen wir uns nächste Woche. Freuen Sie sich also darauf, daß Elias Canetti nächste Woche erklärt:

„Als Massenkristalle bezeichne ich kleine, rigide Gruppen von Menschen, fest abgegrenzt und von großer Beständigkeit, die dazu dienen, Massen auszulösen.“ ([1], S. 79)

Nachweise

[1] Canetti, E., Masse und Macht, Frankfurt a.M. 1980.

[2] clj & BeK: „Protest: Die Zivilgesellschaft geht auf die Strasse“, URL: http://www.anstageslicht.de/themen/themenkategorien/geschichtenansicht/berichtansicht/kat/history/story/die-spiegel-affaere-1962-und-danach/kapitel/landkarte-des-protests-demonstrationen-und-diskussionen/report/158.html, abgerufen am 26. November 2014.

[3] Ebert, T.: „Auf der Suche nach einer gewaltfreien Alternative zur
Bundeswehr – Erfahrungsbericht eines Friedensforschers“, URL: http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/media/pdf/Ebert_Nuernberg_2_11_05.pdf, abgerufen am 28. November 2014.

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28. November 2014 at 19:29

Risse in der Ordnung

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Bewegungslehre (3)

„Die Neigung der Menschen, zu Feuer zu werden, dieses alte Symbol zu reaktivieren, ist auch in späteren, komplexeren Kulturen stark.“

Elias Canetti, Masse und Macht

Was bisher geschah: In der letzten Woche wurde zwischen Bewegungen differenziert. Ich behauptete, daß es auf der einen Seite synthetische Bewegungen gebe, das heißt, Bewegungen bei denen die Mobilisierung bewußt von gesellschaftlichen Gruppen organisiert wird. Die Friedensbewegung der 80er Jahre wurde als derartige Bewegung bezeichnet. Und es gibt andererseits spontane Bewegungen, zu denen niemand aufruft, sondern die sich plötzlich wie von selbst konstituieren.

Während wir uns im letzten Beitrag hauptsächlich mit den synthetischen Bewegungen beschäftigt haben, soll es heute um die spontanen Bewegungen gehen. Hier hat keine Organisation einen Plan, hier wird nicht versucht, mit Hilfe des Drucks der Massen ein strategisches Ziel zu erreichen. Es geschieht einfach: Auf einmal findet sich eine Masse zusammen, ohne daß jemand explizit dazu aufgerufen hätte. Canetti hat versucht, das in Masse und Macht zu beschreiben:

„Eine ebenso rätselhafte wie universale Erscheinung ist die Masse, die plötzlich da ist, wo vorher nichts war. Einige wenige Leute mögen beisammen gestanden haben, fünf oder zehn oder zwölf, nicht mehr. Nichts ist angekündigt, nichts erwartet worden. Plötzlich ist alles schwarz von Menschen. Von allen Seiten strömen andere zu, es ist, als hätten Straßen nur eine Richtung. Viele wissen nicht, was geschehen ist, sie haben auf Fragen nichts zu sagen; doch haben sie es eilig, dort zu sein, wo die meisten sind. Es ist eine Entschlossenheit in ihrer Bewegung, die sich vom Ausdruck gewöhnlicher Neugier sehr wohl unterscheidet. Die Bewegung der einen, meint man, teilt sich den anderen mit, aber das allein ist es nicht: sie haben ein Ziel. Es ist da, bevor sie Worte dafür gefunden haben: das Ziel ist das schwärzeste – der Ort, wo die meisten Menschen beisammen sind.“ ([2], S. 11)

Was Canetti hier beschreibt ist der reinste, auf den grundlegendsten Mechanismus reduzierte Fall der Masse. Es ist die Masse, die keinen anderen Inhalt oder Zweck hat als sich selbst. Ich weiß nicht, ob es diese reine Masse historisch wirklich einmal gegeben hat. Die Masse, die einfach nichts anderes ist als Masse, erscheint mir eher als ein Phantasma des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Mit dem Wuchern der ersten Großstädte wie London oder Paris entstand auch die Furcht vor der Masse. Wo die Individuen nicht mehr einer rigiden sozialen Aufsicht unterworfen waren, fürchtete man ihre unkontrollierte Zusammenrottung zu einem amorphen Gebilde, das die klar definierten Klassenschranken in Frage stellte. Die Furcht vor der unkontrolliert zusammenströmenden Masse war immer die Furcht vor dem Zerfall der bürgerlichen Strukturen und Regeln. Und diese Masse aus den Alpträumen des Bürgertums scheint Canettis obiger Beschreibung eher Pate gestanden zu als reale Massen in benennbaren historischen Situationen.

Dennoch ist Canettis Beschreibung nicht falsch – man muß sie nur als Beschreibung eines Idealtyps verstehen. Massen, wenn sie im Entstehen begriffen sind, lösen einen Sog auf zunächst Unbeteiligte aus, der erstaunlich ist. Es gibt ein – und das ist eine wesentliche Erkennntis, die wir Canetti verdanken – archaisches Bedürfnis der Menschen, in der Masse aufgehen zu wollen. Im Alltag ist dieses Bedürfnis normalerweise unterdrückt – wir halten Distanz zu unseren Mitmenschen und empfinden es als unangenehm, wenn uns fremden Menschen zu sehr auf die Pelle rücken. In der Masse ist dies anders:

„Es ist die Masse allein, in der der Mensch von dieser Berührungsfurcht erlöst werden kann. Sie ist die einzige Situation, in der diese Furcht in ihr Gegenteil umschlägt. Es ist die dichte Masse, die man dazu braucht, in der Körper an Körper drängt, dicht auch in ihrer seelischen Verfassung, nämlich so, daß man nicht mehr darauf achtet, wer es ist, der einen »bedrängt«. Sobald man sich der Masse einmal überlassen hat, fürchtet man ihre Berührung nicht.“ ([2], S. 10)

Dieses archaische Bedürfnis, Teil einer Masse zu werden, ist ein ganz wichtiger Punkt, wenn wir begreifen wollen, wie spontane Bewegungen entstehen. Auch wenn es keine Massen geben sollte, die allein und ausschließlich aus diesem Massenbedürfnis hervorgehen, so ist dieses Verlangen dennoch in allen Massenphänomenen vorhanden. Selbst unsere angeblich so individualisierte Gesellschaft hat ihre ganz typischen Rituale, in denen dieses Massenbedürfnis befriedigt wird: Sei es in den Fanmeilen, die anläßlich eigentlich völlig banaler Sportereignisse eingerichtet werden, oder bei riesigen Open-Air-Konzerte, wo das Massenereignis noch dadurch gesteigert wird, daß beim stagediving einzelne kurzzeitig aus der Masse herausgehoben und buchstäblich von ihr getragen werden, bis sie wieder in der Masse untergehen.

Doch selbst wenn wir ein solches Massenbedürfnis unterstellen, bilden sich Massen nicht einfach grundlos, ohne äußeren Anlaß. Es braucht etwas, das die Menschen aus ihrem alltäglichen Trott herausreißt und sie dazu motiviert, sich mit anderen zu einer Masse zusammenzuschließen: Ein Ereignis. Etwas geschieht und unabhängig voneinander sind Menschen auf einmal der Meinung, das könne man nicht einfach achselzuckend abtun. Irgendetwas müsse man tun. Und selbst wenn es völlig unklar ist, was man denn tun könne, entsteht das Bedürfnis, andere zu finden, denen es ebenso geht. Und so trifft man sich an einem öffentlichen Ort, um einen gemeinsamen Umgang mit dem Ereignis zu finden.

Damit das Ereignis bei den Menschen ein solches Verhalten auslösen kann, muß es als Schock erfahren werden. Das Ereignis stellt die Ordnung der Welt, wie man sie sich tagtäglich zusammenkonstruiert in Frage. Dieser Riß, der auf einmal durch das eigene Weltbild läuft, verlangt nach Heilung. Es ist diese Heilung, die in der Masse gesucht wird.

Die einfachste Form eines solchen schockierenden Ereignisses ist ein Verbrechen. Damit es sich aber um ein massenbildendes Ereignis handelt, genügt kein einfaches Feld-, Wald- und Wiesen-Verbrechen, kein Bankraub, kein Mord aus Geldgier oder Leidenschaft. Derartige Verbrechen sind nicht wirklich schockierend – sie sind, wie man achselzuckend seufzt, unentschuldbar, kommen aber, so wie die menschliche Natur nun einmal ist, eben vor. Nein, es geht um die entsetzlichen Verbrechen, die grundsätzlich an der Menschheit zweifeln lassen. Nur diese werden als Ereignisse empfunden werden, die einen auf die Straße treiben. Da wird beispielsweise ein Kind vergewaltigt und ermordet, seine Leiche wird irgendwo im Park aufgefunden. Dann zieht es die Menschen an diesen Ort – nicht aus eitler Neugier, sondern weil man sich vergewissern will, daß dieses Ereignis die absolute Ausnahme ist, daß die Nachbarn im Viertel das Ganze als ebenso traumatisierend empfinden wie man selbst. Man legt Plüschtiere nieder, man zündet Kerzen an – das Feuer spielt hier als eines der mächtigsten Massensymbole ([2], S. 82f) eine wichtige Rolle. Mit diesem Tun vergewissert man sich, daß trotz des Ereignisses die Ordnung im wesentlichen intakt ist. Die Masse, in die man sich einreiht, wird zum Trost und zur Versicherung, daß die gestörte Ordnung nicht grundsätzlich in Frage gestellt ist.

Eine solche Masse ist noch längst keine Bewegung. Sie findet sich zusammen und zerstreut sich wieder, ohne daß daraus langfristig etwas folgen würde. Sie will gesellschaftlich nichts ändern, sondern sie sucht Trost angesichts des Geschehens und eine Bestätigung dafür, daß das Ereignis nichts verändert hat und die alte Ordnung weiterhin Gültigkeit besitzt.

Näher an der Entstehung politischer Bewegungen sind Ereignisse, in denen sich Verbrechen und Politik vermischen. Ein solches Ereignis war beispielsweise die Ermordung John F. Kennedys 1963. Damals schrieb Rudolf Augstein im Spiegel:

„Die uns bekannte Geschichte hat kein Beispiel dafür, daß der jähe Tod eines Menschen die gesamte bewohnte Erde so aufgestört hätte wie die Nachricht von der Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy. Einige Augenblicke lang stockte Milliarden Menschen Pulsschlag und Atem. Fünfzehn Minuten, bis zur endgültigen Todesnachricht, verharrten die Völker ganzer Erdteile in lähmender Spannung.“ ([1], S. 22)

Die Trauer über den Tod Kennedys trieb nicht nur in den USA die Menschen auf die Straße, auch in der Bundesrepublik fanden Trauerkundgebungen und -märsche statt, zum Teil auch wieder unter Aufbietung des Massensymbols Feuer, hier in Form von Fackelzügen.

Von einem bloßen Verbrechen unterschied sich die Ermordung Kennedys dadurch, daß es nicht der Rechtsbruch als solcher war, der als schockierend empfunden wurde. Der Tod Kennedys symbolisierte mehr, nämlich eine politische Richtungsentscheidung. Augstein brachte das damals im Spiegel zum Ausdruck:

„Sein Versuch, unterstützt von den idealistischen Impulsen einer demokratischen Innenpolitik, die Friedenssicherung mit den Sowjets durch zäheste Strategie zu erreichen, ist durch seinen Tod unterbrochen und tausend Unberechenbarkeiten preisgegeben. Zum zweitenmal innerhalb eines Jahres, wie beim Tod des 81jährigen Papstes Johannes, überfällt einfache Leute und Intellektuelle schockartig der Zweifel, ob denn das Neue, das durch einen Menschen in die Welt gekommen ist, durch das Erstarren eines einzigen Gehirns abreißen und zu Ende sein kann.“ ([1], S. 22)

Die Menschen, die nach Kennedys Tod auf die Straße gingen, plädierten damit auch für eine Fortsetzung seiner Politik. Mit dem spontanen Gang auf die Straße wurde zum Ausdruck gebracht, daß man sich auch zukünftig eine Politik im Stil Kennedys wünschte, der als Alternative zum üblichen Politikstil des Kalten Krieges (miß-)verstanden wurde (es ist dabei völlig unerheblich, ob diese Projektion auf die Person Kennedys auch nur im geringsten realistisch war). Damit wurde sicherlich noch nicht der Übergang vom bloßen Zusammentreten einer Masse hin zu einer Bewegung vollzogen. Aber wir sind diesem Übergang einen Schritt nähergekommen. Ein Ereignis wie die Ermordung Kennedys brachte nicht nur einfach ein Gefühl der Betroffenheit hervor, das Bewußtsein einer grundlegenden Störung der Ordnung, die wiederhergestellt werden muß. Sondern sie offenbarte, daß bereits unabhängig vom Ereignis ein politischer Riß durch die Gesellschaft ging, den das Ereignis nur symbolträchtig bewußt machte. Die Masse ist hier nicht mehr nur ein tröstliches Zusammenrücken, sondern eine politische Stellungnahme für eine gesellschaftliche Alternative, wenn auch nur innerhalb des als allgemein akzeptierten Rahmens.

Nächste Woche werden diese Überlegungen fortgesetzt, wenn wir uns die Spiegel-Affäre des Jahres 1962 ansehen. Freuen Sie sich darauf, daß die Zeit angesichts der Verhaftung von Rudolf Augstein auf Betreiben von Franz-Josef Strauß schrieb:

„Es ist, als habe ein greller Blitz das Dämmerlicht unserer politischen Landschaft erhellt. Plötzlich wurde deutlich, wie wenig ins demokratische Bewußtsein dieses Volkes die rechtsstaatlichen Normen eingedrungen sind.“ ([3], S. 1)

Nachweise

[1] Augstein, R., „Der Präsident der Stärke und des Friedens“, in: Der Spiegel, Jg.7 (1963), Nr.48 (27. November 1963), S.22 – 23 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46172876.html).

[2] Canetti, E., Masse und Macht, Frankfurt a.M. 1980.

[3] Gresmann, H., „Spiegel-Affäre, Staats-Affäre“, in: Die Zeit, Jg.15 (1962), Nr.44 (2. November 1962), S.1 (http://www.zeit.de/1962/44/spiegel-affaere-staats-affaere/komplettansicht).

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21. November 2014 at 17:25

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Synthetische Mobilisierung

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Bewegungslehre (2)

„In keinem modernen Lande der Welt ist das Waldgefühl so lebendig geblieben wie in Deutschland. Das Rigide und Parallele der aufrechtstehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude.“

Elias Canetti, Masse und Macht

Was bisher geschah: Letzte Woche wurde eine entscheidende Differenzierung getroffen. Nicht immer, wenn Bürger sich außerhalb der üblichen gesellschaftlichen Institution kollektiv um Belange kümmern, die auch die Gesamtgesellschaft angehen, handelt es sich um eine Bewegung. Bewegungen, so wurde postuliert, zeichnen sich nicht nur durch ein konkretes Ziel aus, sondern zusätzlich durch ein transzendierendes Moment.

Der eigentliche Plan für heute war, angesichts der letztwöchigen Erkenntnisse zwischen genuinen gesellschaftlichen Bewegungen einerseits und inszenierten Pseudobewegungen andererseits zu unterscheiden. Die echten Bewegungen, so war meine Arbeitshypothese, entstehen ohne einen festen Plan, werden durch ein Ereignis ausgelöst, das unerwartet und plötzlich einschlägt. Inszenierte Pseudobewegungen dagegen sind Massenaufläufe, die von irgendwelchen Gruppen geplant und organisiert werden, ohne daß ein initiierendes Ereignis hinzukommt. Und diesen synthetischen Bewegungen fehlt, so wollte ich argumentieren, der gesellschaflich transzendierende Horizont, der den eigentlichen Kern einer echten Bewegung ausmacht.

Inzwischen habe ich gewisse Zweifel an dieser Hypothese; zumindest die einfache Abqualifizierung synthetischer Bewegungen als Pseudobewegungen erscheint mir mittlerweile als falsch. Als Paradebeispiel für eine synthetisch inszenierte Bewegung würde ich beispielsweise die Friedensbewegung ansehen, die Anfang der 80er Jahre Massen gegen den Nato-Doppelbeschluß auf die Straße gebracht hatte, wie es das in der Bundesrepublik niemals vorher oder nachher gegeben hat. Diese Bewegung hätte ich gerne als inszenierte Pseudobewegung einfach aus der Diskussion über echte Bewegungen herausgenommen.

Und es gibt gute Gründe, das zu tun: Zum einen war so gut wie nichts Spontanes an dieser Bewegung. Sie wurde generalstabsmäßig organisiert, woran die aus der DDR finanzierte DKP als verlängerter Arm der russischen Außenpolitik einen nicht unbeträchtlichen Anteil hatte – aber auch andere Institutionen wie Gewerkschaften oder Kirchen. Zum anderen fehlte dieser Bewegung auf den ersten Blick ein transzendierendes, nach vorne weisendes Moment. Natürlich wollte man keinen Atomkrieg – aber das war’s dann auch schon. Zwar wurde von diversen linken Gruppen, die sich an die Bewegung anhängten, versucht, ein derartig überschreitendes Moment mit einzubringen. Die Argumentationslinie war dabei ungefähr die, daß eine derartige Kriegsgefahr im Rahmen einer kapitalistisch verfaßten Gesellschaft nie gebannt werden könne, so lange mächtige Rüstungsinteressen von einer permanenten Aufrüstung profitierten. Doch die Verknüpfung des konkreten Protestes gegen die unmittelbar bevorstehende Aufstellung atomarer Mittelstreckenraketen mit einer größeren, antikapitalistischen Perspektive blieb völlig marginal und wäre, wenn sie mehr Bedeutung gewonnen hätte, für die Mobilisierung eher hinderlich gewesen. Während andere Bewegungen gerade vom Pathos einer Überwindung des status quo leben, war es für die große Masse derer, die sich gegen die Nato-Doppelbeschluß mobilisieren ließen, gerade der Wunsch nach Bewahrung des status quo, der sie auf die Straße brachte.

Mangelnde Spontaneität und mangelndes Pathos der Überschreitung wären also meine Argumente gewesen, mit denen ich Bewegungen wie die gegen den Nato-Doppelbeschluß aus dem Kanon der „echten“ Bewegungen verstoßen hätte. Doch letztendlich ist das absurd: Man kann nicht der größten außerparlamentarischen Massenmobilisierung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland unterstellen, daß sie sich fälschlich das Mäntelchen der Friedens-„Bewegung“ umgehängt habe. Denn sie unterschied sich nicht nur durch die Menge der Mobilisierten von einer bloßen Bürgerinitiative, die gegen eine Bahntrasse durch ihre Vorgärten protestiert.

Die Friedensbewegung war nicht einfach durch schnödes Eigeninteresse getrieben. Natürlich kann man sagen, daß der Wunsch, nicht in einem Atomkrieg pulverisiert zu werden, durchaus eine ziemlich individuelle Komponente hat. Aber das war meines Erachtens nicht der zentrale mobilisierende Faktor. Auch nicht ein „typisch deutscher“ Antiamerikanismus, der der Friedensbewegung von anderen als wesentliche Motivation unterstellt wurde (in New York demonstrierten 1982 doppelt so viele Menschen gegen die „Nachrüstung“ wie bei der großen Friedensdemonstration in Bonn; und den US-Bürgern wird wohl niemand Antiamerikanismus unterstellen). Meine augenblickliche Hypothese lautet: Das eigentlich treibende Motiv hatte durchaus eine transzendierende Komponente, allerdings eine negative. Und bei diesem Motiv handelte sich um die Vorstellung einer atomaren Apokalypse. Es war eben nicht die Furcht vor der individuellen Auslöschung, die mobilisierende Wirkung entfaltete, sondern die Furcht vor der Auslöschung der gesamten Menschheit.

Was ziemlich interessant ist. Warum sollte es weniger wichtig sein, wenn man sowieso schon tot sein wird, ob man das alleine oder zusammen mit der ganzen Menschheit ist? Eigentlich sollte doch die individuelle Todesgefahr eine größere mobilisierende Wirkung entfalten als die doch recht abstrakte Vorstellung, die ganze Menschheit würde ausgelöscht. Die Differenz liegt wieder einmal im Symbol. Mit dem Sinnbild der Apokalypse wurde eine ungeheuer starke Symbolik evoziert, die tief in unser christliches kulturelles Gedächtnis eingebrannt ist. Offensichtlich reicht die Macht dieser Symbolik so weit, daß es mit ihrer Hilfe gelingen konnte, eine synthetische Massenmobilisierung in Gang zu setzen, ohne daß es ein initiierendes Ereignis gab.

Damit unterscheidet sich die apokalyptische Symbolik wesentlich von der, die ich letzte Woche angeführt hatte. Damals hatte ich das Symbol des Märtyrers herausgestellt, das für die Mobilisierung von Bewegungen typisch ist. Der Märtyrer als Symbolfigur ist unzweideutig an ein Ereignis geknüpft, eben das seines Martyriums. Und dieses symbolische Ereignis hat unmittelbar mobilisierende Wirkung. Das Symbol der Apokalypse verweist jedoch auf ein zukünftiges Ereignis. Offensichtlich wirkt dieses noch gar nicht eingetretene Ereignis so eindrücklich, daß es, obwohl es noch nicht eingetreten ist, seine Wirkung entfalten kann. Die mobilisierende Kraft der Apokalypse beruht also nicht auf einem realen Ereignis, sondern darauf, daß ein Ereignis nicht eintreten soll.

Das sind nicht nur formale Differenzierungen. Aus diesen Differenzierungen ergibt sich ein weiterer wesentlicher Unterschied für die gesellschaftliche Bedeutung der Bewegungen. Tatsächlich hatte ich noch einen dritten Grund, die Friedensbewegung nicht unter die „echten“ Bewegungen zählen zu wollen. Und dieser Grund ist der eigentlich entscheidende: Sie brachte keine nachhaltigen gesellschaftlichen Veränderungen hervor.

Die Frauenbewegung, die durch die Veröffentlichung des Bekenntnisses „Wir haben abgetrieben!“ angestoßen wurde, hatte Auswirkungen, die die gesamte Gesellschaft in ganz zentralen Bereichen verändert hat. Zweifellos haben wir noch lange nicht den utopischen gesellschaftlichen Zustand erreicht, in dem nicht mehr über Geschlechtergerechtigkeit diskutiert werden muß, weil diese sowieso selbstverständlich ist. Aber die Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen, die sich seit der Veröffentlichung des Stern vom 6. Juni 1971 ergeben haben, sind tiefgreifend und bedürfen keiner näheren Ausführung.

Die Mobilisierung der Friedensbewegung hingegen verpuffte ohne irgendwelche greifbaren Spuren im gesellschaftlichen Alltag zu hinterlassen. Noch nicht einmal auf die Wahlen hatte die größte Protestbewegung in der Geschichte der BRD einen bedeutenden Einfluß: 1983, mitten in der Hochphase des Protestes gewann die CDU/CSU 4,3% der Wählerstimmen hinzu. Bestenfalls am erstmaligen Einzug der GRÜNEN in den Bundestag (mit 5,6%) kann man, wenn man will, eine gewisse politische Wirkung der Friedensbewegung ablesen. Doch die Anti-AKW-, Ökologie- und Frauenbewegung dürften für diesen ersten bundesweiten Wahlerfolg der GRÜNEN einen größeren Einfluß gehabt haben als die Friedensbewegung.

Wir können also festhalten, daß es zweierlei Arten von Bewegungen gibt: Spontane und synthetische. Beiden gemeinsam ist, daß sie über eine starke Symbolik verfügen müssen, um tatsächliche Massen mobilisieren zu können. Die Symboliken würden in beiden Fällen nicht funktionieren, wenn sie nicht eine den status quo überschreitende Qualität besäßen, doch die Überschreitung selbst ist eine grundlegend andere. Im Fall der spontanen Bewegungen ist die Symbolik der Überschreitung eine utopische: Es soll nicht nur ein Mißstand im Rahmen der allgemeinen Verhältnisse behoben werden, sondern die Verhältnisse selbst sollen verändert werden. Im anderen Fall, dem der synthetischen Bewegungen, ist es die Furcht vor einer grundlegenden Veränderung, die mobilisierende Wirkung besitzt. Wenn diese Veränderung dann nicht eintritt, die Apokalypse ausbleibt, zerfällt die Bewegung und hinterläßt wenig bis keine Spuren.

Dieser Dualismus von spontanen und synthetischen Bewegungen ist zweifellos etwas differenzierter als mein ursprünglicher Ansatz, zwischen „echten“ und „falschen“ Bewegungen zu unterscheiden. Aber ganz befriedigend ist er auch nicht. Was ist beispielsweise mit der Anti-AKW- und Ökologiebewegung? Diese mischte munter einen utopischen und einen apokalyptischen Part zusammen, was sich dann auch in einer doppelten Symbolik niederschlug: Dem utopischen Symbol der Sonne, wie es die Anti-Atomkraft-Aufkleber zierte, stand das apokalyptische des sterbenden Waldes entgegen. Wie ist eine derartige Doppelnatur einzuschätzen?

Für heute habe ich keine Antwort auf diese Frage. Und auch nächste Woche wird es (hoffentlich) erst einmal um etwas anderes gehen, nämlich um das Ereignis, das die spontanen Bewegungen auslöst.

Freuen Sie sich deshalb auf nächste Woche, wenn Elias Canetti meint:

„Eine besondere Art von Masse bildet sich durch ein Verbot: Viele zusammen wollen nicht mehr tun, was sie bis dahin als einzelne getan habe. Das Verbot ist plötzlich; sie erlegen es sich selber auf.“ ([1], S. 57)

Nachweise

[1] Canetti, E., Masse und Macht, Frankfurt a.M. 1980.

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14. November 2014 at 16:12

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Das Sein der Bewegungen

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Bewegungslehre (1)

„Die Bewegungsforschung bestimmt soziale Bewegung als ein »durch kollektive Identität abgestütztes Handlungssystem mobilisierter Netzwerke von Gruppen und Organisationen«, die das Ziel verfolgen, »sozialen Wandel mittels öffentlicher Proteste herbeiführen, verhindern oder rückgängig [zu] machen.«“

Kristina Schulz, Dieter Rucht zitierend

Was bisher geschah: Am 6. Juni 1971 erschien der Stern mit der Schlagzeile Wir haben abgetrieben! Mehr als 300 Frauen bekannten öffentlich mit ihrer Unterschrift, gegen den Paragraphen 218 verstoßen zu haben. Und dieses Bekenntnis wurde dann zur Initialzündung für die Neue Frauenbewegung, die dann in den nächsten Monaten und Jahren einen erstaunlichen gesellschaftlichen Wandel initiieren sollte.

In dieser und wahrscheinlich mehreren weiteren Folgen werde ich von der Empirie etwas zurücktreten und versuchen, die an der Entstehung der Frauenbewegung gewonnen Einsichten der letzten Wochen und Monate in einen größeren theoretischen Kontext zu stellen. Denn bei aller Lust an der Empirie, den kleinen, aber interessanten oder verblüffenden Details, die hier im Blog ausgebreitet wurden, geht der Anspruch, den ich mit diesem Blog erhebe, über einen nostalgischen Rückblick auf die gute alte Zeit der neuen sozialen Bewegungen hinaus. Es geht mir darum, wie denn gesellschaftliche Veränderungen funktionieren und welche Rolle Bewegungen darin spielen.

Ich will dabei gar nicht großspurig von einer Theorie der Bewegungen sprechen – über so etwas verfüge ich ganz sicherlich nicht. Es geht mir nur darum, die hier im Blog immer wieder einmal fragmentarisch angerissenen Bruchstücke einer solchen Theorie neu zu sortieren, sie begrifflich zu schärfen und das Ganze etwas weiter zu entwickeln. Wobei man sich eine solche Theorie besser als eine Leitidee vorstellen sollte denn als fixes Gedankengebäude.

Ganz sicher geht es mir nicht darum, eine Theorie zu entwickeln, wie man Bewegungen „machen“ kann. Bewegungen entstehen aus bestimmten gesellschaftlichen Konstellationen heraus, es gibt keine Techniken oder Rezepte, wie man sie erzeugen kann – darauf wird noch einzugehen sein.

Genausowenig erhält man eine solche Theorie, wenn man sich einfach verschiedene Bewegungen anschaut, daraus Gemeinsamkeiten abstrahiert und diese Abstraktionen dann als eine Bewegungs-Theorie verkauft. Das ist es, was die sogenannte „Neue Soziale Bewegungs-Forschung“ macht. Da werden dann Phasen identifiziert, Typologien aufgestellt, Ordnungsschemata erfunden. Doch deren „Anwendung“ auf den realen Verlauf von Bewegungen führt zu nichts anderem als leeren Tautologien. Das, was man zunächst per Abstraktion aus den Bewegungen herausgezogen hat, findet man dann, wenn man dieses Raster auf eine Bewegung „anwendet“, dort tatsächlich wieder: Was für eine Überraschung.

Mir geht es weder um eine politische Theorie, aus der sich Handlungsstrategien ableiten lassen, noch um einen bewegungstheoretischen Positivismus, der vor allem klassifikatorischen Zwecken dient. Wenn es nicht ein wenig hochtrabend klänge, dann würde ich meine Herangehensweise am ehesten als eine philosophische beschreiben. Mir geht es um die Frage: Was ist eine Bewegung? – mit starker Betonung auf dem „ist“. Oder etwas verschwurbelter ausgedrückt: Was ist das Sein einer solchen Bewegung?

Allein schon durch diese Art und Weise, die Frage zu stellen, beginnt sich die Spreu vom Weizen zu trennen. Wenn unterstellt wird, daß Bewegungen eine spezifische gesellschaftliche Seinsweise zukommt, erweist sich, daß vieles, was als „Bewegung“ gehandelt wird, eben keine Bewegung ist. Wenn Bürgerinitiativen als wesentlicher Bestandteil der sogenannten Neuen Sozialen Bewegungen beschrieben werden, dann greift das ganz offensichtlich zu kurz. Bürgerinitiativen haben per se erst einmal nichts mit Bewegungen zu tun. Bürgerinitiativen schließen sich zusammen, um bestimmte, meist recht klar bestimmte Ziele zu erreichen. Ob das nun der Bau einer Umgehungsstraße ist oder die Verhinderung eines Atomkraftwerkes – es handelt sich um ein konkretes Ziel, das man dadurch zu erreichen hofft, daß Druck auf die dafür zuständigen politischen Institutionen ausgeübt wird. Mit diesen ihren Anliegen sind Bürgerinitativen ein ganz normaler Teil des bestehenden demokratischen Prozesses.

Daran ändert sich auch nicht prinzipiell etwas, wenn derartige Initiativen zu Protestformen greifen, die die Grenzen des Legalen überschreiten. Bewußter Rechtsbruch gehört unter dem Namen des „zivilen Ungehorsams“ durchaus zu den üblichen Strategien, mittels derer politischer Druck aufgebaut wird, um das Anliegen der Initiative gegenüber den etablierten gesellschaftlichen Institutionen durchzusetzen. Derartige Aktionen stellen die bestehenden Machtstrukturen nicht prinzipiell in Frage. Es geht ja nicht einfach darum, mit illegalen Mitteln zu kämpfen. Ziviler Ungehorsam beruht darauf, daß die gesellschaftlichen Sanktionen für den Rechtsbruch nicht nur akzeptiert, sondern ausdrücklich gesucht werden. Wer sich während eines Castortransportes an die Bahngleise kettet, tut dies nicht heimlich und im Verborgenen, sondern mit dem vollen Bewußtsein, dafür möglicherweise bestraft zu werden. Denn gerade dadurch werden die gegnerischen Institutionen unter Druck gesetzt. Diese werden dazu gezwungen, Strafen auszusprechen, die, so hoffen die Aktivisten, in der Öffentlichkeit als unverhältnismäßig angesehen werden, was wiederum zu einer Stärkung der eigenen Position innerhalb dieser Öffentlichkeit führen soll. Genau dieses Kalkül lag ja auch der Kampagne im Stern zugrunde, als sich die Frauen selbst einer Straftat, nämlich der Abtreibung bezichtigten. Hätten die Staatsanwaltschaften wirklich reagiert und ihre Ermittlungsverfahren in reale Anklagen münden lassen, wäre ein Aufschrei der Empörung durch das Land gegangen, der die Position der Abtreibungsbefürworterinnen gestärkt hätte.

Dennoch: All’ dies spielt sich völlig im Rahmen des in einer parlamentarischen Demokratie nicht nur Zulässigen, sondern tatsächlich Begrüßten ab. Schließlich sollen die Gesetze und Verwaltungsvorschriften nicht starr sein, sondern sich, vermittels eines öffentlichen Diskurses, veränderten gesellschaftlichen Gegebenheiten anpassen. Insofern sind Bürgerinitativen einfach Teil des ganz normalen gesellschaftlichen Prozesses innerhalb einer parlamentarischen Demokratie, selbst wenn in Form des „zivilen Ungehorsams“ gewisse juristische Grenzen überschritten werden.

Oder beinahe: Im Gegensatz zur normalen Aufklärung durch Flugblätter, Demonstrationen, Versammlungen etc. beinhaltet der zivile Ungehorsam ein Moment, das über dessen reine Funktionalität hinausreicht. Es wird nämlich nicht nur über die Unverhältnismäßigkeit, die in den bestehenden Rechtsvorschriften steckt, aufgeklärt. Die Art und Weise, wie diese Aufklärung betrieben wird, unterscheidet sich grundlegend von anderen Weisen der Aufklärung. Es wird nämlich auf ein wichtiges und ziemlich archaisches Symbol zurückgegriffen: Das Symbol des Märtyrers. Indem man die Regeln öffentlich bricht und die Sanktionen dafür auf sich nimmt, macht man sich zum Märtyrer. Und in diesem Symbol steckt ein kleines Quentchen Transzendenz, das über den bloßen status quo hinausreicht. Doch dies nur als Vorgriff. Die Bedeutung derartiger Symbole für echte Bewegungen wird noch zu thematisieren sein.

Dieses kleine Stück Transzendenz, das im Symbol des Märtyrers enthalten ist, kann uns jedoch auf die richtige Spur bringen, was denn eine wirkliche Bewegung von nur scheinbaren Bewegungen unterscheidet. Es ist dies, daß die Bewegung in ihrem Verlauf weit über ihren ursprünglichen Anlaß hinausreicht, eine Dynamik entwickelt, die keinem im voraus gefaßten Plan entspricht. Nehmen wir wieder unser aktuelles Beispiel, die Frauenbewegung, die im Anschluß an die Stern-Aktion entstand. Sicher, das zunächst formulierte Ziel war erst einmal, den Paragraphen 218 zu Fall zu bringen. Doch dieses Ziel selbst verlor ganz schnell den einfachen Status einer konkreten legislativen Angelegenheit. Der § 218 wurde selbst zu einem Symbol: Zum Symbol für die männliche Verfügungsgewalt über die weiblichen Körper.

Die Frauenaktion 70, die die erste Kampagne gegen Abtreibung initiiert hatte, war eine klassische Bürgerinitiative gewesen. Sie hatte ein konkretes Ziel und versuchte dieses Ziel im Rahmen der bestehenden Institutionen zu erreichen. Die Aktion 218 hingegen, die nach der Stern-Aktion als loser bundesweiter Verband unzähliger Frauengruppen in vielen Städten der Bundesrepublik entstand, wurde zu einem Kristallisationskern, aus dem dann eine Vielzahl unterschiedlichster Initiativen hervorging wie Frauengesundheitsgruppen, Frauenzentren, Lesbengruppen, Frauenbands, Frauenzeitschriften, -verlage und -buchläden…

Eine Bewegung ist ohne einen gewissen utopischen Horizont nicht denkbar. Sie will weit mehr, als im ursprünglichen Anlaß gelegen hatte, sie zielt auf ein grundsätzlich Anderes und Neues, das in der Regel gar nicht wirklich benennbar ist, das mehr einer Sehnsucht als einem Plan entspringt. Und bevor die geneigte Leserin sich allzu euphorisch mit diesen Bewegungen identifiziert: Das gilt nicht nur für sympathische, fortschrittliche Bewegungen, sondern auch für faschistische oder – aktuell – islamistische Bewegungen. Ihre Seinsweise, um erneut die philosophische Terminologie zu bemühen, ist aufgespannt zwischen einer partikularen Kritik des Bestehenden und einem Zukunftshorizont, der die Totalität des Bestehenden überschreitet.

Nächste Woche geht es weiter, wenn wir den Zusammenhang zwischen Bewegung und Ereignis erörtern. Freuen Sie sich bis dahin darauf, daß das Diktum der Agentur Bilwet erläutert werden wird:

„Die Bewegung ist die Erinnerung an das Ereignis“ ([1], S. 175)

Nachweise

[1] Agentur Bilwet, Bewegungslehre, Berlin 1991.

Written by alterbolschewik

7. November 2014 at 18:12

Veröffentlicht in Bewegung, Ereignis

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